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Theologie |
Nachdem sich die Schweizerische Theologische Gesellschaft vor einem Jahr mit der grundsätzlichen Frage nach dem Ort der Theologie in der modernen Universität beschäftigt hatte, nahm sie sich am diesjährigen Herbstkolloquium der Frage nach dem Bild in der Theologie an. Dem von zwei Instituten der Theologischen Fakultät der Universität Lausanne (dem Institut des sciences bibliques und dem Institut romand de pastorale) vorbereiteten Kolloquium ging die Jahresversammlung der Gesellschaft voraus, die sich neben den statutarischen Geschäften vor allem mit der von ihrem Präsidenten Martin Rose (Universität Neuenburg) gut vorbereiteten Statutenrevision zu befassen hatte. Weil es sich um die erste Statutenrevision des 1965 gegründeten Vereins handelt, konnte sie trotz der guten Vorbereitung nicht ganz durchberaten werden; ein bemerkenswertes Ergebnis der Detailberatung ist der Entscheid, feminine Formen zu verwenden und in einer Fussnote anzumerken, dass Männer mitgemeint seien kein Bild, aber doch ein Zeichen.
In zwei Einführungsreferaten wurde zunächst nach dem theologischen
Ort des Bildes gefragt. Bernard Rordorf (Autonome Theologische Fakultät
Genf) ging dabei vom Bilderverbot aus, durch das zum Ausdruck gebracht werde,
dass Gott auf kein Element dieser Welt zurückgeführt werden könne.
Das Verbot wolle also weniger die nicht darstellbare Transzendenz Gottes
bestätigen als vielmehr den unvorhersehbaren Charakter seiner Nähe.
Diese habe kein Bild, «weil sie immer neu und überraschend ist
und dadurch geschichtsschöpferisch». Wenn sie sich ereignet,
dann um uns und die Welt über das hinaus umzugestalten, was wir uns
vorstellen können. Bilder aber verhüllen «die Abwesenheit
im Kommen».
Noch deutlicher werde der Ort des Bildes durch die Unterscheidung zwischen
Bild und Kunstwerk. Das Bild ist Zeichen, das Kunstwerk Form: «Das
Zeichen bezeichnet, das Kunstwerk bezeichnet sich.» Ein Kunstwerk
ist lebendig, es macht sichtbar; es macht das, was jedem Objekt vorausliegt,
sichtbar: die «vor-prädikative» Welt, die Stiftung, die
erste Ungeschuldetheit. Das Kunstwerk selbst ist das Reale und hat die Macht,
uns zu verändern: die Bedeutung und das Ereignis sind eins.
Im Bild, das der Ordnung des Zeichens, der Repräsentation angehört,
ist diese Stiftung neutralisiert: Deshalb läuft in einer Zivilisation
des Bildes, wo die Beziehung zu sich, zu den anderen und zur Welt mehr und
mehr durch die Bilder vermittelt wird, der Mensch Gefahr, nur noch sich
selbst zu begegnen. Die Krise der modernen Kunst stelle die Frage nach der
Zukunft einer Kultur, in der sich der Mensch wesentlich als Macher versteht
und wo die Beziehung zur Stiftung, zur ersten Güte des Seins problematisch
wird zu jener Güte oder Schönheit, die die erste Schöpfungsgeschichte
in sieben Wiederholungen bekräftigt.
In sieben Thesen begründete François Bspflug (Katholisch-Theologische
Fakultät Strassburg) anschliessend seine Aufforderung, die Geschichte
der christlichen Kunst als theologischen Ort ernst zu nehmen und Kunstwerke
wie theologische Texte theologisch zu «lesen». Dabei ging er
vor allem auf die Gottesbilder ein, die, anders als die vom Zweiten Konzil
von Nizäa erlaubten Christusbilder, sehr zahlreich sind und unter künstlerischer
Rücksicht ein Erbe von verschwenderischem Reichtum darstellen. Ihr
theologischer Ort indes ist, trotz verschiedener Versuche, ihnen eine Legitimität
zu verschaffen, im allgemeinen prekär. François Bspflug sprach
von einem unkontrollierten «libido videndi», weshalb sich Dissidente
gegen Gott-Vater-Darstellungen gewandt haben.
Die Christen, so eine grundsätzliche These von François Bspflug,
sind den Bildern gegenüber frei. Sie verleugnen sich nicht, wenn sie
es vorziehen, sich unter bestimmten Umständen von ihnen abzuwenden;
es ist aber ebenso löblich, wenn sie im Sinn haben, ihren Weg mit ihnen
zu gehen.
Diese Gottesbilder sind im visuellen Unbewussten vieler christlicher wie
nichtchristlicher Abendländer aber immer noch sehr wirksam. Ihre historische
Erinnerung ist für die Geschichte der Wahrnehmung Gottes sehr wichtig.
Unter diesen Gottesbildern gibt es allerdings auch fragwürdige, die
zurückgewiesen werden müssen. Als Beispiel für die Kraft
von Bildern führte François Bspflug den vor Damaskus vom Pferd
stürzenden Saulus an, obwohl in der Apostelgeschichte von einem Pferd
nicht die Rede ist.
In der Theologie wird die christlich inspirierte Kunst als theologischer
Ort kaum bedacht, Theologen befassen sich kaum mit ikonographischen Phänomenen,
die einer Erklärung bedürften: mit Bildmotiven, die in den Texten
keine Entsprechung haben, oder mit dem Phänomen, dass die christliche
Kunst des 19. Jahrhunderts heute zurückgewiesen wird.
Jedes bildnerische Gottesbild hat über seine historische Situation,
seinen ikonographischen Sinn und seine ästhetische Qualität hinaus
einen theologalen Wert, den die Theologen zu würdigen versuchen müssten.
Dazu wäre eine Methodologie der theologischen Wahrnehmung zu entwickeln,
wobei die ikonographischen Typen und eine Hierarchie der Stile, Motive usw.
zu berücksichtigen wären. Denn es gibt Bilder, die einmal lebbar
waren, die es heute aber nicht mehr sind.
In zwei weiteren Beiträgen ging es um Herkunft und Alter der Kultbildlosigkeit
der judäisch-jüdischen Religion und um das Problem der Bildpredigten.
In einem mit einer reichhaltigen ikonographischen Dokumentation des Bilderkultes
im Palästina der Eisenzeit (IIIII) visualisierten Abendvortrag
zeigte Christoph Uehlinger (Biblisches Institut der Universität Freiburg)
den Weg vom Bilderkult zu seinem Verbot als Etappen eines Bruches auf. Ausserbiblische
Quellen belegen, dass spätestens im 4. vorchristlichen Jahrhundert
das in der Tora geforderte Kultbildverbot offizieller Praxis entsprach.
Eingehender diskutierte er die Antworten auf die Frage nach dem Alter dieser
Kultbildlosigkeit. Neben der Meinung, der JHWH-Kult sei schon immer bildlos
gewesen, gibt es die Differenzierung zwischen faktischer Bildlosigkeit (de
facto aniconism, der den Massebenkult zulässt) und programmatischer
Bildlosigkeit (programmatic aniconism). Hier stellt sich die Frage nach
dem Übergang vom faktischen zum programmatischen Anikonismus, zumal
sich das Verbot schliesslich auch gegen den Massebenkult richtete.
Darauf antwortete Christoph Uehlinger mit den Thesen, der israelitisch-jüdische
Kult, die JHWH-Verehrung eingeschlossen, habe über Jahrhunderte neben
Masseben auch Kultbilder gekannt und das Kultbilderverbot sei ein Problem
der (exilisch-)nachexilischen Religionsgeschichte. Mit Dias von archäologischen
und inschriftlichen Primärquellen aus der Eisenzeit veranschaulichte
er die erste These. Mit biblischen Texten stützte er sodann die These,
dass die Bilderverbotstexte eine jahrzehntelange Debatte um die Kultbildlosigkeit
implizieren und dass der zeitlicher Kontext des Bruchs die «frühnachexilische»
Zeit, also die Perserzeit sei. Mit wachsendem zeitlichem Abstand sei zudem
das Dass wichtiger geworden als das Warum; so seien denn auch die Gründe
und Hintergründe des Kultbildverbotes vergessen gegangen bzw. durch
neue Begründungen ersetzt worden. Zu den ursprünglichen Gründen
rechnet Christoph Uehlinger den wirtschaftlichen Kontext: die Abwehr von
phöniko-ägyptischer Einfuhr, Abwehr auch der verführerischen
Gegenseite (der phönizische Ba'al und die ägyptischen Apis, Isis
und Osiris), die Entwicklung eines anderen Universalismus sowie den Ersatz
der Kultbilder durch den Namen, den Leuchter und die Tora.
Während das Bilderverbot ausschliesst, schliesst die Bildpredigt als
eine mögliche Form, das Evangelium zu kommunizieren, ein. Bilder, auch
Sprachbilder sind anschaulich und können Inhalte wie Affekte vermitteln,
führte Horst Schwebel (Universität Marburg) aus. Sprachbilder
hat der Prediger als Metaphern im Kopf, und sie können auf Dinge verweisen,
die es gibt. Bei gemalten Bildern ist zu unterscheiden zwischen Bildern,
die veranschaulichen, und «autonomen» Kunstwerken. Auch diese
können Metaphern sein bis hin zur «absoluten Metapher»,
die sich jeder Versprachlichung entzieht.
Für die westliche Bildtheologie war das Bild die littera laicorum,
das, was die Ungebildeten lesen konnten. Für Horst Schwebel gab es
den entscheidenden Bruch, den Durchbruch zum «autonomen» Bild
in der Frühromantik. Seither und in der Moderne vollends ist das Bild
das Modell einer ganzheitlichen Erfahrung. In der Predigt ist das Bild deshalb
eine Quelle von Erfahrung, der ein biblischer Text als Quelle des Evangeliums
zugeordnet werden muss. Das Bild und der Text sind gleichsam die Brennpunkte
einer Ellipse. Keine darf ausfallen, fehlen oder nicht auf die andere bezogen
sein. Es gibt Bilder, die sich der Versprachlichung ganz entziehen und die
sich deshalb für die Bildpredigt nicht eignen. Bei der Verwendung von
«autonomen» Bildern in der Predigt stellt sich die Frage nicht
nur der kulturellen und existentiellen Vermittlung, sondern auch und vor
allem der Vermittlung der ästhetischen Erfahrung.
Vor dem abschliessenden Plenum kamen die Teilnehmenden in Gruppen mit den
Referenten zusammen, um einzelne Aspekte der Kolloquiums-Thematik wie der
Referate im Gespräch noch zu vertiefen. In einer den Reigen der Referate
unterbrechenden ersten Runde von Ateliers wurden gleichsam Exkurse zur Hauptthematik
angeboten: Wie die Bibel in Bilder übersetzen? Eine Annäherung
aufgrund von jüdischen und christlichen Bildern der ersten Jahrhunderte
(Pierre Prigent, Universität Strassburg); Entstehung und Funktion der
Ikone: Die Lichtmystik in der orientalischen Welt (Claude Bérard,
Universität Lausanne); Die Bilderproblematik in illustrierten Kinderbibeln
(Florence Clerc, Universität Lausanne); Kunstausstellungen in Kirchen
(Horst Schwebel, Universität Marburg). Im Atelier über die Ikone
stellte Claude Bérard auf erhellende Weise die antike Malerei und
ihre Logik der Ikone und ihrer Theologie gegenüber. Während die
antike Malerei zum Beispiel ein Fenster in eine andere Welt öffnet,
unternimmt die Ikone das Gegenteil: Sie will nicht ein Fenster zum Absoluten,
sondern Fenster des Absoluten sein. Deshalb muss an ihr alles Licht sein,
wobei es wohl Dunkel geben kann, aber nicht Schatten, weil er wie die in
der antiken Malerei beliebte Perspektive das Auge täuscht. Anderseits
kann man sein Gesicht der Ikone aussetzen, die sich so dem Herzen einprägen
wird gilt es doch, nach dem Sündenfall im Sinne der «theosis»
(Vergöttlichung) das ursprüngliche Bild wiederzufinden.
Die den Ausschluss der Frau vom kirchlichen Weiheamt begründenden
Argumentationen hängen mit Typologien wie AdamChristus und EvaMaria
sowie mit einem bestimmten Bild- bzw. Repräsentationsdenken zusammen.
So wurden an der Orthodox-Altkatholischen Konsultation zur Stellung der
Frau in der Kirche und zur Frauenordination auch typologische und bildtheologische
Fragen erörtert; mehr noch: Die «Gemeinsamen Überlegungen»
und Referate dieser Konsultation wurden als Sonderdruck der IKZ
unter dem Titel «Bild Christi und Geschlecht» veröffentlicht.<1>
Auf der Umschlagseite ist eine Münze der Kaiserin Irene mit der Umschrift
«Eirine basilisse» abgebildet. Irene war die erste Frau, die
das Byzantinische Reich als Alleinherrscherin regierte; unter ihrer Regierung
wurde 787 das 7. Ökumenische Konzil, das Zweite Konzil von Nizäa,
von dem im nebenstehenden Bericht die Rede ist, abgehalten. In den offiziellen
Akten bezeichnete sie sich stets als «basileus (Kaiser)», um
so zum Ausdruck zu bringen, «dass für sie als Frau alles, was
für einen männlichen Kaiser galt, unvermindert ebenso galt»,
wie Urs von Arx in seinem Beitrag schreibt.<2>
Dazu gehörte, dass der Kaiser und so auch die regierende Kaiserin in
Byzanz nicht nur als Erwählte und Beauftragte Gottes, sondern auch
als Bild des himmlischen Allkönigs und Allherrschers betrachtet wurden.
Wurde damit das Hauptargument der Väter gegen die Frauenordination,
dass eine Frau keine leitende Stellung einnehmen und keine Autorität
ausüben könne, jedenfalls für die orthodoxen Kreise, deren
Unterstützung sie genoss, nicht gegenstandslos? Im Westen hingegen
lieferte sie den Franken bzw. dem römischen Papsttum den Vorwand, den
Kaiserthron als vakant zu betrachten, da eine Frau nicht Kaiserin sein könne;
so sollte die Krönung Karls zum Kaiser, die im Osten als Akt der Usurpation
und Reichsspaltung betrachtet wurde, legitimiert werden.
Die Konsultation, für die zwei Sitzungen anberaumt wurden, ist ein
bedeutsames Element im Gesamt des orthodox-altkatholischen theologischen
Dialogs, der seit gut 125 Jahren geführt wird und der sich aus anfänglich
inoffiziellen Kontakten zwischen Theologen zu einem offiziellen zwischenkirchlichen
Dialog entwickelt hat. So stand diese Konsultation unter dem bischöflichen
Patronat von Metropolit Damaskinos und Bischof Hans Gerny. Bemerkenswert
ist zudem das Engagement der Christkatholischen Theologischen Fakultät
der Universität Bern, der die für die Planung und Durchführung
Verantwortlichen angehören, Urs von Arx als ordentlicher Professor
und der orthodoxe Anastasios Kallis als Gastprofessor (die beiden haben
als Herausgeber den Berichtband auch eingeführt).
Die Referate der Konsultation gehen die Thematik «Stellung der Frau
in der Kirche und Frauenordination» so breit an, dass der Berichtband
über die ökumenische Fragestellung hinaus interessant ist: 1.
Die Frau in der Alten Kirche. 2. Die Zweigeschlechtlichkeit in theologischer
Perspektive. 3. Die Typologien. 4. Der Eucharistievorsitz in bildtheologischer
Perspektive. 6. Die Frauenordination in ökumenischer Perspektive. Dazu
kommen Beiträge aus tiefenpsychologischer und frauenemanzipatorischer
Sicht.
Geradezu überraschend sind die von den Herausgebern eingeleiteten «Gemeinsamen
Überlegungungen» und besonders die gemeinsame Überzeugung,
«dass keine zwingenden dogmatisch-theologischen Gründe vorliegen,
dass Frauen nicht zum priesterlichen Dienst geweiht werden... Im Hinblick
auf die Wahrung der Gemeinschaft in der jeweiligen Kirche und auf die angestrebte
Einheit der Kirchen sind bei der Beurteilung dieser Frage nicht nur dogmatisch-theologische
Gründe von Bedeutung, sondern auch sogenannte nicht-theologische Faktoren,
die das pastorale Handeln der Kirche je an ihrem Ort mitbestimmen.»<3> Trotz dieser Einschränkung ist in
den nichtrömischen katholischen Kirchen in Bewegung geraten, was noch
bis vor kurzem als unbeweglich galt.
1 IKZ 88 (1998) Heft 2, S. 65348. Der Sonderdruck: Bild Christi und Geschlecht. «Gemeinsame Überlegungen» und Referate der Orthodox-Altkatholischen Konsultation zur Stellung der Frau in der Kirche und zur Frauenordination als ökumenisches Problem, 25. Februar1. März 1996 in Levadia (Griechenland) und 10.15. Dezember 1996 in Konstancin (Polen), herausgegeben von Urs von Arx und Anastasios Kallis, ist erhältlich bei: Stämpfli AG, Postfach 8326, 3001 Bern, Fax 031-3006699.
2 S. 306, Anm. 6.
3 S. 82.