4/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Die Tritojesajas sprechen im frühen 5. Jh. v. Chr. in eine Situation,
die geprägt ist von grossen Erwartungen. Die aus dem Babylonischen
Exil nach Jerusalem Zurückgekehrten warten vergeblich auf den grossen
Aufschwung. Ökonomisch gesehen ist die Provinz Yehud am Westende des
Perserreiches «Dritte Welt» (vgl. SKZ 18/1998). Von einem Wirtschaftswunder,
wie es der Satrapensitz Sidon erlebt, oder gar vom Warensegen, der in Persepolis,
der Hauptstadt des Weltreiches, zusammenkommt, können die Jerusalemer
nur träumen (vgl. SKZ 1/1998). Sie erfahren ihre Zeit als finster und
hoffen betend auf ein Licht, das ihre armselige, marginale Existenz von
Menschen, die an Leib und Seele Unrecht erdulden müssen, aufhellt (62,15).
Während die politischen Gegner der Tritojesajas Haggai, Sacharja
und Maleachi auf religiöse Restauration setzen und das Ausbleiben
des Segens in erster Linie auf die Vernachlässigung der kultischen
Weisungen zurückführen, verlangen diese schriftgelehrten Propheten/Prophetinnen
in der Tradition Jeremias, Jesajas und Deuterojesajas und Vorläufer/Vorläuferinnen
der Pharisäer/Pharisäerinnen, aus welchen Jesus von Nazareth hervorgehen
wird, neben religiösen Neuerungen (vgl. SKZ 26 und 3334/1998)
eng damit verbundene soziale Reformen.
Der Prophet soll seine Stimme wie ein Widderhorn (schofar; EÜ: Posaune)
ertönen lassen (58,1; vgl. Hos 8,1; Ez 33,3). Dessen Töne erklangen
insbesondere vor kriegerischen Ereignissen. Es rief zu Sammlung, Wehrbereitschaft,
Läuterung und Busse auf, wozu auch Fastenübungen gehörten
(vgl. Joël 2,15). Auf diesem Hintergrund ist die Begründung für
solchen Aufruhr im Falle Tritojesajas paradox und provokativ, denn das Volk
bemüht sich ja schon tagein tagaus um eine dem Recht entsprechende
Annäherung Gottes (58,2) und nimmt dabei sogar kasteiende Selbstminderungsriten
wie das Fasten auf sich (58,3). Genau da hakt Tritojesaja ein. Er entlarvt
diese Exerzitien als fromm maskierten «Egotrip» (Wolfgang Lau).
Durch den Fasttag ändert sich an den Unrechtsverhältnissen im
Lande nichts und schon gar nicht wird der dräuende «Tag JHWHs»
(jom JHWH), der Gerichtstag am Ende der Zeiten, dadurch in einen «Tag
des Wohlgefallens für JHWH» (58,5; jom razon laJHWH) verwandelt.
Die Wirkung eines Fastens wie es Gott gefällt, ist dem Lösen der
Riemen vom Jochhaken (mothah; EÜ: Joch) zu vergleichen: es bringt den
Unterjochten, die zum eigenen Fleisch (basar; 58,7; vgl. Gen 2,23), das
heisst zur eigenen Verwandtschaft gehören, riesige Erleichterung. Unter
den Konkretisierungen dieser Befreiungsakte steht die Speisung der Hungernden
an erster (58,7) und letzter (58,10) Stelle. Dadurch erst bekommt das Fasten
Sinn. Es besteht nicht darin, die eigene näfäsch (vgl. Kasten)
zu quälen (58,5), sondern sie dem Hungernden hinzugeben und so dessen
näfäsch zu sättigen (58,10). Die näfäsch dieser
Gerechten wird JHWH mit Bonbons (zachzachot) verwöhnen (58,11). Sie
selbst werden das Licht sein, auf das sie schon so lange warteten (58,8.10),
eine Wasserquelle (58,11), würdig für Ehrentitel wie «Rissflicker»
und «Ruinenerneuerer» (58,12).
Jesus von Nazareth hat sich in für seine Zeitgenossen anstössiger Weise nicht an die damals üblichen Fastenregeln gehalten. Im Zentrum seines Handelns stand die Tischgemeinschaft mit den Armen. Dieses «Hochzeitsmahl», dessen Gastgeber er war, war die Einlösung der Postulate Tritojesajas und erübrigte ein Fasten gemäss der Tradition (Mk 2,1820 parr.). Die christlichen Gemeinden werden angehalten, unauffällig zu fasten (Mt 6,1618). Die Didache empfiehlt dafür die Wochentage Mittwoch und Freitag. Tritojesajas Anweisungen für ein Fasten, wie es Gott gefällt, finden Gestalt in den acht Werken der Barmherzigkeit. Die jährlichen Fastenopfer-Aktionen suchen mit zeitgemässen Formen das Gleichgewicht zwischen Meditation und sozialem Engagement, während das Fasten im engeren Sinn einer Küche des fairen Handels und der ökologischen Produkte und allenfalls Heilfastenwochen Platz gemacht hat.
Wenn jede Kultur und Epoche ihre eigentümlichen Krankheiten hat, so ist es für die unsere die Magersucht (anorexia nervosa), unter der besonders pubertierende Mädchen leiden. Der Kampf gegen die Frauwerdung durch Nahrungsverweigerung ist ein radikales Fasten zum Tode und kann nur durch die Widerherstellung gerechter Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und zwischen Übergewichtigen und Unterernährten geheilt werden.
Literaturhinweis: S. Schroer/T. Staubli, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998.
Was in den Menschen hineingeht und was aus ihm herauskommt Luft, Wasser, Nahrung, Töne, Sprache , konzentriert sich im Engpass der Gurgel. Die nimmersatte, durstige, nach Luft schnappende und laut rufende Kehle ist deshalb in der hebräischen Sprache Symbol des bedürftigen, begehrenden Menschen. Sie steht für den élan vital des nach Leben lechzenden Menschen: «JHWH Gott gestaltete den Menschen aus Staub vom Ackerboden und blies in seine Nase Lebensodem; so wurde der Mensch eine lebendige näfäsch» (Gen 2,7). Das Trällern durch An-die-Kehle-Schlagen ist deshalb die intensivste und urchigste Form der Daseinsbekundung, eine Art Jodel (hallel), ein bevorzugter Jubel für Gott (hallelu-ja: «jodelt für JHWH») oder Könige. So auf einem assyrischen Relief, wo das Volk für Assurbanipal (668626 v. Chr.) anlässlich einer Siegesfeier klatscht und trällert (vgl. Bild). Oftmals ist in den Bibelübersetzungen der konkret-leibliche Hintergrund des Wortes näfäsch nicht mehr greifbar: «Lobe den Herrn meine Seele (näfäsch)» (Ps 103,22; 104,35). «Der Atem (näfäsch) kehrte in den Knaben zurück, und er lebte wieder auf» (1 Kön 17,21f.). «Leben (näfäsch) für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuss» (Ex 21,23f.). «Jede Person (näfäsch), die an eben diesem Tage irgendwelche Arbeit tut, diese Person will ich aus der Mitte des Volkes ausrotten» (Lev 23,30). Hinter näfäsch steht immer das Begehren der Menschen, ihr Lebenstrieb, sei es in Gestalt des Hungers, der sie zum Arbeiten anspornt (Spr 16,26), in Gestalt des Sexualtriebs, der sogar in Gewalt ausarten kann (Gen 34,2f.), in Gestalt der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung, von der besonders Sklaven und Fremde erfasst werden (Ex 23,9), oder in Gestalt der Seele, die sich nach umfassender und endgültiger Geborgenheit und Ruhe bei Gott sehnt (Jer 6,16; Ps 62,2; 131,2). Die Septuaginta hat an rund 600 von 755 Stellen näfäsch mit psychä (Seele) wiedergegeben und damit einem griechisch geprägten Verständnis Vorschub geleistet, wonach unter der Seele etwas vom Leib Verschiedenes zu verstehen sei, ein geistiges Prinzip. In der Spätantike wurde das Geistige positiv, das Leibliche negativ bewertet ein Dualismus, der im Christentum noch verstärkt wurde, mit schädlichen Folgen für Leib und Seele bis heute (vgl. Lit.).