47/1999

INHALT

Der Kommentar

Entmythologisierung bis zum Nullpunkt

von Walbert Bühlmann

 

Entmythologisierung war höchst fällig und war gut. Schon seit 150 Jahren hat die in protestantischen Kreisen geübte Bibelkritik viele Aussagen des Alten und Neuen Testaments hinterfragt. Seit 50 Jahren durften auch die katholischen Theologen mitmachen, da Pius XII. 1943 in «Divino afflante Spiritu» grünes Licht gegeben hatte. R. Bultmann brachte für die Problematik die klassische Formel «Entmythologisierung» auf und erklärte, die mythologische Denkweise der alten Zeit, auch der Bibel, sei dem modernen Menschen nicht mehr zumutbar, sie müsse aber nicht eliminiert, wohl aber entmythologisiert werden, das heisst die Mythen müssten als solche durchschaut werden. K. Rahner sagte es so: Wichtig sei nicht, wie es gesagt ist, sondern was damit gemeint sei.
Man kann damit grundsätzlich einverstanden sein und sich sogar freuen, dass mit vielen alten Vorstellungen aufgeräumt wird und man dadurch nicht ungläubig, sondern eigentlich orthodoxer wird, indem man nicht mehr Mythen, im gewissen Sinn Märchen, glaubt, sondern merkt, was dahinter steckt und was bleibt.
Wie aber, wenn man die Eckpfeiler der christlichen Verkündigung selbst preisgibt und zu Gott, Jesus, Kirche, Auferstehung der Toten, ewiges Leben nicht mehr ein überzeugtes «Amen» zu sagen wagt oder gar mit dem protestantischen Theologieprofessor G. Lüdemann<1> nur noch verbittert von einem «grossen Betrug» redet? Dann wehren sich nicht bloss konservative Kreise heftig für ihren Glauben, sondern auch solche, die mit der neuen Theologie einigermassen mitgegangen sind, werden schockiert und ringen um Klarheit. Ich reihe mich in diese letzte Gruppe ein und möchte für mich und andere etwas Klarheit verschaffen. Ich beschränke mich dabei auf den Aspekt der eschatologischen Hoffnung.

1. Entmythologisierung des Himmels?

Das biblische Weltbild ­ die Erde eine Scheibe, darüber das Firmament, darüber der Himmel ­ entpuppte sich schon längst als naturwissenschaftlich falsche Vorstellung; und wie man sich den Himmel ausmalte ­ eine schöne Landschaft, eine feierliche Liturgie, ein festliches Gastmahl ­ wurde vom kritischen Denken ­ mit Recht ­ entmythologisiert. Gewiss, auch Jesus brauchte wiederholt solche Bilder. Man darf sie also weiterhin verwenden, aber muss dabei wissen ­ ohne es jedesmal sagen zu müssen: So ist es nicht!
Wie es genau ist, das kann uns der beste Theologe nicht sagen. Er kann höchstens abstrakte Begriffe gebrauchen ­ Friede, Gerechtigkeit, Erfüllung... Sobald man konkret werden möchte, wäre es nur Projektion irdischer Vorstellungen, also nur Verlängerung des irdischen Lebens. Wie es wirklich ist, weiss Gott allein, und er gibt es uns unterdessen nicht preis. Geheimnis des Glaubens! Wir können es vertrauensvoll Gott überlassen, was er uns bereitet hat, und auf unserer Pilgerreise nur hoffen, harren, gespannt sein auf Gottes grosse Überraschung<2>. Wir können höchstens sagen: Es wartet unser mehr als wir erwarten.
Die Frage nach dem Wie können wir also ruhen lassen. Wenn aber das Dass in Frage gestellt wird, wenn also das Harren auf Gottes grosse Überraschung nicht mehr oder nur so nebenbei zur Sprache kommt, dann wird die Sache sehr ernst. Im Lauf des letzten Jahres sind mir diesbezüglich einige Tatbestände begegnet, auf die ich hier aufmerksam machen möchte.
Zunächst wurde ich aufgerüttelt durch die Einsendungen von Prof. K. Schlemmer in der Schweizerischen Kirchenzeitung über neue Hochgebete. Gemeint waren vor allem jene, die U. Eigenmann herausgegeben hatte.<3> Schlemmer sagt, dass «ein Grossteil der auf dem liturgischen Werkbüchermarkt angebotenen Hochgebetstexte... den strukturellen Erfordernissen... eines Eucharistischen Hochgebetes nicht gerecht werden...» Es fehle auch der meditative Charakter und die Wirkung der Erlösung werde nur im zwischenmenschlichen Bereich gesehen, sie seien also rein horizontal und das eigentliche Heilsmysterium werde fast ausgeblendet.
Bei eigener Einsichtnahme stellte ich fest, dass dieses Urteil für die Hochgebete von U. Eigenmann nur teilweise zutrifft. Da wird schon im ersten Satz der Einführung klar gesagt: «In der Eucharistie wird das Gedächtnis von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi gefeiert...» (7) Man spricht von der «Eucharistie als zeichenhaft-antizipierende Vorwegnahme der als Tat Gottes verheissenen Vollendung des Reiches Gottes» (9). Dann wird in der Einführung ­ mit Recht! ­ sehr betont, dass das Teilen des eucharistischen Brotes Konsequenzen hat und haben muss für das Teilen des täglichen Brotes mit den Armen. Dieser Aspekt wird aber dann der vorherrschende und verdrängt tatsächlich in vielen Hochgebeten (wohl entsprechend der Eigenart der verschiedenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen) das eigentliche Heilsmysterium. Sogar im Hochgebet für Bestattungen lesen wir nur: «Wir sind bestürzt und traurig über den Tod eines uns lieb gewordenen Menschen. Dunkel und Leere drohen sich breit zu machen. Lass uns wie sie den Weg wieder finden zum Glauben und zum Vertrauen ins Leben. Lass uns wie sie weiterhin dafür eintreten, dass allen ein Leben in Würde und Gerechtigkeit möglich wird...» (118) Wo bleibt da die eschatologische Hoffnung?
Eine ähnliche Frage muss man stellen an das neue Buch von A. Rotzetter.<4> Darin werden dem neuen Bischof von Chur sehr beachtenswerte spirituelle und pastorale Empfehlungen unterbreitet, wird sehr gut die transzendente Dimension Gottes und des Heiligen Geistes im Hier und Heute beschrieben. Aber dass Gottes Wirken auch im Dort und Dann verkündet werden müsste, scheint nicht zu den Anliegen eines Bischofs zu gehören.<5>

«Die Heimat im Himmel»

Mit Spannung habe ich anfangs Jahr die «Ökumenische Konsultation. Welche Zukunft wollen wir?» bestellt und gelesen.<6> Da wird mit den bekannten drei Schritten Sehen ­ Urteilen ­ Handeln gezeigt, dass auch in der Schweiz verschiedenste Formen der Armut vorkommen, dass wir vom Evangelium her nicht einfach hinnehmen dürfen, und schliesslich, wie wir mit guten Prinzipien und Postulaten unser Land zum 150-jährigen Jubiläum der Bundesverfassung in eine bessere Zukunft führen können. Im erwähnten zweiten Teil wird dargelegt, wie Lehre und Tun Jesu klarmachen, dass Leben in Fülle, Erfahrung des Reiches Gottes allen Menschen zukommen sollen in einer gesunden politisch-wirtschaftlichen Ordnung. Natürlich geht es im Blick auf die Zukunft unseres Landes um diese innerweltliche Ordnung. Aber in einem Kirchendokument hätte man ­ ohne eine Predigt anzuhängen ­ einen Hinweis erwartet, dass Christen und Christinnen noch auf «die Heimat im Himmel» harren (Phil 3,20) und von dieser endgültigen Hoffnung her einen zusätzlichen Impuls bekommen und den nötigen langen Atem, schon in dieser irdischen Ordnung das Wohlwollen Gottes allen Menschen erfahrbar zu machen.
Nach diesen mehr popularisierenden Publikationen griff ich noch zu einem Werk der Fachtheologie: G. Lohfink, Braucht Gott die Kirche?<7>, ein Buch, das trotz seiner 432 Seiten in einem Jahr drei Auflagen erlebte. Hier nun wird durchgehend die «Gegenwarts-Eschatologie» begründet (173), während man sich gegen eine «rein futuristische Eschatologie» ablehnend verhält (229). Denn das Reich Gottes ist schon da, es wächst im ganz gewöhnlichen Alltag, durch die Umkehr der Jesus-Jüngerinnen und -Jünger. Wie als Konzession gibt man zu: «So richtig es ist, dass uns die Auferweckung Jesu Hoffnung gibt für die eigene Auferweckung vom Tod», um dann zu betonen: «...in den Ostertexten der Evangelien geht es nirgendwo um dieses Thema. Viel eher geht es...um die Erweckung des im Tod erstarrten Gottesvolkes» (254). «Die Vorstellung, dass den Gläubigen das Heil erst nach dem Tod erreicht, die sich später im Bewusstsein vieler Christen festgesetzt hat, entspricht nicht dem Glauben der Kirche und schon gar nicht dem Bewusstsein der Urkirche. Wer die Brüder liebt, ist bereits hinübergeschritten aus dem Tod ins Leben.» (275) In der eucharistischen Versammlung hat man sich zu fragen, «wie man Werkzeug Gottes für die Welt werden kann und insofern hat die Versammlung... eschatologische Qualität» (289f.). Bei der Integrierten Gemeinde in München hat der Autor sein echtes katholisches Milieu gefunden, «viel aufgeklärter... viel weltlicher», als «Gesellschaftsgestalt», als «Welthaftigkeit» (395).

Die Erde nicht ohne Himmel

Die Gedanken dieser vier Publikationen, die hier sehr kurz wiedergegeben wurden, sind nicht falsch. Im Gegenteil, sie sind gut und auch sehr wichtig. Aber sie sind einseitig, nur horizontal. Die vertikale Dimension, die auch aufgezeigt und betont werden müsste, wird zwar nicht geleugnet, aber weitgehend verschwiegen, nur nebenbei erwähnt, wie eine Bagatelle behandelt, fast in den Abstellraum verlegt. Betrachtet man diese Dimension als nicht mehr heutig, nicht mehr salonfähig? Glaubt man, sie dem heutigen Menschen nicht mehr zumuten zu können? Nätürlich macht es Mühe, gegenüber einem Leichnam im Ernst zu glauben, dass dieser Tote lebt. In Deutschland hat eine Befragung ergeben, dass in der Altersgruppe zwischen 16 und 44 Jahren in den westlichen Bundesländern nur noch 20%, in den östlichen nur noch 12% «eine Wirklichkeit nach dem Tode» bejahen. Soll man in diesem Trend mitmachen? Oder soll man, wie auch mehr und mehr Christen, die Wiedergeburt annehmen statt das radikale Auferstehungsmodell?
Gewiss, man hat tausend Jahre und mehr im Vertikalismus übertrieben und uns beigebracht, die irdischen Güter zu verachten, um die ewigen zu gewinnen. Sogar noch die meisten Orationen im Nachkonzils-Missale überspringen leichtfüssig die irdischen Realitäten und erbeten nur das ewige Heil. Eine Revision dieser Gebete ist längst fällig. Aber soll man jetzt ins andere Extrem fallen? Das wäre fatal. Man gäbe dadurch den Kern, das Alpha und Omega, die eigentliche christliche Lehre, die Botschaft der ganzen Liturgie preis. Die Kurzformel des Glaubens, die Paulus seinen Christen und auch in die Weltstadt Rom hinein verkündete: «Christus ist gestorben und auferstanden» (Röm 14,9), gilt auch noch für unsere Zeit, ebenso seine Schlussfolgerung: «Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos... Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen», also... (1 Kor 15,13­20).
Das Heil, das Gott seinen Menschen zugedacht hat, ist nicht ein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch, in den zwei Dimensionen: immanent ­ transzendent, Erde ­ Himmel, hier und heute ­ dort und dann, Auferweckung der Toten ­ Auferweckung der Lebenden, der Leidenden, der Bedrückten. Die zeitliche Dimension beansprucht in der Tat eine unmittelbarere Dringlichkeit, die ewige hingegen eine letzte Absolutheit. Wer immer eine der beiden Dimensionen vernächlässigt oder gar leugnet, betrügt den Menschen in seinen innersten Erwartungen.

Gott und Mensch

Je mehr man infolge der Entmythologisierung an der Bibel verunsichert wird, desto mehr empfiehlt es sich, in die Schöpfung hineinzuschauen, die Grösse des Makrokosmos, die Wunder des Mikrokosmos zu bestaunen, die uns viel mehr aufgehen als früher, und weshalb von uns auch mehr gelten sollte: «Unsere fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland» (Schweizer Nationalhymne). Diesem Gott können wir es in Zuversicht überlassen, wie er die Toten zum ewigen Leben auferwecken kann. Der Mensch ist ja von diesem Gott so geschaffen, dass er mit diesem Leben nie ganz zufrieden sein kann, dass er immer nach mehr verlangt. Er kann sich als denkendes Wesen nicht damit abfinden, dass mit dem Tod alles aus und fertig sein soll. Wenn nun aber schon die Schöpfung so wunderbar angelegt ist und so viel Sinn verrät, kann nicht ausgerechnet der Mensch, der diesen Sinn entdeckt und sein Leben lang dem Sinn nachspürt, schliesslich sinnlos verenden. Ein solcher Gott würde den Menschen zum Narren halten. Er wäre nicht Gott. Vielmehr wird dieser Gott, wenn der Mensch wirklich am Ende ist und alles, sogar sein Leben loslassen muss, sich als den erweisen, der er ist und diesen Menschen ­ wie Jesus ­ aus dem Tod erretten und in sein Geheimnis aufnehmen. Der Mensch steht und fällt mit Gott, und Gott steht und fällt mit dem Menschen!
J. B. Metz hat als einer der ersten die Theologie der Welt verkündet, die Bekehrung zur Welt gefordert, die Wende von der divinisierten zur hominisierten Welt beschrieben. Aber auch er sagt deutlich, dass die Geschichte als Ganze unter dem «eschatologischen Vorbehalt» stehe und dass die Kirchen ­ vor allem die Ordensleute ­ eine Nachricht an die Menschheit auszurichten hätten, nämlich die Proklamation des eschatologischen Heiles.<8>

2. Die Entmythologisierung der Erde!

Wenn L.Feuerbach, F.W. Nietzsche, S.Freud, K. Marx usw. behaupteten, Hoffnung auf den Himmel sei nur Projektion menschlicher Wünsche und Bedürfnisse, sei eine nichtige Illusion, man müsse sich darum dieser Welt zuwenden und sie verändern, und wenn heute Christen, auch Theologen, so sehr zum Einsatz für diese Welt aufrufen, dass darob die Hoffnung auf den entmythologisierten Himmel zu kurz kommt, dann wird es doch höchst fällig, nun auch die Hoffnungen auf diese Erde zu entmythologisieren!
Einsatz für diese Erde bleibt gewiss unbestritten. Aber die ganze Geschichte lehrt uns doch, dass man diese Erde nie zu einem Paradies verwandeln kann. Tatsächlich hat noch keine Revolution gehalten, was sie versprochen hat, weder die Französische noch die Russische noch die Nationalsozialistische. Auch kein Politiker hat die Versprechen, die er während der Wahlschlacht verkündete, voll ausführen können. Die neuere Geschichte führt uns geradezu grauenhaft vor Augen, wie schauderhaft egoistisch allzu viele Politiker sind, die aus ihrem armen Volk riesige Summen herauspressen, von den Ausland-Investitionen ihren Teil abschröpfen und, statt das Geld für Entwicklungsprojekte zu verwenden, es auf den Privatkonten im Ausland anlegen. Man denke an Haile Selassie, Marcos, Mobutu, Kabila, Suharto... Von Letzterem und seinem Clan schrieb man, es sei eine Kleptokratie, eine reine Diebstahl-Gesellschaft gewesen.
In der Ökumenischen Konsultation der Schweizer Kirchen werden im dritten Teil sehr gute Prinzipien für einen neuen Gesellschaftsvertrag aufgestellt. Aber ob die Schweizer Wirtschaft sich danach ausrichten wird? Und wenn sie es täte, wäre sie auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Es müssten also alle Länder der Industrienationen diese Grundsätze befolgen. Ist das nicht eine utopische Hoffnung? Insofern ist die messianisch-apokalyptische Vision, die eschatologische Hoffnung ­ für den Glaubenden ­ realistischer!
Nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus hält sich der Kapitalismus ­ zu Recht ­ als das einzig effiziente Wirtschaftssystem. Aber er müsste sehr reformiert werden, um menschenfreundlicher und umweltfreundlicher zu werden. Statt dessen protzt der Neoliberalismus gemäss den Prinzipien von A. Smith mächtig auf: Freie Bahn dem Tüchtigen, dem Starken, dem Schlauen! In der gegenwärtigen hektischen Phase der Globalisierung, Fusionierung, Maximierung der Rendite, Eliminierung der Arbeitskräfte verheisst man Wohlstand für alle, aber schafft neue Armut für viele. Man braucht den Menschen solange man ihn braucht. Nachher stellt man ihn auf die Strasse.
In dieser Struktur der Megalomanie (Grössenwahn) und des Egoismus, welcher der Mensch von Anfang an verfallen war (die Bibel sagt das mit Adam und Eva und dem Turmbau von Babel mythologisch aus), und die wohl bis zum Ende der Welt andauern wird, darf man wohl die «Sünde der Welt» sehen
Da können und sollen, Gott sei Dank, Gruppen von Jesus-Jüngerinnen und -Jüngern in kleinen Kreisen selbstlos wirken, freilich ohne sich als elitäre Gruppen zu verstehen und sich glücklich zu fühlen, weil sie wenigstens in ihrer Gemeinschaft eine heile Welt erfahren! Rings um sie herum beherrscht die «Sünde der Welt» weiterhin das Feld, und wird vielleicht erst einmal behoben werden durch das «Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt», wenn die Endmetamorphose erfolgt, die eschatologische Hoffnung als Tat Gottes verwirklicht wird, sei es in der existentiellen Apokalyptik, im Sterben des einzelnen Menschen oder am «Jüngsten Tag».
Wer eine solche «futuristische Eschatologie» als Mythos betrachtet, dem bleibt nur die Hoffnung auf diese Erde. Aber dann sind alle Menschen samt und sonders zu bedauern, nicht nur die Armen in der Dritten Welt und die Neuarmen in den Wohlstandsländern, sondern auch die Superreichen, die mit ihrem Reichtum und den Schwankungen der Börse mehr Sorgen haben als die Armen, denen Gott wie als Kompensation die Gabe geschenkt hat, dass sie ohne allen Komfort das Leben als solches zu geniessen, Freude am Leben zu haben verstehen.
Nachdem also der Himmel entmythologisiert wurde, und nun auch die Erde, bleibt das eine zu tun: sich trotzdem für diese Erde einzusetzen, das herauszuholen, was realistisch möglich ist, und zugleich auf die endgültige Erfüllung im Geheimnis Gottes zu hoffen. Die Kirchen aber, die nicht nur auf Weltebene (nur 33% der Weltbevölkerung sind Christen!), sondern jetzt auch im ehemals «christlichen Abendland» Minderheitskirchen geworden sind, haben die bleibende Aufgabe, sowohl die innerweltliche wie auch die endgültige Hoffnung zu verkünden. Die Beispiele von Japan, Indonesien usw. zeigen uns, wie auch quantitativ kleine Kirchen eine qualitativ hochwertige Botschaft durchgeben können und so auch ernst genommen werden. «Geh hin und tue desgleichen.»

 

Der Kapuzinertheologe Walbert Bühlmann hat sich als Dozent und Buchautor sein Leben lang mit den Herausforderungen der Zeit an die weltweite Kirche beschäftigt.


Anmerkungen

1 G. Lüdemann, Der grosse Betrug, Zucklampen Verlag 1998.

2 Vgl. Walbert Bühlmann, Gottes grosse Überraschung. Was nach dem Sterben auf uns wartet, Topos Taschenbuch, Matthias-Grünewald Verlag, Mainz 1993.

3 U. Eigenmann (Hrsg.), Hochgebete. Texte zum Teilen von Brot und Wein, Edition Exodus, Luzern 1996. Vgl. dazu K. Schlemmer, Der sensibelste Bereich der eucharistischen Feier, in: Schweizerische Kirchenzeitung 1998, 50­53; ders., Phänomenal und meditativ geprägt!, in: ebd. 247­249, und die darin erwähnten andern Einsendungen.
Ferner: U. Eigenmann, Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Welt. Die andere Vision vom Leben, Edition Exodus, Luzern 1998.

4 A. Rotzetter, Denk daran, dass du ein Mensch bist. Geistlicher Brief an Amédée Grab, neuer Bischof von Chur, Z-Verlag, Chur 1998.

5 Eine wohltuende Ausnahme z.B. S. 47­49. Der Autor sagte mir, er hätte in einem letzten Kapitel über die Gerichtsrede die eschatologische Dimension ausdrücklicher dargestellt, aber das sei vom Verlag der Kürze halber nicht aufgenommen worden.

6 Schweizer Bischofskonferenz, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Welche Zukunft wollen wir? Bern und Freiburg i.Br. 1998.

7 Herder Verlag, 31998, 432 S.

8 J. B. Metz, Zur Theologie der Welt, München-Mainz 1968, 117, 146; ders., Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge, Freiburg i.Br. 51982.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999