19/1999

INHALT

Leitartikel

Die Hochzeit der Schöpfung

von Felix Dillier

 

Die Schöpfung zu heiligen, ist ein liturgischer Dienst, den die Kirche bei jeder Feier vollbringt. Sie segnet die Erde, die Pflanzen, die Früchte, das Wasser und vor allem das Brot und den Wein, welche durch den Heiligen Geist zum Leib und Blut Jesu Christi werden.
Die Aufgabe der Kirche ist es, die Schöpfung schöner werden zu lassen, umzuwandeln, zu vergeistigen. Sie ist das natürliche Umfeld, in das der Mensch gestellt wurde, um das Bild und die Ähnlichkeit Gottes, die er in sich trägt, zum Blühen zu bringen. Die Schöpfung ist der dem Menschen geschenkte Garten, damit er im Lobe Gottes und seiner Gegenwart leben kann; darum soll er sie lieben und umsorgen.
Trotzdem sehen wir heute, dass der Mensch diesen Lebensgarten besudelt, die Lebensquelle Luft beschmutzt, die Wälder mit ihren Geschöpfen vernichtet. All dies macht unweigerlich den Garten zur Wüste, Ort des Un-lebens.
Glücklicherweise werden sich Menschen zunehmend bewusst, welch unheilvolle und fatale Auswirkungen die handstreichähnliche Beschlagnahmung und Ausplünderung der Schöpfung durch den Menschen haben, der seinen eigenen Lebensraum damit zerstört. Täglich stellt uns die Aktualität Naturkatastrophen vor Augen als Folgen der Nichtachtung des schöpferischen Gleichgewichts im Lebensgarten, der dem Menschen anvertraut ist.
Fast könnte man zur Einsicht gelangen, der Mensch liebt die Erde nicht mehr, die ihm das Leben ermöglicht; sie wurde kurzfristig zur Quelle egoistischer Interessen und Profite degradiert. Der heilige Charakter der Erde ist unserem Bewusstsein weitgehend abhanden gekommen. Wir betrachten sie als einen unbegrenzten Supermarkt und nicht als lebendige Ganzheit, die geachtet und geliebt werden muss, um dem Menschen das Leben zu ermöglichen.
Die Welt der abendländischen Kultur und Philosophie liebt die Erde nicht, denn sie hat die Erde auf einen mathematischen und rein technischen Nenner reduziert. Nur einige Denker und Dichter haben Alarm geschlagen, ohne jedoch gehört und ernst genommen zu werden. Wir müssen die Liebe zur Erde, heiliger und unentbehrlicher Lebensraum, wiedererwecken. Dagegen hat der christliche Osten, die Orthodoxie, das Bewusstsein der Heiligkeit der Schöpfung bewahrt, und lässt es in jedem Gottesdienst aufleben.
Der Mensch, seinem Wesen entsprechend, muss auf das kosmische Wort hören, das Gott in seiner Schöpfung an ihn richtet. Seine Berufung ist es, die Verbindung, die Kommunion zwischen ihm und der Schöpfung und somit einen kosmischen Messianismus herzustellen, um die Heiligkeit alles Erschaffenen unmissverständlich zu verkünden.
Eine Spiritualität der Schöpfung und der Materie wiederfinden, dem Menschen, selbst Geschöpf, seine Berufung als «Schöpfer» bewusst machen, sind die Voraussetzungen, um den sakramentalen Charakter der Stofflichkeit neu zu entdecken.
Die Sakramente (die Mysterien) sind der privilegierte Ort dieser Wiederentdeckung, denn ihr Herz ist die durch den Heiligen Geist verklärte Materie: Brot, Wein, Wasser, Öl, Früchte der Erde und schliesslich der Mensch selbst, auf dem der Schöpfer-und-Tröster-Geist ruht. So ist die Kirche der Ort dieser grossen Verwandlung der Materie in spirituelle Möglichkeiten. Alles, was wir darbringen, ist «eucharistiert», jede Liturgie kosmisch, jedes Gebet epikletisch.
In der Bewegung der Liturgie öffnen sich die Augen und entdecken, dass die ganze Schöpfung voll der Herrlichkeit Gottes ist und dass Raum-Zeit eine immerwährende Hochzeit zwischen Gott und der Schöpfung beinhaltet: Diese Schöpfung ist der Kelch, gefüllt mit dem Feuer des Heiligen Geistes.

Grossarchimandrit Felix Dillier ist Vorstandsmitglied der Catholica Unio Schweiz, des Schweizerischen katholischen Ostkirchenwerks.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999