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Lesejahr C |
Amos (eine Kurzform von Amazja, «der von Jahwe Getragene»)
stammte aus Tekoa im judäischen Bergland, heute Chirbet Tequ'a, 18
km südlich von Jerusalem. Er war Schafzüchter (noqed; 1,1), eine
Bezeichnung, die in der Bibel nur noch für den moabitischen König
Mescha verwendet wird (2 Kön 3,4), ferner Rinderhalter und Sykomorenritzer
(7,14), also ein vermögender Bauer. Von sich selber sagt er, Jahwe
habe ihn von der Kleinviehherde weg berufen (7,15). Der Priester Amazja
von Betel spricht ihn als Seher (chosä) an. Er trat unter den Königen
Jerobeam II. von Israel und Asarja von Juda, also zwischen 773 und 757 v.
Chr. in Samaria, Betel und vielleicht auch in Gilgal auf. Der Hinweis auf
ein Erdbeben (1,1) und auf eine Sonnenfinsternis (8,9) in seinen gesammelten
Sprüchen verweist ungefähr auf das Jahr 760 v. Chr. Amos wurde
aufgrund seiner Prophetien wegen Hochverrats aus Israel verbannt (7,1017).
Der Lesungstext beinhaltet das finale furioso einer Sammlung von Wehesprüchen
(5,16,14) Amos' an die Adresse der israelitischen (und judäischen?)
Oberschicht. Sitz im Leben dieses letzten Spruches könnte eine religiöse
Zeremonie in Betel gewesen sein, bei der sich Repräsentanten der Oberschicht
versammelten, ein Jubiläum oder eine Jahrzeitfeier zu Ehren einer verstorbenen
Persönlichkeit. Bei solchen Anlässen fanden symposiastische Gelage
statt.
Mit «Wehe» (hoj) wird eine Reihe von sieben Wehesprüchen,
sechs zweizeiligen und einem dreizeiligen, eröffnet. Das Klagewort
wird allerdings im Text nicht jedesmal wiederholt, sondern mitgedacht. 1.
Gegen die Luxuriösen von Zion und Samaria (6,1a): Sie wohnen erhöht
über dem restlichen Volk in mauergeschützten Städten mit
Zitadellen (vgl. SKZ 21/1998). 2. Gegen die Aristokraten und ihre Gastgeber
(6,1b): Sie halten sich für die Repräsentanten des Ersten (= Besten)
unter allen Völkern in Analogie zu Amalek, das als Erstes (= Schlechtestes)
unter den (Fremd-)Völkern gilt (Num 24,20). Ein späterer Einschub
kommentiert und relativiert das Erstlingsdasein Israels. Kalne und Hamat
liegen am Orontes in Syrien und wurden 738 vom Assyrerheer Tiglatpilesers
III. erobert. Gat ist eine der fünf grossen Städte im Philisterland.
Obwohl diese Städte bedeutender waren als Samaria und Jerusalem, entgingen
sie der Eroberung durch die Assyrer nicht. 3. Gegen Luxus und Gewalt (6,3):
Die Mächtigen schützen ihren habgierig erbeuteten Privatbesitz
durch eine Sicherheitspolitik, die weitere Leben fordert. So glauben sie
den bösen Tag (jom r'a), den Zusammenbruch ihrer Unrechtsherrschaft,
hinauszögern zu können. 4. Gegen den Prunk der Reichen (6,4a):
Elfenbeinverzierte Betten (vgl. Kasten) verweisen nicht nur auf einen exzessiven
Lebenswandel, der auf immer neue Anreize zur Luststeigerung angewiesen ist,
sondern auch auf den kostspieligen Unterhalt von Künstlern und aufwendige
Beschaffung seltener und teurer Materialien. 5. Gegen übermässigen
Fleischkonsum (6,4b): Fleisch wurde in der Regel nur an Festen im Rahmen
von Opferungen, oder wenn mangels Regen die Ernte ausfiel, verzehrt. 6.
Gegen dekadente Musik (6,5): Im umrissenen Rahmen werden die harmonischen
Klänge der Musik zur Kakaphonie. Der Vergleich «wie David»
ist wahrscheinlich nachträglich eingefügt worden. 7. Gegen Saufgelage
(6,6): Der letzte Weheruf, lässt das Sittengemälde im Bild der
Zecherei enden, das auch von anderen Propheten oft gebraucht wird (Jes 22,1214;
28,78; Hos 7,37). Die dritte, gleichsam überschwappende Zeile
ein rhetorisches Echo des prophetischen Bauern auf die Völlerei
der Prasser fasst alles zusammen: Der Untergang Josefs (= Nordstaat
Israel) kümmert diese verblendete Gesellschaft nicht. Mit ätzendem
Spott folgert Amos aus seiner Diagnose die Prognose in scharfgeschliffener
Alliteration: «Fertig ist das Fest der Fläzenden!» (vgl.
Literaturhinweis). Dem Ende der Orgie folgt ein Megakater: das Abzotteln
in die Verbannung an der Spitze der von den Assyrern Deportierten Israeliten
(vgl. 2 Kön 17,6).
Der Luxus der Reichen ist die Kehrseite der Ausbeutung der Armen, die das Thema der Amoslesung des vergangenen Sonntags war. Auch diesmal unterstreicht, ja steigert das beigesellte Evangelium die Kritik des Amos. Während jener den Israeliten eine zeitlich-historische Strafe verheisst, droht der lukanische Jesus im Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk 16,1931) mit einem Gericht, das Zeit und Raum nicht aber unsere Vorstellungskraft! übersteigt. Abgebrühte Sünder brauchen offenbar harte Kost, um aufgerüttelt zu werden.
Auch diesmal fällt die Aktualisierung der von Amos skizzierten Situation leicht. Die Dekadenz der Gegenwart lässt sich im Stichwort Sucht verdichten. Dabei ist der Konsum unterschiedlich harter Drogen nur der Gipel einer generellen Verschling-Sucht, die sich für die Schweiz durch statistische Spitzenwerte aus Kommerz und Medizin belegen lässt. Pikante Parallele: auch in unseren Einkaufstempeln verhilft Musik den Menschen zu jener Trance, in der sie gedankenlos ihren Fleisch-, Alkohol- und anderen Gelüsten frönen.
Literaturhinweis: Hans Walter Wolff, Die Stunde des Amos. Prophetie und Protest, München 1969 (6. Aufl.).
Es gehört zu den besonderen Glücksfällen der Palästinaarchäologie, dass bei den Ausgrabungen des Palastbereichs von Samaria tatsächlich Elfenbeine zum Vorschein gekommen sind, die Brand und Zerstörung des Gebäudes überdauert haben. Die spärlichen Reste, kunstvolle, figürliche Intarsien aus kostbaren, hölzernen Möbelstücken, zeigen eine Kunst auf der Höhe ihrer Zeit. Sie zeichnet sich aus durch ein breites Motivspektrum, das sowohl ägyptische als auch mesopotamische Vorbilder umfasst, die stilsicher und elegant mit einheimischen Traditionen verbunden werden. Das abgebildete, in Samaria gleich zweimal belegte Beispiel hat nordsyrische Vorbilder. Es zeigt einen Löwen, der einen Stier anfällt. Mit Bildern dieser Art wollten sich die Damen und Herren von Samaria der göttlichen Schutzkraft gegen Feinde aller Art versichern. Aber gerade gegen sie trat JHWH im Munde der Propheten wie ein brüllender Löwe an (Am 3,8; Hos 5,14; 13,7).