SKZ 52-53/1998

INHALT

Lesejahr A

Neujahrssegen

von Thomas Staubli

 

Bibel: Dreifacher Segen

Das Neue Jahr wird im Gottesdienst unter einen Segen gestellt, der mindestens 2600 Jahre alt ist. 1979/80 hat man durch archäologische Ausgrabungen im Hinnomtal bei Jerusalem ein Grab aus der Zeit des Propheten Jeremia (ausgehendes 7. Jh. v. Chr.) freigelegt, in dem man zwei mit Teilen des Priestersegens beschriftete Amulette in Form zusammengerollter Silberbleche fand. Dies ist der zurzeit älteste Inschriftenfund mit einem biblischen Text ausserhalb der Bibel selbst! Das Silberröllchen wurde den Verstorbenen um den Hals oder auf die Stirn gelegt. Der Segen versicherte sie der Leuchtkraft Gottes im finstern Gruftreich der Scheol (Ps 88,7; 143,3) und des freundlichen Angesichts Gottes (vgl. Kasten) in der Unterwelt, die ihren Rachen weit und masslos aufreisst (vgl. Jes 5,14; Ps 73,9).
Der sogenannte aaronitische Segen beschliesst eine kleine Sammlung priesterlicher Miszellen in Num 5, die sich mit Fragen der kultischen Reinheit im Lager der Israeliten und Israelitinnen auseinandersetzen. Die kunstvoll gestaltete Segensformel besteht aus drei Wünschen: Im 1. Wunsch wird Gott schlicht um seinen Segen überhaupt gebeten. Wo immer er herkomme, dieser Segen ist erwünscht, denn er bewirkt umfassende Geborgenheit. Wer von Gott mit den Gütern des Lebens (Gesundheit, Nahrung, Nachkommenschaft, Einkommen) beschenkt wird, befindet sich unter seinen Flügeln, unter seiner Obhut. Der 2. Wunsch spielt auf Gottes Erscheinungsform in der Sonne oder dem Mond an. Diese Gestirne sind die Garanten der kosmischen Ordnung, des Jahreslaufs mit seinen Jahreszeiten und des Tages mit seinem wohltuenden und alles bestimmenden Rhythmus von Tag und Nacht, hell und dunkel, schlafen und wachen. Das gute Funktionieren dieser Weltrhythmen versichert uns täglich der Sympathie Gottes. Im 3. Segenswunsch bitten die Menschen, dass Gott ihnen sein Antlitz zuwenden möge, dass er ihnen also seine menschliche Seite zeige. Dass Gott sich ganz besonders durch hilfreiche und gefühlvolle Schwestern und Brüder zeigt, ist tiefste biblische Weisheit und Überzeugung. Im Geliebtwerden durch die Nächsten liegt das grösste Glück der Menschen. Die ganze Formel beginnt mit der geheimnisvollen Segensmacht Gottes und gipfelt in der ganz konkreten Erfahrung von Freundlichkeit durch die Mitmenschen. Diese Steigerung ist in der hebräischen Urformel auch sprachlich unübertroffen zum Ausdruck gebracht worden: jöbarechöcha JHWH wöjischmörächa; ja'er JHWH panau 'elächa wichunnächa; jissa JHWH panau 'elächa wöjasem löcha schalom. Auch wer diese Sprache nicht versteht, kann sich doch dem Zauber des Wortrhythmus nicht entziehen und hört, dass der Segen im Wort schalom (Gesundheit, Heil, Wohlergehen) seinen Höhepunkt findet, das bis heute im semitischen Sprachraum das klassische Grusswort geblieben ist.

Kirche: Segen für Jahr und Tag

Es ist gute Sitte, sich zu Jahresbeginn gegenseitig den Segen Gottes zu erbitten. Es ist aber auch durchaus angebracht, sich Gedanken über den Tod zu machen, ist doch das Zerrinnen der Lebenszeit ein permanentes Sterben und der leibliche Tod nur ein dramatischer Schlusspunkt. So macht es doppelten Sinn, das Neue Jahr unter den Aaronssegen zu stellen, der über den Tod hinaus zu trösten vermag.

Welt: Freundlichkeit als grosse Menschensehnsucht

Im Grunde ist es wenig, was die Menschen gegen das Gefühl der Heimatlosigkeit zwischen Geburt und Tod brauchen: ein wenig Zuwendung einer anderen lebenssüchtigen Seele, ein freundliches Gesicht, ein Lächeln, kurz, das Gefühl geliebt oder doch wenigstens nicht allein zu sein. Ohne diese kleinen Freundlichkeiten aber ist das Leben kein Leben, sondern nur Vegetieren, kein Segen, sondern ein Fluch. Bertolt Brecht hat mit seinem untrüglichen Blick für die kleinen Dinge in seinem Gedicht über «Vergnügungen» in einer kleinen Liste ein paar dieser konkreten Erscheinungsformen des Segens beim Namen genannt: «Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen/ Das wiedergefundene alte Buch/ Begeisterte Gesichter/ Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten/ Die Zeitung/ Der Hund/ Die Dialektik/ Duschen, Schwimmen/ Alte Musik/ Bequeme Schuhe/ Begreifen/ Neue Musik/ Schreiben, Pflanzen/ Reisen/ Singen/ Freundlich sein.» Dass uns im Neuen Jahr möglichst viel konkreter Segen geschenkt werden möge!


Das freundliche Antlitz

Auf dem Wassergefäss einer Karawanenstation im Negev vom Anfang des 8. Jh. v. Chr. lesen wir: «Es sagt Amarjau: Sage zu meinem Herrn: Geht es dir gut? Ich segne dich bei JHWH von Teman und seiner Aschera. Er möge (dich) segnen und dich behüten und mit meinem Herrn sein...» Im Priestersegen wird wegen des unter den Tradenten der Bibel dominierenden Monotheismus die Segensmacht Aschera weggelassen. JHWHs Antlitz tritt anstelle des Gesichts der freundlichen Göttin mit den grossen, erhörenden Ohren, das auf persönlichen Siegelamuletten im spätbronzezeitlichen Palästina (1400­1200 v. Chr.) so beliebt war (vgl. Bild 1). Das mit dem Antlitz verbundene «leuchten» (6,25) deutet auf Vorstellungen Gottes als Sonne oder Mond, wie sie im spätvorexilischen Jerusalem verbreitet waren (vgl. Ez 8,10­12). Das wie ein Gestirn leuchtende Gesicht Gottes war den Toten besonders willkommen. In der 73. Szene des Pfortenbuches, eines ägyptischen Unterweltsbuches, heisst es in der Beischrift zu einer Illustration (vgl. Bild 2): «Dies ist das Gesicht des Re, welches dahinfährt in der Erde. Die, welche in der Unterwelt sind, preisen es.» Schrecklich ist es, wenn Gott, weil Israel gesündigt hat, sein Angesicht abwendet und ihm den Rücken zeigt (Dtn 31,17; Ijob 13,24; Ps 51,12f.; Ez 7,22); denn alle Lebewesen leben vom zugewandten Angesicht Gottes, das Erbarmen und Fürsorge, Freundschaft und liebevolle Begleitung signalisiert (Ps 31,17; Ps 104,29). Eine ganz besondere Ehre ist es hingegen, wenn Gott mit Menschen wie unter Freunden von Angesicht zu Angesicht verkehrt (Ex 33,11). Jakob nennt den Ort des Kampfes mit Gott am Jabbok Pniel, «Angesicht Gottes», weil er Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut hat und am Leben blieb. Andere Texte der Bibel halten ein Schauen ins Antlitz Gottes für ausgeschlossen, da es wie der Blick in die Sonne für Menschen unerträglich ist (Ex 33,20­23).


Im Volk verwurzelte Weisheit

von Thomas Staubli

 

Bibel: Patriotische Weisheit

Das Selbstlob der Weisheit bildet die Mitte der Lebenslehren des Jesus Sirach (1,1­42,14), es handelt sich also durch die formale Hervorhebung um einen besonders gewichtigen Bibeltext. Die Gattung des Selbstlobes entspricht der Weisheit, denn wer könnte sie besser darstellen als sie sich selbst (vgl. Spr 8,1ff.)? Es gibt kein Schöpfungswerk, das ihr gleichkommt. Sie wurde vor allen anderen geschaffen und wird sie alle überdauern (vgl. Spr 8,22ff.). Die Weisheit (hebr. chokmah, gr. sophía) tritt im nachexilischen Schrifttum an die Stelle der aus dem monotheistischen Himmel vertriebenen Göttinnen.
Sirach stellt sie als Frau dar, die auf dem ganzen Erdkreis herrschte. Er anerkennt also, dass es in allen Völkern Weisheit gibt. Aber nirgendwo gefiel es ihr so gut wie in Jakob (= Israel), wo sie sich auf Gottes Befehl hin niederlässt. In drei dichten Versen beschreibt der Weisheitslehrer, wie die Weisheit Kult, Politik und Volkskultur Israels durchdringt: Sie dient im Tempel des Herrn (24,10), herrscht in Jerusalem (24,11) und schlägt im Volk, dem Erbbesitz Gottes, Wurzeln. Mit dieser letzten Metapher wechselt Sirach vom Bild der Frau zum Bild des Baumes. Dies überrascht auf dem Hintergrund altorientalischer Bildsymbolik nicht. Göttinnen wurden da seit Jahrhunderten in Gestalt von Pflanzen, insbesondere grosser, frucht- und schattenreicher Bäume verehrt (vgl. SKZ 6/1998). Weisheit wurde demnach als etwas Lebendiges, Organisches verstanden, ist also nicht mit unveränderlicher Wahrheit zu verwechseln. Das Bild des Baumes wird in den folgenden, von der Leseordnung nicht berücksichtigten, Versen variantenreich konkretisiert in Zeder, Ölbaum, Palme, Terebinthe, Weinstock und anderen, exotischen Pflanzen, die die Menschen mit Köstlichkeiten verwöhnen und deshalb überaus wertvoll sind, so dass die Weisheit als äusserst begehrenswerte Spenderin unendlicher Genüsse erscheint. Eine Glosse (24,23) beschränkt den Baum der Weisheit auf die Tora, das Gesetz des Mose. Diese Bemerkung steht wie die Konzeption im Buch Baruch im Widerspruch zu der im Orient sehr internationalen Weisheitskultur (vgl. SKZ 19/1998). Sie ist Ausdruck einer patriarchalen Schriftgelehrsamkeit (vgl. Kasten), die auf die kulturellen Veränderungen in hellenistischer Zeit durch patriotische Verengungen reagierte. Solches dürfte auch den umfassend gebildeten Gelehrten Israels aufgefallen sein, die die Schrift Sirachs nicht in ihren Kanon der biblischen Bücher aufnahmen, obwohl sie sich ­ sogar in der jüdischen Diaspora ­ grosser Beliebtheit erfreute.

Kirche: Universale Weisheit aus Nazareth

Das Bild von der Weisheit als nährendem Baum greifen die Evangelisten mehrmals auf, indem sie Jesus in die Rolle der Weisheit kleiden, der das hungernde Volk im Gegensatz zu Sirachs Baum (24,19­21) ein- für allemal sättigt (Mt 5,6; 11,28; Joh 4,13f.; 6,35). Die Leseordnung führt diese neutestamentliche Theologie fort, indem sie die Weisheit auf der Suche nach einer Heimat in Beziehung setzt zum Wort (gr. lógos), das nach dem Prolog des Johannesevangeliums in Christi Gestalt unter die Menschen kommt, um bei ihnen zu wohnen (Joh 1,1­18). Johannes sieht in Christus die Weisheit, die in Gestalt des göttlichen Wortes in die ganze Welt gekommen ist, um ­ wie es zu Beginn des Johannesevangeliums heisst ­ Licht in die Finsternis der Welt zu bringen. Die Synoptiker machen demgegenüber klar, dass diese Weisheit in besonderer Weise in Jesus, dem Kind einfacher galiläischer Juden aus Nazareth, Gestalt angenommen hatte, also im Volk Israel, in Gottes Erbbesitz, wurzelt. Universalismus und Partikularismus werden durch die Lektüre der ganzen Bibel in eine wichtige dialektische Beziehung gesetzt.

Welt: Weisheit aus der Peripherie

Das «Für-mich-stimmt's» hat eine im Volk wurzelnde Weisheit überflüssig gemacht. Gleichzeitig sorgt eine medial durchflutete Welt dafür, dass es immer schwieriger wird, wirklich originelle eigene Erfahrungen zu machen. Die Welt im Tagesjournal ist an die Stelle «meiner Welt» getreten, die künstlich vermittelte Welt an die Stelle der echten, unmittelbaren Begegnung. Filme, Literatur, Musik und Malerei zeigen es: die Weisheit kommt heute aus den ausgebeuteten Ländern der Peripherie, wo sie sich geradezu aufbäumt gegen den über sie hereinbrechenden Orkan der Zerstörung, der sie mit Stumpf und Stiel zu entwurzeln droht. Doch die Schönheit und Fruchtbarkeit dieser Weisheitsbäume wird oft nicht respektiert: afrikanische Autoren landen im Gefängnis, die albanische Nationalbibliothek wird abgebrannt, chinesische Filme werden zensuriert, nicaraguanische Wandgemälde überpinselt, jamaicanische Musik vermarktet...

 

Literaturhinweis: Silvia Schroer, Die Weisheit hat ihr Haus gebaut. Studien zur Gestalt der Sophia in den biblischen Schriften, Mainz 1996, 96­109.


Patriarchale Weisheit

In Jesus Sirachs Geschichtsrückblick (Kap. 44­50) in Gestalt von Lobgedichten auf grosse Gestalten fehlen die Frauen. Hingegen bemüht sich der Schriftgelehrte, seinen Schülern den richtigen Umgang mit Frauen einzutrichtern, die sich wohl in hellenistischer Zeit mehr Freiheit herausnahmen als früher. Er betont die geschuldete Achtung gegenüber den Müttern (3,2­16; vgl. SKZ 51­52/1997), die Sorge um die Witwen (35,14­22; vgl. SKZ 42/1998) und bezeichnet die gute Ehefrau als Gottesgabe (26,3.14f.). Die Töchter empfiehlt er unter Hausarrest zu halten (42,11­14), «denn besser ist die Schlechtigkeit eines Mannes als die Freundlichkeit einer Frau...» Vor Dirnen und Musikantinnen warnt er eindringlich (9,3­6) und den Ehebruch stellt er als Todesgefahr dar (26,22). Des Lobes würdig ist die Frau, die sich ein Leben lang um das Wohlergehen ihres Gatten kümmert (26,1­2; 36,26). Die Weisheit der Frau besteht ihmzufolge nicht in der Gottesfurcht, sondern in der Ehrung des Ehemannes (26,26), der sie wie einen Acker bestellt (26,19­21). Die unangepasste, herrschsüchtige Frau gilt ihm hingegen als Grund allen Übels: «Von einer Frau stammt der Anfang der Schuld,/ und ihretwegen sterben wir allesamt.» Es ist dies jene verhängnisvoll-erfolgreiche Auslegung von Gen 2­3, die sich unter anderem auch in 2 Kor 11,3 und 1 Tim 2,14 wiederfindet. Die fehlende partnerschaftliche Beziehung zur Frau wird durch ein erotisches Verhältnis zur Weisheit kompensiert, die sich im Gegensatz zur älteren Weisheit (Spr 1­9) in besitzergreifenden, ja fast pornographischen Bildern äussert (51,13­30). Die Weisheit wird «dem ÐHerrnð, dem Gott Israels, als eine Art priesterliche Mittlerin untergeordnet. Zudem wird das Lehren und Lernen von Weisheit, die Weisheitsliebe, in einem sehr engen Rahmen gefasst, indem die Weisheit mit dem Gesetz des Mose gleichgesetzt wird, an Israel und den Jerusalemer Tempel gebunden wird» (vgl. Lit.).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998