INHALT |
Lesejahr C |
Mit einem mächtigen Paukenschlag beginnt das Lesejahr A, mit einem Text, der trotz seines ehrwürdigen Alters nichts an Strahlkraft verloren hat, der im Gegenteil im kriegswütigen 20. Jh. noch an Brisanz gewann. Für den reformierten Pfarrer und religiösen Sozialisten Leonhard Ragaz, der die Bibel mitten im Zweiten Weltkrieg kommentierte, verband sich im messianischen Zion die Idee vom Frieden unter den Nationen, garantiert durch die Völkerbundsidee von Wilson und Smuts, und vom sozialen Frieden innerhalb der Nationen. «In diesem Ort-Symbol stellt sich also die Notwendigkeit einer Einheit der Menschheit und die Verheissung derselben dar: keine uniforme, durch Gewalt und Diktatur hergestellte, sondern eine unter Gottes Recht auf Eigenart und Vielheit der Gestaltung, auf dem Föderalismus Gottes beruhende, eine, die sich inmitten jedes einzelnen Volkes verwirklicht und gleichzeitig, unter Gottes Herrschaft, über der Welt. Und heute ragt es mehr denn je als Gipfel über dem Chaos, als Sinn des Weges Gottes durch die Ðgewaltigen Wasserð der Zeit.» Nach dem Krieg wurde gestiftet von der UdSSR vor dem UNO-Hauptgebäude in New York eine Skulptur mit dem Titel «Schwerter zu Pflugscharen» aufgestellt.
Die in Protojesaja (Kap. 139) vereinten Texte wurden in einem vielschichtigen
Prozess zusammengetragen und redaktionell verknüpft. Das zeigt im Lesungstext
nebst dem aus- und überleitenden Schlussvers (2,5) deutlich der einleitende
Vers (2,1), der die folgende Vision als «Wort» (dabar) Jesajas
autorisiert. Gerade diese im Kontext des Jesajabuches auffällige und
unnötige (vgl. schon 1,1!) Absenderangabe ist aber fraglich, da die
Vision vom Berg JHWHs zum Teil bis in den Wortlaut gleich bei Micha (4,14)
überliefert wird. Stammt der Text von Jesaja oder seinem Zeitgenossen
Micha oder handelt es sich um ein Zionslied eines anderen Zeitgenossen,
das beiden bekannt war oder wurde es gar in beide Prophetenbücher erst
nachträglich, in nachexilischer Zeit (vgl. die Parallelen zur Verkündigung
Deuterojesajas), eingefügt? In diesen Fragen hat sich in der Exegese
bislang kein Konsens abgezeichnet. Offensichtlich ist aber, dass dem Text
durch diese Doppelüberlieferung besonderes Gewicht zukommt.
Die Vision bezieht sich nicht auf das Ende der Zeiten, wie die Septuaginta
(en tais eschatais hämerais) und ihr folgend EÜ nahelegen. Der
hebräische Text (2,2) spricht einfach von künftigen Tagen (bö'acharit
hajjamim). Der Berg mit dem Haus JHWHs gemeint ist natürlich
der Zion wird dann der höchste Berg sein. Die besondere Dialektik,
die in dieser Aussage steckt, ist nur durch Kenntnis der altorientalischen
Bergtheologie zu erfassen (vgl. Kasten). Während vom heiligen Berg,
der zugleich Eden ist, die Paradiesesströme wegfliessen (vgl. Bild),
wird das Bild hier umgekehrt: die Völker, andernorts mit zerstörerischen,
tosenden Wassern gleichgesetzt (Jes 17,12f.), strömen (nahar) in heilvollen
Bahnen zum Berg und gehen bei JHWH in die Schule. Jerusalems Tempel wird
zur grossen Erziehungsanstalt der Völker (2,3). Ein so starkes Selbstbewusstsein
war offenbar typisch für altorientalische Tempelgilden. Schon Gudea
von Lagasch (21442124 v. Chr.) sagt vom Ningirsutempel: «Um seinen
Namen scharen sich von den Grenzen des Himmels her alle Fremdländer,
Magam (und) Melucha kommen dahin von ihrem fernen Land herauf.» Folge
der göttlichen Bildung und Rechtsprechung sind friedliche Verhältnisse
unter den Völkern, die das Kriegshandwerk erübrigen und die Umwandlung
von Waffen in Produktionsmittel ermöglichen. Das wird allerdings nicht
in ökonomischer Fachterminologie ausgedrückt, sondern im einprägsamen
Bild vom Umschmieden der Schwerter in Pflugscharen und der Lanzen in Winzermesser
(2,4). Es handelt sich wohl um die prophetische Ummünzung des Rufes
«Pflugscharen zu Schwertern!», der in der kleinbäuerlichen
Welt, wo kein Waffenarsenal und kein Berufsheer zur Verfügung stand,
zum Krieg aufforderte (vgl. Joël 4,10). Was das für die ländliche
Bevölkerung, für die der Pflug ihr Leben bedeutete (vgl. SKZ 25/1998),
hiess, kann man sich vorstellen.
Literaturhinweis: Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Göttingen 1996 (5. Aufl.).
Heilige Orte, besonders Wallfahrtsorte, besitzen ihre Heiligkeit meistens
schon von Natur aus. Sehr oft liegen sie auf erhöhten Punkten oder
gar Bergen. Aber auch die grossen Heiligtümer Ägyptens und Mesopotamiens
in den Flusstälern von Nil, Euphrat und Tigris beanspruchten, am Ort
des «Urhügels» zu stehen, der voller Energie und Regenerationskraft
war, wo die Schöpfung der Welt aus dem Chaos heraus ihren Anfang nahm,
wo man sich sogar für Tote neues Leben erhoffte. Es ist zugleich der
Ort des Paradieses, das man sich auf einem bewaldeten Hügel vorstellte,
dem mächtige Flüsse entsprangen, die Paradiesesströme. Wo
die Berge fehlten, wurden sie architektonisch gestaltet als Pyramide oder
Zikurrat, die meistens gestuft waren. Als monumentale Treppen verbanden
sie Erde und Himmel. «Eine Treppe zum Himmel ist für ihn (den
toten König) gebaut», heisst es im Pyramidenspruch 267, «so
dass er zum Himmel hinaufsteigen kann.» Die mesopotamischen Tempeltürme
trugen Namen wie «Haus der Grundlegung des Himmels und der Erde»,
«Haus des Bandes zwischen Himmel und Erde» oder ganz einfach
«Haus des Berges». Ganz in diesem Sinne ist Jakobs Traum zu
Betel zu verstehen, in dem er eine Leiter sieht, die die Erde mit dem Himmelstor
verbindet (Gen 28,12.17). Im christlichen Verständnis von Golgatha
als Sacro Monte lebt diese Theologie des heiligen Berges fort. In der Levante
wurden markante Berge wie der aus dem Meer emporsteigende Zaphon nördlich
von Ugarit, der massive Hermon («Bannberg») oder der runde Tabor
in der Jesreelebene als heilige Berge verehrt. Auch der Zion in Jerusalem
ist ein heiliger Berg (Ps 2,6; 3,5 u.o.), der «Berg JHWHs» (Ps
24,3), der sich allerdings im Vergleich zu den eben genannten bescheiden
ausnimmt und erst noch ringsherum von höheren Hügeln überragt
wird eine Geographie, die in der spezifisch judäischen Bergtheologie
ein Echo findet:
«Von Jahwe, der auf dem Zion wohnt, und nicht von irgendwelchen heiligen
Bergen soll der Beter sein Heil erwarten (Ps 121,1f.). Ihnen allen hat Jahwe
den Zion vorgezogen. Lauernd und missgünstig blicken die hohen Berge
der Umgebung auf ihn herab (Ps 68,16f.). Denn trotz seines bescheidenen
Äussern ist er der wirkliche Götterberg, der eigentliche Zaphon
(Ps 48,3). Am Ende der Zeiten wird er weithin sichtbar alle Berge überragen
(Jes 2,2||Mi 4,1)» (Othmar Keel; vgl. Lit.).