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Kirche in der Welt |
Ein heftiger Herbststurm fegte vom 24. auf den 25. Oktober über
Salzburg hinweg und riss auf dem Kapuzinerberg einen morschen Ast von einem
alten, sturmerprobten Baum. Ein meteorologischer Zufall? Sowohl Erzbischof
Georg Eder (Salzburg) in der sonntäglichen Homilie im Salzburger Dom
dann wieder im durch die Fenster in den Dom hineinflutenden Sonnenlicht
wie Bischof Alois Kothgasser (Innsbruck) im Abschlussgottesdienst
in Maria Plain, deuteten diesen Herbststurm auf die Situation der katholischen
Kirche Österreichs vor dem «Dialog für Österreich»,
der vom 23. bis 26. Oktober 1998 280 Delegierte nach Salzburg führte.
Bischof Johann Weber (Graz), der anstelle des am Tage der Eröffnung
wegen einer Beinvenenthrombose ins Spital eingelieferten Kardinals Schönborn
(Wien) den Vorsitz des «Dialoges» übernehmen musste, begann
seine Eröffnungsrede mit der in ihrer Offenheit verblüffenden
Feststellung: «Wir sind hier, weil es uns nicht gut geht. Unversehens
ist unsere Kirche in eine Situation geraten, auf die wir nicht gefasst waren.»
Zu den «Ästen», die in den letzten Jahren am «Baum»
der katholischen Kirche in Österreich an-, wenn nicht sogar abgerissen
wurden, zählte Bischof Weber: den «schwindenden Anteil der Katholiken
an der Gesamtbevölkerung» (derzeit 73,5% gegenüber 90,5%
im Jahre 1934), der «zunehmende Einfluss anderer ÐWeltenð»
wie Islam oder Esoterik in all ihren Facetten, den «Zusammenbruch
von Richtsicherheiten», durch den auch Lebenswege betroffen sind,
die auf Dauer angelegt waren, wie Ehe oder das Priesteramt, die «Einbusse
von ÐVorsprüngenð der Kirche», wenn etwa der Priester
den Vorsprung an Lebenswissen, durch den er zum ersten Berater bei Lebensproblemen
wurde, verloren hat, den «Autoritätsverlust der Kirche»
und die «Informationslawine», die ebenfalls zu einem Bedeutungsverlust
der Kirche beigetragen hat. «Alles miteinander hat dann dazu geführt
ich sage es jetzt sehr banal dass irgendwo die Stimmung aufkam:
ÐEs reicht!ð»
Nach aussen sichtbar wurden die Folgen dieses Herbststurmes in den Krisen,
die mit den Irrungen und Wirrungen der «Causa Groer» entstanden,
im daraus erwachsenden «Kirchenvolks-Begehren» mit 500000 Unterschriften,
die die Bischöfe eindeutig überrumpelten, in den innerhalb der
Bischofskonferenz damit entstandenen Gegensätzen. Dass es ob all dem
nicht zum Bruch kam viele redeten noch einige Tage vor Beginn des
«Dialoges» von «drohendem Schisma in der Kirche Österreich»
ist das Verdienst des Grazer Bischofs Johann Weber und seines Nachfolgers
als Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph
Schönborn. Sie nahmen den Dialog mit der Trägerorganisation des
«Kirchenvolks-Begehrens», die spontan entstandene Bewegung «Wir
sind Kirche», auf, liessen aber auch die Verbindung zum «radikalkonservativen»
(Kathpress) «Club österreichischer Katholiken» (CÖK)
nicht abreissen. Daraus entstand der Plan, in einer «Delegierten»-Versammlung
besser wäre wohl zu sagen: in einer «Nomierten»-Versammlung,
denn die Wahl der Teilnehmer oblag einzig den Bischöfen sich
«ein für die Bischöfe repräsentatives Meinungsbild
des österreichischen Katholizismus zu machen». Dabei wurde immer
wieder betont, die Versammlung sei «keine Synode und kein beschlussfassendes
Gremium demokratisch gewählter Repräsentanten», wohl aber
eine Zusammenkunft, in der «in ausgewogener Weise alle Strömungen»
vertreten seien. Soweit ein Aussenstehender es beurteilen kann, ist dieses
Vorhaben gelungen; einzig bei einer Diözese wurde diesbezüglich
Kritik angemeldet.
Zwar zogen zu Beginn noch einige drohende Wetterwolken auf, weil etwa Bischof
Kurt Krenn (St. Pölten) erklärte, in seiner Diözese werde
es diesen «Dialog» nicht geben. Der Gewitterdonner wich dann
allerdings bald einer resignierten Zustimmung, wohl vor allem deswegen,
weil sowohl Papst Johannes Paul II. anlässlich seines letztjährigen
Österreich-Besuches wie auch Kardinal Ratzinger ihr «Placet»
zum «Dialog» gaben.
Von einer Zusammenkunft zu berichten, die an drei Tagen in intensiven
Diskussionen in Gruppen und im Plenum bestand, wo man zusammenkam, um miteinander
in der Feier der Eucharistie, in Vesper und Anbetung zu beten, ist ein «schweres
Ding». Es geht darum hier einzig um die Auflistung einiger zugegebenermassen
sehr subjektiven Beobachtungen.
Zuerst muss deutlich gesagt werden, dass es wirklich zu einem «geschwisterlichen
Dialog» kam. Diese Erfahrung bekräftigten alle von mir Angesprochenen,
viele in der Schlusssitzung auch Bischof Kurt Krenn, der freilich
gleich ein «Aber» hinzufügte, auf das wir noch zurückkommen
müssen. Dieser Dialog heisst nun freilich nicht, dass nicht oft gegensätzliche
Positionen bezogen wurden, oder dass man immer in allen Vorschlägen
einig gewesen wäre. Dennoch fällt auf, dass die «Prioritäten»,
die man zuhanden der Österreichischen Bischofskonferenz verabschiedete,
mit Mehrheiten zwischen 65 und fast 100% angenommen wurden. Oberflächlich
besehen, könnte man zum Urteil kommen, dass die Leute vom «Kirchenvolks-Begehren»
die «Sieger» seien, sind doch fast alle ihre Forderungen angenommen
worden. Ich fand es ein typisches Zeichen des Geistes, in dem diese Versammlung
stattfand, dass Thomas Plankensteiner, einer der Initiatoren des «Kirchenvolks-Begehrens»,
erklärte, nicht sie, sondern die Kirche Österreichs hätten
gesiegt, «dies ist nicht der Sieg einer Gruppe». Und Erzbischof
Georg Eder meinte: «Die Leute haben ihre Meinungen vor den Bischöfen
ruhig aussprechen können, ohne dass man ihr Kirchentum angezweifelt
hätte.» Professor Paul Zulehner erklärte: «Salzburg
ist bereits ein Stück Kirchenreform.» Das «österreichische
Kirchenschiff» liege in Salzburg «zur Reparatur auf dem Trockendock»,
nachdem es längere Zeit «in seichten Gewässern gedümpelt»
sei. Jetzt müsse die «Reparatur» möglichst schnell
gelingen, damit sich die Kirche rasch wieder «in die offene See der
Gesellschaft» begeben könne.
Was mir als Beobachter besonders auffiel, war der «Dialog des Erbarmens»,
der in vielen Interventionen hörbar wurde. Ich denke etwa an den Prämonstratenser-Abt,
der dem Plenum eindringlich von den Sorgen der Priester berichtete, die
ihr Amt verlassen und oft zusammen mit ihren Ehefrauen in Not
seien und zudem entwürdigende Verfahren auf sich nehmen müssen.
Oder der Delegierte aus dem Burgenland, der sich als einer jener Katholiken
offenbarte, deren Ehe gescheitert sei. «Mein Pfarrer hat mir gesagt:
Mein Lieber, zwischen uns ändert sich damit nichts, du hilfst mir weiter
in der Seelsorge» und er sei auch heute als Kommunionhelfer
tätig. Oder an den österreichischen Botschafter in Sarajevo, Valentin
Inzko, der den Delegierten ausser Programm von einem erschütternden
Fünf-Stunden-Gespräch mit dem katholischen Bischof von Banjaluka,
Franjo Komarica, erzählte. Die Katholiken in allen Teilen Bosniens,
vor allem in den muslimisch und serbisch kontrollierten Teilen, «brauchen
dringend Solidarität der österreichischen Katholiken». Sein
Appell «Helfen wir Bischof Komarica» fand den Niederschlag in
den Vorschlägen zur Hilfe Österreichs an die Katholiken und Völker
Mittelost- und Osteuropas. Botschafter Inzkos eindrücklichstes Bild:
jene drei Trappistenmönche im Kloster in Banjaluka, die alle älter
sind als 90 und trotzdem Tag für Tag das Gotteslob aufrechterhalten.
Überzeugend auch und darauf wies Bischof Egon Kapellari (Gurk-Klagenfurt)
hin die «leisen» Stimmen, die nicht rhetorisch klangvoll,
sondern verschüchtert, aber deswegen nicht weniger ankamen. Ich denke
an jenen Priester aus Wien, der darlegte, wie sein Vater, evangelischer
Pastor, ihm vor der Wegfahrt nach Salzburg gesagt habe, welcher Wert der
freiwillige Zölibat des katholischen Priesters sei, «obwohl er
ihn selber nicht gehalten, denn sonst wäre ich heute nicht da».
Oder unscheinbare Frauen, die von ihrer Arbeit in der Caritas in vielfältiger
Art berichteten, oder der Blinde, der im Salzburger Dom eine Lesung bei
der Eucharistiefeier aus seiner Braille-Bibel las.
Man hätte zur Festmesse im Dom von Salzburg das Evangelium von der
Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin wählen sollen, das hätte dem
Geist dieser Tage am besten entsprochen.
Diese Frage stand von Beginn an ausgesprochen oder unausgesprochen im
Zentrum der Zusammenkunft. Ein Delegierter, der bereits die österreichische
Synode miterlebt hatte, mahnte, diese Versammlung nicht so versanden zu
lassen wie die Synode. Das Plenum gab der Bischofskonferenz den Auftrag,
ein Gremium zu schaffen, dass die Aufarbeitung der Versammlung an die Hand
nehmen soll. Am meisten freilich sind die Bischöfe gefordert, an die
die Prioritätenliste jetzt geht, darunter so «heisse Eisen»
wie die verstärkte Einbindung der Ortskirche bei Bischofsernennungen,
die Diakonatsweihe für die Frau, die Seelsorge von wiederverheirateten
Geschiedenen, die Überarbeitung des «Sozialwortes der Kirchen»,
vermehrtes Engagement der Kirche bei Flüchtlingen und Asylanten, um
nur einige aufzuzählen. Aber, wie hatte Bischof Weber bei der Eröffnungsansprache
gesagt: «Heisse Eisen kann man nicht auslöschen, aber sie sollen
uns auch nicht verbrennen.»
Bei der Reaktion der Bischöfe die selber wie alle übrigen
Delegierte nur drei Minuten reden konnten, was nicht alle hoch erfreut akzeptierten
konnte man deutliche Nuancen in der Beurteilung feststellen. Einige
wiesen auf «Spannungen zwischen den vorgetragenen Neuerungen und dem
Lehramt der Kirche hin». Die Texte, die unter grossem Zeitdruck entstanden,
enthalten «Zweideutigkeiten und Unschärfen». Bischof Klaus
Küng (Feldkirch) meinte dazu, er sei «persönlich sehr gespannt,
wie wir gemeinsam mit diesen Voten umgehen werden». Und Bischof Egon
Kapellari (Gurk-Klagenfurt) wies darauf hin, dass auch in der Bischofskonferenz
ein Dialoggespräch stattfinden müsse. «Ich bin froh darüber,
dass wir diesen Dialog für Österreich initiiert haben»,
betonte Bischof Küng, und ein Pfarrer aus dem Vorarlbergischen bat
ihn, in der Bischofskonferenz mutig zu dem zu stehen, was er in der Gruppe
gesagt habe.
An einer Pressekonferenz in Wien nach der Versammlung in Salzburg meinte
Bischof Weber, man werde sich mit den Ergebnissen von Salzburg «intensiv
auseinandersetzen», aber nicht im Sinn der «Oberaufsicht».
Man werde «manches registrieren, manches zur Kenntnis nehmen, aber
sicher nichts ablegen». Er könne sich vorstellen, dass die Bischöfe
diese Anliegen, die ein «Spiegelbild» der Kirche Österreichs
seien, in Rom deponieren werden, dass es aber den einzelnen Bischöfen
überlassen bleibe, welche Anliegen sie unterstützen und welche
nicht. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass die österreichischen
Bischöfe noch im Monat November zu ihrem «Ad-Limina»-Besuch
nach Rom gehen werden. Er sprach sich dagegen aus, jeden einzelnen Satz
der Voten die Dokumentation wurde auf den «Sankt-Nikolaus-Tag»
versprochen «auf die Apothekerwaage» zu legen und nach
Häresien zu durchsuchen. Auf die Frage, ob nicht die Gefahr drohe,
dass die Bischöfe zwischen Rom und dem Kirchenvolk in Österreich
«zerrieben» werden, sagte er: «Dass es nicht immer leicht
sein wird, ist im Preis inbegriffen.»
Zum Schluss dieses Berichtes muss ich doch noch auf das «Aber»
von Bischof Krenn zurückkommen. Wenn das Wort, das ich nicht selber
gehört, sondern nur als Zitat im «Standard» gelesen habe:
Man hätte sich die Veranstaltung ersparen können, so gefallen
ist, bin ich nicht nur erschüttert, sondern empört. So eine Aussage
mag für den Fürstbischof von Salzburg zur Zeit des Absolutismus,
wo die «Schäfchen» wirklich nichts zu sagen hatten, am
Platz gewesen sein, aber nicht für einen Bischof nach dem Zweiten Vatikanischen
Konzil und seiner Darlegung von der «communio» der Kirche. Man
kann nur hoffen und beten dass die vatikanischen Stellen, wenn
die österreichischen Bischöfe mit den Wünschen nach Rom kommen,
darin das finden, was der frühere VP-Bundesparteiobmann Erhard Busek
so formulierte: «Es ist eine Chance, dass es die Kirche von Österreich
wieder gibt.» Erzbischof Eder sagte es, ausgehend von einem Gedicht
von Ernst Ginsberg, so: Auch aus einem kahlen Strunk entsteht im Frühling
Leben.
In der Woche vom 2. bis 7. November fand, jetzt wieder unter der Leitung
von Kardinal Christoph Schönborn (Wien), die Herbstsitzung der Österreichischen
Bischofskonferenz statt. Das Haupttraktandum waren dabei vermutlich die
Beratungen in Salzburg. «Man hat uns ein Kapital des Vertrauens in
die Hände gegeben», so Kardinal Schönborn an einer Pressekonferenz,
«das wir nicht verspekulieren dürfen.» Änderungen
auf der Ebene der Weltkirche könne er nicht ausschliessen, hingegen
halte er lokale Sonderregelungen für Österreich im Zeitalter der
Globalisierung für unwahrscheinlich. Zu diesen möglichen Änderungen
gehöre etwa die Frage des Frauen-Diakonates. «Ich weiss noch
nicht, ob es der Wille Gottes ist, dass der Frauen-Diakonat kommen soll.
Ich bin offen dafür, habe mir aber noch keine endgültige Meinung
gebildet.» Kardinal Schönborn machte keinen Hehl daraus, dass
unter den österreichischen Bischöfen nicht in allen Fragen des
«Dialogs für Österreich» Einigkeit bestehe. Doch,
es gebe «über nichts ein Redeverbot».
In diesem Zusammenhang noch zwei Stimmen von anderen Bischöfen: Bischof
Klaus Küng von Feldkirch meinte, der «Dialog für Österreich»
habe «viele Impulse» gebracht. Echter Dialog aber bestehe auch
im «Hören», darum dürfe man nicht nur «einseitig
nach Rom fahren», sondern müsse auch auf die Stimme des Papstes
hören und auch auf die Stimme Gottes im Gebet lauschen. Bischof Egon
Kapellari von Gurk-Klagenfurt warnte davor, das «Miteinander in Salzburg»
zu verspielen. Die in Salzburg erarbeiteten Vorschläge werden «weiterhin
auf dem Tisch der Kirche in Österreich bleiben», sie dürfen
nicht tabuisiert werden. Er werde mithelfen, dass die Vorschläge noch
vertieft werden, ein übereiliges Tempo aber lasse er sich nicht aufzwingen.
Der nächste «Akt» wird nun in Rom stattfinden, wohin die
österreichischen Bischöfe in der letzten November-Woche zu ihrem
«Ad-Limina»-Besuch fahren werden. Sie haben versprochen, dorthin
«eine vollständige Dokumentation» über die Versammlung
in Salzburg mitzunehmen. Damit, so der «Kurier», «heben
sie den ÐDialog für Österreichð von der regionalen Ebene
auf die Ebene der Weltkirche». Es könnte ein spannender Akt werden!
Der Kapuziner Nestor Werlen arbeitet als Kirchenhistoriker und nimmt für uns die Berichterstattung von verschiedenen weltkirchlich bedeutsamen Ereignissen wahr.