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Die andere Sicht |
Sehr geehrter P. Dr. Roland Trauffer
Aus der SKZ 3132/1998 entnehme ich, dass Sie an die Jugendseelsorgestellen
in der Deutschschweiz einen Brief geschrieben haben. Deshalb wähle
ich für eine briefliche Antwort ebenfalls den Weg über die SKZ.
Es sind drei Wochen vergangen, seit ich mit Jugendbischof Martin Gächter
ein Gespräch bezüglich der verschiedenen Treffen auf Bistums-,
nationaler und internationaler Ebene geführt habe. Dabei haben wir
eine Aussprache mit den Bundesleitern und Bundesleiterinnen von BR, JW und
VKP sowie den Verantwortlichen der Fachstelle für kirchliche Kinder-
und Jugendarbeit und dem Vorstand des Vereins deutsch-schweizerischer Jugendseelsorger
und -seelsorgerinnen vereinbart. Ziel dieses Gespräches ist es, an
der ordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins deutsch-schweizerischer
Jugendseelsorger und -seelsorgerinnen vom 24. November diese Treffen zu
thematisieren. Mein Anliegen ist es, dort im Sinne eines Hearings die verschiedenen
Erfahrungen und Einschätzungen bezüglich kirchlicher Jugendarbeit
von heute und solcher überregionaler Treffen auszutauschen.
Der Hintergrund für ein solches Hearing liegt in einer Spannung, die
wir Jugendseelsorgestellen erleben. Einerseits kommt von bischöflicher
Seite ein grosser Elan, Treffen auf grösserer Ebene zu organisieren.
Diese Form von Jugendarbeit trifft bei einigen Jugendlichen auf Interesse.
Andererseits nehmen wir tagtäglich die Situation kirchlicher Jugendarbeit
in unserer Region/unserem Kanton wahr. Hier stellen wir fest, dass, abgesehen
von den Kinder- und Jugendverbänden, die verbindliche Jugendarbeit
im kirchlichen Umfeld praktisch nicht mehr besteht. Unsere volle Aufmerksamkeit
gilt demnach der Unterstützung der Jugendverantwortlichen in den Pfarreien.
Es geht primär darum, projektbezogen mit Jugendlichen in Beziehung
zu treten. Dies ist zuerst einmal diakonische Arbeit als «Zeugnis
ohne Worte», bei der mit Jugendlichen jenes Leben geteilt und reflektiert
werden soll, das sie im Alltag erleben. Zugleich wird für und mit interessierten
Jugendlichen liturgisches Leben gepflegt und konkretes Engagement gefördert.
Unser Hauptaugenmerk als kantonale Stelle liegt bei der Unterstützung
und dem Aufbau pfarreilicher Jugendarbeit.
Wenn Sie uns nun auffordern, intensiver für das Treffen vom 12./13.
September auf dem Monte Tamaro zu werben, teilen Sie uns mit, dass wir für
dieses Treffen zuwenig tun. Damit beurteilen Sie auch unsere Arbeit und
schaffen eine Stimmung, die für uns nicht förderlich ist. Im Gespräch
mit Jugendbischof Martin Gächter und einem Hearing im November wollen
wir das von mir beschriebene Spannungsfeld genauer und breiter wahrnehmen.
Heute geht es mir darum, Ihnen zu bedenken zu geben, dass eine tiefe Beteiligung
am Treffen auf dem Monte Tamaro von Jugendlichen aus der Deutschschweiz
nicht dem schlechten Willen der Jugendseelsorgestellen zuzuschreiben ist,
sondern viel komplexere Gründe hat. Einen Sündenbock gibt es dafür
nicht! Wir engagieren uns gewissenhaft für eine lebendige kirchliche
Jugendarbeit. Wir sind daher auch froh, wenn dies als solches wahrgenommen
wird! Danke.
Am Wochenende vom 12./13. September findet in Bern anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums das grosse Jugendfest statt. Ein Datum, das ebenfalls Aufmerksamkeit verdient!
Roger Häfner-Neubauer von der JUSESO Thurgau ist Präsident des Vereins deutsch-schweizerischer Jugendseelsorger und -seelsorgerinnen.