SKZ 41/1998

INHALT

Lesejahr C

Feindschaft

von Thomas Staubli

 

Bibel: Israels Erzfeind Amalek

Jede politische Macht im Alten Orient hatte ihre Erzfeinde. In Ägypten wurden sie traditionellerweise «Die neun (feindlichen) Bogen» genannt und auf die Nachbarvölker der vier Himmelsrichtungen bezogen. Auch die im Sinai und in Palästina beheimateten Asiaten gehörten dazu. Für die babylonischen und assyrischen Könige stellten die Bergbevölkerung des Zagros (Kurden) und die Steppenbevölkerung der syrischen Wüste (Araber) den Feind schlechthin dar, obwohl sie auch gegen benachbarte Königreiche kämpften. Je ländlicher und urtümlicher die Lebensart eines Volkes war, um so erbarmungsloser wurde es bekämpft. Dem Bauernvolk der Israeliten galten die nomadisierenden Amalekiter, die den Negev bewohnten, als Erzfeinde, die erbarmungslos bekämpft werden mussten. Sie galten als Plünderer Israels (1 Sam 14,48), die die Felder der Bauern auf Razzien in Hungerszeiten heimsuchten (Ri 3,13). Sie werden zu den traditionellen Feinden Israels gezählt (Ri 10,12; Ps 83,8) und von Bileam im Namen JHWHs verflucht (Num 24,20). Hinter der Rivalität zwischen Israel und Amalek steht wirtschaftlich gesehen das Ringen um die Vorherrschaft im Arabienhandel, der quer durch den Negev zur Hafenstadt Gaza führte. In 1 Sam 15 und 30 ist von historischen Schlachten unter Saul und David gegen die Amalekiter die Rede, wobei am Feind im Namen JHWHs der Bann vollzogen werden musste.
Die Erzfeindschaft mit Amalek wird an drei Stellen kunstvoll in die Komposition der Tora eingefügt: 1. Auf dem gefahrenvollen Weg zum Sinai tritt Amalek Israel feindlich entgegen (Ex 17,8­16). 2. Zu den bedrohlichen Völkern, die das Land Kanaan besiedeln und die die Kundschafter gesehen haben, gehören auch die Amalekiter (Num 13,29). 3. Mit den Amalekitern soll Israel nie friedlich zusammenleben, sondern sie für immer aus der Erinnerung austilgen (Dtn 25,17­19).
Bei Refidim (wadi refajid?; Sinai) kommt es zum Kampf mit Amalek. Der militärische Sieg über die Amalekiter wird theologisch zur Darstellung gebracht, allerdings nicht wie in Jos 8,18.26, wo Josua auf göttliches Geheiss hin das Sichelschwert in seiner Hand ausstreckt. Der Heerführer wird fast zur Nebenfigur. Im Zentrum steht Mose, der durch einen Handerhebungsritus diesen Sieg ermöglicht. Dabei scheinen drei verschiedene Versionen im Umlauf gewesen zu sein, die der Text noch erkennen lässt. 17,9 spricht von Mose mit dem Gottesstab; 17,11 spricht von einer erhobenen Hand; am meisten Gewicht hat aber die Version erhalten, wonach Mose beide Hände erhob. Als sie ihm schwer wurden, setzte man ihn auf einen Stein und Aaron, der Hohepriester, und Hur, ev. der Repräsentant eines anderen Priesterzweiges, stützen seine Arme. Vorbild für dieses Ritual lieferte ein ägyptisches Andachtsbild für die Bekämpfung von Feinden, das in Palästina weitherum bekannt war (vgl. Kasten). Der Stein, auf dem Mose sass, liefert den Anknüpfungspunkt für die Altartradition, die mit dem Namen «JHWH mein Feldzeichen» (JHWH nissi) verbunden war. Die Vulgata stellt einen noch engeren Zusammenhang mit dem Sitzstein des Mose her, indem sie übersetzt «Der Herr ist meine Zuflucht» (Dominus refugium meum).

Synagoge/Kirche: Welche Kriege sind notwendig?

Synagogale und kirchliche Kreise versuchten der Kriegsgeschichte durch Allegorese einen allgemeingültigen, spirituellen Sinn abzutrotzen. Nach dem Hauptwerk der Kabbala hebt Mose die Hände gegen Amalek, Symbol der Feinde Israels, solange das Volk nicht aufhört zu beten (Zohar Ex 66a). Die Kirchenväter sahen in der Szene einen Typos des Kreuzes. Mose wurde auf den Gekreuzigten hin, Aaron und Hur als Engel, der Berg als Golgatha ausgelegt. Gleichzeitig ist Jesus als Kämpfer gegen das Böse (Amalek) in Josua präsent, dessen Name ja auf Griechisch Jesus lautet. Auch an antijudaistischer Interpretation fehlt es nicht, wenn Origenes die gegen den Himmel erhobenen Hände des Mose auf die spirituelle Exegese des Christentums hin auslegt, während die vom Boden her stützenden Hände von Aaron und Hur die wörtliche Exegese der Juden bedeute (Hom. in Ex. XI). Als einer der unheilvollen biblischen Texte, der ein Genozid ­ die Auswischung des Gedenkens eines Volkes unter dem Himmel (17,15) ­ anordnet, ist der Text hors de discussion. Um die Frage, wer der Erzfeind des Gottesvolkes ist und welche Kriege in den Augen Gottes notwendig sind, damit das Volk den Sinai erreicht, den Ort der Gottesoffenbarung im Recht, wird sich die Kirche allerdings nicht drücken können. Das Studium der seit Refidim vergangenen Geschichte mag uns vor Einseitigkeiten und Sündenbockmechanismen bewahren.

Welt: Keine Befreiung ohne Widerstand

Der Krieg gegen Amalek gehört zu den Schattengeschichten des glorreichen Exodus. Allerdings wäre es blauäugig zu glauben, dass es Befreiungsgeschichten ohne Widerstände gibt, die zu Konflikten führen. Problematisch werden Texte dieser Art, wenn sie in den Dienst einer kolonialen Herrenmoral gestellt werden, die mit ihnen ihre aggressiven Greueltaten legitimiert.

 

Literaturhinweis: Othmar Keel, Wirkmächtige Siegeszeichen im Alten Testament (OBO 5), Freiburg (CH)/Göttingen 1974, 91­109.


Die erhobenen Hände: ein ägyptisches Vorbild

Die Konstellation von Mose, der angesichts des mit scharfem Schwert gegen die Amalekiter kämpfenden Josua seine beiden Hände erhebt, hat in ägyptischen Bildern eine Parallele, die den Pharao im Kampf gegen Feinde zeigen, und eine Verehrerfigur, die das Geschehen mit erhobenen Händen beschwört und segnet (vgl. Lit.). Das Andachtsbild des gegen feindliche, ausländische Mächte kämpfenden Pharao erfreute sich in der Ramessidenzeit grosser Beliebtheit. Es wurde in Ägypten überdimensional in Tempelwände gemeisselt, in Felswände entlang von gefährlichen Strassen, wo mit feindlichen Überfällen gerechnet werden musste, und auf Gedenkstelen in Tempeln. Im ägyptisch dominierten Palästina wurde das Bild durch winzige Darstellungen auf Siegelamuletten bekannt. Das abgebildete Beispiel stammt vom Tell Masos im Negev (um 1200 v. Chr.), also aus einer Gegend, wo sich nach den Samuelbüchern Israeliten und Amalekiter feindlich begegneten (vgl. 1 Sam 30).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998