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Lesejahr C |
Das sogenannte Heiligkeitsgesetz (Lev 1726) ist nach verbreiteter
Ansicht neben Bundesbuch und Deuteronomium das jüngste Gesetzeskorpus
der Tora. Es wurde vermutlich von priesterlichen Kreisen im Hinblick auf
ein Leben Israels ausserhalb der Institutionen des eigenen Landes konzipiert.
Ältere priesterschriftliche Vorschriften werden teilweise vereinfacht
und demokratisiert. Das Heiligkeitsgesetz ist der Versuch, angesichts des
zerstörten Tempels das ganze Volk in den priesterlichen Dienst der
Heiligung für JHWH zu rufen. Sein Leitmotiv lautet: So, wie sich JHWH
an Israel als heilig erweist, soll sich Israel JHWH gegenüber als heilig
erweisen. Das Heiligkeitsgesetz nimmt den Ehrenplatz der Tora, die Mitte,
ein. Das zeigt, dass die Heiligkeitsschule bei der Gestaltung der Tora eine
wichtige Rolle spielte. Ihr traditionsbewusster und gleichzeitig volksnah-innovativer
Umgang mit den alten Stoffen wurde für das Judentum ebenso prägend
wie das Prinzip der Heiligung oder der imitatio Dei.
Der Lesungstext ist eine wichtige Scharnierstelle innerhalb des Heiligkeitsgesetzes.
1. Er beschliesst den Kern des Heiligkeitsgesetzes (Lev 1820), der
durch Sexualtabus gerahmt wird und dessen Einhaltung zur Bedingung für
den Landbesitz wird (20,2224). 2. Er verweist zurück auf die Speisetabus
(Lev 11), mit welchen die Gesetze über rein und unrein beginnen (20,25).
3. Er wiederholt feierlich das Leitmotiv des Heiligkeitsgesetzes, die Aufforderung
zur Heiligung (20,26).
Zu 1: Die Gabe des Landes, wo Milch und Honig fliessen, wird an die Einhaltung
der Satzungen und Vorschriften durch das von Gott aus den Völkern ausgesonderte
Volk gebunden. Die Mahnung nimmt voraus, was Segen und Fluch am Ende des
Heiligkeitsgesetzes (Lev 26) unmissverständlich ausmalen: Gott wohnt
inmitten des gehorsamen Volkes, doch dem ungehorsamen Volk wird er selbst
zum Feind und vertreibt es aus dem Land. In Num 33,5256 wird für
die Generation des Einzugs in das Land, für jene Getreuen, die die
Prüfungen des Wüstenzuges bestanden haben, die Verlosung des Landes
Wirklichkeit.
Zu 2: Die Vorschriften zur Aussonderung des Volkes werden nirgends konkreter
als in den Speisetabus, die in Lev 11 den Reigen der Reinheitsvorschriften
eröffnen und bereits dort mit allgemeinen Regeln über rein und
unrein, heilig und profan verbunden werden (Lev 11,43f.). In der Beachtung
dieser Vorschriften erweist sich das Volk als treu. Von daher die grosse
Bedeutung des koscheren Essens bis heute im Judentum.
Zu 3: Der erste Aufruf zur Heiligung erfolgt in knapper Form zu Beginn des
Tora-Kompendiums in Lev 19,2: «Seid heilig, denn ich, JHWH, euer Gott,
bin heilig». Das Motiv wird inner- und ausserhalb des Heiligkeitsgesetzes
mehrmals aufgenommen: Lev 20,7f.; 21,6; vgl. 11,44f.; Ex 22,30a; Num 15,40b41.
Das Repetitive unterstreicht den Prozesscharakter der Heiligung. Heiligkeit
kann nicht erworben werden. Es geht ums Suchen und Erhalten der Nähe
der im Heiligen (vgl. Kasten) gegenwärtigen Segenskraft.
Christlicherseits wurde die Annäherung ans Heilige als Gnadengeschenk Gottes in der Umkehr (gr. metanoia) und der Taufe konkretisiert. Der durch Gottes Vergebung gewandelte, neugeschaffene, geheiligte Mensch wächst durch verdienstliche Werke (nicht um des privaten Glückes, sondern um Gottes willen) ins Reich Gottes hinein, das in den gelungenen Taten der Heiligung schon angebrochen ist. Heiligung als gläubige Antwort auf Gottes Heiligkeit ist demnach ein zentraler Aspekt des Befreiungsprozesses. In der Befreiungstheologie wird er leider kaum beachtet, wohl weil Heiligkeit als Domäne einer konservativen Frömmigkeit betrachtet wird, die das Heiligenwesen oft als Propagandainstrument einer die bestehenden Verhältnisse stabilisierenden Moral instrumentalisiert hat.
Jesus von Nazareth und besonders Paulus von Tarsus haben die introvertierte, auf Absonderung beruhende Heiligung aufgebrochen und die Augen geöffnet für das überall gegenwärtige, universale Heil und die verschiedenen Weisen der Heiligung. Damit ist aber zugleich die Forderung nach einem Höchstgrad an Wachsamkeit gegeben, die zur sensiblen Wahrnehmung der Quellen des Heils in der Welt befähigt.
Literaturhinweis: Thomas Staubli, Die Bücher Levitikus. Numeri (NSK-AT 3), Stuttgart 1996.
Das Heilige bricht unvermittelt und überraschend in die Erfahrungswelt der Menschen ein (vgl. Gen 28,1119). Es löst in uns ambivalente Gefühle zwischen ehrfürchtigem Erschauern (mysterium tremendum) und seligem Entzücken (mysterium fascinosum) aus (Rudolf Otto). In bezug auf die menschliche Alltagswelt ist es das ganz Andere, der ureigene Bezirk Gottes (lat. fanum), der architektonisch im Tempelareal vom weltlichen Raum (lat. profanum) ausgegrenzt und zur Darstellung gebracht wird. In der Tempelvision Ezechiels (Ez 40), die dem herodianischen Tempel zugrunde lag, geschieht dies durch eine sich dramatisch steigernde Anordnung von Mauern, Höfen, Treppen und Kammen, bis hin zum Allerheiligsten. Gott selber gilt als heilig (die älteste Stelle ist vermutlich 1 Sam 6,20). Die Sphäre seiner Heiligkeit wird durch symbolische Gestalten wie Seraphim und Kerubim markiert (vgl. SKZ 5/1998) und in heiligen Gegenständen wie dem Brand-, dem Rauchopferaltar oder der Lade fokussiert. Die Präsenz Gottes im Heiligtum bringt Segen für Natur und Kultur. Die Vernachlässigung des Bundes mit Gott, die Missachtung seiner Gesetzesordnung im ethischen und kultischen Sinne führt zur Verunreinigung des Heiligtums, die wenn sie nicht gesühnt wird den Auszug Gottes aus seiner Wohnung unter den Menschen zur Folge hat und damit den Verlust seiner Segensmacht, so dass sich die Mächte des Fluches ausbreiten können (zum Verhältnis von Heiligung und Reinigung vgl. SKZ 20/1998). Die angemessene Haltung gegenüber dem «Heiligen Israels» (so der Titel JHWHs bei Jesaja) ist demnach die Pflege (lat. cultus) seines Haushaltes (gr. oikonomia), durch die sich die Menschen Gott gegenüber als heilig erweisen.