SKZ 40/1998

INHALT

Lesejahr C

Gottes Heilkraft sprengt Grenzen

von Thomas Staubli

 

Bibel: Heilung und Konversion des Syrers Naaman

Die Elischageschichten sind eng verwoben mit den Nachrichten über die Nordreichkönige Joram, Jehu, Joahas, Joasch und den damals wütenden Aramäerkriegen, die das Land in eine tiefe Rezession stürzen. In zwei dieser Geschichten spielen Aussätzige eine entscheidende Rolle, indem an ihnen oder durch sie Gottes Macht offenbar wird: in 2 Sam 5 ist es der Aramäer Naaman, in 2 Kön 7 sind es drei Aussätzige vor den Toren Samarias.
Der aussätzige aramäische Heerführer Naaman war für die israelitischen Hörer/Hörerinnen der Geschichte ein Aussenseiter in dreifachem Sinne: er war aussätzig, ein Ausländer und erst noch Repräsentant des verhassten Feindes, der Israel militärisch gedemütigt und in wirtschaftliche Abhängigkeit geführt hatte. Andererseits bedeutet der Name des Mannes, dem JHWH Sieg verliehen hatte, «der Liebliche». Die dadurch entstehenden ambivalenten Gefühle gegenüber dem Protagonisten werden auf die Spitze getrieben, indem erzählt wird, dass eine israelitische Kriegsgefangene in Diensten Naamans diesen auf einen Heiler in ihrer Heimat aufmerksam gemacht habe. Die folgende Reise Naamans ins benachbarte Israel hat den Charakter eines Staatsbesuches, bei welchem dem König Israels eine Botschaft des Königs von Aram-Damaskus überbracht wird. Die darin formulierte, nach menschlichem Ermessen unerfüllbare Bitte um Heilung Naamans kommt für den König Israels einer Kriegserklärung gleich. Er reagiert mit einer klassischen Selbstminderungs- und Trauergeste, indem er seine Kleider zerreisst und stellt die rhetorische Frage, ob er denn ein Gott sei, der einen Toten ­ und als solcher galt der Aussätzige (vgl. Kasten) ­ beleben könne (vgl. 1 Sam 2,6). Nun schlägt die Stunde Elischas. Mit seiner Reaktion auf das Verhalten des Königs wendet sich die Dynamik der Erzählung. Der ungläubige König wird nun zum Feind JHWHs, während der kranke Syrer als Kanal für den Machterweis JHWHs in den Blick kommt. Es folgt ein retardierendes Moment, da Naaman das Verhalten Elischas, der nicht selbst erscheint, sondern einen Boten sendet, als anmassend und seinen Therapievorschlag als lächerlich empfindet. Tatsächlich sind die Flüsse, die den Ruhm Damaskus' als Perle des Orients begründen, verglichen mit dem sumpfigen, trägen Jordan, stolze Gewässer. Der «Amana» (Abana ist eine überlieferte Fehlschreibung), heute Barada, hat seinen Namen vom Gebirge (Antilibanon), in dem er entspringt. Der «Parpar» entspricht heute dem Fluss el-Auwaj im Wadi Barbar. Naaman lässt sich schliesslich dazu überreden, auf den Vorschlag Elischas einzugehen, wobei ihm seine Dienerschaft mit dem ungewöhnlichen Titel «mein Vater» flattiert. Der Genesene möchte sich mit einem Geschenk (börakah; wörtl. Segnung) bei Elischa bedanken, was jener ablehnt. Schliesslich zieht er mit soviel israelitischer Erde nach Hause, die nötig ist, um einen Brandopferaltar zu erbauen (Ex 20,24); denn JHWH kann auf fremder Erde (1 Sam 26,19; Ps 137,4), die durch die Verehrung fremder Gottheiten verunreinigt ist (Jos 22,19; Hos 9,3­5; Am 7,17), nicht verehrt werden. Naaman wird zum Prototyp des Proselyten. Es wird ihm zugestanden, weiterhin dem syrischen Gott Rimmon zu opfern, wenn auch nur zum Schein. Zum Ende der Geschichte hin tritt nach dem König Israels mit Gehasi, dem Diener Elischas, eine zweite Kontrastfigur hervor. Indem er Naaman nachträglich doch einen Teil der Geschenke abschnorrt, schreibt er indirekt die von JHWH bewirkte Heilung seinem Meister zu, was einen Verstoss gegen göttliches Recht, also einen Sakrilegfall darstellt, der von Gott geahndet wird: nämlich mit Aussatz (vgl. Kasten).

Kirche: Vom Syrer zum Samariter

Das Evangelium von den zehn Aussätzigen (Lk 17,11­19) schliesst in verschiedener Hinsicht ans Erste Testament an. Jesus erweist sich wie Elischa an den Aussätzigen als Heiler. Auch in dieser Geschichte übertrifft die Frömmigkeit des Ausländers (Samariter) die der Einheimischen (Juden). Der Glaube an den lebendigen Gott ist weder ethnisch noch konfessionell gebunden.

Welt: Vom «Aussatz» zum «Fundamentalismus»

Hautkrankheiten (z.B. Psoriasis) können noch immer ausgrenzend wirken. Noch viel weiter verbreitet und subtiler sind heute Ausgrenzungen aufgrund der Hautfarbe, des Geschlechts, der Nationalität oder der Finanzkraft. Mancherorts entfaltet das Etikett «Fundamentalist» eine ähnliche Wirkung wie «Aussatz».


Aussatz

Das deutsche Wort Aussatz drückt die Folge aus, die die so bezeichnete Krankheit bei von ihr befallenen Menschen hat: Sie werden aus der normalen Gesellschaft ausgesetzt. Gemeinhin wird die Bezeichnung auf die Lepra (Hansensche Krankheit) bezogen. In der Antike war Lepra aber höchstwahrscheinlich unbekannt, bis sie Alexanders Heer aus Indien in den Westen einschleppte. Eine lepröse Frau aus Somalia ist vielleicht auf einem ägyptischen Relief im Grabtempel der Hatschepsut dargestellt worden . Jedenfalls aber zeigt das Bild, dass aussergewöhnliche, sichtbare Körperformen Aufsehen erregten. Die antiken Ärzte verstehen unter Aussatz diverse Hautkrankheiten. Erst ab Johannes Damaszenus (9. Jh.) wird das Wort auf die Hansensche Krankheit bezogen. Die Bibel kennt sieben Typen von Aussatz und nennt insgesamt neunzehn Fälle (Lev 13,2­44). Der Fall, wonach ein vollständig von weissem Aussatz Befallener für rein gilt, zeigt eindrücklich, dass bei der Beurteilung nicht medizinische Kategorien im heutigen Sinn, sondern die Uneinheitlichkeit der Materie eine Rolle spielen. Aussätzige gelten als Tote unter Lebendigen (vgl. Num 12,12). Sie haben die Haltung von Trauernden einzunehmen und die Reinen vor ihrer Unreinheit zu warnen. Die Rabbinen nennen zehn mögliche Ursachen für Aussatz, lauter Fälle, bei welchen Göttliches in Mitleidenschaft gezogen wird und dadurch Gott selber zum Ahnder des Unrechts wird (vgl. die Begründung des Aussatzes von König Usija in 2 Chr 26,16­19). Aussatz galt deshalb im Alten Orient als die «grosse Strafe» (Gottes), die nicht selten in Verfluchungen auftaucht (vgl. Dtn 28,27). Diese verhängnisvolle Krankheitsinterpretation ist schon im Ersten Testament nicht ohne Widerspruch geblieben, wenn der Aussatz Ijobs nicht mehr als Strafe, sondern als Prüfung verstanden wird (2,7). Jesu Reinheitsverständnis rückt die Aussätzigen ins Zentrum seines Heilswirkens (Mk 1,40­45 par.) und legt den Grundstein für eine weitreichende christliche Leprosendiakonie. Um 720 liess Abt Otmar in St. Gallen das erste Aussätzigenspital des Abendlandes bauen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998