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Leitartikel |
Die Schöpfung zu heiligen, ist ein liturgischer Dienst, den
die Kirche bei jeder Feier vollbringt. Sie segnet die Erde, die
Pflanzen, die Früchte, das Wasser und vor allem das Brot und den
Wein, welche durch den Heiligen Geist zum Leib und Blut Jesu Christi
werden.
Die Aufgabe der Kirche ist es, die Schöpfung schöner werden
zu lassen, umzuwandeln, zu vergeistigen. Sie ist das natürliche
Umfeld, in das der Mensch gestellt wurde, um das Bild und die
Ähnlichkeit Gottes, die er in sich trägt, zum Blühen
zu bringen. Die Schöpfung ist der dem Menschen geschenkte
Garten, damit er im Lobe Gottes und seiner Gegenwart leben kann;
darum soll er sie lieben und umsorgen.
Trotzdem sehen wir heute, dass der Mensch diesen Lebensgarten
besudelt, die Lebensquelle Luft beschmutzt, die Wälder mit ihren
Geschöpfen vernichtet. All dies macht unweigerlich den Garten
zur Wüste, Ort des Un-lebens.
Glücklicherweise werden sich Menschen zunehmend bewusst, welch
unheilvolle und fatale Auswirkungen die handstreichähnliche
Beschlagnahmung und Ausplünderung der Schöpfung durch den
Menschen haben, der seinen eigenen Lebensraum damit zerstört.
Täglich stellt uns die Aktualität Naturkatastrophen vor
Augen als Folgen der Nichtachtung des schöpferischen
Gleichgewichts im Lebensgarten, der dem Menschen anvertraut ist.
Fast könnte man zur Einsicht gelangen, der Mensch liebt die Erde
nicht mehr, die ihm das Leben ermöglicht; sie wurde kurzfristig
zur Quelle egoistischer Interessen und Profite degradiert. Der
heilige Charakter der Erde ist unserem Bewusstsein weitgehend
abhanden gekommen. Wir betrachten sie als einen unbegrenzten
Supermarkt und nicht als lebendige Ganzheit, die geachtet und geliebt
werden muss, um dem Menschen das Leben zu ermöglichen.
Die Welt der abendländischen Kultur und Philosophie liebt die
Erde nicht, denn sie hat die Erde auf einen mathematischen und rein
technischen Nenner reduziert. Nur einige Denker und Dichter haben
Alarm geschlagen, ohne jedoch gehört und ernst genommen zu
werden. Wir müssen die Liebe zur Erde, heiliger und
unentbehrlicher Lebensraum, wiedererwecken. Dagegen hat der
christliche Osten, die Orthodoxie, das Bewusstsein der Heiligkeit der
Schöpfung bewahrt, und lässt es in jedem Gottesdienst
aufleben.
Der Mensch, seinem Wesen entsprechend, muss auf das kosmische Wort
hören, das Gott in seiner Schöpfung an ihn richtet. Seine
Berufung ist es, die Verbindung, die Kommunion zwischen ihm und der
Schöpfung und somit einen kosmischen Messianismus herzustellen,
um die Heiligkeit alles Erschaffenen unmissverständlich zu
verkünden.
Eine Spiritualität der Schöpfung und der Materie
wiederfinden, dem Menschen, selbst Geschöpf, seine Berufung als
«Schöpfer» bewusst machen, sind die Voraussetzungen,
um den sakramentalen Charakter der Stofflichkeit neu zu
entdecken.
Die Sakramente (die Mysterien) sind der privilegierte Ort dieser
Wiederentdeckung, denn ihr Herz ist die durch den Heiligen Geist
verklärte Materie: Brot, Wein, Wasser, Öl, Früchte der
Erde und schliesslich der Mensch selbst, auf dem der
Schöpfer-und-Tröster-Geist ruht. So ist die Kirche der Ort
dieser grossen Verwandlung der Materie in spirituelle
Möglichkeiten. Alles, was wir darbringen, ist
«eucharistiert», jede Liturgie kosmisch, jedes Gebet
epikletisch.
In der Bewegung der Liturgie öffnen sich die Augen und
entdecken, dass die ganze Schöpfung voll der Herrlichkeit Gottes
ist und dass Raum-Zeit eine immerwährende Hochzeit zwischen Gott
und der Schöpfung beinhaltet: Diese Schöpfung ist der
Kelch, gefüllt mit dem Feuer des Heiligen Geistes.
Grossarchimandrit Felix Dillier ist Vorstandsmitglied der Catholica Unio Schweiz, des Schweizerischen katholischen Ostkirchenwerks.