SKZ 47/1998

INHALT

Lesejahr C

Schwerter zu Pflugscharen

von Thomas Staubli

 

Kirche/Welt: Föderalismus und Einheit Gottes

Mit einem mächtigen Paukenschlag beginnt das Lesejahr A, mit einem Text, der trotz seines ehrwürdigen Alters nichts an Strahlkraft verloren hat, der im Gegenteil im kriegswütigen 20. Jh. noch an Brisanz gewann. Für den reformierten Pfarrer und religiösen Sozialisten Leonhard Ragaz, der die Bibel mitten im Zweiten Weltkrieg kommentierte, verband sich im messianischen Zion die Idee vom Frieden unter den Nationen, garantiert durch die Völkerbundsidee von Wilson und Smuts, und vom sozialen Frieden innerhalb der Nationen. «In diesem Ort-Symbol stellt sich also die Notwendigkeit einer Einheit der Menschheit und die Verheissung derselben dar: keine uniforme, durch Gewalt und Diktatur hergestellte, sondern eine unter Gottes Recht auf Eigenart und Vielheit der Gestaltung, auf dem Föderalismus Gottes beruhende, eine, die sich inmitten jedes einzelnen Volkes verwirklicht und gleichzeitig, unter Gottes Herrschaft, über der Welt. Und heute ragt es mehr denn je als Gipfel über dem Chaos, als Sinn des Weges Gottes durch die Ðgewaltigen Wasserð der Zeit.» Nach dem Krieg wurde ­ gestiftet von der UdSSR ­ vor dem UNO-Hauptgebäude in New York eine Skulptur mit dem Titel «Schwerter zu Pflugscharen» aufgestellt.

Bibel: Der Völkerstrom zum Haus JHWHs

Die in Protojesaja (Kap. 1­39) vereinten Texte wurden in einem vielschichtigen Prozess zusammengetragen und redaktionell verknüpft. Das zeigt im Lesungstext nebst dem aus- und überleitenden Schlussvers (2,5) deutlich der einleitende Vers (2,1), der die folgende Vision als «Wort» (dabar) Jesajas autorisiert. Gerade diese im Kontext des Jesajabuches auffällige und unnötige (vgl. schon 1,1!) Absenderangabe ist aber fraglich, da die Vision vom Berg JHWHs zum Teil bis in den Wortlaut gleich bei Micha (4,1­4) überliefert wird. Stammt der Text von Jesaja oder seinem Zeitgenossen Micha oder handelt es sich um ein Zionslied eines anderen Zeitgenossen, das beiden bekannt war oder wurde es gar in beide Prophetenbücher erst nachträglich, in nachexilischer Zeit (vgl. die Parallelen zur Verkündigung Deuterojesajas), eingefügt? In diesen Fragen hat sich in der Exegese bislang kein Konsens abgezeichnet. Offensichtlich ist aber, dass dem Text durch diese Doppelüberlieferung besonderes Gewicht zukommt.
Die Vision bezieht sich nicht auf das Ende der Zeiten, wie die Septuaginta (en tais eschatais hämerais) und ihr folgend EÜ nahelegen. Der hebräische Text (2,2) spricht einfach von künftigen Tagen (bö'acharit hajjamim). Der Berg mit dem Haus JHWHs ­ gemeint ist natürlich der Zion ­ wird dann der höchste Berg sein. Die besondere Dialektik, die in dieser Aussage steckt, ist nur durch Kenntnis der altorientalischen Bergtheologie zu erfassen (vgl. Kasten). Während vom heiligen Berg, der zugleich Eden ist, die Paradiesesströme wegfliessen (vgl. Bild), wird das Bild hier umgekehrt: die Völker, andernorts mit zerstörerischen, tosenden Wassern gleichgesetzt (Jes 17,12f.), strömen (nahar) in heilvollen Bahnen zum Berg und gehen bei JHWH in die Schule. Jerusalems Tempel wird zur grossen Erziehungsanstalt der Völker (2,3). Ein so starkes Selbstbewusstsein war offenbar typisch für altorientalische Tempelgilden. Schon Gudea von Lagasch (2144­2124 v. Chr.) sagt vom Ningirsutempel: «Um seinen Namen scharen sich von den Grenzen des Himmels her alle Fremdländer, Magam (und) Melucha kommen dahin von ihrem fernen Land herauf.» Folge der göttlichen Bildung und Rechtsprechung sind friedliche Verhältnisse unter den Völkern, die das Kriegshandwerk erübrigen und die Umwandlung von Waffen in Produktionsmittel ermöglichen. Das wird allerdings nicht in ökonomischer Fachterminologie ausgedrückt, sondern im einprägsamen Bild vom Umschmieden der Schwerter in Pflugscharen und der Lanzen in Winzermesser (2,4). Es handelt sich wohl um die prophetische Ummünzung des Rufes «Pflugscharen zu Schwertern!», der in der kleinbäuerlichen Welt, wo kein Waffenarsenal und kein Berufsheer zur Verfügung stand, zum Krieg aufforderte (vgl. Joël 4,10). Was das für die ländliche Bevölkerung, für die der Pflug ihr Leben bedeutete (vgl. SKZ 25/1998), hiess, kann man sich vorstellen.

 

Literaturhinweis: Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Göttingen 1996 (5. Aufl.).


Berg

Heilige Orte, besonders Wallfahrtsorte, besitzen ihre Heiligkeit meistens schon von Natur aus. Sehr oft liegen sie auf erhöhten Punkten oder gar Bergen. Aber auch die grossen Heiligtümer Ägyptens und Mesopotamiens in den Flusstälern von Nil, Euphrat und Tigris beanspruchten, am Ort des «Urhügels» zu stehen, der voller Energie und Regenerationskraft war, wo die Schöpfung der Welt aus dem Chaos heraus ihren Anfang nahm, wo man sich sogar für Tote neues Leben erhoffte. Es ist zugleich der Ort des Paradieses, das man sich auf einem bewaldeten Hügel vorstellte, dem mächtige Flüsse entsprangen, die Paradiesesströme. Wo die Berge fehlten, wurden sie architektonisch gestaltet als Pyramide oder Zikurrat, die meistens gestuft waren. Als monumentale Treppen verbanden sie Erde und Himmel. «Eine Treppe zum Himmel ist für ihn (den toten König) gebaut», heisst es im Pyramidenspruch 267, «so dass er zum Himmel hinaufsteigen kann.» Die mesopotamischen Tempeltürme trugen Namen wie «Haus der Grundlegung des Himmels und der Erde», «Haus des Bandes zwischen Himmel und Erde» oder ganz einfach «Haus des Berges». Ganz in diesem Sinne ist Jakobs Traum zu Betel zu verstehen, in dem er eine Leiter sieht, die die Erde mit dem Himmelstor verbindet (Gen 28,12.17). Im christlichen Verständnis von Golgatha als Sacro Monte lebt diese Theologie des heiligen Berges fort. In der Levante wurden markante Berge wie der aus dem Meer emporsteigende Zaphon nördlich von Ugarit, der massive Hermon («Bannberg») oder der runde Tabor in der Jesreelebene als heilige Berge verehrt. Auch der Zion in Jerusalem ist ein heiliger Berg (Ps 2,6; 3,5 u.o.), der «Berg JHWHs» (Ps 24,3), der sich allerdings im Vergleich zu den eben genannten bescheiden ausnimmt und erst noch ringsherum von höheren Hügeln überragt wird ­ eine Geographie, die in der spezifisch judäischen Bergtheologie ein Echo findet:
«Von Jahwe, der auf dem Zion wohnt, und nicht von irgendwelchen heiligen Bergen soll der Beter sein Heil erwarten (Ps 121,1f.). Ihnen allen hat Jahwe den Zion vorgezogen. Lauernd und missgünstig blicken die hohen Berge der Umgebung auf ihn herab (Ps 68,16f.). Denn trotz seines bescheidenen Äussern ist er der wirkliche Götterberg, der eigentliche Zaphon (Ps 48,3). Am Ende der Zeiten wird er weithin sichtbar alle Berge überragen (Jes 2,2||Mi 4,1)» (Othmar Keel; vgl. Lit.).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998