25/1999

INHALT

Lesejahr A

Nicht-Herrschaft

von Thomas Staubli

 

Bibel: Der Friedensfürst

Der Lesungstext ist eine messianische Weissagung in der Form eines sogenannten Heroldsrufes. Er richtet sich an die weiblich personifizierte Stadt Jerusalem (vgl. dazu SKZ 47/1997), die in traditioneller Weise als «Tochter Zion», und zusätzlich noch als «Tochter Jerusalem» (nur noch in 2 Kön 19,21; Klgl 2,15; Jes 37,22; Mi 4,8; Zef 3,14) angesprochen wird. Wahrscheinlich soll damit die Einheit von Tempelbezirk und Wohnstadt betont werden, die einst selbstverständlich war, durch die Opposition auf die radikal-theokratische nachexilische Reform der aus dem Exil Zurückgekehrten aber in Frage gestellt war. Der pazifistische Jubelruf fällt zwar äusserlich in seinem unmittelbaren Kontext auf, schliesst aber an ähnliche Aussagen aus den Visionen Sacharjas an, wo ein Herrscher angekündigt wird, der mit gewaltlosen Mitteln regiert (4,6; vgl. 3,8; 6,12). Juda scheint für die Perser ein wichtiger Vorposten nach Ägypten hin gewesen zu sein. Das ferne Land war für die Perser schwierig zu kontrollieren, jedoch eine wichtige Einnahmequelle. Auch die jüdische Militärkolonie von Elephantine (bei Assuan) unterhielt wahrscheinlich enge Kontakte zu den Persern und wurde von der ägyptischen Umgebung als Fremdkörper empfunden. Die judäische Friedensprophetie zielte offenbar darauf ab, die guten Beziehungen zu den Persern und die Privilegien, die daraus mindestens der städtischen Oberschicht Jerusalems erwuchsen, nicht aufs Spiel zu setzen. Um das zu erreichen, konnte an eine lange herrschaftskritische Tradition bei den Propheten angeknüpft werden, in der auch die Verbindung mit dem Esel als Symbol einer friedlichen Herrschaft (vgl. Kasten) bereits vorgenommen wurde, wie die kritische Darstellung des Königsrechts in 1 Sam 8 und die nachfolgende Erzählung von Saul, der auf der Suche der Eselinnen seines Vaters Kisch von Samuel zum König gesalbt wird (1 Sam 9­10), zeigt. Vgl. auch den Spruch über Juda (Gen 49,10ff.) und das Reittier des Königs bei der Salbung am Gihon (1 Kön 1,38). Trotzdem war eine derartige Theologie zur Legitimierung eines Königs eine unerhörte Leistung, wenn man bedenkt, dass neue Machthaber und speziell die Begründer einer neuen Dynastie oder Ära ihre Herrschaft im Alten Orient in erster Linie durch militärische Siege rechtfertigten.
Der Messias JHWHs wird durch vier Eigenschaften charakterisiert. Die beiden ersten knüpfen an ein weit verbreitetes Königsimage an, die beiden letzten betonen seine Andersheit: 1. «rechtmässig» (zaddiq; gerecht): Wie andernorts in der Levante ist mit diesem Wort die Legitimität des neuen Königs, also im Falle Judas seine bezeugte Abkunft aus dem Hause Davids, gemeint. Es wird daher auch gerne mit dem Ausdruck «Spross» kombiniert (vgl. Jer 23,5; 33,15). 2. «gerettet» (nosch'a; EÜ [er] hilft): Betont der erste Ausdruck die irdische Legitimität, so der zweite die göttliche. Der neue König untersteht dem besonderen Schutz Gottes. 3. «arm/demütig» ('ani; vgl. SKZ 33­34/1998): Er ist einer aus dem Volk ohne Privilegien. Er ist ein Diener Gottes, der der eigentliche Regent ist. Das Attribut rückt ihn in die Nähe des Gottesknechtes bei Deuterojesaja. 4. «auf einem Esel reitend, einem Jungesel, dem Füllen einer Eselin»: Die Aussage wird durch die Schlussstelle in der Aufzählung und durch zwei Appositionen, die die reine Herkunft des Reittiers betonen, besonders unterstrichen. Der folgende Vers (9,10) ist die Kehrseite der Medaille. Gott selber sorgt dafür, dass das Kriegsgerät aus der Gegend verschwindet (vgl. Ps 76), wobei das Verschwinden der Rosse effektvoll mit dem Reiten auf dem Esel kontrastiert. Die schalom-Herrschaft wird mit einer Formel, die sich wortgleich in Ps 72,8 findet auf einen idealen Herrschaftsraum übertragen, der sich einer exakten geographischen Verortung entzieht.

Kirche: Synagogentier versus Lasttier Gottes

Alle vier Evangelien überliefern, dass Jesus auf einem Esel in Jerusalem eingezogen ist. Matthäus und Johannes zitieren dazu die Stelle bei Sacharja (Mt 21,5; Joh 12,15). Diese Art des messianischen Triumphes liess sich offenbar problemlos mit dem Image des armen Mannes von Nazareth verbinden. Die meisten Kirchenväter haben allerdings die subversive Dialektik dieses Einzugs in der Heiligen Stadt nicht verstanden, wenn sie den Esel vor allem als Symbol der Luxuria und der Trägheit auslegen oder sogar, der römischen Geschichtsschreibung folgend, ihn für antisemitische Äusserungen missbrauchen: «ascensores asinarum populus Israel dicitur» (Rupert von Deutz) oder «animal synagogae, asinus stultus et lacus» (Hortus deliciarum). Damit bestätigen sie die Wahrheit des vom Lektionar ausgewählten Evangelientextes, den Jubelruf Jesu (Mt 11,25­30), wonach den Weisen und Klugen Einsicht versagt bleibt, auf traurige Weise. Augustinus hingegen gibt ihm den Ehrentitel «Lasttier Gottes» und Ambrosius mahnt: «Lerne vom Haustier Gottes, Christus zu tragen!»

Welt: Drahtesel versus Stahlrosse

Der Verkehr, so heisst es zu Recht, ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die Fahrradfahrer/-fahrerinnen darin sind so etwas wie die messianischen Ritter der Strasse. Vorboten oder Reminiszenzen einer friedlichen und lebensfreundlichen Form der Mobilität, der heute so viele menschenverachtende Opfer dargebracht werden.


Esel (hebr. chamor)

Der Hausesel ist für Ägypten, Syrien und Palästina schon für das 4. Jahrtausend v. Chr. bezeugt und damit eines der ältesten Haustiere. Als Lasttier par exellence war er eine entscheidende Grundlage für die entstehenden Hochkulturen mit ihren Stadtstaaten und riesigen Wirtschaftsbetrieben (z.B. Tempeln), denn diese Zentren waren auf Handel angewiesen. Nicht ganz ohne Mitgefühl erinnert Ijob 39,7 an das Schicksal des schwer beladenen, mit Geschrei angetriebenen Esels, dessen Dienst als Frondienst angesehen wurde (Gen 49,14f.). Anders als in Ägypten, wo längere Distanzen auch im Boot zurückgelegt wurden, hat man den trittsicheren Esel in Asien gerne auch als Reittier verwendet, wobei sich solchen Luxus gewöhnlich nur die Vornehmen leisten konnten. Die Notablen Israels reiten in der Frühzeit Israels auf Eseln (Ri 5,10), begleitet von zwei Knechten, einem Führer und einem Treiber, wie es das ägyptische Relief eines Scheichs im Sinai zeigt. Ähnliches wird von Abraham auf dem Weg nach Moria (Gen 22,3) von der Frau von Schunem auf dem Weg zu Elischa (2 Kön 4,24), von Abigail auf dem Weg zu David (1 Sam 25,42) und von Bileam auf dem Weg zu Balak (Num 22,22­33) berichtet. Als Letzterem ein Engel JHWHs in den Weg tritt, versucht die Eselin ihm dreimal auszuweichen. Wutentbrannt über ihr ungewohnt störrisches Verhalten schlägt Bileam auf sie ein. Da beginnt sie zu reden, und Bileam sieht den Boten Gottes. Die Eselin ist damit das einzige sprechende Tier der Bibel. Im Gegensatz zum leicht dressier- und manipulierbaren Pferd ist der sensible und scheue Esel kriegsuntauglich. Diese Besonderheit ­ die andere störrisch nennen ­ hat ihm in Israel offenbar den Ruf eingebracht, gottesfürchtig zu sein, was von den Grossen immer wieder mit Spott quittiert wurde. Der römische Historiker Tacitus überliefert einen antisemitischen Exodus-Mythos, wonach die Juden einen Esel als Gott verehren. Auf dem römischen Palatin fand sich das Graffito eines gekreuzigten Esels der von einem Christen angebetet wird. Die Kleinen und die Bibelleser/-leserinnen aber wissen, dass Gott Esel mehr liebt als Rosse.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999