SKZ 12/1998

INHALT

Pastoral

Erstkommunion als Familienkatechese

Eine Einführung in die "catequesis familiar" von Christoph Schmitt

 

Neulich kamen zwei junge Väter miteinander ins Gespräch. Der eine stellte die Frage: «Was machen Sie denn so?», und bekam zur Antwort: «Ich studiere.» «Ach», erwiderte der andere Vater interessiert, «und was studieren Sie, wenn ich fragen darf?» «Meine Kinder», war die Antwort. Und als der andere ganz grosse Augen bekam, fügte er hinzu: «Warum nicht? Auf diese Weise bin ich Gott am nächsten.»
Ein Vater erfährt in der Begegnung mit seinen Kindern die Nähe Gottes. Hier sind die Vorzeichen der religiösen Erziehung scheinbar umgedreht: Sind es nicht die Eltern, die den Kindern etwas von Gott erzählen, die mit ihnen in der Familie Schritte des Glaubens leben und einüben? Sind nicht die Eltern die ersten Zeugen Gottes im Leben des Kindes? Gibt es das, dass Eltern mit ihren Kindern und von ihnen den Glauben neu oder vielleicht zum ersten Mal erfahren?
Es gibt diese Erfahrung. Eltern, die sich zusammen mit anderen Vätern und Müttern auf den Weg der Familienkatechese eingelassen haben, bejahen dies. Dennoch sieht die Wirklichkeit im Bereich der familiären religiösen Erziehung momentan anders aus. Nicht wenige Katecheten und Katechetinnen fragen: «Wie können wir in Kindergarten und Schule religiös erziehen, wenn Kinder von zu Hause nichts mitbringen?»
Hinter dieser Frage steckt die schmerzliche Tatsache, dass viele vor allem junge Eltern mit Religion und Kirche nichts mehr zu tun haben wollen. Wohl aus diesem Grund findet religiöse Erziehung häufig nur im Rahmen des Religionsunterrichtes statt. Nach Erstkommunion und Firmung schliessen immer mehr junge Menschen mit dem Thema «Kirche» ab, und wahrscheinlich hat auch der Glaube im Leben junger Menschen immer seltener eine Chance. Wo liegen die Ursachen für das zunehmende «Austrocknen» des religiösen Grundwasserspiegels?
Was die Zurückhaltung vieler Eltern im Bereich der religiösen Erziehung betrifft, spielen sicher deren eigene Erfahrungen, die sie als Kinder gemacht haben, eine Rolle. Mancher Vater und manche Mutter haben unter einer ziemlich strengen religiösen Erziehung gelitten, die sie ihren eigenen Kindern nun vielleicht ersparen wollen. Andererseits erzählen Eltern, die sich gerne an frühe Erfahrungen mit Gott erinnern, dass ihr Glaube seine Wurzeln eben auch in der Familie geschlagen hat.

Familie als Lebensraum

Es scheint, dass die Familie als erster und wichtiger Lebensraum der Kinder für das Wachsen des Glaubens ein fruchtbarer Boden ist. In diesem Boden kann das Samenkorn, der Glaube des Kindes, aufgehen. Was in der Familie aufkeimen kann, ist diese persönliche Beziehung zu Gott. Sie braucht zu ihrer Entfaltung in den ersten Lebensjahren einen Schutzraum; einen Raum, in dem auch die sozialen Dimensionen des Glaubens erlebt und entfaltet werden können. Gerade die sozialen Dimensionen des Glaubens entfalten sich ja dort, wo ich sie am eigenen Leib erlebe. Da gehören auch Grenzerfahrungen hinein. Die religiöse Überzeugung, von Gott wirklich akzeptiert zu sein, gewinne ich vielleicht gerade dadurch, dass ich mich durch Grenzerfahrungen wie Streit und Zank hindurch angenommen weiss, wenn ich zu Hause lerne: Auch dort, wo ich andere verletze, wo ich Grenzen überschreite oder wo andere zu weit gehen, gibt es Versöhnung und Neuanfang.
Nun ist die Familie aber keine Insel. Sie kann nur dann ein Schutzraum sein, wenn sie selber einen Schutzraum hat. Sie kann, in welcher Form auch immer, nicht «alleinerziehend» sein. Irgendwann ist auch der fruchtbarste Boden ausgelaugt. Erziehung ist ganz allgemein schwieriger geworden. Die Familienforschung nennt Stichworte wie: zunehmende Anonymisierung von Familien, Belastung durch unumgänglich gewordene Doppelverdiener oder durch das Gegenteil: Arbeitslosigkeit. Auch die Frage, ob und wie Pfarreien für alleinerziehende Mütter und Väter ein Lebensraum sein können, gehört hierher. Und schliesslich muss eine Katechese, die Eltern enger in die religiöse Erziehung einzubinden versucht, ernsthaft ins Gespräch kommen über Vorurteile und Idealvorstellungen von der «perfekten Mutter» (Ist Erziehung allein «Müttersache»?) und vom «perfekten Vater». Ein sehr ernstzunehmender Einwand gegen den Einbezug der Eltern in den Kommunion-Weg der Kinder lautet immer wieder: Ist der damit verbundene Zeit- und Arbeitsaufwand überhaupt zumutbar, und: Wird nicht durch «Familienkatechese» ein traditionelles Familienideal aufrechterhalten, das im Auslaufen ist?
Das macht die Frage um so wichtiger, ob es gegenwärtig eine Vision von Katechese gibt, die (jungen) Eltern zutraut, ihre Kinder «aus erster Hand» mit Gott bekannt zu machen, ohne den sozialen Druck noch zu verstärken. Eine Vision, die Eltern als kompetente Fachleute für die religiöse Erziehung ernstnimmt und unterstützt, ohne mit Erwartungen an sie heranzutreten, denen sie nicht gerecht werden können noch wollen.

Was ist Familienkatechese?

In Süddeutschland macht seit einigen Jahren ein neuartiges Katechesekonzept von sich reden. Eltern erleben und entdecken mit ihren Kindern zusammen ihren Glauben wieder (oder zum ersten Mal) ganz neu, und zwar zu Hause. Bekannt ist diese Konzeption unter dem Namen «Familienkatechese», oder im spanischen Original: catequesis familiar. Es handelt sich nämlich um eine Katechese, die in Lateinamerika bereits eine lange Tradition hat. Und auf den ersten Blick scheint auch dieses Konzept sehr hohe Anforderungen an Eltern und Kinder zu stellen. Dazu später mehr.
Anlässlich der Vorbereitung auf die Erste Kommunion werden die Eltern eingeladen, diesen Weg mit ihren Kindern zusammen zu gehen. Die Kinder werden nicht in der Schule oder im Heimgruppenunterricht auf die Erste Kommunion vorbereitet. Stattdessen setzen sie sich mit ihren Eltern zusammen regelmässig (im Idealfall wöchentlich) um den häuslichen Tisch. Sie sprechen, singen und beten miteinander, und zwar anhand von anschaulichen Materialien, die die Eltern zuvor mit mehreren anderen Eltern in der Gruppe besprochen haben. Auch die Eltern treffen sich also regelmässig. Begleitet werden sie bei diesen Treffen von Vätern und Müttern, die zuvor selbst mit ihren Kindern die Familienkatechese erlebt haben. Auch wenn es «unglaublich» klingt, aber nach einigen Anlaufschwierigkeiten stossen immer mehr Väter auf diesen Weg hinzu.
Auch die Kinder treffen sich untereinander, und zwar wöchentlich in einer Kindergruppe. Diese werden (immer öfter) von jugendlichen Gruppenleitern betreut, die aus den Firmgruppen herausgewachsen sind. Dadurch finden auch Jugendliche einen Platz und eine Aufgabe innerhalb der Pfarrei. In diesen Gruppen erleben die Kinder das «Thema», das sie am Familientisch kennengelernt haben, in einer anderen Form und mit Gleichaltrigen zusammen. Das Kernstück bildet jedoch das Glaubensgespräch in der eigenen Familie.
Das Material, das den Eltern für die Familiengespräche zur Verfügung steht, haben die Pfarreien in Süddeutschland selbst entwickelt. Von Jahr zu Jahr wird es neu diskutiert und den Erfahrungen entsprechend verändert. Diese «Familienblätter» sind jeweils gleich aufgebaut. Ihre Anzahl entspricht den geplanten «Familiengesprächen». Sie beginnen mit einem Leitgedanken (z.B. der Leitgedanke zur neunten Katechese: «Jesus zeigt uns: Gott nimmt uns an, wie wir sind»). Es folgt eine Einführung in das Thema für die Eltern, und im Anschluss daran ein kurzer, alltagsbezogener Text (eine Geschichte, eine Bibelstelle) unter der Überschrift: «Wir hören und denken nach». Zu diesem Text wird die eine oder andere Frage vorgeschlagen, um darüber ins Gespräch zu kommen. Dann ist ein kurzes gemeinsames Gebet vorgesehen. Den Abschluss bildet die Frage: «Was können wir miteinander tun» und der Vorschlag: «Wir wollen nicht vergessen» («Gott liebt uns wie ein Vater und wie eine Mutter. Zu Gott können wir immer kommen. Er liebt uns, auch wenn wir etwas falsch gemacht haben. Gott nimmt uns an, wie wir sind.»). In einem anderen Familienblatt wird vorgeschlagen, miteinander Brot zu brechen und zu teilen, das die Familie eventuell zuvor miteinander gebacken hat («Bringt Eure Hände ins Spiel! Der Teig hat es gerne, wenn er mit den Händen berührt, geknetet und geformt wird.»).

Sehen ­ Urteilen ­ Handeln

Die verschiedenen Gruppen, die bei der Familienkatechese mitmachen (Familien-, Eltern-, Kindergruppen), arbeiten mit dem Dreischritt «Sehen ­ Urteilen ­ Handeln». Das «Sehen» bezieht sich auf das alltägliche Leben. Familienkatechese richtet sich an das Leben der Familie ­ wie auch immer sie im einzelnen aussieht, und sie geht aus vom Leben und von den Erfahrungen der Familien. Familienkatechese geschieht an dem Ort, wo Kinder und Eltern «zu Hause» sind: in einer Form von Familie, wie sie eben ist, nicht, wie sie sein sollte. Auf das Sehen folgt das «Urteilen». Es soll zusammen mit dem Wort Gottes möglich werden, und unter dem Stichwort «Handeln» wird nach Konsequenzen geforscht, die die Familien-, Eltern- und Kindergruppen für sich ziehen können (in dem Buch «Gott in die Familie. Erstkommunion als Chance für Eltern und Kinder» von Albert Biesinger [München 21997], finden sich z.B. Familienblätter, wie sie in der Dompfarrei Rottenburg/Neckar entwickelt und verwendet werden).

Doch wieder ein Appell an die «Musterfamilie»?

Die Pfarreien, die sich auf den Weg der Familienkatechese gemacht haben, wenden sich damit gerade nicht nur an die «Musterfamilie», die es in vielen Fällen gar nicht mehr gibt. Das Anliegen lautet: Gerade auch belastete Familien gehören in diese Solidargemeinschaft hinein. Eine Pfarrei berichtet: «Die Gruppen und Familien selber kommen da oft zu viel besseren und eindrucksvolleren Lösungen, auf die die Hauptamtlichen nie gekommen wären.» Die regelmässigen Elterntreffen beschränken sich nämlich nicht auf ausdrücklich «religiöse Themen». Vielmehr werden sie zu Orten des Erfahrungsaustausches, an denen Anonymitäten aufbrechen und Freundschaften entstehen, die über die Erste Kommunion hinauswachsen. Dem kommt entgegen, dass die Elterngruppen auch «geographisch» miteinander zu tun haben: Sie finden sich als kleine überschaubare «Gemeinschaften» im jeweiligen Wohngebiet zusammen, wo jede/r jede/n kennen, wahrnehmen und achten kann.

Ein neuer Stil von Kirche

Das Ziel der Familienkatechese liegt in erster Linie darin, als Familie gemeinsam Wege und Formen zu finden, wie der Glaube im Alltag lebendig, und das heisst: wie er gelebt werden kann ­ und zwar ausgehend von der Glaubens- und Lebenssituation jeder einzelnen Familie! Die Erste Kommunion ist deswegen auch nicht das «Ziel» der Familienkatechese, sondern ihr Anlass. «Es geht grundlegend darum, dass Eltern und Kinder Kommunion (Communio = Gemeinschaft) mit Gott und untereinander erleben, entwickeln und feiern», heisst es in einem Informationsblatt einer Pfarrei, die seit einigen Jahren den Weg der Familienkatechese geht.
Schon deswegen ist jede «indoktrinäre» Einführung dieses Konzeptes von vornherein ausgeschlossen. Die zum Teil massiven Einwände und Bedenken, die von Eltern geäussert werden, wenn bei einem ersten Treffen die Familienkatechese vorgestellt wird, sind ein Teil des Projektes, kein lästiges Vorspiel. Sie sind keine Hindernisse, sondern ein Thema der Familienkatechese. Hierzu sei noch einmal das Informationsblatt zitiert: «Auf diese Bedenken muss in Ruhe eingegangen werden. Oft ist schon viel gewonnen, wenn Eltern endlich einmal alte Verletzungen, aufgestauten Ärger und festgefahrene Vorurteile loswerden können. Und in der Art und Weise, wie sie auf Gehör treffen, können sie schon den neuen Stil von Kirche erleben, der den ganzen Kommunionweg prägen soll.» Wenn Eltern nicht mitmachen können oder wollen, dann müssen andere Wege gefunden werden, um diesen Konflikt nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Die Familienkatechese will nicht Eltern auf geschickte Weise zum verlängerten Arm der offiziellen Katechese machen, oder über die Kinder wieder die Kirchen vollkriegen. Es geht um etwas ganz anderes.
Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger, der die Familienkatechese engagiert zu einem eigenständigen katechetischen Ansatz erklärt hat, schreibt: «Wenn die Gottesbeziehung nicht in der Familie gelebt wird, der Glaube an Jesus Christus nicht wieder in die Familien zurückkommt und diese nicht die Basis der Entwicklung auch im Glauben sind, werden Kinder und Jugendliche in unserer spezifischen gesellschaftlichen Struktur kaum mehr die Transzendenzebene, erst recht nicht die Gottesbeziehung wahrnehmen können» (A. Biesinger, Gott in die Familie, aaO., S. 168. Dieses Buch ist eine Einführung in das Anliegen der Familienkatechese und berichtet von ersten Erfahrungen in Deutschland.).
In einem Bild gesprochen, geht es der Familienkatechese um den Film, der überhaupt erst eingelegt werden muss, damit sich auf ihm eine Geschichte entwickeln kann, eine «Story» mit Gott. Dieser Film meint die Geschichte, die Gott mit jedem einzelnen Menschen schreiben will. Sie entfaltet sich nicht, wenn sie nicht an den Orten erlebt und erzählt wird, wo Kinder zu Hause sind. Die Geschichte mit Gott, die Beziehung zu ihm, kann dann heranwachsen, wenn Gott als konkret greifbarer und somit begreifbarer Gesprächspartner «auf die Welt kommt». In jeder religiösen Biographie neu. Die wichtigsten Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter der Kinder sind dabei die nächsten Bezugspersonen, oder schlichter: die Eltern. Sie sind wichtige Erzählerinnen und Erzähler, die mit ihrem Erzählen garantieren, dass die Geschichte Gottes mit dem Menschen nicht abbricht. Sie sind in einem sehr ernst zu nehmenden Sinne «Vorbilder». Nicht, indem sie den Kindern und Jugendlichen «etwas vormachen», sondern indem sie sich mit ihren Kindern auf den gemeinsamen Weg machen, der Glaube heisst und eine Beziehung ist. Familienkatechese ist davon überzeugt, dass diese Beziehung mit Gott keine aufreibende und zusätzliche Aufgabe ist, zu der man «diplomiert» werden müsste, denn die Gottesbeziehung ist zwar eine Beziehung wie keine andere ­ aber sie «funktioniert» wie jede andere.

 

Christoph Schmitt war bis vor kurzem Assistent am Institut für Pastoraltheologie der Universität Freiburg i.Ü. und ist zu weiteren Auskünften über die Familienkatechese gerne bereit (Kirchgasse 15, 6340 Baar, Telefon P: 041-7602927, G: 041-7697140).


"Wir ziehen vor die Tore der Stadt" (KG 377)

Eine Liedkatechese von Walter Wiesli

 

Das Lied «Wir ziehen vor die Tore der Stadt» steht im neuen KG zu Beginn der Fastenzeit. Im Blick auf seinen Gehalt ist es ebenso in der Adventszeit oder an Christus-Festen verwendbar. Es repräsentiert einen neuen Typ von Gemeindeliedern, der mit dichten und aussagestarken Texten die biblische Botschaft auf eine zeitgemässe Weise zur Darstellung bringt. Die folgende Liedkatechese möchte das Lied der Gemeinde im Gottesdienst näherbringen und geistlich erschliessen. Dabei ist sorgsam darauf zu achten, dass die Teilnehmenden dies nicht als blosse Liedprobe erleben. Durch behutsame Lernschritte wird sichergestellt, dass der Gemeindegesang erst dann einsetzt, wenn die Melodie nach mehrmaligem Hören bereits vertraut ist. In der Regel empfiehlt sich der Einsatz einer Ansinggruppe und von Instrumentalisten. Die sich zum Gottesdienst Versammelnden hören das Lied oder Motive daraus bereits beim Betreten des Raumes. Die Lied- und Bibelzitate können von einem Lektor bzw. Lektorin gelesen werden.

Liebe Gemeinde,
Wir lassen uns heute auf unserm Ausschreiten zum Osterfest von einem Lied begleiten. Es soll uns helfen, den Weg Jesu besser zu verstehen. Lieder in der Fasten- und Passionszeit waren uns schon immer wichtige Schlüssel zum Paschageheimnis. Das Lied, dem wir uns heute zuwenden, ist dennoch von besonderer Art. Es unterscheidet sich im Ton von den meisten andern. Dies spüren wir bereits in den ersten Takten:

Musik: Ein Soloinstrument spielt die Melodie bis zur ersten Pause.

Das Eingangsmotiv hört sich an wie der Beginn eines Marsches. Damit kein Zweifel entsteht, dass dieser Effekt gewollt ist, wiederholt der Komponist Manfred Schlenker das Schreitmotiv nochmals eine Stufe höher.

Musik: Ein Soloinstrument spielt die Melodie der ersten drei Zeilen (bis zum Wort «hat»).

Wenn wir das Notenbild überfliegen, entdecken wir dieses Schreitmotiv dreimal. Der Text gibt unserm Höreindruck recht: Es ist von einem Ausschreiten die Rede, von einem Weg und von einem Ziel. Wer erinnert sich jetzt nicht an Redewendungen und Bilder, die uns in den Schriftlesungen vor Ostern mehrfach begegnen. Und auch hier: Die Bibel beschreibt keinen gewöhnlichen Weg über Land oder durch Städte und Dörfer. Es vibriert und knistert in der Wegbeschreibung des Markus (Mk 10,32): «Sie waren auf dem Weg nach Jerusalem hinauf. Jesus schritt ihnen voran. Darüber waren sie (die Jünger) ganz erschrocken und folgten ihm bangen Herzens.» Unheil liegt in der Luft, zögernd und ängstlich folgen sie ihm. Doch sie spüren: Wer mit Jesus gemeinsame Sache machen will, muss ihm folgen. Manch einer schaut sich um, findet aber keine bessere Alternative als jene des Petrus: «Wohin sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!» (Joh 6,68) Das Lied betont es hartnäckig: Wer dem Herrn begegnen will, muss aufbrechen. Die letzten beiden Zeilen des Liedes tönen wie ein Programm: «Wir ziehen vor die Tore der Stadt und grüssen unsern Herrn.» Wir hören uns diese beiden Zeilen an und wiederholen sie gemeinsam.

Musik: Die Vorsänger/Vorsängerinnen singen die letzten beiden Zeilen des Liedes, alle wiederholen sie.

Jesus schont seine Freunde nicht, er redet Klartext und beschönigt nichts: «Da nahm er die Zwölf wieder beiseite und begann mit ihnen von dem zu sprechen, was ihm bevorstehe. Wir ziehen jetzt nach Jerusalem hinauf!» (Mk 10,33) Der Blick richtet sich unverwandt auf das Ziel. Der ganze Mensch kommt in Bewegung mit all seinen Sinnen und Strebungen. Die einen schreiten erhobenen Hauptes aus, die andern schwach und matt. Doch alle kennen das Ziel: Die Begegnung mit dem Herrn. Davon singt die erste Strophe des Liedes. Wir hören sie uns an und wollen danach in sie einstimmen.

Musik: Die Vorsänger/Vorsängerinnen singen die 1. Strophe, alle wiederholen sie.

(Hier kann eine Besinnung eingesetzt werden): Überlegen wir in Stille: Folgen wir der Spur Jesu? Sind wir offen für Begegnungen mit ihm in welcher Form auch immer? Haben wir ein Ziel? Leben wir bewusst darauf hin, oder leiten uns Zufälle, Modeströmungen? (Der Bussakt schliesst mit einer Vergebungsbitte.)
Der Satz «Wir ziehen vor die Tore der Stadt» weckt bei erstem Hinhören die Assoziation an den Einzug Jesu in Jerusalem. Aber dies kann ja nicht gemeint sein. Mit dem Stichwort «draussen» verweist das Lied auf einen Ort ausserhalb der Stadt. Der Dichter denkt offensichtlich an einen biblischen Hintergrund, der den Christen im Zusammenhang mit dem Tod Jesu wichtig geworden ist. Wir lesen im alttestamentlichen Buch Leviticus über ein Ritual am jüdischen Versöhnungstag: «Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf eines lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll all ihre Sünden in die Einöde tragen» (Lv 16,21­22).
In der Wüste kommt der Sündenbock elend um und sühnt damit die Schuld, mit der er beladen wurde. Was lag für die jungen Christengemeinden näher, als in diesem Ritus eine Parallele zum Schicksal Jesu zu sehen: Jesus wird zum Sündenbock, dem die Schuld der ganzen Menschheit aufgeladen wird. Ausserhalb der Stadt, ausgestossen aus der menschlichen Gesellschaft, kommt er auf der Hinrichtungsstätte um.

Musik: Lied instrumental vorgetragen.

Das Wort «draussen» weckt Assoziationen: «Draussen vor der Tür» (Wolfgang Borchert), draussen...ausgegliedert aus dem Arbeitsprozess, der Konkurrenz erlegen, abgeschoben, zum Outsider gemacht; draussen...heimatlos, ehrlos, unnütz, zur Last geworden; draussen...aus dem normalen Leben: Im Gefängnis, in der Psychiatrischen, in der Verwahrung, unter Vormundschaft, draussen...an der Spritze, im Fixerraum, im Zwangsentzug.

Musik: Soloinstrument, zum Lied improvisierend.

«Wir ziehen jetzt nach Jerusalem hinauf. Der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden. Sie werden ihn zum Tod verurteilen...» (Mk 10,33) Der Tod draussen vor den Toren der Stadt war kein fataler Unfall, der schicksalshaft über Jesus kam. Er hat sich nicht einfach so und kopflos in sein Geschick verrannt. Die Devise «draussen» hat er sich selber gewählt. Im Text der zweiten Strophe spüren wir etwas von der Entschlossenheit, von der Unerbittlichkeit eines Weges, der durch nichts und niemanden vereitelt werden kann: «Er ist ent-schlossen Wege zu gehn, die keiner sich getraut. Er wird zu den Verstossnen stehn, wird nicht nach andrer Urteil sehn. Er ist entschlossen Wege zu gehn, vor denen allen graut.»
Manch einer kommt aus eigenem Verschulden ins «Draussen», ins Outside. Er nicht: Er ist entschlossen Wege zu gehen, vor denen allen graut. Zunächst ist es der Weg mit den gesellschaftlich Gestrandeten: Mit den Dirnen, Betrügern, Ehebrechern, Verrätern. Dann wird der Weg immer enger und einsamer: Der Weg durch den Schauprozess, der Weg der Hinrichtung ­ von Freunden und von Gott alleingelassen. Ein Weg des Grauens!

Musik: 2. Liedstrophe von Vorsängern gesungen, dann von allen wiederholt.

Die Ostererfahrung gab der jungen Gemeinde die Kraft, sich in der Gefolgschaft Jesu auf Wege einzulassen, «vor denen allen graut». Im Hebräerbrief, der am früher erwähnten jüdischen Versöhnungsfest anknüpft, scheint dazu eine Begründung durch, die den Christen Motivation und Kraft gab: «Auch Jesus hat, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, ausserhalb des Tores gelitten. Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach auf uns nehmen» (Hebr 13,12).
In der 3. Liedstrophe weitet sich die Szenerie zum Welttheater. «Draussen» heisst jetzt «vor den Toren der Welt». Zum Mitspielen werden alle genötigt, vor allem die Jünger und Jüngerinnen. Dem Dichter liegt nochmals daran zu zeigen, dass das Schicksal Jesu nicht ein fataler Unfall oder der Irrweg eines überspannten Idealisten war. Die Geburt im Viehstall und der Tod auf der Richtstätte markieren Eckpunkte, die für das Ganze stehen. «Welt» heisst alles, was das Leben anbietet, verheisst, lebenswert, angenehm und schön macht. Vor den Toren der Welt meint: Dies ist der Ort der Nichtarrivierten, der Gescheiterten, jener, die das Leben verpassen, am Leben gehindert werden, zu kurz kommen, sich in Schuld verstricken. Hier ist Jesus zu suchen und zu
finden.
Wir sind und waren immer schon Doppelbürger. Einerseits sind wir «drinnen», das heisst: Wir sind getragen vom Glauben an einen tieferen Sinn, mehr oder weniger gesichert und versorgt, nur deshalb kann ja der Ruf nach draussen sinnvoll sein. Andererseits hat jeder und jede von uns einen Schicksalsanteil am «Draussen»: Im menschlichen Scheitern, in den Abgründes unseres Bösen, in unserer Todverfallenheit. Als vom «Draussen» ebenso Betroffene gilt uns das Trostwort, das der Schreiber des Hebraerbriefes vor der eben zitierten Stelle sagt: «Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht» (Hebr 13,5b).

Musik: Lied instrumental, danach 3. Strophe durch die Vorsänger, dann von allen gesungen. (Am Anschluss können Fürbitten angefügt werden.)

Ein Beispiel: «Jesus ruft uns zu sich in der Gestalt eines Menschen, der uns braucht: Hilf uns, Herr, dass wir deinen Ruf verstehen.» Als Bittruf singt die Gemeinde die Schlusszeile: «Wir ziehen vor die Tore der Stadt und grüssen unsern Herrn.» Die Fürbitten schliessen mit einem zusammenfassenden Gebet des Leiters oder der Leiterin oder mit dem Vaterunser.

 

Der Musikwissenschaftler Walter Wiesli ist Sekretär der Katholischen Kirchengesangbuch-Kommission.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998