5/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Der weise Mann sucht Weisheit und hütet sich vor Sünde, wird
der Schriftgelehrte Jesus Sirach (vgl. SKZ 5152/1997) nicht müde,
seinen Schülern einzuimpfen. Zwischen ein erotisches Gedicht über
die Annäherung an die Weisheit, die er mit einer jungen Frau vergleicht
(14,2015,10), und eine Sammlung weisheitlicher Mahnungen vor Sünde
(16,123) schiebt er eine grundsätzliche, quasi philosophische
Erörterung zur Frage: «Woher kommt die Sünde?»
In der älteren Weisheit Israels wurde die Ansicht vertreten, dass Sünde
(pescha'), destruktives Verhalten von Menschen gegenüber Mitmenschen
oder Gott, von Gott veranlasst werden kann (Ex 11,10; 2 Sam 24,1; Jer 6,21;
Ez 3,20). Diese Vorstellung ist Jesus Sirach, wie überhaupt der neueren
Weisheit Israels, fremd. «Was Gott hasst, tut er nicht» (Weish
11,24). An Gewaltmenschen ('ansche chamas; LXX/EÜ: schlechte Menschen)
hat er keine Freude (15,12). Woher also kommt die Sünde? Als Gott die
Menschen schuf, lautet Sirachs Antwort, gab er sie in die Hand des eigenen
Entschlusses (gr. diabouliou autou; lat. consilii sui; 15,14). In den in
der Kairoer Geniza gefundenen hebräischen Sirach-Texten steht hier
das Wort jezer. Es bezeichnet zunächst ein Gefäss des Töpfers
(Jes 29,16) oder eine Lehmfigur (Ps 103,14), kann aber auch Vorstellung/Gedanke
(Gen 6,5; 8,21; Dtn 31,21; 1 Chr 28,9; 29,18; Jes 26,3) und schliesslich,
wie hier, den freien Willen oder die menschliche Natur (Sir 27,6) meinen
(vgl. auch unten Synagoge). Den Menschen ist es demnach überlassen,
sich für Leben oder Tod zu entscheiden (15,17; vgl. Dtn 30,19). Was
das heisst, wird durch zwei weitere Verse illustriert, die in den ältesten
Handschriften fehlen (15,16f.): Sich für das Leben entscheiden, heisst,
Gottes Willen tun, das heisst, seine Gebote halten. Der Akt der Entscheidung,
um den es Sirach geht, wird zugespitzt im Bild von Feuer und Wasser, den
sich gegenseitig ausschliessenden Elementen, zwischen denen der Weisheitsschüler
zu wählen hat. Das Wasser bringt Leben, das Feuer den Tod. Wie der
Mensch entscheidet, zeigt sich in seinem Tun, das Gott sieht (vgl. Kasten).
Dann folgt noch das Kleingedruckte: Ein Gebot zu sündigen gibt es nicht
und die Lügenmenschen ('ansche kazab; LXX/EÜ: Betrüger) fallen
aus Gottes Gnade. Sirachs Lehre über die Herkunft der Sünde liest
sich wie eine Auslegung zu Gen 1,1.27. Die hier gebotene Lösung, die
auch die Möglichkeit der Reue des Sünders impliziert (Sir 17,25f.29),
wird allerdings durch das Gesamtwerk Sirachs relativiert. In 25,24 behauptet
er nämlich, die Frau sei der Ursprung der Sünde (vgl. SKZ 5253/1998),
und aus 33,1113 könnte man schliessen, dass Gott doch zum Vornherein
die einen segnet und die anderen verflucht.
Ähnlich wie die Schüler Sirachs werden die Jünger des Lehrers der Gerechtigkeit in Qumran vor die Wahl gestellt, Söhne des Lichts oder der Finsternis zu sein, und auch beim Evangelisten Johannes sind Licht und Finsternis Metaphern für Gut und Böse innerhalb eines dualistischen Denkens (Joh 1,5; 3,19; 8,12; 12,46). Im rabbinischen Judentum wurde das Wort jezer (s.o.) Fachausdruck für den menschlichen Trieb. Der «böse Trieb» (jezer hara') bezeichnet in erster Linie den Sexualtrieb zwar ein Übel, aber ein gottgegebenes und notwendiges: «Wäre es nicht wegen des bösen Triebes», sprach R. Nachman b. Samuel, «der Mann würde kein Haus bauen, keine Frau nehmen, keine Kinder zeugen oder Geschäfte eingehen». Der böse Trieb wurde nicht verteufelt, sondern halachisch gebändigt und so in ein fruchtbar-produktives Leben integriert. Christlicherseits wurde im Anschluss an antike Philosophien vor allem die menschliche Angst als Urgrund für sündhaftes Verhalten verantwortlich gemacht (vgl. Joh 16,33). Søren Kirkegaard hat diese Angst und damit den Inbegriff der Sünde näherhin als Verzweiflung des seiner Freiheit bewussten Menschen beschrieben, der seine Existenz zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit nicht erträgt. Indem der Mensch zur Bewältigung des Daseins das Unmögliche will, nämlich Sein-wie-Gott, fällt er in die Gottlosigkeit und damit in Schuld, aus der ihn nur die göttliche Gnade erretten kann, durch die er Gott und damit seine eigene, freiheitliche und doch begrenzte, paradoxe Existenz annehmen kann.
Jüdisches und christliches Wissen um die Sünde wurde in den säkularen psychologischen Systemen neu synthetisiert. Unschwer lässt sich hinter Freuds Libido, einer Kraft, die destruktiv, aber auch äusserst produktiv und kreativ sein kann, noch der jezer hara' erkennen und hinter der Lehre von den Neurosen (Depression, Schizoidie, Zwang, Hysterie) die vier Aspekte des göttlichen Seins (ens necessarium, perfectissimum, indefinitum, a se), welche die Neurotiker, sei's in der Wirklichkeit, sei's in der Phantasie, durch sich selbst sein möchten, weil sie an ihrer Unerreichbarkeit verzweifeln (vgl. Lit.).
Literaturhinweis: Eugen Drewermann, Strukturen des Bösen (3 Bde.), Paderborn 1981f. (3. Aufl.).
In Altägypten war das Auge eines der wichtigsten religiösen Symbole. Solange die Götter die Menschen sehen, können sie ihnen helfen. Als Seth seinem Bruder Horus das Auge verletzt, wird es von der zauberkundigen Mutter Isis sofort wieder geheilt. Eine Opfergabe für die Götter wurde von den Ägyptern gerne «Horusauge» genannt, da sie das Sehen Gottes auf die Menschen unterstützen sollte. In der Spätzeit Ägyptens waren Figuren des pantheistischen Bes beliebt, die mit Augen übersät waren. Auch für die Hebräer war klar, dass Gott sieht (Ps 94,9): «Der das Auge gebildet, sollte der nicht sehen?» Für die Gottesfürchtigen war es ein sympathisches, beschützendes Sehen (Ijob 36,57; Ps 139,14), das sein rettendes Eingreifen in höchster Not ermöglichte (Gen 22,14). Für die Frevler hingegen stellte das Sehen Gottes eine drohende Warnung dar (Ijob 34,21f.; Ps 33,1315; Spr 15,3; Hebr 4,13). Während im Judentum das verbreitetste Gottessymbol die Hand ist, ist es im Christentum das Auge. Millionenfach reproduziert in Katechismen, Kirchengesangbüchern, auf Andachtsbildern und Dollarnoten hat es ganze Generationen paralysiert. Noch und gerade in intimsten Bereichen fühlten sich viele der omnipräsenten Kontrolle eines Geheimdienstpolizistengottes im Dienste bürgerlicher Sitte und Moral ausgeliefert: «Big brother ist watching you». Mit dem sehenden Gott der Bibel hat das wenig zu tun, viel eher schon mit einem ins Gigantische gesteigerten «Bösen Blick», einem neidvoll-habgierigen Sehen (Spr 28,22) und patriarchalem Voyeurismus (Dan 13,9).