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Lesejahr A |
Die Thematik des zweiten Psalms ist zeitlos. Sie zehrt von uralten Mythen
und Bildern, die im Alten Orient und in Ägypten eine grosse Rolle spielten.
Einiges spricht dafür, dass der Psalm im Hinblick auf seine bedeutende
Stellung im Psalter in nachexilischer Zeit überarbeitet worden ist.
Aspekte des Königtums, die in vorexilischer Zeit konkret auf den König
Judas bezogen wurden, erhielten nun eine messianisch-eschatologische Dimension
und konnten im Christentum christologisch-pneumatologisch aufgefasst werden
(s.u. Kirche).
Die Psalmen 12 und 149150 bilden einen doppelten Ein- und Ausgang
zum grossen Haus des Psalters. So wie Ps 1 jeden Einzelnen auffordert, durch
die Befolgung der Tora den Weg der Gerechtigkeit, der der Weg des Lebens
ist, einzuschlagen, ruft nun Ps 2 die Völker bzw. ihre Könige
auf, dasselbe zu tun. In Ps 149 werden die Loblieder als Königshuldigung
vor JHWH verstanden wie im hebräischen Text von 2,11 («jauchzt
mit Beben, küsset den Reinen [Sohn]»), aber auch als ein zweischneidiges
Schwert in den Händen Israels, mit dem sie die Völker besiegen,
binden und gleichzeitig vor dem Gericht retten. In Ps 150 schliesslich stimmt
Israel in den Lobgesang des ganzen Kosmos (Völker und Schöpfung)
ein, mit dem Gott polyphon geehrt wird.
Der Psalm besteht aus vier Teilen (vgl. Lit.) bzw. drei Szenen, die auf
der Erde, im Himmel und auf dem Zion spielen, und einer Moral, die quasi
vor dem Vorhang der Weltgeschichte gesprochen wird: 1.2,13 beschreibt
das Verhalten der Völker gegenüber JHWH und seinem Gesalbten (maschiach)
als Rebellion, deren Erfolg ins Chaos führen würde (vgl. Jer 17,1214;
40,2126; Ps 46.48.83).
2. JHWHs Reaktion in 2,46 besteht aus Spott und Zorn. Allein die Tatsache,
dass er selber einen König auf dem Zion, seinem heiligen Berg (vgl.
SKZ 47/1998) eingesetzt hat, muss die Revoltierenden in Angst und Schrecken
versetzten. 3. Das Echo des göttlichen Engagements ertönt in der
dritten Strophe (2,79) aus dem Mund des gehorsamen Königs. Als
legitimer Sohn Gottes (vgl. Kasten) tritt er sein Erbe als Weltenherrscher
an, der die Rebellen so problemlos vernichtet, wie man Tonkrüge oder
Porzellan zerschlägt. 4. Die Moral (2,1012) dieser drei Strophen
ist lapidar. Es hat keinen Zweck zu rebellieren. Die einzig vernünftige
Haltung, die Leben garantiert, ist es, sich JHWH, dem Beherrscher der Welt
zu unterwerfen.
Ps 2 ist der im NT am häufigsten zitierte Psalm. Mit ihm begründeten die urchristlichen Gemeinden die Messianität Jesu und versicherten sich des göttlichen Beistandes gegen Anfeindungen. Eine ganz eigene, christliche Perspektive macht sich bemerkbar, wenn Lukas das Toben der Völker (2,1f.) auch auf die Stämme Israels bezieht, die, verkörpert in Herodes, zusammen mit den Heiden, verkörpert in Pontius Pilatus, gegen den Knecht Jesus vorgehen (Apg 4,25f.). In ähnlichem Sinn wird das Zerschlagen der Feinde wie Töpfergut (2,9) in der Offenbarung des Johannes verstanden. Er verheisst den Gemeinden Macht über die Drangsal der Völker (Offb 2,26f.) und schliesslich einen apokalyptischen Reiter, der mit dem Schwert seines Mundes über die Völker herrschen wird (Offb 19,15). Ganz anders, nämlich im Hinblick auf die Ungetauften, legt Johannes Chrysostomus später diesen Psalmvers aus. Im Gegensatz zum gebrannten Ton versteht er unter dem Gefäss des Töpfers noch ungebrannte Ware, die missraten ist, im Bad der Taufe aber neu geformt wird, eine schöne, christliche Gestalt erhält (Catecheses baptismales 2/1,14f.). Am häufigsten, aber mit immer neuen Akzentsetzungen, wird die Anerkennung des Königs/Messias als Sohn Gottes (2,7) für die Christologie herangezogen: in Apg 13,33 als Verheissung der Auferweckung Jesu; in Hebr 1,5 als Ausweis der Herrschaft über alle Engel; in Hebr 5,5 als Verleihung der Hohepriesterwürde durch Gott und in Mt 3,1317 (par.) als Ausspruch im Munde Gottes an den getauften Jesus. Dieses mit dem Bild der Taube verbundene Wort ist es denn auch, das der trinitarischen Konstellation Vater, Sohn, Geist zum Durchbruch verholfen hat und sie eng an die Taufe bindet. Mit der Taufe treten Christinnen und Christen als Töchter und Söhne Gottes die Nachfolge des Messias an, und das Initiationsritual versichert sie des Sieges über die chaotischen Mächte. In Christus werden sie zum Fisch (Ichthys), der, weil er schwimmen kann, in den Wogen des Meeres nicht untergeht. «Sei auch du ein Fisch, damit dich die Welle der Welt nicht versenkt» (Ambrosius, De Sacramentis 3,3).
Ps 2 verlangt von heutigen Betern/Beterinnen einiges an Aufmerksamkeit, da er in martialischer Sprache ein radikal herrschaftkritisches Programm entwirft. Das ist Poesie aus dem kollektiven Gedächtnis der Peripherie, die nicht mit mächtigen Imperatoren auftrumpfen kann, wohl aber mit der Erfahrung, dass über all diesen Vermessenen eine geschichtliche Logik waltet, die ihr Treiben der Lächerlichkeit preisgibt, und dass sie in einer Schöpfung wüten, deren Grösse und Lebensintensität ihre Nekrophilie verschluckt.
Literaturhinweis: Erich Zenger, Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Einführung in das Psalmenbuch, Freiburg i.Br. 1987.
Die Vorstellung, dass der amtierende König ein Sohn Gottes ist, war im ganzen Alten Orient verbreitet, besonders tief aber in Ägypten verwurzelt, wo die Geburt und Anerkennung des Königs als rechtmässiger Gottessohn im Rahmen umfassender Rituale gefeiert und auf Reliefs in den sogenannten Geburtshäusern (Mammisi) der grossen Tempel ausführlich dargestellt wurde. Zur kanonischen Abfolge der Bilder gehören die Verheissung des Kindes, die Zeugung, die Geburt, die Umarmung, die Aufzucht und die Thronbesteigung mit der Krönung. Die eigentliche Legitimation als Sohn Gottes erfolgt in der Umarmung. Der neugeborene Prinz und sein Ka (Lebenskraft) wird von einer Gottheit (hier Horus) dem obersten Gott (Amun) präsentiert, der ihn als seinen Sohn anerkennt. In der Beischrift heisst es in frappanter Ähnlichkeit zu Ps 2,7: «Mein geliebter leiblicher Sohn, den ich eines Leibes mit mir (= mir zum Ebenbilde) gezeugt habe.» In der folgenden Szene folgt die Beschneidung und/oder eine Reinigung mit Wasser (Taufe!). Die Reden der helfenden Gottheiten enthalten Segenswünsche, die sich auf Lebensfülle, ewige Dauer und Weltherrschaft beziehen. Noch Alexander lässt sich in Ägypten so als rechtmässiger Pharao göttlicher Herkunft bestätigen, und auch die Weihnachtsgeschichte des Lukas greift auf diese Muster zurück.