INHALT |
Lesejahr C |
Nach der Unterwerfung Ammons und Moabs unter assyrische Herrschaft begann
die goldene Zeit der weiter südlich wohnhaften Edomiter, die nun den
arabischen Fernhandel kontrollierten. Als 587/86 v. Chr. unter den Neubabyloniern
auch die judäische Oberschicht ins Zweistromland deportiert wurde,
profitierten sie erneut von der neuen politischen Konstellation und besetzten
das judäische Bergland. Dieser späte Triumph des lange von Israel
und Juda dominierten Edom löste bei den Judäer und Judäerinnen
Verbitterung aus, die sich literarisch in einer Reihe von Vergeltungswünschen
für Edom niederschlug.
Ein derartiger Text liegt in Jes 34 vor, der zusammen mit Jes 35 ein Diptichon
bildet, das redaktionell die Texte Jesajas mit denen seiner Schüler
und Schülerinnen (Deuterojesaja Jes 4055 und Tritojesaja Jes 5666)
verbindet. Jes 3639 ist ein geschichtlicher Anhang zu den Jesajatexten.
Der Lesungstext stellt somit das nachträglich (wohl im 5. Jh. v. Chr.)
geschriebene Finale der Überlieferungen des Ersten Jesaja dar. Er bildet
ein Gegenüber zur Verwünschung Edoms und verbindet die Verheissung
der Regeneration von Natur und Mensch mit der nachexilischen Zionstheologie.
Die Leseordnung bietet für die Adventszeit des Lesejahres A ein Florilegium
protojesajanischer Texte und so gehört auch dieser Text zum Feinsten,
was die hebräische Prophetenliteratur hervorgebracht hat. Um so barbarischer
ist es, wenn wie im vorliegenden Fall ein kunstvolles Gedicht
mit konzentrischem Aufbau durch die Art der Perikope verhackstückt
wird.
Im Zentrum des Gedichtes steht die Ankündigung von Gottes Vergeltung
(vgl. Kasten; X). Das deutsche «gelten», von dem auch «Geld»
abgeleitet ist, meint ursprünglich «(zurück)zahlen, entschädigen,
opfern, wert sein». Das Wort trifft den Sinn der hebräischen
Begriffe (naqam; gömul) in diesem Zusammenhang gut, denn es geht um
eine Entschädigung des Gottesvolkes für Erlittenes. Diese kann
nicht nur negativ in der Strafe an den Feinden (Jes 34) bestehen, sondern
muss sich auch positiv als Wiedergutmachung an den Opfern konkretisieren,
nämlich in der schöpferischen Wiederherstellung von Natur und
Mensch.
A Regeneration der Steppe (12a)
B Regeneration des Leibes (34a)
Z Zionistische Fortschreibung I (4b)
X Gottes Vergeltung (4b)
B' Regeneration des Leibes (56a)
A' (Regeneration der Steppe (6b7)
Z Zionistische Fortschreibung II (810)
1. Die Regeneration der Steppe (A/A'): Für die Menschen in
Palästina zeigte und zeigt sich Gottes Schöpfungshandeln alljährlich
in der Regeneration der Natur durch den Winterregen. Dessen Segenskraft
manifestiert sich nirgends wunderbarer als in der Steppe, deren eintöniges
Braun in Braun sich im Frühjahr nach heftigen Regengüssen über
Nacht in ein Blütenmeer, durchsetzt von Tümpeln und Bächen,
verwandeln kann, und nirgends üppiger als in den namentlich genannten
Regionen: Libanon (Zedernwald), Karmel (Eichenwald) und Scharon (fruchtbare
Küstenebene bei Hadera).
2. Die Regeneration der Leiber (B/B'): Unter sieben (Zahl der Vollständigkeit)
Aspekten wird die Wiederherstellung der vom assyrischen und neubabylonischen
Kolonialismus Zerschlagenen durch eine wahre Kaskade von Verben beschworen:
stärken, festigen, sagen, auftun, öffnen, springen, jubeln. Obwohl
ganz anders zum Ausdruck gebracht, ist der Gedanke der gleiche wie in Ezechiels
Vision von der Erweckung der Totengebeine der exilierten Judäer und
Judäerinnen in Babylon (Ez 37): die Gemeinde der JHWH-Gläubigen
soll zu neuem Leben erweckt und heimgeführt werden.
Das Motiv der Heimführung gliederte sich als zionistische Relecture
des Verheissungstextes nachträglich an das Gedicht an (Z): Die Herrlichkeit
der üppigen Landschaften wird als Vorgeschmack für die Herrlichkeit
(kabod) JHWHs verstanden, die sich den aus dem Exil Erlösten (gö'ulim)
zeigt, welche auf sicheren Bahnen durch die erblühte Wüste zum
Zion zurückkehren werden. «Ziehen sie durch das trostlose Tal,/
wird es für sie zum Quellgrund,/ und Frühregen hüllt es in
Segen./ Sie schreiten dahin mit wachsender Kraft;/ dann schauen sie Gott
auf dem Zion» (Ps 84,7f.).
Jes 35,6a wird im Evangeliumstext (Mt 11,5) frei zitiert. Der Wortlaut, mit dem Jesus von Nazareth seine messianische Herrschaft Johannes dem Täufer gegenüber ausweist, steht in uralter Tradition. Schon in einer altägyptischen Lebenslehre heisst es vom gerechten König: «Er lehrt den Stummen (?) sprechen,/ er öffnet die Ohren des Tauben» Und in einem Preislied auf Amun-Re lesen wir: «Er lässt alle Augen sich öffnen (),/ und seine Freundlichkeit schafft das Licht». Im Ohrenöffnungsritual des frühchristlichen Taufgottesdienstes lebt der Gedanke in liturgischer Gestalt fort (vgl. SKZ 13/1998).
Wiederherstellung von Natur und Mensch ist der Wunsch vieler Menschen heute, die die dramatisch voranschreitende Verwüstung unseres Planeten nicht nur am Bildschirm, sondern am eigenen Leib erleben. Für sie wäre die Ankündigung Gottes, der die Sünden kolonialer Ausbeutung vergilt und Wunden heilt, in der Tat ein Evangelium. Wer wagt es ihnen zuzurufen: Gaudete!?
Literaturhinweis: Erich Zenger, Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen, Freiburg i.Br. 1994.
Dass JHWH (bzw. der Judengott) ein Gott der Rache sei, während der zärtlich Abba genannte Gott Jesu (bzw. der Christen) ein Gott der Liebe sei, ist eines der verbreitetsten (antijudaistischen) Klischees mit dem Christen und Christinnen dem Alten/Ersten Testament begegnen. In Tat und Wahrheit begegnet uns der Unrecht ahndende Gott in beiden Testamenten, Er, «der kommt zu richten die Lebenden und die Toten» (Apostolisches Glaubensbekenntnis). Vergeltung Gottes bedeutet ein Doppeltes: 1. Gerechtigkeit ist Gott ein Herzensanliegen. Er ist kein moralisch indifferenter Gott, sondern reagiert mit Sanktionen auf die Verletzung seiner Weisungen, die ein Leben in gegenseitigem Respekt garantieren. Äusserstes Mittel göttlicher Ahndung ist die Zulassung der Zerstörung seiner Stadt, seines Landes und seines Volkes durch ein fremdes, gewalttätiges Heer, das zu seinem Zuchtmittel wird. 2. Die Vergeltung liegt bei Gott und nicht bei Menschen. Dieser Aspekt der Vergeltungstheologie der Bibel ist radikal herrschaftskritisch, erteilt er doch jeder selbstgerechten oder weltpolizeilichen Machtausübung von Menschen eine Absage.