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Lesejahr C |
Der Sitz im Leben des Lesungstextes, einer «Perle der hebräischen
Poesie» (Hans Wildberger), ist umstritten. Einige denken an eine Weissagung
anlässlich der Thronbesteigung Hiskijas, andere an einen prophetischen
Gegenentwurf zu Hiskijas Regiment, wieder andere halten den Text für
Jesajas Vermächtnis an seine Jünger und Jüngerinnen.
Der Baumstumpf Isais (Vater Davids) ist Droh- und Heilsbild in einem: Das
judäische Königtum wird zwar vernichtet, aber so, wie der Wurzelstock
des Ölbaumes immer neu austreibt, wird es wieder erstehen als gerechte
Herrschaft. Diese beruht auf sechs Geistesgaben (dreimal zwei Paare): 1.
Weisheit (chokmah), die sich im erfahrenen Umgang mit Alltagsdingen zeigt
und grundlegende Voraussetzung für eine gerechte Rechtssprechung ist,
und 2. Einsicht (binah), nämlich die intellektuelle Fähigkeit,
richtige Schlüsse zu ziehen. 3. Planungsfähigkeit ('ezah) und
4. Stärke (göburah), die sich meistens im Kriegsgeschäft,
hier aber im Aufbau des Friedens zu bewähren haben. 5. Erkenntnis (da'at),
nämlich vertieftes Eindringen in das Wirken der Dinge in der Welt,
deren unabdingbare Begleittugend 6. die Gottesfurcht (jir'at JHWH) ist (Spr
1,29; 2,5f.). Ähnliche Kataloge von Herrschertugenden finden sich auch
in Spr 8 und Weish 1. Ausgestattet mit Tugenden bis auf die Unterhosen (11,5)
bewährt sich der Zukunftskönig als Richter, der den Armen zu ihrem
Recht verhilft und dessen Wort gegenüber den Übeltätern wie
eine Waffe wirkt, wie es schon in einem Weisheitsspruch der Achiquarsammlung
heisst: «Weich ist die Rede eines Königs und schärfer und
schneidender als ein zweischneidiges Schwert.» Die Folge derart gerechter
Herrschaft ist ein Friede, der sogar die Tierwelt in seinen Bann zu ziehen
vermag, ein Motiv, das im Mittelmeerraum weit verbreitet war (vgl. Kasten).
Jesaja besingt ihn in Bildern, die zum unverbrüchlichen Schatz der
Weltliteratur gehören.
Das Christentum sah im messianischen Herrscher mit den sieben (so die Septuagintaversion von Jes 11,2) Geistesgaben Christus, den letzten Spross der Wurzel Jesse (klassisch dargestellt im Nordfenster der Westfassade von Chartres) und in radikaler Demokratisierung der Geistkonzeption (vgl. schon Num 11!) alle, die ihm nachfolgen (vgl. 1 Petr 4,14). Der aus gerechter Herrschaft resultierende Tierfriede wird ganz im Gegensatz zur Antike im Mittelalter kaum noch dargestellt. Der jüdisch-christliche Glaube hat nicht wenig zur Entfremdung von der Natur beigetragen. Aufgrund seiner Entstehungsmilieus kolportiert er ein städtisch-intellektuelles Verständnis der Natur. Christliche Missionare fällten schonungslos die heiligen Bäume der einheimischen europäischen, amerikanischen und afrikanischen Völker, die in enger Symbiose mit der Natur lebten. Mönche drangen in unbesiedelte Gebiete vor, rodeten sie und gründeten mit ihren Klöstern neue städtische Zentren im Kleinen. Symptomatisch dafür ist etwa die Geschichte vom Hl. Gallus, der sich in der Wildnis der Steinach den Bären als Holzträger dienstbar macht. Das St. Galler Stadtwappen erinnert daran und in Bern werden die Bären noch heute im Zwinger gehalten. Pionier eines völlig anderen Naturverständnisses in der Theologie ist Teilhard de Chardin SJ (gest. 1955), der über die Evolutionstheorie zur religiösen Achtung vor der Natur zurückfand.
«...dass zwischen dem Zustand der Natur und dem der Menschenwelt ein tiefer Zusammenhang besteht und zwar einer von Gericht und Erlösung» (Leonhard Ragaz), zeigt sich gerade in unseren Tagen immer dramatischer. Wenn hunderttausende von Hektaren Regenwald und Taiga in Flammen stehen, weil menschliche Profitsucht und Landgier keine Grenzen kennt, und wenn Wirbelstürme ganze Länder um Jahre in ihrer Entwicklung zurückwerfen, weil der luxuriöse Lebensstil einer Minderheit auf diesem Planeten eine Klimaänderung bewirkt, dann rächt sich himmelschreiend ungerechte Herrschaft an dieser und vielen kommenden Generationen. Erst seit 1985 gibt es in der Schweizer Bundesverfassung mit dem Umweltschutzgesetz Artikel, die sich ausdrücklich um die Erhaltung der Lebensräume und -gemeinschaften von Pflanzen, Tier und Mensch und speziell des fruchtbaren Bodens bemühen ein erster kleiner Schritt Richtung Erlösung.
Seit es Herrschaft von wenigen über viele gibt, sehnen sich die Menschen nach Regenten, unter deren gerechter Herrschaft sich die Geschöpfe nicht zerfleischen, sondern in Frieden dulden. Viele Orakel kündeten bei der Geburt eines Kronprinzen solche Herrschaft an oder verklärten propagandistisch eine Regierung. Am nächsten kommt der Jesajastelle eine Weissagung in der 4. Ekloge Vergils für den Imperator Octavian Augustus: «...Er regiert mit der Kraft seines Vaters die zum Frieden gebrachte Welt (...) Von allein bringen die Ziegen die von Milch strotzenden Euter nach Hause. Und die Rinder haben keine Furcht mehr vor den grossen Löwen. Die Wiese überschüttet dich mit schmeichelnden Blumen. Die Schlange ist nicht mehr. Es ist nicht mehr das tückische Giftkraut. Nein, überall spriesst der Balsam Assyriens...» Gerne konkretisierte man die friedenschaffende Kraft des Herrschers im Leierspiel. Der legendäre thrakische König, Poet, Musiker und Sänger Orpheus bezauberte durch seine Musik nicht nur Tiere, sondern auch Bäume und Steine, ja er besiegte damit sogar die Sirenen. «Orpheus unter den Tieren» wird auf Bildern oft mit einer phrygischen Mütze dargestellt, was auf die orientalische Herkunft des Motivs verweist. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Juden in den Synagogen David und die Christen in den Kirchen Christus in orphischer Gestalt, als messianischen Herrscher einer im Bildprogramm ihrer Bethäuser vorweggenommenen, ersehnten Endzeit darstellen. Das abgebildete, stark zerstörte Beispiel es ist nur noch ein Löwe, eine Schlange und der Kopf einer Giraffe zu sehen stammt aus der Synagoge von Gaza (6./7. Jh. n. Chr.). «Orpheus» wird durch Beischrift mit David gleichgesetzt, dessen Leierspiel böse Geister vertrieb (1 Sam 16,23) und dem nachträglich die meisten Psalmen zugeschrieben wurden. Er trägt das Gewand der damals über den Orient herrschenden byzantinischen Kaiser.