11/1999

INHALT

Lesejahr A

Trauerarbeit

von Thomas Staubli

 

Bibel: Einer für alle

Der Schock der Zerstörung Jerusalems durch das Heer Nebukadnezzars 586/87 v. Chr. hat im kollektiven Gedächtnis der Judäer/Judäerinnen tiefe Spuren hinterlassen. Seine Verwindung war für die Exulanten zugleich ein Reifungsprozess. Sie mussten Not, Elend und Knechtschaft aushalten, sie mussten Zeiten depressiver Verlassenheit und explosiver Wut durchmachen, und sie mussten schliesslich ihr Versagen erkennen und eingestehen. An diesem Punkt angekommen, wurde ihnen eine neue, ungeahnte Gottesbegegnung und Befreiungserfahrung zuteil, die Basis für das, was wir heute Judentum nennen. Die Klagelieder des Ersten Testaments bringen uns in die Nähe jener faszinierenden Phase, wo der persönliche Schmerz und die Erinnerung Einzelner übergeht ins kollektive Gedächtnis als Kraftquelle einer geläuterten Identität (vgl. auch Lit.).
Die Mittelstellung des dritten Klageliedes unter den fünf Klageliedern wird dadurch herausgestrichen, dass es sich um ein Alphabethlied mit drei Versen pro Buchstabe handelt (AAA, BBB, CCC...). Der formalen Strenge, die in der Bibel nur noch durch Ps 119 übertroffen wird, wo jeder Buchstabe acht Zeilenanfänge markiert, steht inhaltlich ein vielfältiges organisches Gewebe gegenüber. Die Gott- und Weltbeschimpfung eines einzelnen Mannes (I.) wandelt sich nach einer weisheitlichen Betrachtung seines Schicksals (II.) in eine Klage des ganzen Volkes (III.), das Gott um Befreiung aus den Fängen seiner Feinde bittet. Der Wandel spiegelt sich bis in die Grammatik des poetischen Kunstwerks: In der Auseinandersetzung mit dem Du findet das Ich zum Wir, das sich vom Ihr abgrenzt.
I. (3,1­17): Sprach in den beiden ersten Klageliedern die Tochter Zion, die personifizierte Stadt Jerusalem, so ist es hier ein Mann (gävär). Er beschreibt, wie ihn ein zunächst anonymer Feind (vgl. Kasten) mit einem Stab züchtigt. Es stellt sich bald heraus, dass es JHWH selber ist. Er ist ein verkehrter Hirte, der statt ins Licht in die Finsternis führt, wo die Toten wohnen. Er verfolgt ihn nach allen Regeln der Jagdkunst. Der Vergleich mit dem Bär und dem Löwen (3,10) ist typisch für Dichter der Levante, wo diese gefährlichen Tiere damals häufig waren. Eindrücklich beschreibt der Mann seinen psychosomatischen Zerfall. Seine Knochen (vgl. SKZ 10/1999) werden zerrüttet, seine Nieren (innerste Gefühle) gestochen, seine Mahlzeiten vergällt, was er hört zu Spott, kurz: Es gibt für ihn weder Ganzheitlichkeit (schalom) noch Gutes (tovah). Bestürzt muss der Sprecher feststellen, dass das ständige Grübeln über sein Unglück ihm noch die letzte Lebenskraft (näfäsch; vgl. SKZ 4/1999) raubt.
II. (3,18­39): Da kommt sein Herz (Vernunft; Gewissen) ins Spiel. Es erinnert ihn daran, das Gottes Freundlichkeit (chäsäd), Erbarmen (rachamim; vgl. SKZ 17/1998) und Treue (ämunah; SKZ 39/1998) grenzenlos sind und die einzigen Mittel, um seine Lebenskraft zu erneuern. Just hier ist das Gedicht beim Buchstaben Tet angekommen. Mit dreifachem tov («gut») wird nun gesagt, was für den Mann gut ist; nämlich schweigende, demütige Gottessuche! Die weisheitliche Betrachtung gipfelt in rhetorischen Fragen, die an die erste Gottesrede an Ijob (Ijob 38f.) erinnern. Wie Ijob muss auch unser Mann erkennen, dass er nicht das Mass aller Dinge ist, sondern winziger Teil der unendlichen Schöpfung JHWHs.
III. (3,40­66): Nun ist der Moment gekommen, wo die persönliche Gewissenserforschung in kollektive Umkehr und Reue umschlägt: «Wir haben gesündigt und getrotzt ­ du hast nicht vergeben.» Es gehört zur Stärke der hebräischen Gebete, dass aus dieser Einsicht keine sklavische Unterwürfigkeit folgt. Schonungslos wird aufgelistet, was JHWH seinem Volk angetan hat. Aber die anfängliche Wut ist nun der Trauer gewichen, einem Weinen und Schreien, vor dem Gott seine Augen und Ohren nicht mehr verschliessen kann. Mit der Hoffnung darauf, dass Gott die Verbrechen der Volksfeinde ahnden wird (vgl. SKZ 49/1998), klingt das Klagelied zukunftsträchtig aus.

Synagoge/Kirche: Klage um Tempel und Christus

Das Ineinander der Klage eines Einzelnen und einer Gruppe hat individuelle und kollektive Interpretationen zur Folge gehabt. Die Juden, die das Gebet am 9. Av zum Gedenken an die Zerstörung des Tempels durch Babylonier und Römer rezitieren, stehen in der kollektiven Tradition, die auch von den meisten heutigen Auslegern favorisiert wird. Die christliche Tradition hat die Klagelieder Jeremia zugesprochen (von daher die Stellung im Kanon) und auf den gekreuzigten Christus hin ausgelegt. Deshalb wurden die lamentationes Ieremiae Prophetae als lyrischer Kommentar zur Passion in der Karwoche musikalisch aufgeführt (sog. «leçons de ténèbres»). Die am Palmsonntag gelesene Passionsgeschichte (Mt 26,14­27,66) ist eine Märtyrerakte und eines der ältesten schriftlich überlieferten Zeugnisse des Christentums. Wie Klgl 3 bezeugt sie das Leiden eines Einzelnen, der zur Identifikationsfigur einer ganzen Gruppe wurde.

Welt: Klage um die Schöpfung

Über das individuelle und kollektive Leiden hinaus kommt je länger je mehr auch das Leiden an einer durch Raubbau und Klimaveränderung im Kern bedrohten Umwelt in den Blick.

 

Literaturhinweis: Jan Assmann/Tonio Hölscher, Kultur und Gedächtnis (stw 724), Frankfurt a.M. 1988.


Feinde

Sage mir, wer dein Feind ist, und ich sage dir, wer du bist. Jede Gesellschaft hat ihre Feindbilder.
Zu einem guten Teil sind sie Produkt von Projektionen, die mehr über ihre Urheber als über die Feinde selbst aussagen. Während in Ägypten und Mesopotamien Feinde gerne zu Dämoninnen und Geistern, die sogar das Jenseits bevölkern konnten, emporstilisiert wurden, bleiben es in den Gebeten des Ersten Testaments machthungrige Menschen, die dem Tod dienen und JHWHs Ordnung, ja sogar dessen Existenz in Frage stellen. Ihre Boshaftigkeit und Gefährlichkeit wird oft durch Tiervergleiche herausgestrichen. Sie sind wie Löwen oder Bären (Klgl 3,10), die Ahnungslose überfallen (Pss 10,9f.; 17,12), wie angriffslustige Wildstiere (Ps 22,13.22) oder giftige Schlangen (Pss 58,5; 91,13; 140,4). Während diese Tiere aufgrund ihrer Fähigkeiten auch bewundert wurden, schwingt diese Ambivalenz beim verachteten Hund (vgl. Ps 59,7.15) nicht mit. Die Feinde können aber auch mit Jägern verglichen werden, die die Frommen wie nützliche Tiere mit Netzen, Fallen, Schlingen, Stell- und Wurfhölzern verfolgen. Zu den Feinden gehören auch die Frevler (rescha'im). Sie halten sich an kein Recht. Sie brechen Verträge (Ps 55,21.24), schwören Meineide, verrücken Grenzsteine und missachten die grundlegendsten Menschenrechte. Das Urteil über die Frevler ist einhellig: Sie haben keinen Bestand, sondern sind wie Spreu im Wind (Pss 1,4; 53,5). Neben den Feinden des Einzelnen gab es Volksfeinde. Sie traten in Gestalt feindlicher Heere auf den Plan, belagerten und zerstörten Städte, hackten die Fruchtbäume ab, malträtierten und deportierten die Gefangenen, verwüsteten den Tempel, führten die Götterstatuen weg und gaben so das einst geordnete und von Gott gesegnete Land dem Spott und den Mächten des Chaos preis.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999