11/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Der Schock der Zerstörung Jerusalems durch das Heer Nebukadnezzars
586/87 v. Chr. hat im kollektiven Gedächtnis der Judäer/Judäerinnen
tiefe Spuren hinterlassen. Seine Verwindung war für die Exulanten zugleich
ein Reifungsprozess. Sie mussten Not, Elend und Knechtschaft aushalten,
sie mussten Zeiten depressiver Verlassenheit und explosiver Wut durchmachen,
und sie mussten schliesslich ihr Versagen erkennen und eingestehen. An diesem
Punkt angekommen, wurde ihnen eine neue, ungeahnte Gottesbegegnung und Befreiungserfahrung
zuteil, die Basis für das, was wir heute Judentum nennen. Die Klagelieder
des Ersten Testaments bringen uns in die Nähe jener faszinierenden
Phase, wo der persönliche Schmerz und die Erinnerung Einzelner übergeht
ins kollektive Gedächtnis als Kraftquelle einer geläuterten Identität
(vgl. auch Lit.).
Die Mittelstellung des dritten Klageliedes unter den fünf Klageliedern
wird dadurch herausgestrichen, dass es sich um ein Alphabethlied mit drei
Versen pro Buchstabe handelt (AAA, BBB, CCC...). Der formalen Strenge, die
in der Bibel nur noch durch Ps 119 übertroffen wird, wo jeder Buchstabe
acht Zeilenanfänge markiert, steht inhaltlich ein vielfältiges
organisches Gewebe gegenüber. Die Gott- und Weltbeschimpfung eines
einzelnen Mannes (I.) wandelt sich nach einer weisheitlichen Betrachtung
seines Schicksals (II.) in eine Klage des ganzen Volkes (III.), das Gott
um Befreiung aus den Fängen seiner Feinde bittet. Der Wandel spiegelt
sich bis in die Grammatik des poetischen Kunstwerks: In der Auseinandersetzung
mit dem Du findet das Ich zum Wir, das sich vom Ihr abgrenzt.
I. (3,117): Sprach in den beiden ersten Klageliedern die Tochter Zion,
die personifizierte Stadt Jerusalem, so ist es hier ein Mann (gävär).
Er beschreibt, wie ihn ein zunächst anonymer Feind (vgl. Kasten) mit
einem Stab züchtigt. Es stellt sich bald heraus, dass es JHWH selber
ist. Er ist ein verkehrter Hirte, der statt ins Licht in die Finsternis
führt, wo die Toten wohnen. Er verfolgt ihn nach allen Regeln der Jagdkunst.
Der Vergleich mit dem Bär und dem Löwen (3,10) ist typisch für
Dichter der Levante, wo diese gefährlichen Tiere damals häufig
waren. Eindrücklich beschreibt der Mann seinen psychosomatischen Zerfall.
Seine Knochen (vgl. SKZ 10/1999) werden zerrüttet, seine Nieren (innerste
Gefühle) gestochen, seine Mahlzeiten vergällt, was er hört
zu Spott, kurz: Es gibt für ihn weder Ganzheitlichkeit (schalom) noch
Gutes (tovah). Bestürzt muss der Sprecher feststellen, dass das ständige
Grübeln über sein Unglück ihm noch die letzte Lebenskraft
(näfäsch; vgl. SKZ 4/1999) raubt.
II. (3,1839): Da kommt sein Herz (Vernunft; Gewissen) ins Spiel. Es
erinnert ihn daran, das Gottes Freundlichkeit (chäsäd), Erbarmen
(rachamim; vgl. SKZ 17/1998) und Treue (ämunah; SKZ 39/1998) grenzenlos
sind und die einzigen Mittel, um seine Lebenskraft zu erneuern. Just hier
ist das Gedicht beim Buchstaben Tet angekommen. Mit dreifachem tov («gut»)
wird nun gesagt, was für den Mann gut ist; nämlich schweigende,
demütige Gottessuche! Die weisheitliche Betrachtung gipfelt in rhetorischen
Fragen, die an die erste Gottesrede an Ijob (Ijob 38f.) erinnern. Wie Ijob
muss auch unser Mann erkennen, dass er nicht das Mass aller Dinge ist, sondern
winziger Teil der unendlichen Schöpfung JHWHs.
III. (3,4066): Nun ist der Moment gekommen, wo die persönliche
Gewissenserforschung in kollektive Umkehr und Reue umschlägt: «Wir
haben gesündigt und getrotzt du hast nicht vergeben.» Es
gehört zur Stärke der hebräischen Gebete, dass aus dieser
Einsicht keine sklavische Unterwürfigkeit folgt. Schonungslos wird
aufgelistet, was JHWH seinem Volk angetan hat. Aber die anfängliche
Wut ist nun der Trauer gewichen, einem Weinen und Schreien, vor dem Gott
seine Augen und Ohren nicht mehr verschliessen kann. Mit der Hoffnung darauf,
dass Gott die Verbrechen der Volksfeinde ahnden wird (vgl. SKZ 49/1998),
klingt das Klagelied zukunftsträchtig aus.
Das Ineinander der Klage eines Einzelnen und einer Gruppe hat individuelle und kollektive Interpretationen zur Folge gehabt. Die Juden, die das Gebet am 9. Av zum Gedenken an die Zerstörung des Tempels durch Babylonier und Römer rezitieren, stehen in der kollektiven Tradition, die auch von den meisten heutigen Auslegern favorisiert wird. Die christliche Tradition hat die Klagelieder Jeremia zugesprochen (von daher die Stellung im Kanon) und auf den gekreuzigten Christus hin ausgelegt. Deshalb wurden die lamentationes Ieremiae Prophetae als lyrischer Kommentar zur Passion in der Karwoche musikalisch aufgeführt (sog. «leçons de ténèbres»). Die am Palmsonntag gelesene Passionsgeschichte (Mt 26,1427,66) ist eine Märtyrerakte und eines der ältesten schriftlich überlieferten Zeugnisse des Christentums. Wie Klgl 3 bezeugt sie das Leiden eines Einzelnen, der zur Identifikationsfigur einer ganzen Gruppe wurde.
Über das individuelle und kollektive Leiden hinaus kommt je länger je mehr auch das Leiden an einer durch Raubbau und Klimaveränderung im Kern bedrohten Umwelt in den Blick.
Literaturhinweis: Jan Assmann/Tonio Hölscher, Kultur und Gedächtnis (stw 724), Frankfurt a.M. 1988.
Sage mir, wer dein Feind ist, und ich sage dir, wer du bist. Jede Gesellschaft
hat ihre Feindbilder.
Zu einem guten Teil sind sie Produkt von Projektionen, die mehr über
ihre Urheber als über die Feinde selbst aussagen. Während in Ägypten
und Mesopotamien Feinde gerne zu Dämoninnen und Geistern, die sogar
das Jenseits bevölkern konnten, emporstilisiert wurden, bleiben es
in den Gebeten des Ersten Testaments machthungrige Menschen, die dem Tod
dienen und JHWHs Ordnung, ja sogar dessen Existenz in Frage stellen. Ihre
Boshaftigkeit und Gefährlichkeit wird oft durch Tiervergleiche herausgestrichen.
Sie sind wie Löwen oder Bären (Klgl 3,10), die Ahnungslose überfallen
(Pss 10,9f.; 17,12), wie angriffslustige Wildstiere (Ps 22,13.22) oder giftige
Schlangen (Pss 58,5; 91,13; 140,4). Während diese Tiere aufgrund ihrer
Fähigkeiten auch bewundert wurden, schwingt diese Ambivalenz beim verachteten
Hund (vgl. Ps 59,7.15) nicht mit. Die Feinde können aber auch mit Jägern
verglichen werden, die die Frommen wie nützliche Tiere mit Netzen,
Fallen, Schlingen, Stell- und Wurfhölzern verfolgen. Zu den Feinden
gehören auch die Frevler (rescha'im). Sie halten sich an kein Recht.
Sie brechen Verträge (Ps 55,21.24), schwören Meineide, verrücken
Grenzsteine und missachten die grundlegendsten Menschenrechte. Das Urteil
über die Frevler ist einhellig: Sie haben keinen Bestand, sondern sind
wie Spreu im Wind (Pss 1,4; 53,5). Neben den Feinden des Einzelnen gab es
Volksfeinde. Sie traten in Gestalt feindlicher Heere auf den Plan, belagerten
und zerstörten Städte, hackten die Fruchtbäume ab, malträtierten
und deportierten die Gefangenen, verwüsteten den Tempel, führten
die Götterstatuen weg und gaben so das einst geordnete und von Gott
gesegnete Land dem Spott und den Mächten des Chaos preis.