47/1999

INHALT

Leitartikel

"Hochschulsonntag"

von Rolf Weibel

 

Vor fünfzig Jahren, am 2. September 1949, haben die Schweizer Bischöfe mit dem Staatsrat des Kantons Freiburg ein Abkommen «über die Förderung und finanzielle Sicherstellung der Universität Freiburg» geschlossen. Die Bischöfe versprachen, jährlich bis eine halbe Million Franken «durch Kirchenkollekten und nötigenfalls durch weitere Sammlungen unter den Schweizerkatholiken» aufzubringen. Ihre Zusage machten die Bischöfe von zwei Bedingungen abhängig: die Universität muss «den Charakter einer katholischen Universität» beibehalten und der Kanton Freiburg darf seine Aufwendungen für die Universität wegen der Kollekte nicht reduzieren, sondern muss sie vielmehr den Bedürfnissen entsprechend gestalten. 1949 belief sich das Budget der Universität auf 1,36 Millionen Franken, von denen der Kanton 0,985 Millionen Franken selber zu tragen hatte. 1999 beläuft sich das Budget auf 145 Millionen Franken, von denen der Kanton 42,7 Millionen Franken selber zu tragen hat; der Bund trägt mit 46,5 Millionen Franken bei und die Kantone mit ihren Hochschulbeiträgen 45,3 Millionen Franken; 10,5 Millionen Franken sind Drittmittel, wovon 1,2 Millionen Franken «katholische Beiträge».
Diese Struktur der Finanzierung ist in ihren Grössenverhältnissen für Freiburg typisch, nicht aber an und für sich. Denn die erste Finanzierungsquelle der Schweizer Universitäten sind die Kantone; Freiburg kommt allerdings für weniger als einen Drittel der Kosten auf. Über Grundbeiträge und Gelder von Organisationen wie dem Nationalfonds ist der Bund die zweitwichtigste Finanzierungsquelle. Dritte Einnahmequelle sind die Beiträge der Nichthochschulkantone aufgrund der Interkantonalen Vereinbarung über Hochschulbeiträge. Vierte Einnahmequelle sind Drittmittel, Einkünfte von Mandaten der öffentlichen Hand, von Dienstleistungen, die für den privaten Sektor geleistet werden, und Gelder aus Forschungsaufträgen und internationalen Forschungsprogrammen.
Zu diesen Drittmitteln gehören die «katholischen Beiträge», mit denen Projekte ermöglicht wurden, die über das ordentliche Budget nicht zu finanzieren gewesen wären, wie ein Forschungsprojekt zur christlichen Soziallehre, das Interdisziplinäre Institut für Ethik und Menschenrechte, das Forschungs- und Beratungsinstitut für Familienfragen.
Über die Zuteilung der «katholischen Mittel» und insbesondere des Ergebnisses der Hochschulkollekte entschied in den letzten fünfzig Jahren eine staatsrätliche Kommission, für die die Bischofskonferenz und ausgewählte katholische Organisationen ein Vorschlagsrecht hatten: der Hochschulrat. Weil der Hochschulrat aus rechtlichen Gründen ­ als Kommission ­ ausser der Kollekte keine Zuwendungen annehmen konnte, hat er der Schweizer Bischofskonferenz beantragt, eine Stiftung zu errichten, wie sie bereits im Abkommen von 1949 als Möglichkeit vorgesehen war. So verwendet nun die in der Folge von der Schweizer Bischofskonferenz am 9. März 1999 gegründete gemeinnützige Stiftung «Pro Universitate Friburgensi» künftig sowohl die bischöflich verordneten Universitätskollekten als auch Vergabungen zur Mitfinanzierung der Universität oder der ihr angegliederten Institutionen wie die Erträgnisse aus solchen Zuwendungen. Der Stiftungsrat setzt sich aus sämtlichen von der Schweizer Bischofskonferenz und den katholischen Organisationen vorgeschlagenen Mitgliedern des Hochschulrates zusammen. Dabei berät der gesamte Hochschulrat den Stiftungsrat hinsichtlich der Bedürfnisse der Universität und der zweckmässigen Verwendung der von der Stiftung aufgebrachten Fördermittel. Bei der Finanzierung von Projekten oder Veranstaltungen der Universität spricht sich der Hochschulrat mit dem Hochschulverein Freiburg über den bestmöglichen Einsatz der beiderseitigen Mittel ab. Der Hochschulverein ist, wie sein französischer Name sagt, ein Freundeskreis der Universität: Association des amis de l'université de Fribourg. Diesen Freundeskreis hatte die Universität vor allem zu jener Zeit nötig, als sie im Freiburger Volk wenig, zu wenig verankert war und das Volk von hochschulpolitischen Entscheiden ausgeschlossen war oder umgangen wurde.
Inzwischen ist auch das Freiburger Volk ein Freund seiner Universität geworden, was sich am Abstimmungswochende unmittelbar vor dem Dies Academicus auf schöne Weise gezeigt hat. Bei einer Stimmbeteiligung von 24,55% wurde mit 83,71% Ja-Stimmen ein Kredit für Universitätsbauten in der Höhe von 110 Millionen Franken angenommen (von denen knapp 50 Millionen Franken vom Kanton aufzubringen sind, während der Bundesbeitrag gut 60 Millionen Franken beträgt). Notwendig wurden diese Neubauten, weil die Zahl der in Freiburg Studierenden in den letzten Jahren stark gewachsen ist; so ist bei den Geistes- und Sozialwissenschaften im Zeitraum zwischen 1983 und 1999 die Anzahl von 3887 auf 7723 angestiegen; insgesamt dürften sich in diesem Wintersemester gegen 9000 Studierende einschreiben. Mit dem glücklichen Ausgang der Volksabstimmung kann dem in der Folge dieser Entwicklung schlimm gewordenen Raummangel abgeholfen werden.


Was glaubt die Wissenschaft?

von Erwin Nickel

 

Antwort: Sie glaubt nichts, denn ihr Ziel ist es, etwas «sicher zu wissen». Man muss anders fragen: Wie viel kann man wissen und was muss man dann noch glauben? Und da sieht die Sache schon anders aus!
Zunächst meinen wir alle, uns selbst und das, was um uns ist, richtig einzuschätzen. Und durch unser Teilhaben an der Welt ist diese Einschätzung ja auch vernünftig: Wenn wir gegen einen Baum rennen, gibt es eine Beule; wenn wir uns im Wasser vernünftig verhalten, können wir schwimmen; wenn wir Samen säen, wachsen Pflanzen; wenn wir Kaninchen zusammensperren, gibt es viele Junge; wenn wir unseren Nachbarn schädigen, haben wir ein schlechtes Gewissen. Solche Erfahrungen machen wir ohne weiteres. Haben wir damit die Welt verstanden? Wird es noch besser, wenn wir systematisch vorgehen?
Besonders in der Naturwissenschaft meinten vor einiger Zeit viele, mit angepasster Methodik könne man unser «positives Wissen» soweit vorantreiben, dass zum Glauben gar nichts übrig bleibt. Aber dieser so genannte «Positivismus» war einfach eine falsche Einschätzung der Wirklichkeit.
Freilich wollen wir die Erfolge der Naturwissenschaften nicht unterschätzen, denn besonders im materiellen Bereich verstehen wir inzwischen viel besser, wie alles funktioniert, wir können exakt beschreiben und auch voraussagen. Aber den inneren Grund, weshalb alles so ist, den wissen wir damit noch nicht. Und der Naturwissenschaftler ist so ehrlich zuzugeben, dass diese Frage von der Methodik her nicht erfasst wird.
Noch einmal: Materie in Raum und Zeit ist eben nicht nur physikalisches Geschehen, sondern findet statt infolge einer Struktur, deren eigentlicher Grund dunkel bleibt. Die grobe Materie hat sich längst zu einem merkwürdigen Wesen verpuppt, das sich zwar mittels Relativitäts- und Quantentheorien korrekt beschreiben lässt, aber damit nicht «verständlicher» wird. Namen wie Einstein, Plank, Bohr und Heisenberg sind auch dem Laien ein Begriff, und daher weiss er, dass «Materie» doch in recht merkwürdiger Weise existiert.
Was ist aufgrund dieses Sachverhaltes zu tun? Die Antwort der Universität, die sich ja um das «Universum» kümmern muss, besteht darin, dass man interdisziplinär vorgehen muss. Und für eine Institution wie die Freiburger Universität heisst das, nicht nur philosophisch, sondern auch theologisch zu fragen. Wenn es nämlich so ist, dass das All eine Schöpfung ist, deren Veranlasser und Gesetzgeber als «absolutes Wesen» definiert werden kann, das wir Gott nennen, dann muss man auf der ganzen Linie glaubhaft machen, dass nur von einem göttlichen Verursacher und Erfüller der Weltentwicklung die «Seinsgründe» erschliessbar sind. So verknüpft sich positives Wissen, philosophische Hinterfragung und theologische Auslegung zu einer menschlichen Gesamterfahrung. Zur Pflege dieses Dialoges ist die Universität da. Zwar arbeiten alle Fächer autonom, aber philosophisch ist man aufeinander angewiesen.
So gibt es zusätzlich zum allgemeinen Programm an der Freiburger Universität einen interdisziplinären Austausch zwischen Theologischer und Naturwissenschaftlicher Fakultät, und zwar im Gedenken an den Botanikprofessor Max Westermaier, der in vorbildlicher Weise wissenschaftliches Ethos und christliches Glaubenszeugnis verband und 1903 im Rufe der Heiligkeit starb. Mehr als je brauchen wir Menschen, die Wissenschaft und Technik im Dienste einer Welt sehen, die von den Grundwerten her gestaltet wird. Nur so gibt es Hoffnung für unsere Gesellschaft. Damit trägt auch das Hochschulopfer der Katholiken in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein bei, dass verantwortliche und dialogfähige Persönlichkeiten herangebildet werden!
Unser Aufsatz sollte also eine neue Überschrift erhalten. Da ist einmal die Wissenschaft, die uns die Rätsel unserer Natur erschliesst, und anderseits Philosophie und Theologie, die die Wirklichkeit hinterfragen und Geheimnisse dort stehen lassen, wo es um Glauben geht. Denn nur Rätsel lassen sich lösen, Geheimnisse verlangen eine andere Erfahrensweise. So gesehen sind Wissen und Glaube komplementär. Sie ergänzen sich und machen «die Welt» soweit verständlich, dass wir verantwortungsvoll in die Speichen des Geschehens eingreifen können. Also könnten wir als Überschrift formulieren: «Der Glaube verlängert das Wissen in die Tiefe», oder korrekter: «Der Grund des Wissens ist nur im Glauben erfahrbar.»

 

Erwin Nickel ist emeritierter Professor für Mineralogie und Petrographie an der Universität Freiburg sowie Präsident des Westermaier-Vereins.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999