INHALT |
Religion in der Schweiz |
Heinz Grill ist in der letzten Zeit vermehrt mit dem Sekten-Vorwurf konfrontiert
worden und hat sich dagegen gewehrt. Für ihn hat seine Yoga-Schule
nichts mit «Sekte» zu tun und ist mit dem christlichen Glauben
sehr wohl vereinbar. Dass Eigenwahrnehmung und die Wirkung auf die anderen
oft sehr weit auseinanderliegen, beweist die Schrift «Die Kirche und
ihr geistiger Weltenzusammenhang», in der Grill sein Verständnis
von Spiritualität und Kirche darstellt. Die Schrift ist, wie die andern
Schriften Grills auch, aus einem frei gesprochenen Vortrag heraus entstanden,
den Grill aus seiner inneren Schau gehalten hat. Er beginnt mit einem aufschlussreichen
Gebet: «...Erhöhe all jene Bescheidenen, die in ihrem Amte das
Gute erwählt haben, und nehme die Ver-suchung baldmöglichst von
all denen, die glauben, in Deinem Namen zu sein und es doch nicht sind.»
Die ganze Schrift ist geprägt von dieser Haltung. Es wird selbstverständlich
angenommen, dass der Autor zu den Bescheidenen gehört, die das Gute
erwählt haben, während viele andere, insbesondere natürlich
Kritiker zu denen gehören, welche nur wähnen, in «Seinem
Namen» zu sein. Schlimm an dieser Haltung ist nicht die unterschiedliche
Interpretation, sondern die Urteilsbefugnis des Autors, der sich anmasst,
darüber zu urteilen, ob jemand in Gottes Namen seine Arbeit verrichte.
Es würde ja auch keinem Kritiker Grills einfallen, ihm seine Religiosität
und seinen Glauben abzusprechen. Wenn Kritik geübt wird, dann an solcher
Verabsolutierung, welche in unterschiedlichen Übergriffen durch den
ganzen Text hindurch anzutreffen sind.
Grill unterscheidet in der Einleitung zwischen der Institution der Kirche
und dem mystischen Leib Christi. Er stellt fest, dass diese beiden niemals
identisch seien was sicher niemand bestreiten wird. Die Unterscheidung
beruht für ihn allerdings darin, dass der mystische Leib mit einer
übersinnlichen Sicht verknüpft wird, welche der reinen Erkenntnis
entspreche, während die Institution immer aus zweiter Hand der Reflexion
und Interpretation heraus lebe. Das heisst also, dass die mystische Sicht
über den Leib Christi, welche Grill aus seiner inneren Schau heraus
hat, als die reine Erkenntnis gesehen wird.
«Die weise Intelligenz», welche laut Grill «die geistige
Kirche des deutschen Volkes regiert, ist wie die Lilie auf dem Felde. Sie
erscheint erhaben, leuchtend, edel und wissend» (S. 8). Die Lilie
sei Zeugnis für eine Wahrheit in der Welt, die von Gott komme. Diese
Qualität ordnet Grill der geistigen Kirche des deutschen Volkes zu,
während er der Kirche des österreichischen Volkes die bläuliche
Blume des Vergissmeinnichtes zuordnet. Sie sei eine Erinnerung an die Frömmigkeit
und an die Dienstbereitschaft des Herzens.
Heinz Grill muss sich nicht wundern, wenn ein solches Denken für kritische
Leser schon weit jenseits eines akzeptierbaren Umfeldes liegt. Die Verherrlichung
des Deutschtums und rassistisches Gedankengut liegt von solchen Aussagen
nicht weit entfernt.
Im ersten Teil erläutert Grill nun sein Verständnis über
die Kirche und ihren geistigen Weltenzusammenhang. Er sieht in der Institution
die Tendenz, aus Ideen und Konventionen heraus sich in den Weltenzusammenhang
hineinzufügen. Dieses (menschlich) bedingte Einfügen in den Zusammenhang
erachtet er aber nicht als sehr hilfreich und einer geistlichen Entwicklung
förderlich. Gefordert sei vielmehr eine unbedingt gelebte geistige
Mitte und ein tiefes Wissen über die Welt und die Gesetze der Spiritualität.
In der Kirche sieht er eher «fixierten Glauben», währenddem
er in seiner Yoga-Schule «gelebten Glauben» wahrnimmt. Als Begründung
meint Grill: «Wenn der Glaube ein Glaube wäre, dann würde
er in einer Weite, in einer grossen Dimension der Kraft nach aussen strahlen.»
Diese Strahlung kann er aber in den christlichen Kirchen wiederum nicht
entdecken. Vielmehr ist dort Materialismus, Besitztum und Verteidigung des
eigenen Reviers gegenüber Eindringlingen auszumachen (S. 12).
Einen Ausweg findet man, wenn man geistig schauen kann, dann kann man einen
Blick hinter die Kulissen tun und erkennen, dass es keine wirklich heilige
Kirche gibt, weder in den Ätherwelten noch in den heiligen Dimensionen
des Weltenkosmos (S. 14).
Was diese Vorstellungen aus dem Umfeld anthroposophischen Denkens auch genau
bedeuten mögen die Aussage ist klar: Der Mensch trägt in
sich die höchsten Kräfte. Wenn er gelernt hat, die übersinnliche
Sicht der reinen Erkenntnis wahrzunehmen, dann kann er auf der Erde Seelen
oder Wesen binden und lösen. Diese Fähigkeit allerdings ist hier
an die innere Schau Grills gekoppelt. Priester der katholischen Kirche können
diese Fähigkeit nicht haben, da sie «immer weiter in die passive
Warte einer Art formgerechten Übermittlung rücken» (S. 15).
Während er also für sich in Anspruch nimmt, die geistliche Autorität
zur Bindung und Lösung zu haben, spricht er diese Fähigkeit den
katholischen Priestern ab und verunglimpft sie als passive Vermittler einer
«formgerechten» Botschaft. Deren «Tradition ist für
die Zukunft mit der Entwicklung des Menschseins und der Menschwerdung im
Geiste Gottes nicht mehr möglich» (S. 15). Dafür braucht
es nun eben den gelebten Glauben in einer Synthese von Gott und Individuum.
Diese Synthese sieht Grill in sich vorhanden.
In seiner Yoga-Schule bietet er den Weg zur Selbstwerdung an, der zur Einheit
mit dem Christus Gottes im Heiligen Geiste führt.
Im folgenden Abschnitt (ab S. 16) beklagt Grill, dass die Synthese von Glaube
und Realität oder von Ideal und Individualität heute etwas nahezu
Unfassbares geworden sei. Abhilfe findet man wiederum bei ihm: «Je
grösser die innerste Vision und das innerste Rückgrat zur Unterscheidung
ist, desto mehr ist ein Individuum fähig, in die Weltengeheimnisse
hineinzudringen» (S. 17). Der so aus der reinen Schau heraus veredelte
Verstand kann die Geheimnisse aus der Materie herauslesen.
Da diese Schau ja letztlich Kenntnis der göttlichen Dimension gibt,
erscheint es auch folgerichtig, dass Grill nun diese Fähigkeit des
Menschen zur inneren Schau, seine Selbstkraft, verbindet mit der Objektivkraft.
Der wahrhaft Schauende vermittelt entsprechend die wahre objektive göttliche
Kraft. In den Kirchen kann er wiederum nicht sehr viel von dieser Kraft
vorfinden. Dort würden Entscheidungen eher aus Gründen der eigenen
Sicherheit getroffen und der gelebte Glaube als Ketzerei ausgegrenzt. Der
Kirche wird die Fähigkeit abgesprochen, einen geistig sinnvollen Dienst
zu tun: «Die Kirche ist derzeit aus Unwissenheit über ihren praktisch
zu leistenden exoterischen Glaubensdienst und einen fehlenden Sinn für
die zeitgemässe geistige Verkündigung durch Heilige nicht zu einer
wirklich fundierten seelsorgerischen Arbeit fähig»(S. 25).
Für die Synthese von Geist und Leben bedarf es der Synthese von Individualität,
Ideal und materiellem Sein mit der Wirklichkeit der Gegenwart. Dieses Eingehen
des Individuums in den Weltenzusammenhang nennt der Hinduismus Dharma. Offenbar
wird diese Sicht nun aber nicht durch die innere Schau. Diese Einsicht ist
in der Philosophie der Bhagavad Gita angelegt und wird im Yoga-Weg praktiziert.
Hier, wo es ihm nützlich ist, kann Grill also durchaus auf Reflexion
und vorgeformtes Wissen rekurrieren. Für ihn kann «Dharma»
nahtlos in den christlichen Kontext eingefügt werden, «es verfälscht
den christlichen Ursprungszusammenhang von Gottes Wille, Vorsehung und Auftrag
nicht» (S. 27). Währenddessen aber ist die Kirche nicht in den
heiligen Himmeln zu finden, weil sie bisher ihren Auftrag noch nicht ausreichend
erkannt, verwirklicht und erfüllt hat.
Der zweite Teil versucht das im ersten Teil Gesagte anhand einiger praktischen
Beispiele zu veranschaulichen und zu verdeutlichen.
Aus der wahren Schau heraus entsteht ein subtiles Unterscheidungsvermögen
und eine realistische Empfindung für das kraftvolle Wort des Evangeliums.
Leider, meint Grill, ist heute kein Empfinden für das inliegende Wesen
des Wortes mehr vorhanden. Vielmehr sei eben das Wissen aufgeladen von Ideen,
Gefühlen oder Sehnsüchten, nicht von innerer, geistiger und reiner
Erkenntnis.
Zur Veranschaulichung dieser These nimmt Grill einen Text des Zweiten Vatikanischen
Konzils aus der Konstitution «Kirche und Welt». Weil das Dokument
sich auf ein Ideal hin ausrichte, sei das Bemühen zum vornherein zum
Scheitern verurteilt. Reflektierendes Denken könne keinesfalls zur
wirklichen heiligen Gemeinschaft führen. Diesem interpretativen Denken
müsse das imaginative, erfühlende und wahrnehmungsfähige
Denken entgegengestellt werden. Dieses Denken finde sich im Evangelium,
das aus der Himmelsdimension komme und welches sich in der geistigen Schau
unmittelbar erkennen lasse (S. 32).
Seine Aussagen zeigen deutlich, dass Grill nicht fähig ist, wahrzunehmen,
wie er seine innere erschaute Erkenntnis ebenso mit dem überlieferten,
interpretativen Glaubensgut verknüpft. Dort, wo es zu seiner «Lehre»
passt, wird es zur inneren Schau und erhält autoritativen Charakter,
dort, wo es seine Lehre eher in Frage stellt, wird es als Ausdruck reflektierender
Erkenntnis der kirchlichen Institution zugeordnet. Diese Sicht gipfelt in
der Beurteilung des Konzilstextes als eines Textes, der eine falsche Synthese
herstelle zwischen dem Ausserirdischen und dem Irdischen. Es würden
Gott und Sünde als dualistische Pole einander gegenübergestellt,
während sich die reale Substanz des heiligen Wortes jeder Dualität
entziehe. Zwar billigt Grill dem kirchlichen Bemühen höchste moralische
Stufe zu, meint aber doch, dass der Text im Dualismus gefangen sei und mit
der nicht-dualistischen reinen Ebene des Evangeliums verschmelze. Dabei
bleibt offen, wie denn die Ver-schmelzung der reinen Erkenntnis und der
inneren Schau des Heinz Grill sich dieser Dualität entziehen kann.
Bei ihm muss die Frage nach Göttlichem und Menschlichem in ihrem Zusammenspiel
sicher ebenso nachdrücklich gestellt werden.
Der betrachtete Text befasst sich mit dem Sterben des Menschensohnes (Johannes
12,2036). Anhand des Begriffs «Fürst dieser Welt»
erläutert Grill, wie er sich denn diese Wirklichkeit nicht-dualistisch
vorstellt. Er meint, dass die Jünger ebenso wie heute viele Menschen
keinen Fortschritt im Glauben machten. Jesus musste ihnen also seine tiefe
Sicht vermitteln. Dabei handelt es sich um gnostische Vorstellungen, welche
Grill hier am Bibeltext festmacht:
Die Jünger sind verunsichert, keiner weiss so recht, was vor sich geht.
Da müssen sie lernen, zu erfühlen und tief in die christlichen
Geheimnisse einzudringen, was sie aber nur tun können aus der gelebten
Erfahrung heraus. Im Gewahrsein aus Imagination und geistigem Schauen heraus
werden sie sehen, dass die «Erhöhung» Christi darin besteht,
dass die Seele den Körper verlässt und in andere Dimensionen vorstösst.
«Damit das Mysterium Christi in ein reales Erleben rückt, bedarf
es eines inneren Aufstieges in eine Ebene, die wahrhaftig feiner, reiner
und von den irdischen Fesseln losgelöst ist»(S. 39). Der Fürst
dieser Welt, der hinausgeworfen werden muss, ist entsprechend nicht etwa
der «Böse», sondern jene Ursünde, dass der Mensch
sich selbst genügen will: «Der Fürst ist jene Macht, die
im Menschen so sehr Besitz ergriffen hat: die Selbstidentifikation, aus
der es kein Entrinnen gibt» (S. 40). Die wirkliche Person ist nicht
jene Ich-Kraft, sondern «meine Seele... sie gehört nicht in diese
Welt, sie lebt gar nicht wirklich in dieser Welt, weil sie gar nicht von
dieser Welt ist» (S. 44).
Die Art und Weise, wie Kirche und Konzil sich auf biblische Tradition berufen
und sie zu leben versuchen, ist nach Grill eine «Verwickelung von
Seelenrealität und menschlicher Sehnsucht nach Einheit... Diese Verschmelzung
von Evangelium und menschlicher Idee, moralischer Idee, und Kirchenkonstitution
benötigt eine Korrektur... Sie ist zum Scheitern verurteilt, weil in
ihr der Wahrheitsanspruch lebt» (S. 46).
Spätestens hier sagt der kritische Leser, dass diese Aussagen für
die Grillschen Gedanken ebenso zutreffen. Was er von der Kirche feststellt
muss auf ihn selber zurückfallen, wenn er nicht mehr fähig ist,
differenzierter und selbstkritischer seine Schau in die Beurteilungskriterien
einzuschliessen: «Jetzt haben wir aber die Kirche als die heilige
römisch-katholische Kirche mit einer eigenen Identität. Wir haben
ein Gebäude, das Heiligkeit für sich behauptet und somit Sicherheit
darstellt, und das sich einen Wahrheitsanspruch im Irdischen nimmt ohne
Zugehörigkeit zum Geistigen» (S. 47).
Als weiteres Beispiel entwickelt Grill den Unterschied zwischen der nicht
mehr lebendigen Taufe der Kirche, da sie nicht mit Christus im Zusammenhang
stehe, und der in der Esoterik und bei ihm praktizierten Einweihung. Nur
eben, die Kirche habe schon in der Vergangenheit die Unterscheidung allgemein
zuwenig ausgebildet und die echten Heiligen zuwenig wahrgenommen, so etwa
Pater Kenntenich, Gründer der Schönstattbewegung, dessen Seligsprechung
Rom bislang abgelehnt habe, sowie die Mystiker Bede Griffiths, Jakob Böhme
und Rudolf Steiner.
Wenn man das Werk liest und das weitere Umfeld betrachtet, muss man zum
Schluss kommen, dass die Sekten-Vorwürfe nicht mehr von der Hand zu
weisen sind. Es ist die Aussage und Reaktion eines katholischen Pfarrers
zutreffend: «Ich denke, dass das Kind nun beim Namen genannt werden
muss: Eine einerseits abstruse, ja doofe Lehre mit einem unerträglich
arroganten und unserer Kirche feindlich gesinnten Selbstbewusstsein.»
Die Konfrontation wird sich wahrscheinlich in naher Zukunft zuspitzen. Grill
tritt nun auch öffentlich auf mit dem Anspruch, Krebs zu heilen. Einem
Betroffenen, der die Zentrierung auf seine Person in Frage stellt, hat er
nichts anderes entgegenzuhalten, als dass er meint, «ihm wird sein
irdisches Dasein genommen durch die Krankheit und ein himmlisches Dasein
verwehrt, weil er so vielen Menschen mit seiner Politik unrecht tut».
Vor solchem Hintergrund muss nicht nur von Sekte gesprochen werden, sondern
von einer krankhaften Selbstüberschätzung und -überhöhung
von Heinz Grill, welche darin gipfelt, dass er seine Yoga-Schüler durch
diese Lehre in extremer Form an seine Person bindet. Psychologisch betrachtet
ein klassischer Fall von ausgelebten Omnipotenz-Phantasien, welche durchaus
minderwertsüchtige Sucher in ihren Bann zu ziehen vermögen. Es
ist leider auch Zeichen der grösser werdenden Sekten-Tendenz, dass
Grill nicht fähig scheint, konstruktiv mit Anfragen und Kritik umzugehen.
So muss ich meine gemässigte Kritik einer früheren Beurteilung
korrigieren.
Martin Scheidegger ist evangelisch-reformierter Theologe und Berater und leitet die ökumenische Beratungsstelle «Religiöse Sondergruppen und Sekten» in Luzern.