13-14/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Die kirchliche Leseordnung sieht für die Osterzeit keine Lesungen aus dem Ersten Testament vor (zu diesem problematischen Sachverhalt vgl. SKZ 14/1998, 221). Die ältere Schwester der Kirche, die Synagoge, liest am Pessachfest das Hohelied. Texte aus diesem sonst in der Sonntagsleseordnung nicht vertretenen biblischen Buch werden an den folgenden Sonntagen bis Pfingsten kommentiert.
Das kurze Gedicht gegen Ende des Hohenliedes ist wohl die tiefsinnigste Reflexion auf das Wesen der Liebe in dieser Sammlung von Liebesliedern, der Form nach selber ein Liebeslied in Gestalt einer Bitte der Geliebten an ihren Freund: Sie möchte ein Amulett an seiner Brust oder seinem Arm sein (zum Mann als Amulett der Frau vgl. Hld 1,13 f.). Für Palästina ist dabei am ehesten an ein Stempelsiegelamulett zu denken, das man an einer Schnur um den Hals (Gen 38,18), an einem Fingerring (Jer 22,24) oder an der Brust (Ex 28,29; Spr 6,21) trug. Die Frau wäre dann ganz nahe bei ihrem Geliebten, an bevorzugter Stelle, wie es ein altägyptisches Liebesgedicht in der Gestalt eines männlichen Wunsches zum Ausdruck bringt: «Ach, wäre ich ihr Siegelring/ der kleine Gefährte ihres Fingers!/ Dann würde ich jeden Tag ihre Liebe erfahren,/ und ich würde ... ihr Herz stehlen.» Hier aber überwiegt ein anderer Aspekt: Die Frau möchte wie das Amulett ein Schutzzeichen für den Mann sein. Ihre Begründung macht es deutlich: «Denn stark wie der Tod (ist meine) Liebe ('ahavah).» Die «Liebe» kann auch für die «Liebste» stehen (vgl. Hld 7,7), so wie sie in der Götterwelt ausschliesslich durch weibliche Gottheiten repräsentiert wurde. Die Liebesbegabung der Frau zeigt sich im Hld vorwiegend in ihrer Fähigkeit, die Lust des Mannes zu erregen. An dieser Stelle spielt aber auch ihre Potenz bei der Weitergabe des Lebens eine Rolle. Die Liebe, besonders unter ihrem Aspekt der Leidenschaftlichkeit (qin'a; auch Eifer[sucht]), ist in der Lage, dem Tod Widerstand zu leisten (vgl. Kasten). Sie gleicht einer JHWH-Flamme (schalhavot-jah), dem gewaltigsten aller Feuer, das sogar den Unterweltströmen und Chaosfluten standhält. Die Liebe zwischen Frau und Mann erscheint hier in derselben Funktion wie andernorts JHWH, der gegen das Chaos ankämpft (vgl. Ps 18,1316; Jes 25,8). Doch dieses gewaltige Schutzmittel kann man sich ebensowenig kaufen (vgl. Spr 6,3035) wie den Freibrief vom Tod (Ps 49,7 f.).
Jesus von Nazareth steht nicht in der Tradition jener Männer, die den Teufel mit Beelzebub austreiben, sondern in der Tradition der Frauen, die der Todesgewalt mit Liebe trotzen. Während und nach seinem Tod sind es wiederum vor allem Frauen, die mit Mitteln der Liebe (Klage, Einbalsamierung, Grablegung, Grabpflege als Ausdruck von Treue und Erinnerung) dafür sorgen, dass der Gewalttod Jesu nicht das letzte Wort hat. Ihre Kultur der Liebe ist zugleich eine Trotzkultur gegen den Tod. Als Christinnen und Christen stehen wir in der Nachfolge der Apostelinnen, die als erste den Sieg Christi über die Mächte des Todes verkündeten.
Am 22. Dezember 1997 wurde im chiapanekischen Acteal ein Massaker, vorwiegend an Frauen und Kindern, verübt. Ihre Angehörigen reagierten weder mit Gewalt noch mit Resignation. «Während sie ihre Toten beweinten, weitere 45 in einer fünfhundert Jahre alten Liste, erhoben die Indianer in ihren Gemeinden stoisch das Haupt und sagten einander: ÐWir werden weiter siegen.ð Sie hatten wirklich einen Sieg errungen, einen grossen, den grössten aller Siege, da es ihnen auf diese Weise gelungen war, Erniedrigung und Beleidigung, Verachtung, Grausamkeit und Folter zu überleben. Und dieser Sieg ist der Sieg des Geistes» (José Saramago). Wenn es erlaubt ist, die Sprache der Bibel neben die des Literaturnobelpreisträgers zu setzen: Stark wie der Hass der Grossgrundbesitzer/-innen ist die Liebe der Indianer/-innen, unerbittlich wie der Terror jener ist ihre Leidenschaft für die Mutter Erde und ihre Kinder, Bäume und Tiere. Ihre leidenschaftliche Liebe ist ein Hurrikan, gegen den die Aufklärungsflugzeuge der Kolonialherren keine Chance haben.
Literaturhinweis: Othmar Keel, Das Hohelied (ZBK.AT 18), Zürich 1986.
«Der Satz von der Liebe, die so stark ist wie der Tod, kann im Kontext des Hlds nicht mythisch verstanden werden, aber seine Grundsätzlichkeit und die Intensität seiner Bilder verdankt er weitgehend den verschiedenen Mythen vom Ringen der Kräfte des Lebens und Liebens mit denen des Todes» (Othmar Keel; vgl. Lit.). In Kanaan erliegt Baal, der Herr des fruchtbaren Landes, Mot, dem Gott der Dürre und des Todes. Doch bevor Mot ins Totenreich verschwindet, zeugt er mit Anat einen Stier, den neuen Baal. Ähnliche Züge trägt der jüngere Mythos von Adonis und Aphrodite, in dem klagende Frauen um die Lebenskraft des zu früh verstorbenen Jünglings ringen. In Ägypten ist es Isis, die in Gestalt eines Falkenweibchens vom bereits verstorbenen Osiris den Samen empfängt, aus dem Horus hervorgehen wird, der Rächer des Osiris, der dessen Reich gegenüber seinem feindlichen und zerstörerischen Bruder Seth verteidigen wird. Auf hellenistischen Sarkophagen findet sich manchmal das Motiv von Eros, eine umgekehrte Fackel (des Lebens) mit dem ausgehenden Feuer (der Liebe) in der Hand Ausdruck melancholischer Sehnsucht nach Leben angesichts der Macht von Thanatos... Das Motiv vom Leben, das dem Tod durch Liebe abgetrotzt wird, findet sich auch in einigen Erzählungen des Ersten Testamentes. Wie in den Mythen sind es auch hier die Frauen, die die Initiative ergreifen und es fertig bringen, die Liebe zu erregen. Die Töchter Lots (Gen 19,3038), Tamar (Gen 38) und Rut (Rut 3) greifen zu verwegenen Listen, bis hin zur Prostitution und zum Inzest, um die Weitergabe des Lebens in der neuen Generation zu garantieren, in welcher die Toten in gewisser Weise fortleben. Auch wo es nicht direkt um Nachkommenschaft geht, sind es oft Frauen, die sich mit Mitteln der Liebe der Todesgewalt widersetzen, während Männer sie eher mit Gegengewalt zu bekämpfen versuchen. So rettet Michal dem David das Leben (1Sam 19,917), Abigajil den von David verfolgten Männern ihres Dorfes (1 Sam 25), die kluge Frau von Abel Bet-Maacha den Menschen ihrer Stadt (2 Sam 20,14.22), Ester ihrem Volk und Rizpa setzt sich für eine menschenwürige Bestattung ihrer ermordeten Söhne ein (2 Sam 21,814).
Das «Lied der Lieder» (schir haschirim) ist eine Sammlung
von locker aneinandergereihten Liebesdichtungen. Viele davon dürften
aus der späten Königszeit stammen. Ein persisches und ein griechisches
Lehnwort zeigen aber an, dass auch spätere Schöpfungen noch Eingang
in die Sammlung gefunden haben. Lokalkolorit in Namen und Motiven deutet
darauf hin, dass sie in Israel und Juda entstanden sind. Doch die Verfasser/-innen
der Gedichte haben auch Gattungen und Motive der damals international bekannten
Weisheitsliteratur aufgegriffen, besonders das Gliederschema des altägyptischen
Beschreibungsliedes, wo eine Beziehung zwischen Funktion von Gott und Körperglied
hergestellt wird: «Mein Gesicht ist Re./ Mein Haar ist Horus./ Meine
Augen sind Heka./Meine Ohren sind der Grosse Hörer (...)» Das
Schema lebt bis in die heutigen palästinischen Hochzeitslieder hinein
weiter, wo es zum Beispiel von der Frau heisst: «(...) ihre Wangen
wie Äpfel, damszenische, rosenfarbige,/ und ihre Augen Augen des Luchses,
wenn sie ihn erzürnten,/ und ihre Brüste schöne Granatäpfel,
aufgehängt,/ und ihr Hals der Hals der Antilope, wenn sie sie scheuchten
(...)» Wie die altägyptischen und die palästinischen Lieder,
so haben auch die altisraelitischen ihre eigene Metaphernwelt. Entscheidend
für ihr Verständnis ist es zu sehen, dass für die Dichter/-innen
nicht die Form, sondern der Ausdruck des Körpers im Vordergrund stand.
Das einzige Beschreibungslied eines Mannes im Hld ist kunstvoll chiastisch
aufgebaut:
a Töchter Jerusalems (5,8)
b Dein Geliebter (5,9)
c Er sticht hervor (5,10)
d Sein Kopf ist Gold (5,11)
d' Seine Füsse sind Gold (5,15a)
c' Er ist auserlesen (5,15b)
b' Mein Geliebter (5,16c)
a' Töchter Jerusalems (5,16d)
Der ungläubig-spöttischen Frage ihrer Freundinnen, was es denn
mit ihrem Schatz auf sich habe, antwortet die Verliebte mit einer enthusiastischen
Beschreibung, die allerdings in keiner Art und Weise auf die Identität
ihres Freundes eingeht, sondern die ihn als Götterstatue erscheinen
lässt, die an Kostbarkeit nicht zu übertreffen ist.
Der ganze Mann ist «glänzend rot» (nicht «weiss und
rot» EÜ; 5,10). Lebensintensives Rot ist passend für den
Menschen ('adam, «der Rote»). Auch von David wurde gesagt, dass
er rötlich war (1Sam 16,12). Der Vergleich mit dem Libanon und der
Zeder (5,15) verweist nicht nur auf den hohen Wuchs. Die Wirkung seiner
Erscheinung gleicht der jenes Gottesgartens. Die Beschreibung der einzelnen
Körperteile beginnt beim Kopf und endet bei den Füssen, die beide
als goldig beschrieben werden (d-d'). Die langen, knorrigen Dattelrispen
und der dämonische Rabe betonen das Wilde, Ungezähmte der schwarzen
Locken (5,11). Die Augen/Blicke (5,12) des Mannes künden von überfliessender
Liebe. Die Tauben waren der Liebesgöttin heilig. Fliessende Bäche
(vgl. Joh 4,20) und Baden in Milch (Ijob 29,6; Ex 3,8.17) verweisen auf
glückliche Zeiten. Die Wangen (5,13) haben heilende und betörende
Wirkung. Balsam wurde im subtropischen Klima von En-Gedi angebaut. Die kostbare
Heilpflanze riecht betörend. Die Lippen (5,13) haben erfrischende Wirkung
wie der Duft von kostbarer Myrrhe oder Lotos (schoschanna; Seerose, nicht
Lilie wie EÜ), der ausserdem täglich in neuer Frische aus dem
Sumpfwasser auftaucht. Arme, Unterleib und Waden werden mit kostbaren Materialien
in Verbindung gebracht, die zur Herstellung von Götterstatuen Verwendung
fanden. Dass nach Abschluss der Beschreibung in einer Coda noch der Gaumen
folgt, ist kein Versehen, sondern eine indirekte Aufforderung, das beschriebene
Kunstwerk in vollen Zügen zu geniessen, denn mit dem Küssen, beginnt
das Liebesspiel (vgl. Hld 1,2; 2,3).
Die jüdische Tradition hat den unvergleichlichen Geliebten mit JHWH identifiziert, der als perfekter Gott alle Götzenbilder übertrifft. Die christliche Tradition hat das Lied über die Metapher «rot» (5,10) via Wein und Blut auf Christus bezogen: «Ave Christi corpus verum,/ ave dulce rubens merum,/ caro cibus, sanguis potus,/ et ubique Christus totus./ Hic est Sposus candidatus,/ Dilectus et rubricatus,/ castus ortus hunc albavit,/ sanguis fluens rubricavit» (R.F. Littledale, 1869, nach mittelalterlichen Vorlagen). Das grösste Problem all dieser Allegorien ist im Grunde die patriarchale Idolatrie, die Vergötzung männlicher Attribute. Die vom Konzil geforderte und geförderte Exegese weist aber gerade in die andere Richtung. «Das Gedicht möchte (...) mit der menschlichen Gottebenbildlichkeit nach Gen 1,26 f. ernst machen. Der Mensch ist in seiner Beschaffenheit die vollkommene Repräsentation des Göttlichen» (Walter Bühlmann; vgl. Lit.).
Würde mit Liebesliedern dieser Art mehr der männliche Stolz auf den Körper und die Freude an der Erotik gekitzelt, würden sie vielleicht weniger auf militärischem, technischem und wirtschaftlichem Gebiet kompensieren... Vision fürs nächste Jahrtausend?
Literaturhinweis: Walter Bühlmann, Das Hohelied (NSK-AT 15), Stuttgart 1997.
Palästinische Statuen männlicher Gottheiten beschränken sich auf zwei Typen: Einen älteren thronenden und einen jüngeren gehenden und schlagenden Gott. Die relativ kleinen (1040 cm hohen), bronzenen Gussbilder waren mit Gold und Silber überzogen und mit Intarsien aus allerhand Edelsteinen verziert (vgl. Jer 10.9; Dan 2,32 f.). Das 13 m hohe Standbild des Zeus zu Olympia, das Phidias um 430 v. Chr. hergestellt hatte, zählte zu den sieben Weltwundern. Der griechische Tourist Pausanias beschrieb es im 2. Jh. v. Chr.: «Der Gott sitzt auf einem Thron und ist aus Gold und Elfenbein gemacht, und ein Kranz liegt auf seinem Haupt in Form von Ölbaumzweigen. In der Rechten trägt er eine Nike, ebenfalls aus Elfenbein und Gold, die ein Band hält und auf dem Kopfe einen Kranz hat. In der linken Hand des Gottes befindet sich ein Szepter, mit lauter Metalleinlagen verziert (...)» In einer altägyptischen Beschreibung des Sonnengottes, die über die reine Beschreibung eines Kunsthandwerks hinaus geht, heisst es: «Seine Knochen waren aus Silber, seine Glieder aus Gold, sein Haar war echter Lapislazuli.» Mit ähnlichen Worten wurde sogar der regierende und als Gott verehrte Pharao besungen. In einer Lobeshymne auf Ramses III. heisst es: «Dein Haar (ist) Lapislazuli, deine Augenbrauen (sind) qa'-Stein, deine Augen (sind) grüner Malachit, dein Mund (ist) roter Jaspis...» In Vorderasien betonte man stärker den kunsthandwerklichen Wert des Götterbildes: «Du Schmied, Edelsteinschleifer, Kupferformer, Goldschmied, Ziseleur,/ bilde meinen Freund, schaffe sein Bildnis!/ Da schuf der ... ein Bildnis seines Freundes,/ von seinen Gliedmassen./ (...) Von Lapislazuli sei deine Brust, von Gold dein Leib!» Die kostbaren Materialien wurden als besonders rein angesehen. In einem akkadischen Zauberspruch für die Beschwörung eines kranken Mannes heisst es deshalb: «Wie Lapislazuli will ich seinen Körper rein machen,/ wie Alabaster sollen seine Züge glänzen,/ wie reines Silber, wie rotes Gold./ Ich will rein machen, was trüb ist.» Von den jungen Männern Jerusalems heisst es im Klagelied in nostalgischer Verklärung: «Ihre jungen Männer waren reiner als Schnee,/ weisser als Milch, ihr Leib rosiger als Korallen,/saphirblau ihre Adern.»