SKZ 2/1999

INHALT

Lesejahr A

Die Stimme der Verachteten

von Thomas Staubli

 

Bibel: Das Zweite Lied vom Gottesknecht

Eingebettet in die Verkündigung Deuterojesajas (vgl. SKZ 51­52/1997) finden sich vier psalmartige Gedichte mit dem Thema des Gottesknechts (äbäd JHWH; vgl. SKZ 1/1998; 13/1998; ). Das zweite Lied schliesst sich inhaltlich an die Freude des aus der babylonischen Gefangenschaft Befreiten Knechtes Jakob an (42,20f.). Die ganze Welt soll von JHWHs Erlösungstat erfahren.
Der Weckruf der prophetischen Stimme richtet sich an alle Völker (vgl. 49,6 und Kasten), noch an die Entferntesten, charakterisiert durch die Inseln im Mittelmeer (vgl. 42,4). Sie legitimiert sich als von Gott bereits im Mutterleib zu seinem Amt beauftragt (vgl. Jer 1,5; SKZ 4/1998) und charakterisiert ihr Sprechen in einem kunstvollen Parallelismus membrorum (49,2) als versteckte Waffe Gottes: es scheidet die Geister wie ein Schwert und trifft ins Herz wie ein Pfeil. Erst in 49,3 erfährt man in Form eines Gotteswortzitates Titel und Namen der Stimme: es ist der Knecht Gottes, Israel. Dieses Nebeneinander von Personentitel und Volksname hat die verwirrten Exegeten viel Tinte gekostet. Viele christliche Ausleger behalfen sich damit, dass sie das Wort Israel kurzerhand als Eintrag bezeichneten. Aber nur in einer einzigen aller alten Handschriften fehlt dieses Wort. Schon der jüdische Schriftgelehrte Abraham Ibn Esra (1089­1164) hatte das Problem erkannt. Er deutete den Gottesknecht in damals revolutionärer Weise auf Jesaja und schreibt zur Stelle: «Das heisst: Du bist vom Stamm Israel, an dem ich mich verherrlichen werde; oder: Du bist Israel, du bist in meinen Augen wie ganz Israel. Ich ziehe die zweite Erklärung vor.» Die Gottesfürchtigen, die Armen, Verabscheuten, Geknechteten (49,7) repräsentieren das wahre Israel, könnte man auch sagen. So haben sich die Heimkehrenden aus Babylon verstanden, die sich gedrängt fühlten, das Erbe in Palästina neu unter sich zu verteilen (49,8) und so verstanden sich auch die ersten Christen, den Rahmen des historischen Stammes Israel sprengend, wenn sie die Verkündigung des Wortes Gottes an die Heiden mit der Charakterisierung des Knechtes als Licht zum Heil der Völker (49,6; vgl. SKZ 3/1998) begründeten (Apg 13,47) und wenn sie den dem Gottesknecht versprochenen Beistand Gottes in der Zeit der Gnade und am Tag der Rettung (49,8) ausdrücklich auf sich bezogen (2 Kor 6,2).

Synagoge/Kirche: Wer ist der Gottesknecht/die Gottesmagd?

Im tempellosen Judentum wurde der Gottesknecht anfänglich vorwiegend auf den kommenden Messias, dann immer häufiger auf das in der Zerstreuung leidende Volk Israel gedeutet (vgl. schon Weish 4,20ff.). Im Christentum dominierte bis ins 19. Jahrhundert die Auslegung der Texte auf Christus hin, den armen Mann aus Nazareth, dessen Befreiungsbotschaft und Leidensweg eine ungeheure Dynamik weit über Israel hinaus zur Folge hatte. Auch die Leseordnung, die das 2. Lied vom Gottesknecht mit 1 Kor 1,1­3 und Joh 1,29­34 kombiniert, steht in dieser Tradition. Das 2. und 3. Gottesknechtlied wurden aber auch schon früh individuell auf prophetische Gestalten wie Jesaja oder Elija (vgl. Sir 48,10) gedeutet, eine Meinung, die heute viele Exegeten/Exegetinnen vertreten. Das Faszinierende am Knecht Gottes ist aber wohl gerade das geheimnisvoll Schwebende dieser Gestalt, das immer wieder neu fragen lässt: wer ist er? In einer für seine Zeit frappanten Offenheit hat Thomas von Aquin in seinem Jesajakommentar die Frage beantwortet. Das Volk Israel und der Perserkönig Kyros, der Künder Jesaja und der verheissene Christus können, so meint er, mit dem Gottesknecht gemeint sein. Damit trifft er sich in gewisser Weise mit Martin Buber (1928), für den es in der Leidensgeschichte des Volkes Gottes eine ganze Reihe von Knechten gibt: «Jeder von ihnen kann der Erfüllende sein; keiner von ihnen darf in seinem Selbstwissen etwas anderes sein als ein Knecht Gottes.» Um nicht in den eigenen Institutionen zu erstarren, braucht auch das Christentum Gottesknechte und Gottesmägde, die bereit sind, Grenzen zu überschreiten. Eine solche war Catherine Weigel Zaluszowska (ca. 1460­1539). Die Bürgerin von Krakau wurde wegen Judaisierens zum Tode verurteilt. Angesichts des brennenden Scheiterhaufens wurde sie gefragt: «Glaubst du an Seinen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus?» Worauf die Achtzigjährige antwortete: «Gott hatte weder Frau noch Sohn, noch braucht er das, denn nur Sterbliche brauchen Söhne. Wir sind Seine Kinder [...] und alle, die auf seinen Wegen gehen, sind Seine Kinder.»

Welt: His slave's voice

Eine Botschaft bis in die fernsten Winkel der Erde zu verbreiten, stellt im Satellitenzeitalter keine Herausforderung mehr dar. Provokativer denn je ist es aber zu vernehmen, wessen Stimme sich Könige und Fürsten anhören mussten: den tief verachteten Mann, den Abscheu der Leute, den Knecht der Tyrannen (49,7). Wie sähen da unsere Radio- und Fernsehprogramme wohl aus?


Israel und die Völker

Die Weltbilder der antiken Völker waren ethnozentrisch. Für die Griechen hiessen Nichtgriechen «Barbaren», was soviel wie «Unzivilisierte/Primitive» bedeutet ­ ein Konzept, in dem sich unschwer die Wurzeln abendländischer Überheblichkeit und Xenophobie erkennen lassen. Eine ägyptische Darstellung zeigt die Fremdvölker und die Eingänge zur Unterwelt im äusseren Kreis einer Welt, die von der Lebenskraft Ka (Hände auf Füssen) getragen, von der Himmelsgöttin Nut beschützt und durch den täglichen und nächtlichen Sonnenlauf (Göttinnen mit Barken) gesegnet wird. Dann folgt der Kreis Ägyptens, vergegenwärtigt durch die 41 Standarten seiner Gaue. In der Mitte befindet sich die Götterwelt. Die Bibel überliefert in Gen 10 demgegenüber eine Völkertafel, wonach die ganze Menschheit eine Familie ist, die die gleichen Stammeltern hat. Sem, Ham und Jafet repräsentieren die drei in Israel bekannten Volksfamilien, die ungefähr den Kontinenten Asien, Afrika und Europa entsprechen, in deren Mitte (Ez 5,5) ja Palästina liegt. In den Väter- und Müttergeschichten finden wir die Vorstellung, dass durch Abraham und seinen Samen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen (Gen 12,3). Gleichzeitig ist man sich, besonders in prophetischen Kreisen, der Ohnmacht Israels angesichts der ringsum wütenden Weltmächte bewusst und empfiehlt eine Politik kluger Unterwerfung (Jer 27). Es soll von den Bergen am Nabel der Erde aus zusehen, wie sich die Heere gegenseitig vernichten (Ez 38,11f.) und auf eine Zeit hoffen, da das Land von der Menschenfresserin (Num 13,32; Ez 36,13f.) zur Mutter aller Völker (Ps 87) wird, in der es mit Ägypten und Assur gemeinsam JHWH dienen wird (Jes 19,23­25). Die Identität einer ohnmächtigen Segenskraft war für Israel nur zu ertragen, wenn es sich gleichzeitig als besonderes Eigentum JHWHs (Dtn 32,9) verstehen durfte. So konnte neben das Bewusstsein, Segen für die Völker zu sein, das eines Volkes treten, das für sich allein wohnt und sich nicht unter die Völker rechnet (Num 23,9), das unvermischt mit den Nachbarvölkern nur für seinen Gott lebt (Hos 7,11; 12,2), das aus den Völkern errettet wurde in Gestalt des umherirrenden Aramäers (Dtn 26,5; Ps 105,13) und der Gastarbeiter in Ägypten (vgl. Ex 5) und in dem sich das Heil immer wieder über Aussenseitergestalten und Antihelden wie die Dirne Rahab, den Bandenführer David oder den Zimmermannssohn Jesus von Nazareth den Durchbruch verschafft. Absonderung im Zentrum der Völker, unter welchen es eine Sklavenexistenz zu deren Heil fristet ­ das ist die paradoxe Erscheinungsweise Israels in vorhellenistischer Zeit.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999