17/1999 | |
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Lesejahr A |
Fast alle Liebeslieder des Hld, gleich ob Wunsch- oder Beschreibungslied,
Beschwörung oder Suchlied usw., sind Ausdruck der Sehnsucht nach erfüllter
Liebe. Sie leben vom süssen Schmerz des Verlangens und davon, dass
das Abwesende in der Vorstellung und damit auch in der Poesie umso stärker
präsent ist. Diese vielschichtige, lust- und verhängnisvolle Dialektik
von Gegenwärtigkeit und Abwesenheit wird im Gedicht der Lesung auf
die Spitze getrieben in einem Kurzdrama «der schmerzlich erlebten
Phasenverschiebung der Gefühle: Wenn er will, will sie nicht; wenn
sie will, will er nicht (mehr)» (Othmar Keel).
Der erste Satz des Gedichtes bringt das Thema der Liebeszwickmühle
aus der Perspektive der Frau in poetisch-raffinierter Übertreibung
auf den Punkt: «Ich schlafe schon, doch mein Herz ist noch wach.»
Das Herz steht für das Innere der Menschen, speziell für das Denken.
Gemeint ist hier wohl ein dämmriger Zustand des Halbschlafs, da die
sehnsüchtigen Gedanken an den Geliebten, der offenbar wider Erwarten
ausblieb, keinen tiefen Schlaf aufkommen lassen. In diesem Zustand vernimmt
die nackte Frau auf dem Bett (vgl. Kasten) «die Stimme meines drängenden
Schatzes» (qol dodi dofeq). Das Hebräische scheint den Klang
des an die Tür Pochens zu imitieren, und die vielen Anreden der Geliebten
betonen das stürmische Wesen des Freundes, der nun der im Mittelmeerraum
verbreiteten Gattung der Türklage (Paraklausithyron) entsprechend
seine Not zum Ausdruck bringt. Das Motiv der Nachtnässe findet sich
auch in einer alexandrinischen Türklage aus griechisch-römischer
Zeit: «Dereinst zu mitternächtlicher Stunde,/ als alle Sterblichen,
durch/ die Müdigkeit, ruhten,/ da stand plätzlich Eros an meiner/
Tür und schlug an die Riegel. ()/ Öffne, sagte er, ich bin ein
kleines Kind,/ ich bin ganz nass und habe mich/ in dieser mondlosen Nacht
verirrt.» Die Frau, die vergeblich auf den Geliebten gewartet hatte,
ziert sich nun, aufzustehen und ihm zu öffnen, worauf der Mann seine
Hand durch das knapp faustgrosse Guckloch zwängt, wahrscheinlich, um
den Riegel zu erreichen und selbst zu öffnen. In einem altägyptischen
Liebesgedicht verspricht der Liebhaber dem Riegel eine Menge von Opfergaben,
wenn er nur endlich aufgehe. Da das Wort «Hand» (jad) im Hebräischen
auch für «Penis» stehen kann, ist die Hld-Stelle vielleicht
als beschwörende sexuelle Pantomime zu verstehen. Jedenfalls geraten
die Gefühle (me'im; wörtlich Eingeweide; Gebärmutter; EÜ:
Herz) der Frau in Wallung. Ihre von Myrrhe triefenden Hände, mit welchen
sie nun die Tür öffnet, verweisen auf ihre erwachte Liebesbereitschaft,
sei es, dass sie sie tatsächlich parfümierte, sei es im übertragenen
Sinne. Doch der unstete Geliebte, der zu spät kam, ist auch schon wieder
verschwunden, so dass die Lebensgeister (näfäsch) die Frau zu
verlassen drohen (EÜ: mir stockte der Atem). Da der Geliebte nicht
einmal auf ihr Rufen antwortet, geht sie ihn suchen und begibt sich damit
in höchste Gefahr, denn eine Frau, die die Stadtwächter nachts
auf offener Strasse entdeckten, wurde auf brutale Weise als Ehebrecherin
bzw. Hure behandelt (vgl. Spr 7,11f.). In einem assyrischen Gesetz des 12.
Jh. v. Chr. heisst es: «Eine Dirne darf sich nicht verschleiern, ihr
Kopf bleibt entblösst. Wer eine verhüllte Dirne erblickt, soll
sie festnehmen, Zeugen stellen und sie zum Eingang des Palastes bringen.
Ihren Schmuck darf man nicht nehmen, aber derjenige, der sie festgenommen
hat, bekommt ihre Kleidung. Man soll ihr 50 Stockschläge versetzen
und Asphalt auf den Kopf giessen.» Angesichts solcher oder ähnlicher
Gefahren ist die Selbstdiagnose der waghalsigen Frau völlig richtig:
«Ich bin krank vor Liebe.» Doch «bei dieser Art von Krankheit
ist nur der zu heilen befähigt, der die Krankheit verursacht hat»
(Othmar Keel). Die Freundinnen der Geliebten bieten sich in der Folge an,
den Geliebten suchen zu helfen.
Die Motive «ich rief, doch er antwortete nicht» und «ich suchte ihn und fand ihn nicht» sind von den Propheten (Hos 2,9; 5,6; Jer 7,27; 29,13; Jes 65,1.12) und den Weisheitslehrern (Spr 1,28) auf das Verhältnis zwischen JHWH und Israel übertragen worden. Die Allegoristen haben es mit dem Hld umgekehrt gemacht und Aussagen über das Verhältnis zwischen JHWH und Israel bzw. dem Bräutigam Christus und der Braut Kirche in die Liebesgedichte hineingelesen (vgl. Lit.). In der Barockzeit waren offenbar beide Lesarten möglich. Während Johann Christoph Bach über diesen Texten seine Hochzeitskantate komponierte, eröffnet sein Neffe Johann Sebastian Bach damit den zweiten Teil seiner Matthäuspassion.
Nach der sexuellen Revolution ist es für die Geliebten wohl einfacher geworden zueinanderzufinden und die Türklagen dürften selten geworden sein. Doch der unseligen Phasenverschiebungen in der Liebe sind in einer Welt voller Ablenkungen wohl kaum weniger geworden.
Literaturhinweis: Gianfranco Ravasi, Il cantico dei cantici, Bologna 1992.
Von Ägypten her kommend fand das Motiv der Frau auf dem Bett als Kleinplastik aus Kalkstein oder Terrakotta in der Ramessidenzeit (13001100 v. Chr.) Eingang in den südpalästinischen Raum. «Die erotische, durch Halskragen und Perücke betonte Nacktheit einerseits und die steife Haltung andererseits bringen den diesem Motiv eigenen Schwebezustand zwischen Schlafen und Wachsein zum Ausdruck» (Othmar Keel). Manchmal hält die Frau noch ein Kind im Arm. Bei einer bemalten, philistäischen Terrakotta aus Aschdod sind Bett und Frau zu einer Einheit verschmolzen. Die Tradition lebte noch lange fort. Aus dem Beerscheba des 7. Jh. n. Chr. stammt ein leeres Votivbett. Die einfachen, meist in Frauengräbern gefundenen Kunstprodukte bringen Sehnsucht nach Liebe, Empfängnis, Geburt und Stillen zum Ausdruck und versuchen diese Segensquellen über den Tod hinaus zu beschwören.