SKZ 31-32/1998

INHALT

Kirche in der Welt

Eine christliche Begegnung Maghreb-Maschrek

übersetzt von Josef Brunner

 

Vom 26. bis 30. Januar 1998 haben wir, Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien, uns getroffen in Maadi bei Kairo. Wir sind gekommen aus den Ländern der arabischen Welt, von Mauretanien bis Irak, sogar aus der Türkei und dem Iran, um miteinander zu beten und nachzudenken über unsere gemeinsame apostolische Ver-antwortung in unseren Regionen. Auf der Initiative der Bischofskonferenz von Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen), der sich der Bischof von Nouakschott (Mauretanien) beigesellt hat, und nachdem wir die Versammlung der katholischen Patriarchen des Mittleren Ostens informiert haben, beantragten die Kirchen des Maghreb, sich mit Brüdern und Schwestern der katholischen Kirchen des Mittleren Orients zu treffen. Mit dem Beistand von Missio Aachen hat der koptische katholische Patriarch, seine Heiligkeit Stephanos II. Ghattas uns aufgenommen im Priesterheim von Maadi, das von den Franziskanerschwestern vom Kreuz des Libanon geführt wird. Der Patriarch stand auch unserer ersten Eucharistiefeier in der koptischen Liturgie vor. Im Laufe unseres Treffens gab er uns die Möglichkeit, eine engere Begegnung mit der katholischen Gemeinschaft der Stadt Kairo zu erleben. Auch hat uns der Apostolische Nuntius im Namen des Hl. Stuhles Mut zugesprochen. Wir hatten ebenfalls die Freude, in unserer Mitte das Zeugnis von zwei koptisch-orthodoxen Delegierten zu hören von der Diözese Bahira, die verantwortlich ist für ihren christlichen Dienst im Maghreb.
Unsere Tagung hatte zum Ziel, die Zusammenarbeit zu erweitern, damit wir unser christliches Zeugnis im Innern der arabischen Gesellschaft (auch der iranischen und türkischen) besser wahrnehmen, da wo Gott uns durch Geburt oder Berufung zu leben bestimmt.

Unsere Verschiedenheiten und die Annahme unserer gemeinsamen Berufung

Zuerst haben wir gemeinsam die besonderen, recht verschiedenen Situationen festgestellt, in denen sich jedes unserer Länder und jede unserer Kirchen befindet. Wie Ihr wisst, trotz dem kostbaren Erbe aus der Zeit der hl. Cyprian und Augustinus sind im Maghreb die Christen von ausserhalb des Landes, in dem sie jetzt leben, gekommen. Was die Kirchen des Maschrek betrifft, sind sie entstanden durch das christliche Zeugnis der apostolischen Zeiten. Noch heute leben sie nach den ältesten Traditionen des Christentums, wobei sie weiterhin die Verantwortung des evangelischen Zeugnisses in der arabischen Welt und im heutigen Iran und in der Türkei wahrnehmen.
Doch trotz dieser verschiedenen Situationen hatten wir die Freude und die grosse Gnade, uns gegenseitig als Christen zu begrüssen und zu entdecken, dass wir vom Herrn einen gleichen Auftrag erhalten haben. So sind wir heute gemeinsam mit unseren christlichen Mitbrüdern und Mitschwestern die eine Kirche Christi in unseren Ländern und in dieser Region der Welt. Von neuem haben wir diese Situation entdeckt als eine Berufung. In der Kraft des Geistes ruft uns Gott, heute Gegenwart Christi zu sein für unsere Mitmenschen in Gesellschaften, in denen die meisten Bewohner Gott entgegenwandern im Rahmen des Islam.
Euch wollen wir einige unserer Überzeugungen ausdrücken, die in uns gewachsen sind bei dieser Begegnung. Wir werden es vorerst tun, indem wir die gemachten Entdeckungen und die Eindrücke unterscheiden, je nachdem wir aus Nordafrika oder aus dem Mittleren Orient kommen.

Christen aus dem Maghreb

Jene von uns, die im Maghreb leben, sind sich vollkommen bewusst, was wir den Kirchen des Maschrek schulden. Sie sind uns seit langem vorausgegangen in der Treue zum Zeugnis mitten in der arabischen (oder türkischen und iranischen) Welt, und dies oft in sehr schwierigen Zeiten der Geschichte.
Meist ist es dank dieser Kirchen des Maschrek, dass wir die arabische Sprache gelernt und die arabische Kultur entdeckt haben. Von ihnen erhalten wir viele Elemente unserer Gebete, wenn wir sie arabisch ausdrücken.
Schon seit langem haben sie uns Brüder und Schwestern geschickt, die mit uns Zeugnis geben im Maghreb. Ihre doppelte Zugehörigkeit, arabisch und christlich, ist ein einzigartiges Zeichen der Universalität des Evangeliums.

Christen aus dem Maschrek

Jene unter uns, die aus dem Maschrek kommen, haben betont, dass sie ab jetzt aufmerksamer geworden sind gegenüber dem Leben der Kirchen im Maghreb. Sie finden in den Aussagen einen Anruf, ihre konfessionelle Abschottung aufzugeben und sich einer aufgeschlossenen apostolischen Verantwortung, die jeder Einzelkirche normalerweise zukommt, zu öffnen. Dieser Aufruf bestärkt, was ihnen gesagt worden war in dem Apostolischen Schreiben des Papstes für den Libanon und in den Briefen der Patriarchen. Übrigens haben sich in mehreren Ländern des Mittleren Ostens die Kirchen schon erste Strukturen gegeben, die ihnen erlauben, einen grösseren Anteil am christlichen Zeugnis in der ganzen Region zu nehmen. Und die Christen des Maschrek, die im Maghreb gelebt haben, unterstreichen, dass sie sich dort ihrer eigentlichen Identität als arabische Christen und als Gläubige anderer orientalischer Kulturen bewusster geworden sind.
Gemeinsam haben wir auch tiefer erfasst, dass die Kirche in jedem unserer Länder und in unserer ganzen Region nicht in erster Linie für sich selber da ist, sondern nach dem Willen Jesu für das Wohl des ganzen Menschen und aller Menschen.

Anregungen für eine bessere Mitverantwortung

Während unseres Treffens haben wir gesucht, miteinander voranzuschreiten in der Zusammenarbeit unserer gemeinsamen Verantwortung für den Dienst und das Zeugnisgeben in unseren Regionen. Dazu haben wir verschiedene Fragen studiert, die sich ergeben, um unsere gemeinschaftliche Arbeit zu vertiefen. Wir werden die genaueren Endergebnisse den christlichen Gemeinschaften bekanntmachen im Rechenschaftsbericht unserer Bemühungen. In der heutigen Botschaft wollen wir Euch mit den Grundzügen bekanntmachen.
Zuerst haben wir gesucht, wie man das Bewusstsein einer gemeinsamen apostolischen Verantwortung auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens unserer Regionen fördern kann. Das Apostolat entsteht in der Ortskirche und muss genährt und unterhalten werden durch diese Ortskirchen mit den verschiedenen Mitteln ihrer Tätigkeit und der Ausbildung.
Sodann haben wir Anregungen gegeben für die Bildung von Strukturen, die besser ausdrücken können, dass jede apostolische Aussendung von einem Land ins andere geschieht im Namen einer Ortskirche, die Dienerin einer Schwesterkirche sein will.
Wir haben ebenso Vorschläge gemacht, damit in eine Schwesterkirche auszusendende Christen vor der Ausreise vorbereitet und religiös motiviert seien. Dabei sollen sie auch unterrichtet werden über die notwendigen Verhaltensregeln, die die Achtung der Person sichern. Wir haben auch besprochen, wie diese Personen angenommen und unterhalten werden können in den Ländern, in die sie gesandt werden.
Auf grösserer Ebene haben wir überlegt, wie wir in Zukunft das christliche Zeugnis in der Umgebung, in der wir leben, zu fördern vermögen; auch wie wir in islamischem Milieu die Theologie der nichtchristlichen Religionen verstehen und so aufnehmen können, wie die Gesamtkirche sie uns heute vorlegt.
Schliesslich haben wir gesucht, uns klar zu machen, wie die arabischen Christen, bei allem Respekt vor ihren Partnern, heute mutig ihre christliche Identität ausstrahlen dürfen und müssen. Und dies mitten in der arabischen Gesellschaft und Kultur, besonders durch die Massenmedien und das berufliche und zivile Leben.

Herausforderungen und Hoffnungen

In einer Situation der Zerbrechlichkeit oder der Prüfungen, die viele unserer Gemeinschaften erfahren, können wir uns einschliessen lassen in pessimistische Analysen, sogar in Ängste oder Groll. Wir alle aber haben besser erkannt, dass gerade in diesen Situationen von Schwäche unsere Hoffnung und unsere Aufgabe des Zeugnisses wachsen müssen. Wir sind die Diener eines Herrn, der gehorsam geworden ist bis zum Tod am Kreuz, damit die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes bekannt werde, eine Liebe, die bis zur Totalhingabe geht.
Um jeden Tag unsere Treue zu erneuern, haben wir den vielgestaltigen Schatz der Traditionen der orientalischen Kirchen oder jener des hl. Augustinus. Wir haben aber auch das mutige Zeugnis vieler christlicher Gemeinschaften des Maghreb und des Maschrek. Vielmal haben wir in den Besprechungen unsern Willen betont, unsere tägliche Treue in diesen Ländern zu leben als eine Weiterführung des Geheimnisses der Menschwerdung Christi. Wir suchen im Antlitz des auferstandenen Christus, dem Zeichen des getreuen Gottes, die Erleuchtung unseres Lebens und die erwartete Vervollkommnung unserer Gesellschaften. Unsere Kirchen existieren, wie unser Herr, um der Ankunft des Reiches Gottes zu dienen, für alle und überall.
Wir wollten auf diese Weise den Dynamismus und die Freude unserer Zusammenkunft mit Euch teilen, die Frucht des Hl. Geistes unter uns. Wir empfehlen Eurem Gebet, besonders jenem der klösterlichen Gemeinschaften, und Eurer Treue zum Evangelium alle einzelnen Anregungen, die wir miteinander beschlossen haben und deren Text Ihr übrigens erhalten werdet. Wir bitten Maria, unsere Liebe Frau der Apostel, sie möge für uns alle, wie an Pfingsten, den Hl. Geist erbitten, von dem jede apostolische Fruchtbarkeit kommt.


Die katholische Kirche im Maghreb

 

Im ganzen arabischen Raum zählt man etwa 10 bis 12 Millionen arabische Christen verschiedener Gemeinschaften, davon allein etwa 6 Millionen in Ägypten. Im Maghreb selber ist nach der Unabhängigkeit der verschiedenen Staaten der grösste Teil der europäischen Einwohner, die meist Christen waren, ausgewandert. So kann man annehmen, dass heute 95 bis 99% der Bevölkerung Muslime sind. Die Beziehungen mit den christlichen Minderheiten sind je nach Land verschieden.
In Marokko (27 Millionen Einwohner) besteht die katholische Minderheit aus kaum 50000 Gläubigen in den zwei Diözesen Rabat und Tanger. Es sind dies meistens ausländische Studenten aus Schwarzafrika und Europa sowie viele Berufstätige. Neben der Betreuung der Katholiken arbeiten Priester und Ordensleute in Spitälern, Privat- und Handwerkerschulen und anderen sozialen Hilfswerken. Durch ihr Wirken zum Wohl der Bevölkerung sind die interreligiösen Beziehungen vielfach herzlich. Ein ausserordentliches Ereignis war der Besuch des Papstes Johannes Paul II., der von König Hassan II. eingeladen worden war, um zu 90000 islamischen Jugendlichen zu sprechen, weil, wie der König sagte, «wir Ihren Einsatz, Ihre Barmherzigkeit und Ihre Diskretion schätzen».
In Algerien (28 Millionen) ist die Situation weit delikater. Zwar hatte schon seit über 100 Jahren die Kirche sich intensiv eingesetzt zum Wohl der einheimischen Bevölkerung wie auch nach der Unabhängigkeit. Der 1996 verstorbene Kardinal Duval in Algier war durch seine Parteinahme für ein freies Algerien hochgeschätzt in Regierung und Volk. Doch seit dem Ausbruch des Kampfes der islamischen Fundamentalisten mit den Regierungskräften und dem Terror gegenüber der Bevölkerung (1992) sind viele von den noch verbliebenen Christen ausgewandert. Es bleibt also eine wirklich kleine Minderheit von Katholiken, vor allem Ordensleute und einige hundert Laienhelfer, die weiterhin in Krankenhäusern und anderen Sozialdiensten arbeiten. Und dass vor allem die Ordensleute von der islamischen Bevölkerung dafür geschätzt und geliebt werden, zeigte die Anteilnahme, die sie bei der Ermordung der vier Weissen Väter in Tizi Ouzou, der sieben Trappisten in Tibhirine und des Bischofs Claverie in Oran bezeugten. Doch die Präsenz der christlichen Minderheit beschränkt sich in dieser schwierigen politischen Lage auf ihr diskretes Zeugnis christlicher Nächstenliebe unter der Leitung von Erzbischof Tessier und seiner drei Mitbrüder im bischöflichen Dienst.
Tunesien (9 Millionen) ist ein von Touristen vielbesuchtes gastfreundliches Land. Die islamische Regierung wehrt sich energisch gegen den aggressiven Fundamentalismus im Land. Die Katholiken haben seit einigen Jahren einen arabischen Bischof, gebürtig aus Jordanien, Mgr. Fuad Twal. Die Kirche unterhält sehr geschätzte kulturelle und soziale Einrichtungen: eine Klinik, eine Reihe Schulen, Gruppen für religiös gemischte Familien und Orte des Dialoges zwischen Christen und Muslimen. Dabei hat das von den Weissen Vätern vor 70 Jahren gegründete Dialogzentrum IBLA in Tunis beachtlichen Einfluss unter den Intellektuellen. Es besteht also eine tolerante Atmosphäre zwischen Christen und Muslimen, obwohl der Kurzbesuch des Papstes vom 14. April 1996 mit Zurückhaltung begrüsst wurde.
Libyen (5,5 Millionen) zählt, obwohl von Europa isoliert, die grösste Zahl an Christen im Maghreb, mehr als 50000 Gläubige verschiedener christlicher Kirchen. Es sind dies vor allem Kopten aus Ägypten und Chaldäer aus Irak, die als Fremdarbeiter hier leben. Zahlreiche Ordensschwestern arbeiten im Gesundheitsdienst der Regierung. Ein Franziskanerbischof und seine Mitbrüder betreuen seelsorgerlich die Christen. Im Februar 1976 hatte der Führer des Landes, Oberst Gaddafi, ein Dialog-Seminar einberufen und dazu eine Delegation aus dem Vatikan unter der Leitung von Kardinal Pignedoli eingeladen. Das Seminar fand ein beträchtliches Echo überall. Seither gibt es bescheidene Dialogversuche zwischen der Da'wa islamiyya Libyens und dem Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog in Rom.

Josef Brunner


Die katholische Kirche im Maschrek

 

Die arabischen Geographen unterscheiden seit dem Mittelalter den Westen (Maghreb), den Raum zwischen Libyen und Marokko, vom Osten (Maschrek), dem Raum zwischen Ägypten und Irak; heute wird mit Maghreb meist der westliche Teil der arabisch-muslimischen Welt Nordafrikas von Libyen bis Mauretanien umschrieben und zum Maschrek die am östlichen Mittelmeer gelegenen arabisch-muslimischen Länder von Ägypten bis Syrien gerechnet. So stimmt der Maschrek manchmal ­ aber nicht immer ­ mit dem Nahen Osten überein, wobei zudem die Abgrenzung zwischen dem Nahen und dem Mittleren Osten nicht einheitlich gehandhabt wird. Geht es um Christen im Nahen Osten, werden meist die im folgenden aufgelisteten Länder berücksichtigt. Eine herausragende Besonderheit des christlichen Bevölkerungsteils des Nahen Ostens ist die Vielfalt der Kirchen, denen er angehört. Das hat zum einen mit der Herkunft dieser Kirchen aus den frühchristlichen Patriarchaten Alexandreia, Jerusalem, Antiocheia und Konstantinopel zu tun und anderseits mit durch Verfolgung ausgelösten Fluchtbewegungen. Mit Ausnahme des Libanon sind die Christen und Christinnen in diesen Ländern eine Minderheit, im Unterschied zum Maghreb indes eine starke Minderheit und zudem autochthon (wirklich einheimisch). Aus diesem Grunde sind in den einzelnen Ländern bestimmte Kirchen zahlenmässig stärker als andere. Weil statistische Angaben sehr differieren, verwenden wir für unsere Übersicht das Zahlenmaterial einer neueren Publikation, die als kompakte Einführung zum Thema empfehlenswert ist: Jean-Michel Billioud, Histoire des chrétiens d'Orient, Collection «Comprendre le Moyen-Orient», Editions L'Harmattan, Paris 1995, 250 pages. (Mit fast durchgehend höheren Zahlen rechnet Jean-Pierre Valognes, Vie et mort des chrétiens d'Orient. Des origines à nos jours, Fayard, Paris 1994, 973 pages.)

Ägypten: christlich sind 5,7% der Bevölkerung. Die grösste Kirche ist die (altorientalisch-orthodoxe) koptische, die über 98% der Christenheit in Ägypten umfasst. Die anderen Kirchen sind Minderheiten; von ihnen sind katholisch: die unierten Kopten, die Maroniten, die griechisch-katholischen Melkiten, die unierten Chaldäer, die Lateiner, die unierten Westsyrer und die unierten Armenier.

Libanon: christlich sind 43,8% der Bevölkerung. Die grösste Kirche bilden mit einem Anteil an der christlichen Bevölkerung von über 38% die Maroniten, die einzige Ostkirche, die als ganze mit der Kirche von Rom in Gemeinschaft steht. Grosse Gemeinschaften bilden die griechisch-orthodoxe Kirche mit einem Anteil von etwa 23%, die griechisch-katholisch-melkitische Kirche mit einem Anteil von fast 20% und die (altorientalisch-orthodoxe) armenische Kirche mit einem Anteil von gut 15%. Kleinere katholische Gemeinschaften bilden die unierten Kopten, die unierten Chaldäer, die Lateiner, die unierten Westsyrer und die unierten Armenier.

Syrien: christlich sind 6,4% der Bevölkerung. Die grösste Kirche ist die griechisch-orthodoxe mit einem Anteil von 57%; grössere Gemeinschaften bilden ferner die (altorientalisch-orthodoxe) armenische Kirche und die griechisch-katholisch-melkitische Kirche mit einem Anteil von je gut 12%. Kleine katholische Gemeinschaften werden gebildet von den Maroniten, den unierten Chaldäern, den Lateinern, den unierten Westsyrern und den unierten Armeniern.

Irak: christlich sind 1,4% der Bevölkerung. Die grösste Gemeinschaft ist eine unierte ostsyrische, die chaldäische Kirche mit einem Anteil von gut 83%. Die (altorientalisch-orthodoxe) westsyrische Kirche hält einen Anteil von gut 18%. Kleine katholische Gemeinschaften werden gebildet von den unierten Kopten, den griechisch-katholischen Melkiten, den Lateinern, den unierten Westsyrern und den unierten Armeniern.

Jordanien: christlich sind 4,2% der Bevölkerung. Die grösste Kirche ist mit einem Anteil von rund 55% die griechisch-orthodoxe; die lateinische Kirche hat einen Anteil von etwa 25%, die griechisch-katholisch-melkitische einen Anteil von fast 15%. Kleine katholische Gemeinschaften werden gebildet von den unierten Kopten und den unierten Armeniern.

Israel: christlich sind 2,1% der Bevölkerung. Die grösste Kirche ist mit einem Anteil von gut 42% die griechisch-katholisch-melkitische; die griechisch-orthodoxe hat einen Anteil von etwa 32% und die lateinische einen Anteil von gut 12%. Kleine katholische Gemeinschaften werden gebildet von den unierten Kopten, den Maroniten, den unierten Westsyrern und den unierten Armeniern.

Besetzte Gebiete: christlich sind 3,8% der Bevölkerung. Mit einem Anteil von 58% ist die griechisch-orthodoxe Kirche die grösste christliche Gemeinschaft. Die Lateiner kommen auf einen Anteil von gut 21%; kleine katholische Gemeinschaften werden gebildet von den unierten Kopten, den Maroniten, den griechisch-katholischen Melkiten, den unierten Westsyrern und den unierten Armeniern.

Türkei: christlich sind 0,2% der Bevölkerung. Die grösste Kirche ist die (altorientalisch-orthodoxe) armenische Kirche mit einem Anteil von fast 49%; einen Anteil von fast 29% erreicht die (altorientalisch-orthodoxe) westsyrische Kirche.

Naher Osten: In den hier aufgelisteten Ländern beträgt der Anteil der Christen und Christinnen an der Wohnbevölkerung 3,8%. Die grösste Kirche bilden die Kopten (aller Riten): sie umfassen gut die Hälfte aller Christen und Christinnen; die griechisch-orthodoxe Kirche hat einen Anteil von gut 15%, die Maroniten kommen auf gut 9%, die griechisch-katholischen Melkiten auf gut 7%, die (altorientalisch-orthodoxe) armenische Kirche auf fast 7%, die unierten Chaldäer auf gut 4%, die (altorientalisch-orthodoxe) westsyrische Kirche auf gegen 3%. Die anderen Kirchen bilden auch im Reigen der christlichen Kirchen des Nahen Ostens insgesamt Minderheiten. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die (altorientalisch-orthodoxe) armenische Kirche hauptsächlich in Armenien beheimatet ist und dass die vielen Ostkirchen in dem Sinne Diasporakirchen geworden sind, dass grosse Teile von ihnen in der Neuzeit nach Europa sowie Nord- und Südamerika ausgewandert sind.

Rolf Weibel


Algerien: Warum trotzdem noch bleiben?

von Josef Brunner

 

Seit sechs Jahren dauert der mörderische Krieg in Algerien und hat schon über 70000 Tote gefordert. Warum bleiben denn die Missionare noch dort und setzen sich Gefahren aus? P. Etienne Renaud, der frühere Generalobere der Weissen Väter (Afrikamissionare) und Rektor des Päpstlichen Institutes für arabische und islamische Studien in Rom (PISAI) gibt dafür eine Antwort: «Nicht Bekehrung, sondern Dialogbereitschaft und Anteilnahme mit der islamischen Bevölkerung in diesen schweren Leiden ist der Grund dieser Präsenz.» In einem Vortrag in Paris sprach er vor allem über das, was die Weissen Väter betrifft, die in Algerien und anderen islamischen Ländern Nordafrikas leben.

Bleiben oder weggehen?

Es ist eine Frage, die nicht nur eine religiöse Gemeinschaft angeht; denn sie ist Teil der Ortskirche, und mit der Ortskirche werden solche Entschlüsse beraten. Zudem stellt sich diese Frage nicht nur heute in Algerien. Schon früher musste man sich darüber entscheiden, zum Beispiel im Bürgerkrieg im Libanon, in Uganda unter Idi Amin, heute in Rwanda, in Burundi, im Kongo/Zaire, im Sudan...Eine absolute Antwort gibt es nicht.
Nachdem in Algerien vier Weisse Väter ermordet worden waren, schrieb der Generalrat der Gemeinschaft an die Mitbrüder der Ermordeten unter anderem: «Angesichts der Drohungen, die Ihr erhaltet, seid Ihr innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, bei jenen zu bleiben, die Euch aufgenommen haben als ihre Brüder, und dem Entschluss, abzureisen, der ein vernünftiger Entschluss zu sein scheint. Jeder ist vor dieses Dilemma gestellt.» Jedem wurde die Entscheidung freigestellt. Doch ein solcher Entschluss betrifft schliesslich auch jedes Glied der Ortskirche.

Tiefere Beweggründe

Es ist wichtig nachzudenken über die tieferen Beweggründe. die eine Gemeinschaft bewegen, solche Gefahren anzunehmen. So schrieb kurz vor seiner Ermordung der Bischof von Oran, Mgr. Claverie: «Wir sind weder Propheten noch Fanatiker, weder Helden noch willenlose Sklaven. Wir haben aber mit den Algeriern Beziehungen, die niemand zerstören kann, nicht einmal der Tod. Wir sind einfach Jünger Christi, das ist alles!...Wir schenken unsere Zeit, die letzten Momente unseres Lebens, hier gegenwärtig zu sein, nur um auszudrücken: Ich will bei dir sein, auch in deinen Leiden...In einer solchen Zeit beweist die Kirche, dass sie nicht nur für sich selber da ist.»
Und der Jüngste der ermordeten Weissen Väter, P. Chessel, schrieb einige Monate vor seinem Tod: «Christus ist nie so sehr Erlöser gewesen wie am Kreuz. Darum bittet er uns, den gleichen Weg zu gehen wie er. Wenn wir selber schwach sind, schauen wir anders auf jene, die in ihrer Schwachheit zu uns kommen.» Die Algerier selber haben dies sehr wohl verstanden, die bekannten: «Ihr habt das Lager der Unterdrückten gewählt.»
Es ist erstaunlich, dass nur selten in ihrer Geschichte die Kirche ein so klares Zeugnis dessen gegeben hat, was sie eigentlich sein soll: Trägerin der christlichen Botschaft in ihrer ganzen Reinheit. Es besteht kein Zweifel, dass diese Botschaft schliesslich mehr Kraft hat und Herz und Gewissen der Menschen weit mehr berührt als imposante Bauten von Kirchen. In einem Brief an Erzbischof Tessier in Algier schrieb eine islamische Familienmutter: «Wir danken der Kirche, dass sie bei uns bleibt.»

Warum diese Verschwendung?

Gewiss hört man den Vorwurf: «Warum verliert Ihr Eure Zeit hier, wo doch niemand sich zum Christentum bekehrt?» Dazu hat das Zweite Vatikanische Konzil deutlich gesagt, dass der Dialog mit den anderen Religionen zu einem wesentlichen Teil des Auftrages der Kirche gehöre. Gewiss weiss man, dass der heute vielerorts herrschende islamische Fundamentalismus diesen Dialog behindert. Doch wenn wir dies auch bedauern, dürfen wir doch daran erinnern, dass viele Muslime diesen Extremismus ebenso beklagen wie wir. Gespräch aber ist ein notwendiges Mittel gegen diesen Fanatismus.
Es gibt ermutigende Zeichen eines Dialogs, besonders unter den Intellektuellen. So wurde in Tunesien ein Weisser Vater als Berater bei der Erneuerung der Geschichts- und Religionsbücher für die tunesischen Schulen herbeigezogen, um zu begutachten, ob die Darstellung des Christentums richtig ausgedrückt sei. Eine Forschergruppe von islamischen und christlichen Intellektuellen (GRIC) arbeitet seit vielen Jahren an der Untersuchung verschiedener gemeinsamer Themen. Die Staatsuniversität Zituna in Tunis ist kürzlich an das Päpstliche Institut für arabische und islamische Studien in Rom gelangt, um mit ihm zusammenzuarbeiten. Es sind dies Früchte einer jahrelangen Freundschaft und Gemeinschaftsarbeit. Das heisst auch gegenseitige Treue in Schicksalsschlägen, wie dies nicht nur in Algerien, sondern ebenso in vielen anderen Regionen Afrikas der Fall ist.

 

Josef Brunner ist Afrikamissionar (Weisser Vater) und im Ruhestand in Luzern journalistisch tätig.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998