SKZ 49/1998

INHALT

Theologie

Das Bild in der Theologie

Vom Kolloquium der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft berichtet Rolf Weibel

 

Nachdem sich die Schweizerische Theologische Gesellschaft vor einem Jahr mit der grundsätzlichen Frage nach dem Ort der Theologie in der modernen Universität beschäftigt hatte, nahm sie sich am diesjährigen Herbstkolloquium der Frage nach dem Bild in der Theologie an. Dem von zwei Instituten der Theologischen Fakultät der Universität Lausanne (dem Institut des sciences bibliques und dem Institut romand de pastorale) vorbereiteten Kolloquium ging die Jahresversammlung der Gesellschaft voraus, die sich neben den statutarischen Geschäften vor allem mit der von ihrem Präsidenten Martin Rose (Universität Neuenburg) gut vorbereiteten Statutenrevision zu befassen hatte. Weil es sich um die erste Statutenrevision des 1965 gegründeten Vereins handelt, konnte sie trotz der guten Vorbereitung nicht ganz durchberaten werden; ein bemerkenswertes Ergebnis der Detailberatung ist der Entscheid, feminine Formen zu verwenden und in einer Fussnote anzumerken, dass Männer mitgemeint seien ­ kein Bild, aber doch ein Zeichen.

Zwischen Bilderverbot und Bild als «locus theologicus»

In zwei Einführungsreferaten wurde zunächst nach dem theologischen Ort des Bildes gefragt. Bernard Rordorf (Autonome Theologische Fakultät Genf) ging dabei vom Bilderverbot aus, durch das zum Ausdruck gebracht werde, dass Gott auf kein Element dieser Welt zurückgeführt werden könne. Das Verbot wolle also weniger die nicht darstellbare Transzendenz Gottes bestätigen als vielmehr den unvorhersehbaren Charakter seiner Nähe. Diese habe kein Bild, «weil sie immer neu und überraschend ist und dadurch geschichtsschöpferisch». Wenn sie sich ereignet, dann um uns und die Welt über das hinaus umzugestalten, was wir uns vorstellen können. Bilder aber verhüllen «die Abwesenheit im Kommen».
Noch deutlicher werde der Ort des Bildes durch die Unterscheidung zwischen Bild und Kunstwerk. Das Bild ist Zeichen, das Kunstwerk Form: «Das Zeichen bezeichnet, das Kunstwerk bezeichnet sich.» Ein Kunstwerk ist lebendig, es macht sichtbar; es macht das, was jedem Objekt vorausliegt, sichtbar: die «vor-prädikative» Welt, die Stiftung, die erste Ungeschuldetheit. Das Kunstwerk selbst ist das Reale und hat die Macht, uns zu verändern: die Bedeutung und das Ereignis sind eins.
Im Bild, das der Ordnung des Zeichens, der Repräsentation angehört, ist diese Stiftung neutralisiert: Deshalb läuft in einer Zivilisation des Bildes, wo die Beziehung zu sich, zu den anderen und zur Welt mehr und mehr durch die Bilder vermittelt wird, der Mensch Gefahr, nur noch sich selbst zu begegnen. Die Krise der modernen Kunst stelle die Frage nach der Zukunft einer Kultur, in der sich der Mensch wesentlich als Macher versteht und wo die Beziehung zur Stiftung, zur ersten Güte des Seins problematisch wird ­ zu jener Güte oder Schönheit, die die erste Schöpfungsgeschichte in sieben Wiederholungen bekräftigt.
In sieben Thesen begründete François Bspflug (Katholisch-Theologische Fakultät Strassburg) anschliessend seine Aufforderung, die Geschichte der christlichen Kunst als theologischen Ort ernst zu nehmen und Kunstwerke wie theologische Texte theologisch zu «lesen». Dabei ging er vor allem auf die Gottesbilder ein, die, anders als die vom Zweiten Konzil von Nizäa erlaubten Christusbilder, sehr zahlreich sind und unter künstlerischer Rücksicht ein Erbe von verschwenderischem Reichtum darstellen. Ihr theologischer Ort indes ist, trotz verschiedener Versuche, ihnen eine Legitimität zu verschaffen, im allgemeinen prekär. François Bspflug sprach von einem unkontrollierten «libido videndi», weshalb sich Dissidente gegen Gott-Vater-Darstellungen gewandt haben.
Die Christen, so eine grundsätzliche These von François Bspflug, sind den Bildern gegenüber frei. Sie verleugnen sich nicht, wenn sie es vorziehen, sich unter bestimmten Umständen von ihnen abzuwenden; es ist aber ebenso löblich, wenn sie im Sinn haben, ihren Weg mit ihnen zu gehen.
Diese Gottesbilder sind im visuellen Unbewussten vieler christlicher wie nichtchristlicher Abendländer aber immer noch sehr wirksam. Ihre historische Erinnerung ist für die Geschichte der Wahrnehmung Gottes sehr wichtig. Unter diesen Gottesbildern gibt es allerdings auch fragwürdige, die zurückgewiesen werden müssen. Als Beispiel für die Kraft von Bildern führte François Bspflug den vor Damaskus vom Pferd stürzenden Saulus an, obwohl in der Apostelgeschichte von einem Pferd nicht die Rede ist.
In der Theologie wird die christlich inspirierte Kunst als theologischer Ort kaum bedacht, Theologen befassen sich kaum mit ikonographischen Phänomenen, die einer Erklärung bedürften: mit Bildmotiven, die in den Texten keine Entsprechung haben, oder mit dem Phänomen, dass die christliche Kunst des 19. Jahrhunderts heute zurückgewiesen wird.
Jedes bildnerische Gottesbild hat über seine historische Situation, seinen ikonographischen Sinn und seine ästhetische Qualität hinaus einen theologalen Wert, den die Theologen zu würdigen versuchen müssten. Dazu wäre eine Methodologie der theologischen Wahrnehmung zu entwickeln, wobei die ikonographischen Typen und eine Hierarchie der Stile, Motive usw. zu berücksichtigen wären. Denn es gibt Bilder, die einmal lebbar waren, die es heute aber nicht mehr sind.

Zwischen Kultbilderverbot und Bildpredigt

In zwei weiteren Beiträgen ging es um Herkunft und Alter der Kultbildlosigkeit der judäisch-jüdischen Religion und um das Problem der Bildpredigten. In einem mit einer reichhaltigen ikonographischen Dokumentation des Bilderkultes im Palästina der Eisenzeit (II­III) visualisierten Abendvortrag zeigte Christoph Uehlinger (Biblisches Institut der Universität Freiburg) den Weg vom Bilderkult zu seinem Verbot als Etappen eines Bruches auf. Ausserbiblische Quellen belegen, dass spätestens im 4. vorchristlichen Jahrhundert das in der Tora geforderte Kultbildverbot offizieller Praxis entsprach. Eingehender diskutierte er die Antworten auf die Frage nach dem Alter dieser Kultbildlosigkeit. Neben der Meinung, der JHWH-Kult sei schon immer bildlos gewesen, gibt es die Differenzierung zwischen faktischer Bildlosigkeit (de facto aniconism, der den Massebenkult zulässt) und programmatischer Bildlosigkeit (programmatic aniconism). Hier stellt sich die Frage nach dem Übergang vom faktischen zum programmatischen Anikonismus, zumal sich das Verbot schliesslich auch gegen den Massebenkult richtete.
Darauf antwortete Christoph Uehlinger mit den Thesen, der israelitisch-jüdische Kult, die JHWH-Verehrung eingeschlossen, habe über Jahrhunderte neben Masseben auch Kultbilder gekannt und das Kultbilderverbot sei ein Problem der (exilisch-)nachexilischen Religionsgeschichte. Mit Dias von archäologischen und inschriftlichen Primärquellen aus der Eisenzeit veranschaulichte er die erste These. Mit biblischen Texten stützte er sodann die These, dass die Bilderverbotstexte eine jahrzehntelange Debatte um die Kultbildlosigkeit implizieren und dass der zeitlicher Kontext des Bruchs die «frühnachexilische» Zeit, also die Perserzeit sei. Mit wachsendem zeitlichem Abstand sei zudem das Dass wichtiger geworden als das Warum; so seien denn auch die Gründe und Hintergründe des Kultbildverbotes vergessen gegangen bzw. durch neue Begründungen ersetzt worden. Zu den ursprünglichen Gründen rechnet Christoph Uehlinger den wirtschaftlichen Kontext: die Abwehr von phöniko-ägyptischer Einfuhr, Abwehr auch der verführerischen Gegenseite (der phönizische Ba'al und die ägyptischen Apis, Isis und Osiris), die Entwicklung eines anderen Universalismus sowie den Ersatz der Kultbilder durch den Namen, den Leuchter und die Tora.
Während das Bilderverbot ausschliesst, schliesst die Bildpredigt als eine mögliche Form, das Evangelium zu kommunizieren, ein. Bilder, auch Sprachbilder sind anschaulich und können Inhalte wie Affekte vermitteln, führte Horst Schwebel (Universität Marburg) aus. Sprachbilder hat der Prediger als Metaphern im Kopf, und sie können auf Dinge verweisen, die es gibt. Bei gemalten Bildern ist zu unterscheiden zwischen Bildern, die veranschaulichen, und «autonomen» Kunstwerken. Auch diese können Metaphern sein bis hin zur «absoluten Metapher», die sich jeder Versprachlichung entzieht.
Für die westliche Bildtheologie war das Bild die littera laicorum, das, was die Ungebildeten lesen konnten. Für Horst Schwebel gab es den entscheidenden Bruch, den Durchbruch zum «autonomen» Bild in der Frühromantik. Seither und in der Moderne vollends ist das Bild das Modell einer ganzheitlichen Erfahrung. In der Predigt ist das Bild deshalb eine Quelle von Erfahrung, der ein biblischer Text als Quelle des Evangeliums zugeordnet werden muss. Das Bild und der Text sind gleichsam die Brennpunkte einer Ellipse. Keine darf ausfallen, fehlen oder nicht auf die andere bezogen sein. Es gibt Bilder, die sich der Versprachlichung ganz entziehen und die sich deshalb für die Bildpredigt nicht eignen. Bei der Verwendung von «autonomen» Bildern in der Predigt stellt sich die Frage nicht nur der kulturellen und existentiellen Vermittlung, sondern auch und vor allem der Vermittlung der ästhetischen Erfahrung.
Vor dem abschliessenden Plenum kamen die Teilnehmenden in Gruppen mit den Referenten zusammen, um einzelne Aspekte der Kolloquiums-Thematik wie der Referate im Gespräch noch zu vertiefen. In einer den Reigen der Referate unterbrechenden ersten Runde von Ateliers wurden gleichsam Exkurse zur Hauptthematik angeboten: Wie die Bibel in Bilder übersetzen? Eine Annäherung aufgrund von jüdischen und christlichen Bildern der ersten Jahrhunderte (Pierre Prigent, Universität Strassburg); Entstehung und Funktion der Ikone: Die Lichtmystik in der orientalischen Welt (Claude Bérard, Universität Lausanne); Die Bilderproblematik in illustrierten Kinderbibeln (Florence Clerc, Universität Lausanne); Kunstausstellungen in Kirchen (Horst Schwebel, Universität Marburg). Im Atelier über die Ikone stellte Claude Bérard auf erhellende Weise die antike Malerei und ihre Logik der Ikone und ihrer Theologie gegenüber. Während die antike Malerei zum Beispiel ein Fenster in eine andere Welt öffnet, unternimmt die Ikone das Gegenteil: Sie will nicht ein Fenster zum Absoluten, sondern Fenster des Absoluten sein. Deshalb muss an ihr alles Licht sein, wobei es wohl Dunkel geben kann, aber nicht Schatten, weil er wie die in der antiken Malerei beliebte Perspektive das Auge täuscht. Anderseits kann man sein Gesicht der Ikone aussetzen, die sich so dem Herzen einprägen wird ­ gilt es doch, nach dem Sündenfall im Sinne der «theosis» (Vergöttlichung) das ursprüngliche Bild wiederzufinden.


"Bild Christi und Geschlecht"

Die den Ausschluss der Frau vom kirchlichen Weiheamt begründenden Argumentationen hängen mit Typologien wie Adam­Christus und Eva­Maria sowie mit einem bestimmten Bild- bzw. Repräsentationsdenken zusammen. So wurden an der Orthodox-Altkatholischen Konsultation zur Stellung der Frau in der Kirche und zur Frauenordination auch typologische und bildtheologische Fragen erörtert; mehr noch: Die «Gemeinsamen Überlegungen» und Referate dieser Konsultation wurden ­ als Sonderdruck der IKZ ­ unter dem Titel «Bild Christi und Geschlecht» veröffentlicht.<1>
Auf der Umschlagseite ist eine Münze der Kaiserin Irene mit der Umschrift «Eirine basilisse» abgebildet. Irene war die erste Frau, die das Byzantinische Reich als Alleinherrscherin regierte; unter ihrer Regierung wurde 787 das 7. Ökumenische Konzil, das Zweite Konzil von Nizäa, von dem im nebenstehenden Bericht die Rede ist, abgehalten. In den offiziellen Akten bezeichnete sie sich stets als «basileus (Kaiser)», um so zum Ausdruck zu bringen, «dass für sie als Frau alles, was für einen männlichen Kaiser galt, unvermindert ebenso galt», wie Urs von Arx in seinem Beitrag schreibt.<2> Dazu gehörte, dass der Kaiser und so auch die regierende Kaiserin in Byzanz nicht nur als Erwählte und Beauftragte Gottes, sondern auch als Bild des himmlischen Allkönigs und Allherrschers betrachtet wurden. Wurde damit das Hauptargument der Väter gegen die Frauenordination, dass eine Frau keine leitende Stellung einnehmen und keine Autorität ausüben könne, jedenfalls für die orthodoxen Kreise, deren Unterstützung sie genoss, nicht gegenstandslos? Im Westen hingegen lieferte sie den Franken bzw. dem römischen Papsttum den Vorwand, den Kaiserthron als vakant zu betrachten, da eine Frau nicht Kaiserin sein könne; so sollte die Krönung Karls zum Kaiser, die im Osten als Akt der Usurpation und Reichsspaltung betrachtet wurde, legitimiert werden.
Die Konsultation, für die zwei Sitzungen anberaumt wurden, ist ein bedeutsames Element im Gesamt des orthodox-altkatholischen theologischen Dialogs, der seit gut 125 Jahren geführt wird und der sich aus anfänglich inoffiziellen Kontakten zwischen Theologen zu einem offiziellen zwischenkirchlichen Dialog entwickelt hat. So stand diese Konsultation unter dem bischöflichen Patronat von Metropolit Damaskinos und Bischof Hans Gerny. Bemerkenswert ist zudem das Engagement der Christkatholischen Theologischen Fakultät der Universität Bern, der die für die Planung und Durchführung Verantwortlichen angehören, Urs von Arx als ordentlicher Professor und der orthodoxe Anastasios Kallis als Gastprofessor (die beiden haben als Herausgeber den Berichtband auch eingeführt).
Die Referate der Konsultation gehen die Thematik «Stellung der Frau in der Kirche und Frauenordination» so breit an, dass der Berichtband über die ökumenische Fragestellung hinaus interessant ist: 1. Die Frau in der Alten Kirche. 2. Die Zweigeschlechtlichkeit in theologischer Perspektive. 3. Die Typologien. 4. Der Eucharistievorsitz in bildtheologischer Perspektive. 6. Die Frauenordination in ökumenischer Perspektive. Dazu kommen Beiträge aus tiefenpsychologischer und frauenemanzipatorischer Sicht.
Geradezu überraschend sind die von den Herausgebern eingeleiteten «Gemeinsamen Überlegungungen» und besonders die gemeinsame Überzeugung, «dass keine zwingenden dogmatisch-theologischen Gründe vorliegen, dass Frauen nicht zum priesterlichen Dienst geweiht werden... Im Hinblick auf die Wahrung der Gemeinschaft in der jeweiligen Kirche und auf die angestrebte Einheit der Kirchen sind bei der Beurteilung dieser Frage nicht nur dogmatisch-theologische Gründe von Bedeutung, sondern auch sogenannte nicht-theologische Faktoren, die das pastorale Handeln der Kirche je an ihrem Ort mitbestimmen.»<3> Trotz dieser Einschränkung ist in den nichtrömischen katholischen Kirchen in Bewegung geraten, was noch bis vor kurzem als unbeweglich galt.

Rolf Weibel


Anmerkungen

1 IKZ 88 (1998) Heft 2, S. 65­348. Der Sonderdruck: Bild Christi und Geschlecht. «Gemeinsame Überlegungen» und Referate der Orthodox-Altkatholischen Konsultation zur Stellung der Frau in der Kirche und zur Frauenordination als ökumenisches Problem, 25. Februar­1. März 1996 in Levadia (Griechenland) und 10.­15. Dezember 1996 in Konstancin (Polen), herausgegeben von Urs von Arx und Anastasios Kallis, ist erhältlich bei: Stämpfli AG, Postfach 8326, 3001 Bern, Fax 031-3006699.

2 S. 306, Anm. 6.

3 S. 82.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998