SKZ 46/1998

INHALT

Kirche in der Welt

"Dialog für Österreich"

Von der Salzburger Delegierten-Versammlung berichtet Nestor Werlen

 

Sturm über Salzburg

Ein heftiger Herbststurm fegte vom 24. auf den 25. Oktober über Salzburg hinweg und riss auf dem Kapuzinerberg einen morschen Ast von einem alten, sturmerprobten Baum. Ein meteorologischer Zufall? Sowohl Erzbischof Georg Eder (Salzburg) in der sonntäglichen Homilie im Salzburger Dom ­ dann wieder im durch die Fenster in den Dom hineinflutenden Sonnenlicht ­ wie Bischof Alois Kothgasser (Innsbruck) im Abschlussgottesdienst in Maria Plain, deuteten diesen Herbststurm auf die Situation der katholischen Kirche Österreichs vor dem «Dialog für Österreich», der vom 23. bis 26. Oktober 1998 280 Delegierte nach Salzburg führte. Bischof Johann Weber (Graz), der anstelle des am Tage der Eröffnung wegen einer Beinvenenthrombose ins Spital eingelieferten Kardinals Schönborn (Wien) den Vorsitz des «Dialoges» übernehmen musste, begann seine Eröffnungsrede mit der in ihrer Offenheit verblüffenden Feststellung: «Wir sind hier, weil es uns nicht gut geht. Unversehens ist unsere Kirche in eine Situation geraten, auf die wir nicht gefasst waren.»
Zu den «Ästen», die in den letzten Jahren am «Baum» der katholischen Kirche in Österreich an-, wenn nicht sogar abgerissen wurden, zählte Bischof Weber: den «schwindenden Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung» (derzeit 73,5% gegenüber 90,5% im Jahre 1934), der «zunehmende Einfluss anderer ÐWeltenð» wie Islam oder Esoterik in all ihren Facetten, den «Zusammenbruch von Richtsicherheiten», durch den auch Lebenswege betroffen sind, die auf Dauer angelegt waren, wie Ehe oder das Priesteramt, die «Einbusse von ÐVorsprüngenð der Kirche», wenn etwa der Priester den Vorsprung an Lebenswissen, durch den er zum ersten Berater bei Lebensproblemen wurde, verloren hat, den «Autoritätsverlust der Kirche» und die «Informationslawine», die ebenfalls zu einem Bedeutungsverlust der Kirche beigetragen hat. «Alles miteinander hat dann dazu geführt ­ ich sage es jetzt sehr banal ­ dass irgendwo die Stimmung aufkam: ÐEs reicht!ð»
Nach aussen sichtbar wurden die Folgen dieses Herbststurmes in den Krisen, die mit den Irrungen und Wirrungen der «Causa Groer» entstanden, im daraus erwachsenden «Kirchenvolks-Begehren» mit 500000 Unterschriften, die die Bischöfe eindeutig überrumpelten, in den innerhalb der Bischofskonferenz damit entstandenen Gegensätzen. Dass es ob all dem nicht zum Bruch kam ­ viele redeten noch einige Tage vor Beginn des «Dialoges» von «drohendem Schisma in der Kirche Österreich» ­ ist das Verdienst des Grazer Bischofs Johann Weber und seines Nachfolgers als Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn. Sie nahmen den Dialog mit der Trägerorganisation des «Kirchenvolks-Begehrens», die spontan entstandene Bewegung «Wir sind Kirche», auf, liessen aber auch die Verbindung zum «radikalkonservativen» (Kathpress) «Club österreichischer Katholiken» (CÖK) nicht abreissen. Daraus entstand der Plan, in einer «Delegierten»-Versammlung ­ besser wäre wohl zu sagen: in einer «Nomierten»-Versammlung, denn die Wahl der Teilnehmer oblag einzig den Bischöfen ­ sich «ein für die Bischöfe repräsentatives Meinungsbild des österreichischen Katholizismus zu machen». Dabei wurde immer wieder betont, die Versammlung sei «keine Synode und kein beschlussfassendes Gremium demokratisch gewählter Repräsentanten», wohl aber eine Zusammenkunft, in der «in ausgewogener Weise alle Strömungen» vertreten seien. Soweit ein Aussenstehender es beurteilen kann, ist dieses Vorhaben gelungen; einzig bei einer Diözese wurde diesbezüglich Kritik angemeldet.
Zwar zogen zu Beginn noch einige drohende Wetterwolken auf, weil etwa Bischof Kurt Krenn (St. Pölten) erklärte, in seiner Diözese werde es diesen «Dialog» nicht geben. Der Gewitterdonner wich dann allerdings bald einer resignierten Zustimmung, wohl vor allem deswegen, weil sowohl Papst Johannes Paul II. anlässlich seines letztjährigen Österreich-Besuches wie auch Kardinal Ratzinger ihr «Placet» zum «Dialog» gaben.

Ein Dialog des Erbarmens

Von einer Zusammenkunft zu berichten, die an drei Tagen in intensiven Diskussionen in Gruppen und im Plenum bestand, wo man zusammenkam, um miteinander in der Feier der Eucharistie, in Vesper und Anbetung zu beten, ist ein «schweres Ding». Es geht darum hier einzig um die Auflistung einiger zugegebenermassen sehr subjektiven Beobachtungen.
Zuerst muss deutlich gesagt werden, dass es wirklich zu einem «geschwisterlichen Dialog» kam. Diese Erfahrung bekräftigten alle von mir Angesprochenen, viele in der Schlusssitzung ­ auch Bischof Kurt Krenn, der freilich gleich ein «Aber» hinzufügte, auf das wir noch zurückkommen müssen. Dieser Dialog heisst nun freilich nicht, dass nicht oft gegensätzliche Positionen bezogen wurden, oder dass man immer in allen Vorschlägen einig gewesen wäre. Dennoch fällt auf, dass die «Prioritäten», die man zuhanden der Österreichischen Bischofskonferenz verabschiedete, mit Mehrheiten zwischen 65 und fast 100% angenommen wurden. Oberflächlich besehen, könnte man zum Urteil kommen, dass die Leute vom «Kirchenvolks-Begehren» die «Sieger» seien, sind doch fast alle ihre Forderungen angenommen worden. Ich fand es ein typisches Zeichen des Geistes, in dem diese Versammlung stattfand, dass Thomas Plankensteiner, einer der Initiatoren des «Kirchenvolks-Begehrens», erklärte, nicht sie, sondern die Kirche Österreichs hätten gesiegt, «dies ist nicht der Sieg einer Gruppe». Und Erzbischof Georg Eder meinte: «Die Leute haben ihre Meinungen vor den Bischöfen ruhig aussprechen können, ohne dass man ihr Kirchentum angezweifelt hätte.» Professor Paul Zulehner erklärte: «Salzburg ist bereits ein Stück Kirchenreform.» Das «österreichische Kirchenschiff» liege in Salzburg «zur Reparatur auf dem Trockendock», nachdem es längere Zeit «in seichten Gewässern gedümpelt» sei. Jetzt müsse die «Reparatur» möglichst schnell gelingen, damit sich die Kirche rasch wieder «in die offene See der Gesellschaft» begeben könne.
Was mir als Beobachter besonders auffiel, war der «Dialog des Erbarmens», der in vielen Interventionen hörbar wurde. Ich denke etwa an den Prämonstratenser-Abt, der dem Plenum eindringlich von den Sorgen der Priester berichtete, die ihr Amt verlassen und oft ­ zusammen mit ihren Ehefrauen ­ in Not seien und zudem entwürdigende Verfahren auf sich nehmen müssen. Oder der Delegierte aus dem Burgenland, der sich als einer jener Katholiken offenbarte, deren Ehe gescheitert sei. «Mein Pfarrer hat mir gesagt: Mein Lieber, zwischen uns ändert sich damit nichts, du hilfst mir weiter in der Seelsorge» ­ und er sei auch heute als Kommunionhelfer tätig. Oder an den österreichischen Botschafter in Sarajevo, Valentin Inzko, der den Delegierten ausser Programm von einem erschütternden Fünf-Stunden-Gespräch mit dem katholischen Bischof von Banjaluka, Franjo Komarica, erzählte. Die Katholiken in allen Teilen Bosniens, vor allem in den muslimisch und serbisch kontrollierten Teilen, «brauchen dringend Solidarität der österreichischen Katholiken». Sein Appell «Helfen wir Bischof Komarica» fand den Niederschlag in den Vorschlägen zur Hilfe Österreichs an die Katholiken und Völker Mittelost- und Osteuropas. Botschafter Inzkos eindrücklichstes Bild: jene drei Trappistenmönche im Kloster in Banjaluka, die alle älter sind als 90 und trotzdem Tag für Tag das Gotteslob aufrechterhalten.
Überzeugend auch ­ und darauf wies Bischof Egon Kapellari (Gurk-Klagenfurt) hin ­ die «leisen» Stimmen, die nicht rhetorisch klangvoll, sondern verschüchtert, aber deswegen nicht weniger ankamen. Ich denke an jenen Priester aus Wien, der darlegte, wie sein Vater, evangelischer Pastor, ihm vor der Wegfahrt nach Salzburg gesagt habe, welcher Wert der freiwillige Zölibat des katholischen Priesters sei, «obwohl er ihn selber nicht gehalten, denn sonst wäre ich heute nicht da». Oder unscheinbare Frauen, die von ihrer Arbeit in der Caritas in vielfältiger Art berichteten, oder der Blinde, der im Salzburger Dom eine Lesung bei der Eucharistiefeier aus seiner Braille-Bibel las.
Man hätte zur Festmesse im Dom von Salzburg das Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin wählen sollen, das hätte dem Geist dieser Tage am besten entsprochen.

Und wie geht es weiter?

Diese Frage stand von Beginn an ausgesprochen oder unausgesprochen im Zentrum der Zusammenkunft. Ein Delegierter, der bereits die österreichische Synode miterlebt hatte, mahnte, diese Versammlung nicht so versanden zu lassen wie die Synode. Das Plenum gab der Bischofskonferenz den Auftrag, ein Gremium zu schaffen, dass die Aufarbeitung der Versammlung an die Hand nehmen soll. Am meisten freilich sind die Bischöfe gefordert, an die die Prioritätenliste jetzt geht, darunter so «heisse Eisen» wie die verstärkte Einbindung der Ortskirche bei Bischofsernennungen, die Diakonatsweihe für die Frau, die Seelsorge von wiederverheirateten Geschiedenen, die Überarbeitung des «Sozialwortes der Kirchen», vermehrtes Engagement der Kirche bei Flüchtlingen und Asylanten, um nur einige aufzuzählen. Aber, wie hatte Bischof Weber bei der Eröffnungsansprache gesagt: «Heisse Eisen kann man nicht auslöschen, aber sie sollen uns auch nicht verbrennen.»
Bei der Reaktion der Bischöfe ­ die selber wie alle übrigen Delegierte nur drei Minuten reden konnten, was nicht alle hoch erfreut akzeptierten ­ konnte man deutliche Nuancen in der Beurteilung feststellen. Einige wiesen auf «Spannungen zwischen den vorgetragenen Neuerungen und dem Lehramt der Kirche hin». Die Texte, die unter grossem Zeitdruck entstanden, enthalten «Zweideutigkeiten und Unschärfen». Bischof Klaus Küng (Feldkirch) meinte dazu, er sei «persönlich sehr gespannt, wie wir gemeinsam mit diesen Voten umgehen werden». Und Bischof Egon Kapellari (Gurk-Klagenfurt) wies darauf hin, dass auch in der Bischofskonferenz ein Dialoggespräch stattfinden müsse. «Ich bin froh darüber, dass wir diesen Dialog für Österreich initiiert haben», betonte Bischof Küng, und ein Pfarrer aus dem Vorarlbergischen bat ihn, in der Bischofskonferenz mutig zu dem zu stehen, was er in der Gruppe gesagt habe.
An einer Pressekonferenz in Wien nach der Versammlung in Salzburg meinte Bischof Weber, man werde sich mit den Ergebnissen von Salzburg «intensiv auseinandersetzen», aber nicht im Sinn der «Oberaufsicht». Man werde «manches registrieren, manches zur Kenntnis nehmen, aber sicher nichts ablegen». Er könne sich vorstellen, dass die Bischöfe diese Anliegen, die ein «Spiegelbild» der Kirche Österreichs seien, in Rom deponieren werden, dass es aber den einzelnen Bischöfen überlassen bleibe, welche Anliegen sie unterstützen und welche nicht. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass die österreichischen Bischöfe noch im Monat November zu ihrem «Ad-Limina»-Besuch nach Rom gehen werden. Er sprach sich dagegen aus, jeden einzelnen Satz der Voten ­ die Dokumentation wurde auf den «Sankt-Nikolaus-Tag» versprochen ­ «auf die Apothekerwaage» zu legen und nach Häresien zu durchsuchen. Auf die Frage, ob nicht die Gefahr drohe, dass die Bischöfe zwischen Rom und dem Kirchenvolk in Österreich «zerrieben» werden, sagte er: «Dass es nicht immer leicht sein wird, ist im Preis inbegriffen.»
Zum Schluss dieses Berichtes muss ich doch noch auf das «Aber» von Bischof Krenn zurückkommen. Wenn das Wort, das ich nicht selber gehört, sondern nur als Zitat im «Standard» gelesen habe: Man hätte sich die Veranstaltung ersparen können, so gefallen ist, bin ich nicht nur erschüttert, sondern empört. So eine Aussage mag für den Fürstbischof von Salzburg zur Zeit des Absolutismus, wo die «Schäfchen» wirklich nichts zu sagen hatten, am Platz gewesen sein, aber nicht für einen Bischof nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seiner Darlegung von der «communio» der Kirche. Man kann nur hoffen ­ und beten ­ dass die vatikanischen Stellen, wenn die österreichischen Bischöfe mit den Wünschen nach Rom kommen, darin das finden, was der frühere VP-Bundesparteiobmann Erhard Busek so formulierte: «Es ist eine Chance, dass es die Kirche von Österreich wieder gibt.» Erzbischof Eder sagte es, ausgehend von einem Gedicht von Ernst Ginsberg, so: Auch aus einem kahlen Strunk entsteht im Frühling Leben.
In der Woche vom 2. bis 7. November fand, jetzt wieder unter der Leitung von Kardinal Christoph Schönborn (Wien), die Herbstsitzung der Österreichischen Bischofskonferenz statt. Das Haupttraktandum waren dabei vermutlich die Beratungen in Salzburg. «Man hat uns ein Kapital des Vertrauens in die Hände gegeben», so Kardinal Schönborn an einer Pressekonferenz, «das wir nicht verspekulieren dürfen.» Änderungen auf der Ebene der Weltkirche könne er nicht ausschliessen, hingegen halte er lokale Sonderregelungen für Österreich im Zeitalter der Globalisierung für unwahrscheinlich. Zu diesen möglichen Änderungen gehöre etwa die Frage des Frauen-Diakonates. «Ich weiss noch nicht, ob es der Wille Gottes ist, dass der Frauen-Diakonat kommen soll. Ich bin offen dafür, habe mir aber noch keine endgültige Meinung gebildet.» Kardinal Schönborn machte keinen Hehl daraus, dass unter den österreichischen Bischöfen nicht in allen Fragen des «Dialogs für Österreich» Einigkeit bestehe. Doch, es gebe «über nichts ein Redeverbot».
In diesem Zusammenhang noch zwei Stimmen von anderen Bischöfen: Bischof Klaus Küng von Feldkirch meinte, der «Dialog für Österreich» habe «viele Impulse» gebracht. Echter Dialog aber bestehe auch im «Hören», darum dürfe man nicht nur «einseitig nach Rom fahren», sondern müsse auch auf die Stimme des Papstes hören und auch auf die Stimme Gottes im Gebet lauschen. Bischof Egon Kapellari von Gurk-Klagenfurt warnte davor, das «Miteinander in Salzburg» zu verspielen. Die in Salzburg erarbeiteten Vorschläge werden «weiterhin auf dem Tisch der Kirche in Österreich bleiben», sie dürfen nicht tabuisiert werden. Er werde mithelfen, dass die Vorschläge noch vertieft werden, ein übereiliges Tempo aber lasse er sich nicht aufzwingen.
Der nächste «Akt» wird nun in Rom stattfinden, wohin die österreichischen Bischöfe in der letzten November-Woche zu ihrem «Ad-Limina»-Besuch fahren werden. Sie haben versprochen, dorthin «eine vollständige Dokumentation» über die Versammlung in Salzburg mitzunehmen. Damit, so der «Kurier», «heben sie den ÐDialog für Österreichð von der regionalen Ebene auf die Ebene der Weltkirche». Es könnte ein spannender Akt werden!

 

Der Kapuziner Nestor Werlen arbeitet als Kirchenhistoriker und nimmt für uns die Berichterstattung von verschiedenen weltkirchlich bedeutsamen Ereignissen wahr.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998