SKZ 51/1998

INHALT

Lesejahr A

Nomen est omen

von Thomas Staubli

 

Bibel: Verheissung ins Licht

Der berühmte Verheissungstext Jesajas, der an Weihnachten in allen Kirchen, die die ganze Bibel verkünden, verlesen wird, setzt assyrische Präsenz in den an Juda angrenzenden nördlichen Stammesgebieten Israels voraus. Das zeigt ganz deutlich das akkadische Lehnwort für «Stiefel» (s'öon), das Jesaja verwendet (9,4). Das massive Schuhwerk der assyrischen Soldaten wird auf den Palastmalereien und Reliefs der Assyrer stets liebevoll und detailgetreu dargestellt. Militärische High-tech-Ausrüstung hat offenbar schon immer fasziniert. Für Jesaja allerdings ist der Soldatenstiefel Symbol dröhnender, rücksichtsloser Gewalt. Der genaue Zeitpunkt, zu dem die jesajanische Verheissung wohl an die Jerusalemer Stadtbevölkerung erging, ist umstritten. Vieles spricht für die Zeit kurz vor dem Fall Samarias (722 v. Chr.). So oder so weist das utopisch-poetische Gedicht weit über sich hinaus. Wie kaum ein Text hat es der messianischen Phantasie Flügel verliehen und das Feuer der Hoffnung auf gerechte Herrschaft unter den Armen Zions und der Völker (s.u. Kirche/Synagoge) geschürt.
Zum ersten Mal taucht hier bei Jesaja die Licht/Finsternis-Metapher auf, die nachher so oft von seinen Schülern und Schülerinnen aufgegriffen wird (vgl. SKZ 3/1998). Dabei geht es nicht um ein Schwarz-Weiss-Malen, sondern um die Ankündigung eines Prozesses: Licht wird allmählich sichtbar und löst Jubel aus. Dafür werden drei konkrete Gründe genannt: 1. Das Ende der assyrischen Unterdrückung, symbolisiert im Joch (vgl. Jer 28,2), wie am «Tag von Midian». Dieser Ausdruck erinnert wie das Kultbild von Ofra, dessen Metall aus der Kriegsbeute stammte (Ri 8,22­27), an einen historischen Sieg über die Midianiter, der in Ri 6,1­8,28 erzählerisch ausgestaltet wird. 2. Die Vernichtung der assyrischen Kriegsmaschinerie, bis hin zu den blutverschmierten Mänteln.
3. Die Verheissung eines gerechten Herrschers für den davidischen Königsthron. Seine überragenden Qualitäten werden durch seine Namen, in Analogie zum ägyptischen Königsprotokoll (vgl. Kasten) zum Ausdruck gebracht. Sie lauten: 1. «Wunderplaner» (päl'ä jo'ez): Einer, der in der Lage ist, die Geschichte zugunsten der Notleidenden zum Guten zu wenden (vgl. Mi 4,9). 2. «Starker Gott» ('el gibbor): Der König wird zu einem wirkmächtigen Aspekt Gottes (vgl. Ps 45,7) auf Erden. 3. «Vater von Ewigkeit» ('avi'ad): Der König ist Vater der Bewohner Jerusalems und des Hauses Judas, dem ewiges Leben gewünscht wird (vgl. Ps 72,5.17; 2 Sam 7,16). Der Vatertitel verweist auch auf ein Ratgeberamt (vgl. Gen 45,8). 4. «Friedensfürst» (sar-schalom): Nebst dem Bekämpfen der Feinde ist die Sicherung der Wohlfahrt eines Landes die Hauptaufgabe eines Königs (vgl. Ps 72,3.7). Eventuell ist der folgende Ausdruck «In (seiner) Herrschaft gross» ein fünfter Titel, den fünf Namen der Pharaonen entsprechend. Der Aspekt der Friedenssicherung wird im Nachsatz herausgehoben und eng an die Ausübung von «Recht und Gerechtigkeit» (mischpat uzöd'aqah; vgl. SKZ 47/1997) gebunden.

Synagoge/Kirche: Messiasprojekte

Die «Suche nach Führung aus dem Dunkel zum Licht» (Clemens Thoma; s. Lit.), als welche die jüdisch-christliche politische Theologie umschrieben werden kann, war in den Jahrhunderten um die Zeitenwende äusserst vielgestaltig. Zu den unter dem Titel maschiach (gr. christos; Gesalbter) ersehnten Endheilsgestalten gehörten neben dem Sohn Davids auch der Menschensohn, der Knecht Gottes, Melchisedek, Jakob und andere. Sie konnten sich in Gestalten wie den Makkabäern und besonders dem Hasmonäer Johannes Hyrkan I. konkretisieren. Die Essener, Gegner dieser Partei, erwarteten Melchisedek, Michael, Mose oder Elia als erlösende Gestalten. Im neutestamentlichen Schrifttum werden verschiedene messianische Qualitäten synthetisiert. Jesus kann als endzeitlicher Priester, Prophet und König charakterisiert werden, der schon Dagewesenes überbietet (vgl. Mt 12,5f.41f.). Lukas greift im Rahmen der Verkündigung der Geburt Jesu an Maria in freier Form auf Jes 9,6 zurück, einen Text, den er offentlichtlich messianisch versteht. Während in der Synagoge bis heute Messiasprojekte als Konzepte künftiger, gerechter Herrschaft erwartet werden, wurde in der Kirche das konkrete Projekt «Jesus von Nazareth, König der Juden und der Völker» oftmals als endgültige Erfüllung messianischer Erwartung missverstanden. Aber auch dieses Projekt steht unter endzeitlichem Vorbehalt und diente nicht der Einlullung, sondern der Förderung unserer politischen Wachsamkeit. In diesem Sinn und Geiste sprechen wir: Maranatha!

Welt: Warten auf Godot

Unsere Schwierigkeiten mit einer lebenswerten Zukunft hat Samuel Beckett auf seine Weise 1952 in seinem berühmtesten Stück inszeniert. Die Schlussszene bringt es auf den Punkt: «Wladimir (W): Morgen hängen wir uns auf. Pause. Es sei denn, dass Godot käme. Estragon (E): Und wenn er kommt? W: Sind wir gerettet. Wladimir nimmt seinen Hut ­ den von Lucky ­ ab, schaut hinein, steckt die Hand hinein, schüttelt ihn aus und setzt ihn wieder auf. E: Also, wir gehen?

W: Zieh deine Hose rauf. E: Wie bitte?
W: Zieh deine Hose rauf. E: Meine Hose ausziehen? W: Zieh deine Hose herauf. E: Ach ja. Er zieht seine Hose herauf. Schweigen.
W: Also? Wir gehen? E: Gehen wir! Sie gehen nicht von der Stelle.»

 

Literaturhinweis: Clemens Thoma, Das Messiasprojekt. Theologie jüdisch-christlicher Begegnung, Augsburg 1994.


Die Namen des Königs

Die Krönung mit dem Diadem und die Überreichung des Protokolls (vgl. Ps 2,7; 89,40) bildeten den Höhepunkt des judäischen Inthronisationsrituals des Königs, der durch das anwesende Volk durch Akklamation quittiert wurde (2 Kön 11,12). Auf einem ägyptischen Relief ist es der Schreibergott Thot, der vor dem Kronprinzen unter den segnenden Händen der grossen Götter Amun und Isis das Protokoll schreibt. Es enthielt in Juda die Verpflichtung auf die Satzungen JHWHs und als zentrales Element den Königsnamen. Dieser lehnte sich in Juda eng an den «Grossen Namen» (vgl. 2 Sam 7,9; 1 Kön 1,47) der ägyptischen Pharaonen an, der aus fünf Titeln bestand: Geburtsname, Thronname, Zwei-Herrinnen-Name, Horusname und Goldhorusname. Die Namen Haremhabs (1319­1292) zum Beispiel lauten: Kräftiger Stier, geschickt in Plänen (1), gross an Wundern in Karnak (2), gesättigt mit Wahrheit, Schöpfer der beiden Länder (3), glänzend ist das Wesen Res, erwählt von Re (4), geliebt von Amun, Horus beim Fest, dem Leben verliehen ist (5). Auf dem Hintergrund dieses Schemas kann man in 2 Sam 23,1 schon für David eine entsprechende Titulatur erkennen: «David, (1), der Sohn Isais (2), der Mann, den Eljon eingesetzt hat (3), der Gesalbte des Gottes Jakobs (4), der Geliebte des Kriegers Israels (5).»


Familiendrama

von Thomas Staubli

 

Bibel: Männerhass und Männerliebe

Die sogenannte «Aufstiegsgeschichte Davids» (vgl. SKZ 7/1998) zeichnet durch kunstvolle Verflechtung vieler Figuren und Motive ein Sittengemälde der judäischen Gesellschaft in der Königszeit. Die Poeten und Poetinnen am Jerusalemer Hof griffen historische Erinnerungen auf, rückten sie zu Ehren des davidischen Königshauses ins «rechte» Licht und schmückten sie mit weisheitlichen Sentenzen und Episoden zur Freude und Bildung des 'am ha'aretz, der kulturtragenden judäischen Bevölkerung.
In diesem zur heutigen Weltliteratur zählenden Kunstwerk findet sich auch eine erstaunliche homoerotische Dreiecksgeschichte (vgl. auch Kasten).
Indem der manisch-depressive Saul den hübschen David als Musiktherapeuten an seinen Hof holt (1 Sam 16,14­23) und Sauls Sohn Jonatan sich in den sympathischen und erfolgreichen Besieger Goliats verliebt (1 Sam 18,1­4), ist eine brisante Ausgangslage für ein Familiendrama gegeben. Sauls Liebe zu David (vgl. 1 Sam 16,21f.; 18,2) schlägt aus Eifersucht gegenüber Jonatan und aus Neid gegenüber David in Hass um, während die Bande zwischen den beiden Jünglingen immer enger werden, gipfelnd in einem Klagegesang Davids über Jonatans Schlachtentod, der ein einzigartiges Liebesbekenntnis ist (2 Sam 1,26).
In 1 Sam 20 spitzt sich das Drama anlässlich eines Neumondfestes, das offenbar im Rahmen eines zweitägigen, höfischen Festmahles begangen wurde und zu dem auch David eingeladen war, zu. Jonatan kann zunächst nicht glauben, dass sein Vater ohne sein Mitwissen einen schändlichen Mord plant. Hin und her gerissen zwischen der Treue zu seiner Familie und zu seinem geliebten David, hält er zu Letzterem und versichert ihn seines Beistandes. Die beiden gehen miteinander aufs Feld hinaus (20,11), wo sich David versteckt. Aber die Aufforderung «komm, wir wollen aufs Feld hinausgehen!» ist doppelsinnig, denn sie begegnet so wörtlich auch in den Liebesliedern des Hohenliedes (7,12). Dort küssen sich die Männer und weinen sehr umeinander (20,41b). Auch das Schwören (20,17.42) erinnert ans Hohelied (2,7; 8,4). Obwohl die Beziehung der Männer bekannt war, durfte sie nicht öffentlich gelebt werden, ein Problem, das sich auch im Hld stellt, wo sich die Frau wünscht, die Schwester des Geliebten zu sein, um ihn in aller Öffentlichkeit küssen zu können (Hld 8,1). Sauls Reaktion auf Davids Fernbleiben vom Neumondfest und Jonatans Ausreden zeugt angesichts seiner einstigen eigenen Sympathie für den Sohn Isais von bodenloser Doppelmoral. Er schimpft seinen eigenen Sohn «Sohn eines entarteten und aufsässigen Weibes» (20,30 EÜ), was wohl soviel wie «Hurensohn» bedeutet. Durch den Verrat des Vaters und Königs zugunsten eines Fremden und durch seine homosexuelle Beziehung schände (wörtlich «entblösse») er den Schoss seiner Mutter. Die Formulierung erinnert an die Verbote in Lev 20, wo es um verschiedenste sexuelle Tabus geht.

Kirche: Homosexualität als Charisma

Die biblischen Homosexualitätstabus, die paulinische Verurteilung der Männer- und Frauenliebe als widernatürlich (Röm 1,26f.) und erst recht die katholische Morallehre, die homosexuelle Akte zu den Todsünden rechnet, haben den Blick auf die Saul-David-Jonatan-Geschichte verstellt. Es mag deshalb am Fest der Hl. Familie zu denken geben, dass die Sympathie der biblischen Geschichten nicht bei Saul liegt, der mit der Ermordung Davids und der Beschimpfung Jonatans den familiären Frieden wieder herzustellen versuchte, sondern bei den Freunden David und Jonatan, die sich küssen und umeinander weinen. Lesben und Schwule fordern die Kirchen seit langem auf, Homosexualität als ein Charisma zu akzeptieren (vgl. Lit.), und Seelsorger und Seelsorgerinnen sehen sich mit dem Anliegen konfrontiert, homosexuelle Partnerschaften zu segnen.

Welt: Die grösste Familie

Jonatan ist der biblische Prototyp all jener, die wegen ihrer homosexuellen Liebe familiäre und gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren. Sei 1994 erinnert in der Stadt Frankfurt a.M. ein Mahnmahl in Gestalt eines Engels mit zurechtgerücktem Kopf an die Verfolgung von Homosexuellen in Nazi-Deutschland. Schwule und Lesben in der ganzen westlichen Welt haben auf ihre Diskriminierung oder gar Kriminalisierung in den letzten Jahrzehnten mit dem Aufbau einer starken Gay-Community, die sie auch gerne «Die grösste Familie» nennen, reagiert. Veranstaltungen wie die Olympic Gay Games, bei denen nicht Konkurrenz, Sieg und Nationalismus im Zentrum stehen, gehören inzwischen zu etablierten kulturellen Anlässen und tragen etwas vom Segen homosexueller Liebe in die Welt hinaus.

 

Literaturhinweis: Jens Weizer, Vom andern Ufer. Schwule fordern Heimat in der Kirche, Düsseldorf 1995.


Homosexualität

In den langen Sündenregistern der Alten Ägypter taucht die Homosexualität nicht auf. Verurteilt wird hingegen der Gang zum männlichen Prostituierten und die homosexuelle Vergewaltigung, wie sie im Mythos von Horus und Seth thematisiert wird. In seltenen Fällen haben sich homosexuelle Lebenspartner auf Grabreliefs verewigen lassen. So die beiden königlichen Beamten Nianchchnum und Chnumhotep (um 2350 v. Chr.), die daneben in heterosexuellen Ehebeziehungen lebten und Kinder hatten. In der Beschreibung der Freundschaft zwischen Gilgamesch und Enkidu, den beiden zentralen Figuren der mesopotamischen Epen, sind homoerotische Anspielungen häufig. Die beiden Männer küssen, umarmen, berühren sich und Gilgamesch träumt an den Schenkeln seines Gefährten vom Beischlaf mit ihm. Die epischen und ikonographischen Zeugnisse für Männerliebe im Mittelmeerraum sind reich. Besonders im Kriegs- und Erziehungswesen spielte sie eine grosse Rolle. Liebesbeziehungen dieser Art haben die Weisungen im Heiligkeitsgesetz (Lev 18,22; 20,13) nicht im Blick. Es geht um die Wahrung einer heterosexuellen Norm, für die homosexuelle Abweichungen «abscheulich» sind und wohl nur in Gewaltakten vorstellbar (vgl. Gen 19; Ri 19), wie auch aus einem mittelassyrischen Gesetz (um 1000 v. Chr.) hervorgeht: «Wenn ein Mann seinem Genossen beiwohnt, man es ihm beweist und ihn überführt, so soll man ihm beiwohnen und ihn zu einem Verschnittenen machen.» Handlungen dieser Art haben nichts mit homosexueller Liebe zu tun, sondern entsprechen dem Tatbestand der «sexuellen Nötigung».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998