19/1999

INHALT

Lesejahr A

Fest der Mitte

von Thomas Staubli

Hochfest von Pfingsten: Lev 23,1-38 (Vorschlag)

Bibel: Der priesterliche Festkalender
Der im Buch Levitikus aufgezeichnete Festkalender schafft einen zeitlichen Kosmos. Er baut die älteren Festkalender (vgl. Kasten) auf sieben Feste aus:

A Einleitung (23,1f.)
B 1. Sabbat (23,3)
C 2. Pessach- und Mazzenfest (23,4&endash;8)
D 3. Garbenfest (23,9&endash;14)
X 4. «Siebnerfest» und Totalerntetabu (23,13&endash;22)
D' 5. Neujahrsfest (23,23&endash;25)
C' 6. Versöhnungsfest (23,26&endash;32)
B' 7. Hüttenfest (23,33&endash;36)
A' Schluss (23,37&endash;38)

Die Einleitung betont, dass Feste, wie es das deutsche Wort sagt, festgelegte Zeiten sind. Der Gedanke wird am Schluss mit der Aufforderung zur Heiligung wiederholt (A/A'). Der Sabbat, eigentlich ein Wochenfest und kein Jahresfest, bildet den programmatischen Anfang, denn er ist der siebte, von JHWH geheiligte Tag und auf der Siebenzahl baut der ganze priesterliche Kalender auf. Gemeinsam mit dem das Erntejahr krönenden Laubhüttenfest bildet er den fröhlichen Rahmen des Kalenders (B/B'). Das Pessachfest wird mit dem ursprünglich davon unabhängigen Mazzenfest verbunden und eng mit dem Exodus verzahnt (vgl. SKZ 14/1998). Der ihm gegenübergestellte Versöhnungstag (jom ha-kippurim; vgl. Lev 16) wird als neues Fest besonders stark geschützt (C/C'). Er wird wie der Sabbat als absoluter Ruhetag (schabbat schabbaton) bezeichnet. Wer ihn nicht befolgt wird der Ausmerzung durch Gott (karet) anheimgestellt. Indem die Darbringung der ersten Gerstengarbe als eigenes Fest betrachtet wird und das babylonisch inspirierte Neujahrsfest Eingang in den Festkalender findet, wird die angestrebte Siebenzahl erreicht (D/D'). Die Mitte des Kalenders (X) bildet das «Siebnerfest» (schawuot). Vom Tag nach dem Garbenfest werden sieben Siebte/Sabbate gezählt. Von daher auch der Name «Wochenfest». Am Tag nach dem siebten Sabbat, also am fünfzigsten Tag, wird das Fest begangen. In der Septuaginta heisst es deshalb «(Fest des) fünfzigsten Tages», hä pentäkostä, woraus (ital.) pentecoste, (frz.) pentecôte und Pfingsten abgeleitet sind. Es handelt sich um das alte Fest der Weizenernte (vgl. Ex 23,16a; Dtn 16,9&endash;12), weshalb zwei gesäuerte Brote aus der frischen Ernte dargebracht werden. Durch die Quadrierung der Siebenzahl wird es als Mitte des Festkalenders besonders hervorgehoben. Aber auch bezüglich der Opfer sticht das Fest hervor. Nebst umfangreichen Brand-, Speise- und Trankopfern, die als Feueropfer dargebracht werden, muss sogar ein Sündopfer geleistet werden. Der Grund dafür ist unklar. Vielleicht soll sichergestellt werden, dass an diesem höchsten Fest alle unbeabsichtigten Verunreinigungen getilgt sind und das Heiligtum rein. An dieser bedeutenden Stelle wird das Verbot, ein Feld bis zum Rand abzuernten, wiederholt. Dieses zunächst aus Furcht vor Feldgeistern beachtete Tabu wurde in Israel mit sozialen Argumenten begründet (vgl. Lev 19,9f.; Dtn 24,19&endash;22). Es wurde bis zum Aufkommen von Erntemaschinen und Sozialversicherungen auch im christlichen Europa beachtet.

Synagoge/Kirche: Das zentrale Ereignis
Das Judentum hat das zentrale Fest mit der Gabe der Tora am Sinai verbunden, als das Echo der göttlichen Stimme sich &endash; mündlicher Überlieferung zufolge &endash; in Feuer verwandelte und in siebzig Sprachen vernommen werden konnte. Lukas hat diese Motive in seinem Pfingstbericht auf die Jünger(innen)gemeinde übertragen. Dieser steht in der Mitte seines Doppelwerkes (Lk; Apg). In den Darstellungen der Trinität nimmt der an Pfingsten ausgegossene Geist die Mittelstellung zwischen Vater und Sohn ein. Im grossen mittelalterlichen Bildprogramm der Fenster der Kathedrale von Chartres bildet das Pfingstfenster die Mitte.

Welt: GFS
Die an Pfingsten 1989 in Basel initiierte ökumenische GFS-Bewegung trifft mitten in die Weltverwicklungen und führte damit die gute pfingstliche Tradition fort, die im zentralen Fest der Tora und des göttlichen Geistes den Himmel mit der Erde zu verknüpfen versucht.


Kalender

Der hebräische Kalender beruht auf zwölf Mondmonaten, doch das Sonnenjahr war bekannt (vgl. die Zahlen in Gen 5,23; 7,11; 8,14; SKZ 18/1999). Da das Mondjahr (354d 8h 48m 36s) kürzer ist als das Sonnenjahr (365d 5h 48m 46,43s), müssen von Zeit zu Zeit Schaltmonate eingefügt werden. Noch im 1. Jh. n. Chr. wurden diese allein aufgrund von Naturbeobachtungen vorgenommen.
Das Jahr beginnt im Herbst, wenn das von der Sommerhitze ausgebrannte Land Palästinas auf den Winterregen wartet, wie schon der älteste erhaltene Kalender Kanaans, der sogenannte Bauernkalender von Gezer (10. Jh. v. Chr.; vgl. Bild) bezeugt: «Zwei Monate des Einbringens (Okt./Nov.); zwei Monate der Saat (Dez./Jan.); ein Monat der Spätsaat (Feb.); ein Monat Flachsschnitt (März); ein Monat Gerstenschnitt (April); ein Monat des Schnittes und Messens (Mai); zwei Monate der Weinlese (Juni/Juli); ein Monat der Sommerfrucht (Aug.)». Der zwölfte Monat, der Festmonat, der ungefähr dem September entspricht, fehlt auf dieser Arbeitsliste. Der älteste in der Bibel erhaltene Kalender (Ex 34,18&endash;6) nennt drei Erntedankfeste (Gerstenernte, Weizenernte, Weinlese) und steht damit noch in der herkömmlichen Tradition der Verbindung von Festkalender und Erntejahr. Doch schon im Bundesbuch, dem ältesten biblischen Rechtskodex, wird das Naturjahr dem viel starreren Siebnerrhythmus der Sabbate, der zum Kennzeichen der JHWH-Frömmigkeit geworden ist, untergeordnet und das Mazzenfest wird mit dem Exodus in Verbindung gebracht (Ex 23,12&endash;17). Der laizistische Kalender des Deuteronomiums (Dtn 16,1&endash;17) macht die alten populären Erntefeste im Rahmen der Kultzentralisation zu Wallfahrtsfesten nach Jerusalem.
Mit dem priesterlichen Festkalender (Lev 23) wird schliesslich ein ganz auf der Zahl Sieben aufgebautes System geschaffen, das in der Lage ist, Feste, die man in Babylon kennen lernte, zu integrieren. Ansätze dazu finden sich schon bei Ezechiel (Ez 45,18&endash;25). In der Opfertarifliste (Num 28f.) wird auch das Neumondfest genannt, mit dem im Judentum bis heute der Mond begrüsst wird. Dieses Fest lässt sich nicht ins Schabbat-Schema einfügen und kann seinen naturbezogenen Charakter nicht verleugnen. Monatsnamen kannte man nicht. Erst im babylonischen Exil hat man die akkadischen Monatsnamen übernommen und das Jahr nach babylonischer Sitte mit dem Monat Nisan, ca. im April, wenn die Hochwasser von Euphrat und Tigris dem Land ihren Segen bringen, beginnen lassen. Priesterliche Kreise in Jerusalem haben sich mit dieser fremdländischen Sitte nicht abgefunden und aus Protest einen strengen Sonnenkalender eingeführt, der sich aber nur bei den Essenern halten konnte.

© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999