18/1999

INHALT

Lesejahr A

Stört die Liebe nicht!

von Thomas Staubli

 

Bibel: Gefährdete und beschützte Liebe

Das kleine Liebesgedicht im Munde der Frau beschreibt eine klassische menschliche Liebesposition und beschwört die Töchter Jerusalems, die Liebe nicht zu stören. Es findet sich nochmals in 8,3­4, nur dass dort die Beschwörung «bei den Gazellen oder den Hirschkühen der Wildnis» fehlt, die dafür nochmals in 3,5 als Beschluss eines Liedes nächtlicher Sehnsucht (3,1­5) auftaucht. Die zweifache Version des Liebesgedichtes verweist auf eine dem Schwur innewohnende Schwierigkeit. Was ist mit den Gazellen und den Hirschkühen der Wildnis gemeint? Wenn im Orient geschworen wird, wird bis heute nicht Gott selber, sondern in ehrfürchtiger Haltung nur ein Teil oder ein Attribut der göttlichen Instanz angerufen. Man schwört beim Barte des Propheten, beim Himmel als Thron Gottes, bei der Erde als Schemel seiner Füsse oder bei Jerusalem als Stadt des grossen Königs (Mt 5,34ff.). In diesem Sinne verweisen die Gazellen und Hirschkühe auf die Sphäre der (Liebes-)Göttin (vgl. Kasten). Schon immer war aufgefallen, dass im ganzen Hld Gott, bzw. JHWH kein einziges Mal genannt wird. Bei genauerer Bibellektüre fällt zudem auf, dass im Hld Dinge unschuldig beim Namen genannt werden, die andernorts scharf kritisiert werden. So wettert Hosea gegen jene, die im Schatten mächtiger Bäume «huren» und Ehe brechen (Hos 4,13f.), während im Hld der Wunsch ausgesprochen wird, unter Zedern und Wacholderbüschen, Hennasträuchern und Granatapfelbäumen die Liebe zu pflegen (1,16f.; 7,12f.). Das Hld preist den stolzen Hals und verführerischen Blick der Frau, während Jesaja dasselbe bei den Töchtern Jerusalems als Hochmut verwirft (Jes 3,16), und was das Hld als Wunschvorstellung schildert, nämlich den Geliebten nachts zu suchen und auf offener Strasse zu küssen (3,1­5; 5,2­8; 8,1), ist für den Weisheitslehrer eine absolute Horrorvorstellung (Spr 7,6­13). Die Abneigung einflussreicher JHWH-frommer Kreise gegen eine freie, unbeschwerte Liebe, wie sie im Hld als eine Art Elementargewalt gefeiert wird, liess die Integration der Lieder unter das Patronat JHWHs nicht zu und drohte eine Zeit lang sogar die Kanonisierung des Hld als Ganzes zu verhindern. So wurde die Liebe (ahavah) einerseits ähnlich wie die Weisheit (chokmah; vgl SKZ 35/1998) als eigenständige Person aufgefasst (bes. 2,4; 8,6), andererseits dem Schutz der verdrängten Göttin, bzw. ihren Platzhalterinnen, den Gazellen und Hirschkühen anempfohlen.

Synagoge/Kirche: JHWHs Konkurrenz

Der Ausweg, der sich dem sexualitäts- und erotikfeindlichen Milieu anbot, das um die Kommentierung des Hld nicht herumkam, war die Spiritualisierung und Allegorisierung seiner Inhalte. Für die vorliegende Hld-Stelle war das für das orthodoxe Judentum schon deshalb nötig, um den Alleinverehrungsanspruch JHWHs zu retten. Die Übersetzung des Verses durch Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzchaq, 1040­1105, wirkte in Troyes), den bedeutendsten Bibelkommentator des Mittelalters, lässt den ursprünglichen Sinn kaum noch erahnen: «Ich beschwöre euch, o Nationen, die ihr nach Jerusalem hinaufzusteigen bestimmt seid: Wenn ihr diese Liebe zu stören wagt, während sie sich noch befriedigt, werdet ihr schutzlos sein wie die Gazellen oder die Hirschkühe der Wildnis.» Demzufolge richtet sich Israel, die Braut, an die Nachbarvölker, die ebenfalls nach Jerusalem hinaufziehen, um Gott zu verehren, warnt sie aber, das innige Verhältnis Israels zu seinem Gott dabei zu stören, da sie sonst aus der Gnade Gottes herausfallen und schutzlos sein werden wie das Wild des Feldes. Mit dem ursprünglichen Sinn des Liebesliedes hat diese Auslegung wenig zu tun, wohl aber viel mit den mittelalterlichen Kreuzfahrern, die nach Jerusalem zogen und unterwegs gegen die Juden wüteten. Ramban (Rabbi Mosche ben Nachman, 1194­1276, wirkte in Gerona), ein anderer bedeutender jüdischer Kommentator, sieht, dem Targum folgend, in den Gazellen (zöba'ot) einen Hinweis auf JHWH zöba'ot, den «Herrn der Heere» (z.B. Jer 10,16; 31,34). Ihm folgten wiederum moderne Ausleger, die auch in den Hirschkühen der Wildnis ('ajölot hassadäh) die Verballhornung eines bekannten göttlichen Titel erkennen wollten und sie auf El Schaddai (vgl. Gen 17,1; 28,3; 35,11 u.a.) auslegten. So geist- und sinnreich all diese Deutungen (vgl. Lit.) sein mögen ­ eine Welt, in der die körperliche Liebe keinen Platz hat, bleibt ein Torso. Das musste auch die christliche Auslegung zugeben, als sie sich gezwungen sah, anstelle der aus der Bibel herausinterpretierten körperlichen Liebe die Venus Voluptas in ihr Weltgebäude einzufliegen.

Welt: Der dunkle Kontinent

Aber nicht nur den Söhnen und Töchtern der Kirche fällt es schwer, die Erotik in einem umfassenden Sinne als Teil einer gesunden menschlichen Kultur zu integrieren. Auch die bis heute den Ton angebende Aufklärung spaltete Sexualität und Erotik als einen gegenüber der Vernunft dunkeln Kontinent ab. Die verdrängten Gefühle der Bourgeoisie verschafften sich in libertinistischen Boudoirs in perverser Form Luft oder flüchteten sich in die Traumwelt, wo sie von den Psychologen wiederentdeckt wurden. Und im gestressten Zeitalter der Technik und Kommunikation? Wir wissen es: Der Handel mit Prostituierten und der Sextourismus blühen wie noch nie und die allgemeine Aggression steigt. Wie dankbar müssen wir da jenen Stimmen sein, die in der Tradition des Hlds die Erinnerung an Zärtlichkeit und Lust wachhalten: «Auf deinen Augen liegen/ Goldene Tauben./ Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,/ Dein Blut rauscht, wie mein Blut/ Süss/ An Himbeersträuchern vorbei (...)» (Else Lasker-Schüler).

 

Literaturhinweis: Chir Hachirim. Le cantique des cantiques (La bible commentée; Artscroll Tanach Series), Paris 1989.


Die Sphäre der Göttin

Zur Sphäre der altorientalischen Liebesgöttin gehörten neben vielen Pflanzen, bes. grossen Bäumen, verschiedene Tiere mit symbolischer Bedeutung. So signalisiert die Taube ihre Liebesbereitschaft (vgl. SKZ 15/1999). Der Skorpion verweist gleichermassen auf Fruchtbarkeit und Gefährlichkeit. Der Löwe steht für ihre aggressiven, erschreckenden und unzugänglichen Aspekte. Die Schlange ist ein vielfältiges Symbol (vgl. SKZ 6/1999), das u.a. auf die Regenerationskraft der Göttin verweist. Die Gazellen, Hirschkühe, Wildziegen und Steinböcke stehen schliesslich für die der Wildnis innewohnenden Lebenskräfte, die der Göttin heilig waren und von ihr beschützt wurden. Da das freie Feld der klassische Ort der Liebe im Alten Israel war, ist es naheliegend, dass die Göttin im Hld unter Gestalt dieser Tiere angerufen wird. Löwe, Schlangen und Gazellen oder Steinböcke finden sich zusammen mit einer nackten Göttin auf einem Goldanhänger (um 1350 v. Chr.), der im Hafen der Stadt Ugarit gefunden wurde. Mit zunehmender patriarchaler Überformung des Kultes in Israel, wurde es obsolet, von der Göttin zu sprechen, die nur noch in ihren Attributen, bes. im Baum (Aschera), ein gewisses Nachleben erfuhr.


Wissenschaft und Gottesnähe

von Thomas Staubli

 

Bibel: Henoch

Die älteste Form der Wissenschaft ist die Listenwissenschaft, eine Art Auslegeordnung der bekannten Welt. Könige rühmten sich, über dieses universale Wissen zu verfügen. Von Salomo wird überliefert, dass sein enzyklopädisches Wissen das aller anderen Weisen bei weitem übertraf (1 Kön 5,9­14). Wissen dieser Art floss, besonders in Gestalt von Stammbäumen (toledot), auch in die Tora ein. In Form von Verwandtschaftsbeziehungen wurde beispielsweise die soziale Differenzierung der Menschwelt erfasst (Gen 4,17­24), das Verhältnis Israels zu anderen Völkern ausgedrückt (Gen 25,12­18), und die Geographie ins Medium der Sprache übersetzt (Gen 10). Die Stammbäume sind eine memotechnische Hilfe zur Erfassung des vorhandenen Wissens und das «urwissenschaftliche» Gerüst, in das der kulturelle Schatz der erzählerischen Stoffe eingebaut wurde.
Die Notiz zu Henoch im Stammbaum Sets, des dritten Sohnes Adams und Evas, weist mehrere Besonderheiten auf: 1. Der Name Henoch («der Eingeweihte») kommt wie andere Namen des Set-Stammbaumes bereits im Stammbaum Kains vor, wo vermerkt wird, dass nach ihm die erste Stadt benannt worden ist (Gen 4,17). Wahrscheinlich liegen zwei Entfaltungen derselben Namenskette vor. 2. Von Henoch wird zwei Mal gesagt, dass er seinen Weg mit (ät) Gott ging. Was bedeutet das? Gleiches wird von Noach gesagt (Gen 6,9), wo es präzisierend heisst: «Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen.» In ähnlichem Sinn formuliert ein akkadisches Omen: «Wenn er die Sünde verwirft, wird sein Gott mit ihm gehen.» Von späteren Gerechten heisst es nur noch, dass sie vor (lifne) Gott wandelten (vgl. Gen 17,1). Mit diesem Gehen/Wandeln (halach) ist der Habitus des ganzen Menschen gemeint, auf den sich später die Auslegung des Gesetzes, die Halachah, bezieht. 3. Noch ungewöhnlicher ist die zweite Wendung, die innerhalb des starren Stammbaumschemas unsere Aufmerksamkeit weckt: «Und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn aufgenommen» (Gen 5,24). Offensichtlich starb Henoch nicht wie die anderen Urahnen Israels, sondern verschwand auf rätselhafte Weise (vgl. Ps 37,36; Jer 50,20; Ez 26,21). Die theologische Erklärung dafür greift in zurückhaltender Weise auf vorgefundene Muster zurück (vgl. Kasten). 4. Die Sonderstellung Henochs wird ferner wie in mesopotamischen Listen durch den siebten Platz innerhalb der Ahnenreihe hervorgehoben. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit. 5. Schliesslich fällt auch die Zahl von Henochs Lebensjahren auf. Zwar lebte er weniger lang auf Erden als die anderen Väter, weil er ja vorzeitig von Gott zu sich genommen wurde, dafür entspricht sein Lebensalter den Tagen im Sonnenjahr. Nun folgt zwar das jüdische Jahr dem Mondkalender, doch das Sonnenjahr war nicht unbekannt und wurde in essenischen Kreisen sogar zum verbindlichen Kalender erklärt. Im frühessenischen Jubiläenbuch heisst es denn auch von Henoch (Jub 36,17): «Dieser ist von den erdgeborenen Menschenkindern der erste, der Schrift, Wissenschaft und Weisheit lernte und die Himmelszeichen nach der Ordnung ihrer Monate in ein Buch schrieb, damit die Menschenkinder die Jahreszeiten nach der Ordnung ihrer einzelnen Monate wüssten...»

Synagoge/Kirche: Symbol des Wissens und der Umkehr

Als Ahnvater der Wissenschaft wurde Henoch wohl auch von Jesus Sirach aufgefasst, wenn er ihn als «Symbol des Wissens» ('ot da'at) tituliert (Sir 44,16; vgl. 49,14). Unter dem Pseudonym des Entrückten ist denn auch eine Fülle spekulativer Literatur über Engel, Gestirne, kalendarische und soziale Fragen usw. überliefert, die in der jüdischen Mystik und der Esoterik weiterwirkt. In der griechischen Übersetzung der Sirachstelle steht allerdings «Vorbild der Umkehr» (hypodeigma metanoias). Damit folgt sie einer Auslegungstradition, die sich auch bei Philo und Clemens von Alexandrien wiederfindet. Dass, wer viel weiss, auch nahe bei Gott ist, konnte man sich in der zänkischen griechischen Gelehrtenwelt offenbar nicht mehr vorstellen. Ebenfalls aus Alexandria stammt das Buch der Weisheit Salomos (vgl. SKZ 31­32/1998). Ob sich die darin enthaltenen Ausführungen über den vorzeitigen Tod des Gerechten (Weis 4,7­20) auf Henoch beziehen, bleibt allerdings wegen der Eigenart der Schrift, die jegliche Nennung von Gestalten der hebräischen Literatur unterlässt, ungewiss. Die darin dargelegte Meinung findet sich schon bei Menander (4. Jh. v. Chr.) in aller Kürze: «Wen die Götter lieben, der stirbt jung.»

Welt: Faust oder Majorana?

Prototyp des modernen Wissenschaftlers ist nicht der Gottesliebling Henoch, sondern Faust, der zu einem Pakt mit dem Teufel bereit ist und der Gretchenfrage nach der Religion nicht standhält. Eine moderne Henochgeschichte überliefert hingegen der sizilianische Autor Leonardo Sciascia in «Der Fall Majorana». Der geniale Physiker Majorana aus der Forschergruppe um Fermi weiss, wie man die Atombombe bauen könnte. Um sein Wissen nicht gewissenlosen Militärs preisgeben zu müssen, zieht er es vor, in der Anonymität (eines Klosters?) unterzutauchen.

 

Literaturhinweis: Armin Schmitt, Entrückung ­ Aufnahme ­ Himmelfahrt. Untersuchungen zu einem Vorstellungsbereich im Alten Testament (Forschung zur Bibel 10), Stuttgart/Würzburg 1973.


Entrückung

In Ägypten ist die Entrückungsvorstellung eng mit dem Königtum verbunden. Der verstorbene Pharao fliegt als Falke in den Himmel und wird fortan als Gott verehrt. Eine Apotheose des Königs ist im königsskeptischen Juda (vgl. Dtn 17,14­20; Ri 9,1­21; 1Sam 8; 15) unvorstellbar. Hingegen bestehen Ähnlichkeiten mit mesopotamischen Entrückungsvorstellungen, wo das Privileg der Begegnung mit den Göttern, die im Himmel wohnen, verschiedenen Berühmtheiten grauer Vorzeit nachgesagt wurde (vgl. Lit.). Da sind Utnapischtim und seine Frau, die frommen Helden der mesopotamischen Sintfluterzählung, die vom Schöpfergott Enlil unter die Götter versetzt werden: «ÐEin Menschenkind war zuvor Utnapischtim;/ uns Göttern gleiche fortan Utnapischtim und sein Weib!/ Wohnen soll Utnapischtim/ fern an der Ströme Mündung!ð Da nahmen sie mich und liessen mich fern an der Ströme Mündung wohnen.» Da ist der Priester Adapa, dem im Himmel das Brot und das Wasser des Lebens angeboten werden. Er nimmt dieses Privileg jedoch nicht an und wird auf die Erde zurückversetzt. Da ist der Hirte Etana. Mit einem Adler fliegt er in den Himmel hinauf, um beim Sonnengott Schamasch das Kraut des Gebärens zu holen. In einer späten Königsliste heisst es: «Etana, ein Hirt, der zum Himmel emporstieg und alle Länder festigte, war König und regierte 1500 Jahre.» Und da ist der vorsintflutliche König Enmeduranki, der Liebling der Götter, der in den (fiktiven) Königslisten jeweils an siebter (!) Stelle genannt wird. Ihm wurde das Geheimnis von Himmel und Erde anvertraut. Er gilt als Begründer des Orakel-Priestertums. Allen Entrückungserzählungen ist gemein, dass sie sich nicht zwanglos in eine Biographie des zeitlichen Nacheinanders historischer Ereignisse einfügen lassen. Vielmehr heben sie, altorientalischer Logik entsprechend, einen qualitätvollen Aspekt der Persönlichkeit durch das erzählerische Motiv der Entrückung hervor.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999