22/1999 | |
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Lesejahr A |
Mit der vorliegenden Sonntagslesung sind wir in der Mitte der Tora angekommen,
am Berg in der Wüste Sinai. Welcher Berg damit gemeint ist, ist bis
heute ungeklärt. Schon die Bibel kennt für ihn zwei Namen: Sinai
(z.B. Ex 16,1) und Horeb (z.B. Ex 17,6). Die deuteronomische Tradition spricht
dann nur noch vom «Berg». Noch unsicherer ist seine geographische
Verortung, was zu mancherlei unfruchtbarer Spekulation Anlass gegeben hat.
Während sich das Judentum gehütet hat, den heiligen Ort in den
Landschaft festzunageln, hat die christliche Pilgertradition den Sinai auf
dem Gebel Musa im Zentralsinai gefunden.
Jakob war mit siebzig Seelen nach Ägypten (Gen 46,27) gekommen. An
die Erwählung dieser Schar will der Ausdruck «Haus Jakobs»
hier erinnern. Gott gibt, bevor er fordert. Seinen Gesetzen ging die Errettung
seines Volkes aus Ägypten voraus. Dieser Akt göttlicher Barmherzigkeit
wird mit dem schönen Bild der Geierflügel unterstrichen. Bilder
für Gott sind in der Tora im Vergleich zu den Psalmen eher selten.
Wenige Verse später (19,18) wird Gott mit einem rauchenden Ofen verglichen
(vgl. SKZ 9/1998), hier aber mit einem Geier, der sein Volk auf Flügeln
trägt (vgl. Kasten). Das intensive Bild soll Gottes Erlösungstat
in Erinnerung rufen und die Menschenherzen dazu bereit machen, auf Gott
zu hören. Dieses Hören umfasst zwei Aspekte: 1. Die grundsätzliche
Bereitschaft, ihm zu folgen und zu gehorchen (auf seine Stimme hören).
2. Die Bemühung, seine einzelnen Satzungen und Weisungen zu beachten
(seinen Bund wahren). Es macht Israel zum ganz besonderen Eigentum (sögolah)
Gottes, zu einem Schatz, wie ihn nur Könige besitzen (vgl. Koh 2,8;
1 Chr 29,3). Dabei wählt JHWH bloss ein besonderes Kleinod aus seinem
unermesslichen Besitz aus, denn er ist der Eigentümer der ganzen Erde.
Diese Auserwählung zeigt sich nun darin, dass das Volk Israel die priesterlichen
Dienste am Hofe des Königs der Welt übernimmt, während die
übrigen Völker zum gemeinen Volk gehören. Als Hofpersonal
Gottes muss sich Israel heiligen, denn es dient dem Heiligen. Damit nimmt
es eine vermittelnde Aufgabe zwischen Gott und den Völkern ein. Eine
Privilegierung Israels wird daraus zumindest an dieser Stelle
nicht abgeleitet. Vielmehr wird ein innerliches und inniges Verhältnis
zwischen Gott und seinem Dienstpersonal zum Ausdruck gebracht, dessen Kult
darin bestehen soll, Gottes Willen zu respektieren: Dein Wille geschehe
Pathos und Bedeutung dieses Angelpunktes zwischen Exodus und Sinai wird
durch eine feierliche Schlussformel unterstrichen. Wiederum sollte christlicher
Betrachtung bewusst sein: Wie die Beanspruchung des Segens JHWHs so kann
auch das Übernehmen seiner priesterlichen Dienste nicht gegen, sondern
nur mit und im Gefolge Israels erfolgen (vgl. SKZ 7/1999). Die Ausdehnung
des Priestertums JHWHs auf Christinnen und Christen verpflichtet auch uns,
seine Weisungen wenngleich mit Erleichterungen zu erfüllen,
auf dass die ganze Erde zu einem Tempel Gottes werde.
Obwohl das Motiv der Geierflügel in Israels Umwelt eng mit Göttinnenvorstellungen verbunden war, hat man sich nicht gescheut, das Bild auf JHWH zu übertragen und damit seine mütterliche Funktion zu unterstreichen. Der kreative, integrierende Umgang mit Gottesbildern im Alten Israel könnte ein Modell für heutiges Theologisieren sein. Auch Jesus knüpft in dieser Weise originell an die Tradition an, wenn er sich und seine Sendung mit einer Vogelmutter vergleicht, die ihre Kücken unter die Fittiche nehmen will (Mt 23,37; Lk 13,34). Dass mit dem Bild im Alten Orient nicht nur Schutz und Geborgenheit, sondern viel mehr noch Stärkung und Neugeborenwerden verbunden wurde (vgl. Jes 66,13f.!; SKZ 26/1998), könnte uns darüber hinaus dazu anregen, eigene und/oder kirchliche Mutter- und Gottesbildkonstrukte zu hinterfragen bzw. zu erweitern.
Literaturhinweis: Silvia Schroer, «Im Schatten deiner Flügel.» Religionsgeschichtliche und feministische Blicke auf die Metaphorik der Flügel Gottes in den Psalmen, in Ex 19,4; Dtn 32,11 und in Mal 3,20: R. Kessler u.a. (Hrsg.), «Ihr Völker alle, klatscht in die Hände!» (FS E. S. Gerstenberger), Münster 1997, 296316.
Bis heute werden in den deutschen Bibelübersetzungen fast alle Stellen, wo vom Geier, genauer vom Gänsegeier, die Rede ist, mit «Adler» übersetzt. Schon die Septuaginta hat das entsprechende Hebräische Wort (näschär) mit «Adler» (aetos) wiedergegeben, wurde doch im Abendland dieses Tier, das auf ptolemäischen Münzen als Herrschaftssymbol auftaucht, bewundert, der aasfressende Geier aber verachtet. Das war im Alten Orient und in Ägypten aber nicht der Fall, im Gegenteil. Die Geiersymbolik war dort eng mit der Göttin verknüpft. Deshalb war es etwa für die Hetiter tröstlich, dass die Toten, die den Geiern ausgesetzt wurden, vom Tier der Göttin verschlungen wurden, wie es im Iran, in Indien und Nepal bis in die jüngste Zeit üblich war. In der Bildwelt Ägyptens waren Geier fast allgegenwärtig: Als Haube der Muttergöttin Mut, als Repräsentanten Nechbets, der Schutzgöttin Oberägyptens, als Schutzgottheiten des Pharao und anderer vornehmer Leute auf Tempelwänden, Sarkophagen und Pektoralen, aber auch auf Amuletten der kleinen Leute, die damit die besonders gefährdeten Schwangeren, Wöchnerinnen und Kleinkinder dem göttlichen Schutz anheimbefahlen. Siegelamulette, auf welchen die Göttin unter dem Aspekt des Geiers dargestellt wird, wurden auch in Palästina gefunden (vgl. Bilder). «Während der Löwe die wilden Aspekte der Göttin betont, betont der Geier ihre mütterlich-regenerierenden Kräfte» (Silvia Schroer; vgl. Lit.). So darf es nicht erstaunen, dass auch in biblischen Texten Geier immer wieder als Schutz- (Ps 17,8; 36,8; 57,2; 61,5; 63,8; 91,4) und Regenerationssymbole (z.B. Ps 103,5; Jes 40,30f.) auftauchen. Darüber allerdings, ob die Geier tatsächlich, wie es Ex 19,4 voraussetzt, die Jungen auf ihren Flügeln tragen, gehen die Meinungen auseinander. Dessen ungeachtet hat das Bild der tragenden oder bergenden Flügel bis heute nichts von seiner Suggestivkraft verloren, wie die «Flügel des Adlers» im Kirchenlied (vgl. KG 524; RG 242) zeigen. «Sich unter den Flügeln der Schechina (göttliche Gegenwart) bergen» ist im Judentum sogar zum Fachausdruck für den Übertritt der Proselyten zum mosaischen Glauben geworden (vgl. schon Rut 2,12), die durch die Konversion quasi neu geboren werden.