12/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Die an die kleine Rückkehrergemeinde in Jerusalem adressierten Gedichte
der Tritojesajas sind Kunstwerke der schriftgelehrten Prophetie. In welcher
Weise sie öffentlich gemacht wurden, entzieht sich unserer Kenntnis,
doch ihr hymnischer Charakter verweist auf einen gesungenen Vortrag, und
die ausgesprochen dichte Sprache war nur in aufmerksamer Meditation zu entschlüsseln.
Der dreiteilige Hymnus bündelt eine Fülle von Motiven: Teil I
(61,13): Das sprechende Ich vereinigt auf sich sowohl Aspekte des Gottesknechtes
als auch des Messias. Es ist eine von Gottes Geist begnadete, gesalbte Gestalt,
die heilt und befreit. Wie ein König bei Herrschaftsantritt, erlässt
sie eine Gefangenenamnestie und ruft ein Gnadenjahr, das heisst eine allgemeine
Schuldentilgung und eine Neuverteilung des Grundbesitzes aus (vgl. Lev 25).
Die Trauerarbeit (vgl. SKZ 11/1999) der Zurückgekehrten wird mit Freude
vergolten, symbolisiert im Festöl (schämän sason), das das
Trauergewand ablöst. Die Rehabilitation gleicht einer eigentlichen
Königsinvestitur, die mit der feierlichen Verleihung ehrwürdiger
Titel beschlossen wird: «Die Eichen der Gerechtigkeit» ('ele
hazädäq; vgl. SKZ 6/1998) und «Die Pflanzung, durch die
JHWH seine Herrlichkeit zeigt» (matta' JHWH löhitpaer). Die Gartenmetaphern
verweisen auf die den Rückkehrern verheissene regenerative Kraft (vgl.
Kasten). Teil II (61,49): Diese wird sich zunächst im Wiederaufbau
der Trümmer (Jerusalems) zeigen, dann aber auch in der ökonomischen
Erstarkung des Volkes, das sich Gastarbeiter leisten kann und zu einem internationalen
Handelsplatz werden soll. Das königliche Geschlecht dient seinem Gott
JHWH, der sich einmal mehr als zuverlässig und rechtsliebend erwiesen
hat, und erntet dafür auch noch priesterliche Ehrentitel: «Priester
JHWHs» (kohane JHWH) und «Beamte unseres Gottes» (möscharte
'elohenu). Ihr Same (zär'a; = Nachkommenschaft) wird sich in der Völkerwelt
ausbreiten und vom Segen JHWHs Zeugnis ablegen. Damit endet auch der zweite
Teil mit dem Bild der Pflanzung. Teil III (61,1011): Dieser Gedanke
wird im freudigen Schlussjubel im Sinne einer Quintessenz nochmals unterstrichen.
Die vor JHWH Gerechten gleichen den Pflanzen eines prächtigen Gartens.
So wie diese geschätzt werden, werden jene von allen Völkern (gojim)
gerühmt.
Jesus von Nazareth hat sich die Frohbotschaft des messianischen Gottesknechtes des Lesungstextes in einem öffentlichen Gottesdienst in der Synagoge zu Nazareth zu eigen gemacht (Lk 4,1621). Innerhalb des Lukasevangeliums hat diese Lesung die Funktion einer Programmrede, die in der Folge durch das prophetische Leben Jesu eine eindringliche Auslegung erfährt. Deren Spitze liegt darin, dass er die unreinsten und verkommensten Menschen um sich als JHWHs Pflanzung betrachtete und als Könige und Priester ehrte (Offb 1,6). Wo immer diese mit Blut besiegelte Exegese durch kirchliche Strukturen vernebelt wird, wird Christus erneut ans Kreuz geschlagen.
Menschen als Bäume in einem göttlichen Garten dieses Bild könnte Programm sein für eine Kultur der Menschlichkeit, in der jeder und jedem mit Sorgfalt und Liebe das gegeben wird, was nötig ist, um sich zu verwurzeln, zu wachsen, zu entfalten, zu blühen und Frucht zu geben. Der jüdische Maler Felix Nussbaum malte auf seinen letzten Bildern «die Vertriebenen, die Verdammten, die Frau auf der Strasse / mit dem Judenstern, die Menschen im Lager / Saint Ciprien, die Lagersynagoge, / all das, und im Hintergrund öfters ein dürrer Baum / oder ein Baum mit abgehauenen Ästen. / (Hat Nussbaum seines Namens wegen von klein auf / in einem Baum sein Symbol gesehen? Wer weiss das?)» (Erich Fried). Er wurde im Alter von vierzig Jahren in Auschwitz ermordet.
Von den Gartenanlagen altorientalischer Städte, Paläste und Tempelanlagen ist in den seltensten Fällen etwas erhalten geblieben. Ihre kulturelle Bedeutung ist allerdings kaum zu überschätzen. Die «hängenden Gärten» von Babylon, kolossale, künstliche Terrassenanlagen inmitten der Stadt im flachen Land, werden im 4. Jh. v.Chr. vom Geographen Strabon zu den sieben Weltwundern gezählt. Mesopotamische Herrscher machten sich mit dem Bau von Gärten nicht weniger als mit dem von Städten (vgl. SKZ 21/1998) einen Namen. Sie beförderten den Bau technologisch anspruchsvoller Wasserleitungen. Assurnasirpal II (883859 v. Chr.) rühmt seinen königlichen Garten mit den Worten: «Von oben kommt Kanalwasser durch die Gärten herabgeflossen; die Wege sind duftgeschwängert; im Lustgarten glitzern die Wasserfälle wie Himmelsgestirne. Granatapfelbäume, dicht behangen mit Trauben von Früchten wie Wein, bereichern die Lüftchen, die in diesem Vergnügungspark wehen. Ich, Assurnasirpal, lese im Freudengarten unablässig Früchte wie ein Eichhörnchen [?].» König Sanherib (704681 v.Chr.) liess einen grossen botanischen Garten anlegen und importierte als erster Baumwolle aus Indien. Der königliche Garten Assurbanipals (668627 v.Chr.) zeigt ein heute noch erhaltenes Relief. Inmitten eines künstlich bewässerten Gartens mit mächtigen Bäumen führt eine Prozessionsstrasse auf einen Altar und einen Tempel mit einem Götterbild zu. Für die Ägypter waren die Gärten nicht weniger wichtig. Sie waren wesentlicher Bestandteil der Tempelarchitektur. Noch die steinernen Säulen wurden als Papyrus- oder Lotospflanzen gestaltet. Der Garten symbolisierte ewiges Leben, Geburt und Wiedergeburt in besonders realer Weise. Gartenszenen schmücken deshalb auch viele bemalte ägyptische Gräber. Der Garten regt das Leben an. Er ist der ideale Ort der Liebesbegegnung. Auch wenn man in Palästina nicht über die gleichen Wassermengen verfügen konnte wie in den grossen Stromtälern, so hat man dem Gartenideal nicht minder nachgeeifert. Ahab schreckte nicht einmal vor Raubmord zurück, um seinen königlichen Garten zu erweitern (1 Kön 21). Die judäischen Könige wurden sogar in ihren Gärten bestattet (2 Kön 21,18.26), die sie unterhielten (Koh 2,5). Wie sehr dieser Lebensort Symbol der Regeneration war, zeigen seine metaphorische Verwendung für die Geliebte (Hld 4,125,1), die Weisheit (Sir 24,13ff.; vgl. SKZ 5253/1998), Israel (Num 24,5 f.) und das künftige Heil (Ez 36,35). Mit dem Garten Eden (Gen 2,814) und dem Stadtpark im Himmlischen Jerusalem (Offb 22,1 f.) wird die ganze Heilige Schrift gleichsam zum gartenumrahmten Tempel.
«Die einen sagen, Hiob hat sehr wohl gelebt, nur sein Leiden ist
eine rein literarische Erfindung. Dem halten die anderen entgegen: Hiob
hat niemals gelebt, aber hat sehr wohl gelitten» (Elie Wiesel). Ob
Ijob, der Mann im Lande Uz, je gelebt hat oder nicht, ob hier ein einzigartiges
Menschenschicksal berichtet wird oder nicht, ist nicht entscheidend. Wie
die ausserordentliche Wirkungsgeschichte des Buches Ijob zeigt, hat das
Meisterwerk gleichnishaft einen wesentlichen Aspekt menschlicher Wirklichkeit
erfasst. Offensichtlich konnte man sich das wechselhafte Schicksal Ijobs
gut in Arabien vorstellen, wo die Menschen in fetten Jahren Prachtstädte
wie Petra oder Palmyra aufbauten, in mageren um ihr Überleben kämpfen
mussten. Damit war Ijob aber für die hebräischen Erzähler/Erzählerinnen
kein Fremder, denn Uz ist nach Gen 22,20 f. der älteste Sohn des Abrahambruders
Nahor. Für den Propheten Ezechiel gehörte Ijob zusammen mit Noah
und Daniel zu den herausragenden Gestalten vergangener Zeit (Ez 14,21).
Aber seine literarische Endgestalt fand das Buch Ijob erst im 4. Jh. v.
Chr. Bis dahin hatte sich eine Fülle von Ijob-Stoffen angesammelt,
die im Redeteil (3,142,6) als Klagen Ijobs und Antworten seiner Freunde
ausgebreitet werden. Darin werden die existentiellen Probleme der an sich
kurz erzählten Geschichte (1,12,13) theologisch erörtert.
Ijobs erschütternder Fluch der vorgeschlagenen Karfreitagslesung ist
der fulminante Auftakt dazu.
Aus dem grossen Dulder, der bis dahin alles Unheil mit wenigen Worten über
sich ergehen liess, bricht es wie Sturzwasser hervor allerdings nicht
in spontaner Ausdrucksweise, sondern in Gestalt einer kunstvollen, verschiedene
Themen erörternden Gedichts. Teil I (3,310): Ijob verflucht seinen
Tag, den Tag seiner Geburt und die Nacht seiner Zeugung. Das Motiv ist auch
aus Jer 20,1418 bekannt. Er schlägt verschiedene Wege vor, um
eine Nichtung des Anfangs seiner katastrophalen Existenz zu erreichen: Der
Tag soll der Vergessenheit anheimfallen (3,4), er soll verdunkelt werden
(3,47), wenn nötig mit den magischen Mitteln jener, die den Leviatan,
ein Meerungeheuer, den Inbegriff des Bösen, zu beschwören verstehen
(3,8). Eine freundliche Begrüssung durch das Morgenrot jenes Tages
macht angesichts seiner gescheiterten Existenz keinen Sinn mehr. Ihr entspricht
viel mehr die «Ordnung» und Herrschaft der Finsternis, nämlich
das Chaos. Teil II (3,1123): Da das Elend den Respektvollen offenbar
ebenso treffen kann wie den Gewalttätigen, preist Ijob den Tod als
Gleichmacher. Könige, Beamte, Fehlgeburten, Verbrecher, Gefangene,
Sklaven und Freie liegen zwar noch je nach Stand in verschiedenen Gräbern
(genannt werden in der EÜ Grabkammern, Verscharrungen, Hügel und
Gräber; vgl. Kasten), sind aber alle gleich tot. Dieser Kerngedanke
(3,1319) wird durch bohrende Fragen gerahmt (3,11f.2023): Wozu
kommen Menschen mit einem Elendsschicksal überhaupt zur Welt? Gott
wird zwar im ganzen Gedicht nicht genannt, doch der implizierte Vorwurf
an ihn ist bereits hier herauszuhören: Wenn du uns nicht in Glück
und Frieden leben lassen willst, warum hast du uns dann überhaupt erschaffen?
Später spricht es Ijob offen aus: Wer so etwas tut, ist ein Verbrecher
(Ijob 9,24). Teil III (3,2426): Mit Sätzen, die sein Elend lakonisch
beschreibend erfassen, endet Ijobs erste Klage. Weder kann ihn ein momentaner
Genuss wie das Essen in der Gegenwart trösten (3,23), noch gibt es
aus der Vergangenheit Realeres als die Ängste, die ihn nun alle eingeholt
haben (3,24), noch kann er an eine gute Zukunft denken, weil sie bereits
durch das nächste Unheil zunichte gemacht wird (3,25).
Den beiden ältesten Passionsberichten zufolge endete Jesus von Nazareth auf einer verfinsterten Erde, nach seinem Gott schreiend, der ihn verlassen hatte (Mt 27,45f.//Mt15,33f.). In der Nacht zuvor hatte er am Ölberg mit Gott gehadert, sich aber letztlich in sein Schicksal gefügt. In den Evangelien wird Jesus nicht oft als Streiter mit Gott dargestellt, weil die zerstörerischen Mächte zu seiner Zeit als dämonisch aufgefasst und strikt vom guten Gott getrennt wurden. Trotzdem hat die Tradition Christus gerne mit Ijob gleichgesetzt, dessen Güte gegenüber seinen Kindern christlicherseits etwa durch die Fusswaschung ausgedrückt wurde. Ijob als Christus und Christus als Ijob: Im unsäglichen Leid verschwinden die Unterschiede zwischen Juden und Christen, Sklaven und Gesalbten, Frauen und Männern.
Leiderinnen und Leider sind nie einzigartig, manchmal aber exemplarisch. Ein Ijob unserer Tage, der seine verfluchte Existenz reflektierte, war der Zürcher Fritz Zorn mit seinem Buch «Mars». Er lebte im Wohlstandselend und starb an Krebs.
Literaturhinweis: Jürgen Ebach, Streiten mit Gott. Hiob Teil 1/Hiob 120 (Kleine Biblische Bibliothek), Neukirchen 1995.
In der Zeit der altisraelitischen Königreiche gab es verschiedene Grabarten. Als besonders typisch für die Bevölkerung des Hügellandes können Höhlen-, Kammer- oder Felsgräber gelten, die entlang von Felsbändern oft im Westen (Sonnenuntergang!) einer Siedlung kleine Nekropolen bildeten. Die Leichen wurden auf Steinbänke in den Felskammern gelegt. In seltenen Fällen war die Kopfnische omegaförmig ausgehauen, einen Uterus symbolisierend (vgl. SKZ 17/1998; Ijob 1,21). Nach dem Verwesungsprozess wurden die Knochen in eine Grube der Höhle, zu jenen der Ahnen gekehrt. Von daher wahrscheinlich der biblische Ausdruck «zu den Vätern (und Müttern) versammeln». Durch Öllämpchen, Wasserfläschchen, Amulette (vgl. auch SKZ 5253/1998) und Göttinnenfigürchen versuchten die Hinterbliebenen den Verstorbenen etwas vom Segen des Lebens in die Scheol («Gruftreich») mitzugeben. Eingeritzte Flüche sollte Grabschänder von ihrem Unwesen abhalten. Gen 23 beschreibt ausführlich, wie Abraham ein derartiges Grab zur Bestattung seiner Grossfamilie von den Hetitern in Kirjat-Arba (Hebron) erwirbt. Daneben gab es einfache Erdgräber für Minderbemittelte, die man gerne unter grossen Bäumen bestattet hat. Fehl- und Todgeburten wurden unter dem gestampften Boden der Häuser verscharrt oder in Krügen beigesetzt. In Kriegs- und Pestzeiten wurden auch Massengräber ausgehoben. Ein Grab bei Aschdod enthielt 2434 Tote. An Orten mit intensiven Kontakten nach Ägypten liessen sich die Menschen auch in grossen anthropomorphen Tonsarkophagen beisetzten. Kulte in Zusammenhang mit den Gräbern sind nur bei den Phöniziern an der Küste nachzuweisen. Die Feuerbestattung ist nachzuweisen, war aber selten.
Die erste Gottesrede besteht vor allem aus rhetorischen Fragen mit einem
unerwartet naturkundlichen Inhalt. «Jahwe antwortet auf moralische
Fragen mit physikalischen, mit einem Schlag aus unermesslich finster-weisem
Kosmos gegen beschränkten Untertanenverstand», meinte der Philosoph
Ernst Bloch. Die Antworten Gottes auf Ijobs Klagen und Fragen haben die
Ausleger/Auslegerinnen irritiert und ratlos gemacht. Sie flüchteten
sich, um grösseren Schaden am Image Gottes und seiner Bibel zu vermeiden,
in recht pauschale Erklärungsmuster: 1. Ijob werde daran erinnert,
dass er ein Mensch mit beschränktem Horizont sei und nicht in der Lage,
ein kompetentes Urteil über Sinn und Unsinn der Schöpfung abzugeben.
Er werde dazu aufgefordert, sich demütig dem unerforschlichen Willen
Gottes anheim zu geben. Damit wird aber nur die Meinung der Freunde Ijobs
in die Gottesreden hineininterpretiert. 2. Es gebe in der Welt zwar keine
ausgleichende Gerechtigkeit, aber eine grosszügig gebende. Gott gebe
jedem Geschöpf das Seine. Das ist aber keine Antwort auf Ijobs Fragen,
sondern eher ein schmerzstillendes Ablenkungsmanöver. 3. Habe Ijob
die Welt mit seinen Fragen entmythologisiert, so habe Gott sie durch seine
Rückfragen zusätzlich noch entmoralisiert: In der Welt gebe es
keine Gerechtigkeit. Damit wird einer agnostischen Beziehungslosigkeit gegenüber
Gott das Wort geredet und das Göttliche im Grunde wieder remythologisiert:
Der Mensch wäre dann den Mächten der Natur und des Schicksals
schutzlos ausgeliefert. Die Gottesreden der Bibel entgehen dieser
abendländisch-gelehrten Aporie zwischen irrationalem Naturalismus und
rationalem Existentialismus durch ein Drittes: Die Antwort Gottes besteht
nämlich nicht aus kausalen Argumenten sondern aus einer Reihe von Bildern.
Es ist das Verdienst des Freiburger Alttestamentlers Othmar Keel, den ikonographischen
Schlüssel zum Verständnis der Gottesreden geliefert zu haben (vgl.
Lit.).
Die Gottesreden präsentieren sich als Streitreden. Gleich zu Beginn
(38,2) wird Ijob das geistige Know-How (da'at) abgesprochen, den Weltplan
erklären zu können, und dazu aufgefordert, sich der Antwort Gottes
wie ein Mann zu stellen (38,3). Die erste Gottesrede antwortet auf den unter
anderem in Ijob 3 (vgl. Auslegung zum Karfreitag in dieser Nummer) erhobenen
Vorwurf, die Erde sei ein Chaos. In einem ersten Teil demonstriert sie demgegenüber
die weise Planung ('ezah) der Schöpfung und ihre permanente Neuschöpfung,
in einem zweiten Teil verweist sie auf JHWH in der Rolle des «Herrn
der Tiere». Zu Teil I (38,438): Die Kosmologie der Welt zeigt
sich 1. in dem im ganzen alten Orient bewunderten Wunder, dass Gott die
Erde auf feste Sockel gestellt hat (38,47); 2. in der permanenten Bändigung
des Meeres, der altorientalischen Chaosmacht schlechthin, durch JHWH (38,811);
3. im Vertreiben der Verbrecher, die nächtlich ihr Unwesen treiben,
durch jeden neuen Tag («All Morgen ist ganz frisch und neu...»;
38,1215); 4. im Vorhandensein von Bereichen und Elementen, die Ijob
unzugänglich sind (38,1624); 5. in der permanenten Zurückweisung
der Wüste durch die Niederschläge als kulturschaffender Akt durch
Gott (38,2530); 6. in der Befestigung und richtigen Führung der
Sterne und anderer Himmelsphänomene durch JHWH, der den Himmel in idealer
Weise geordnet hat (38,3135); 7. in der Ordnung der Jahreszeiten, die
den Ibissen, die in Ägypten der Nilüberschwemmung voranfliegen,
und den Hähnen, die die Regenzeit ankünden, zwar bekannt ist,
nicht aber Ijob. Zu Teil II (38,3939,30): Anders als heute, wo die
letzten Refugien der Wildtiere durch Menschen mit grossem Aufwand vor Menschenhand
bewahrt werden, stellte die Fauna früher eine Bedrohung menschlicher
Kultur dar. Ruinen und verödete Landstriche wurden schnell wieder von
Wild in Beschlag genommen, so dass das Getier des Feldes parallel zu fremden
Völkern zu den Feinden des Volkes gerechnet werden konnte (Lev 26,6f.22f.;
Jes 34,68; Ez 34,8). Es gehörte zu den Aufgaben der Könige,
durch Jagd der Wildtiere die menschliche Bewirtschaftung des Bodens zu garantieren.
Die meisten der zehn von Gott aufgezählten Tiere (Löwe, Rabe,
Steinbock, Hirsch, Wildesel, Wildstier, Strauss, Kriegspferd, Wanderfalke,
Geier) gehören denn auch zum königlichen Jagdwild. Doch JHWH wird
uns nicht im Bilde des Jägers präsentiert, sondern im Bild vom
sogenannten «Herrn der Tiere», das zu den beliebtesten Themen
der vorderasiatischen Siegelkunst gehört (vgl. Kasten). Durch dieses
Interpretament in der Gottesrede wird zwar zugegeben, dass es in der Welt
chaotische Mächte gibt, dass sie aber JHWH unterstehen. Seine souveräne
Herrschaft zeigt sich besonders darin, dass er die wilden Tiere sowohl schützt
als auch bändigt.
Ijob wurde in der Gottesrede eine österliche Erfahrung zuteil: Die Welt ist nicht ein einziges Chaos, aber Gott setzt seine Ordnung nicht ein- für allemal durch, sondern in einem Prozess der creatio continua, in der das Destruktive ebenfalls seine Daseinsberechtigung hat. Auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu mussten lernen, dass das Reich Gottes nicht diktatorisch befohlen werden kann, sondern prozesshaft erlitten werden muss. Deshalb bekannten sie später: «Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit».
Ähnliche Lernschritte wie Ijob und die Jesusanhänger mussten in diesem Jahrhundert die (National-)Sozialisten bzw. Kommunisten durchmachen, die als Anwälte der Unterdrückten gegen Feinde wüteten, deren Daseinsberechtigung sie heute zur Kenntnis nehmen müssen. Künftig werden es die Kapitalisten sein, die lernen müssen, dass der Tropenwald mit seinen Pflanzen und Tieren nicht nur einen Gebrauchswert hat und dass die Menschen und Völker, die die Fortschrittsideologie behindern, auch dem Segen und Schutz Gottes unterstehen.
Literaturhinweis: Othmar Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob. Eine Deutung von Ijob 3841 vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildkunst (FRLANT 121), Göttingen 1978.
Ein mittelassyrisches Siegel (14./13. Jh. v. Chr.) zeigt den «Herrn
der Tiere» ähnlich wie der biblische Text «in einer reichen
heraldischen Komposition in enger Verbindung mit dem Lebensbaum. Kraftvoll
dominiert er die wilde Welt und hält sie im Gleichgewicht, so dass
die im Lebensbaum verkörperte Ordnung dieser wilden Welt Leben schenken
kann, ohne von ihren anarchischen Elementen zerstört zu werden»
(Othmar Keel).
Die viel einfacheren palästinischen Stempelsiegel (8./7. Jh. v. Chr.)
zeigen mit Vorliebe die in der judäischen Wüste heimischen Steinböcke
und den in der Arava und im Negev beheimateten Strauss.