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Lesejahr C |
Die Vorschriften JHWHs am Sinai zum Bau eines Heiligtums (Ex 2531)
und ihre Ausführungsbestimmungen (Ex 3540) werden durch die Geschichte
vom Abfall zum Goldenen Kalb unterbrochen (Ex 3234). Während das
Volk am Fuss des Sinai auf Mose wartet, der auf dem Berg weilt, stellt Aaron
ein goldenes Kalb her, dem das Volk für die Befreiung aus Ägypten
dankt. Die dadurch begangene Sünde, die Gott zum Zorn reizt, hat drei
Seiten:
1. Das Volk dankt nicht dem Gott, durch den es aus dem Sklavenhaus Ägypten
errettet worden ist. 2. Es stellt diesen Gott in verbotener Weise in Gestalt
eines gegossenen Kultbildes dar. 3. Es erweist sich als halsstarriges Volk
(qöscheh-'oräf), das sich Gottes Willen nicht fügt. Dieser
Vorwurf zieht sich leitmotivisch durch die drei Kapitel des Abfalls (Ex
32,9; 33,3.5; 34,9). In dieser äusserst schwierigen Situation bewährt
sich Mose, der Anwalt Gottes vor dem Volk, als Fürsprecher des Volkes
vor Gott. Viermal bittet er Gott um Nachsicht für das störrische
Volk, um Vergebung für seine Sünde und darum, dass Gott mit dem
Volk ins Gelobte Land hinaufziehen möge (Ex 32,714.3035;
33,1217; 34,9).
Der Lesungstext beinhaltet die erste der vier Fürbitten. Der Abschnitt
beginnt durch eine fast komisch anmutende Distanzierung JHWHs von seinem
Volk Israel, wenn er zu Mose sagt (32,7): «Dein Volk, das du aus Ägypten
herausgeführt hast, läuft ins Verderben.» Er gleicht hier
dem Vater, der zur Frau über den Sohn, der Äpfel geklaut hat,
sagt: Schau Dir Deinen Sohn, den Dieb an. Aber Mose lässt sich nicht
beirren und erinnert Gott daran, dass er es war, der sich zu dieser Rettungstat
entschlossen hatte (32,11): «Warum, JHWH, ist dein Zorn gegen dein
Volk entbrannt? Du hast es doch mit grosser Macht und starker Hand aus Ägypten
herausgeführt.» Gott will das Volk vernichten und bietet Mose,
dem treuen Knecht an, ihn zu einem grossen Volk zu machen. Doch Mose lässt
sich durch dieses verlockende Angebot nicht versuchen: Er weiss, dass dadurch
die Verheissungen an die Väter zunichte würden und erinnert Gott
an seine Versprechungen gegenüber Abraham, Isaak und Israel. Zwischen
diesen beiden Momenten der Erinnerung flicht Mose ein drittes Argument ein,
das an Gottes Ehrgefühl appelliert. Gäbe er sein Volk preis, würde
er zum Gespött der Feinde, der Ägypter. Scham und Schande sind
in den Mittelmeergesellschaften das Schlimmste, was Menschen im Leben treffen
kann. Für einen Gott ist eine solche Blösse undenkbar. Es ist
denn auch genau dieses, von der Leseordnung ausgesparte Argument, das in
der deuteronomistischen Literatur prominent aufgegriffen wird (Dtn 9,2429),
wo noch das Argument von Israel als unveräusserbarem Erbbesitz (nachalah)
Gottes dazukommt.
Speziell im Katholizismus hat die Fürbitte immer eine grosse Rolle gespielt. Nicht immer stand sie aber der Bibel gemäss im Dienste der Versöhnung. Oftmals wurde sie dazu missbraucht, das der Kirche einträgliche Geschäft der Heiligenverehrung anzuheizen oder die privilegierte Stellung der Priester als Verwalter der heilsnotwendigen Sakramente zu legitimieren. Daher gilt es zu unterstreichen: Weil wir ein Volk von Priesterinnen und Priestern sind, ist Fürbitte in erster Linie Bitte füreinander.
Wie einst Israel, so stehen heute viele Völker biblisch gesprochen unter Gottes Zorn und sind auf unsere Fürbitte angewiesen. Foren der Versöhnung sind heute vor allem staatenübergreifende Organisationen wie die UNO oder KSZE und internationale NGOs.
Die Fürbitte gehört neben der Reparationszahlung und Sühneliturgien zu den wichtigsten Mitteln der Versöhnung zwischen Menschen, bzw. Menschen und Gott. Eine Persönlichkeit mit Autorität setzt sich bei den Geschädigten, bzw. bei einer höheren, richtenden Instanz dafür ein, dass die Strafe der Delinquenten gemildert oder erlassen wird. Der Fürbitter oder die Fürbitterin steht als Mittler/Mittlerin zwischen zwei Parteien, denen er/sie sich nicht oder nur teilweise zurechnet. Auf sogenannten Einführungsszenen auf altsyrischen Rollsiegeln wird das etwa dadurch zum Ausdruck gebracht, dass die vermittelnde Gestalt zwischen einem Beter und der Gottheit eine Zwischenposition in der Hierarchie einnimmt, die durch Kleidung, Kopfputz, Position, Körperhaltung usw. vielfältig zum Ausdruck gebracht wird. Fürbittende Mittler/Mittlerinnen par exellence sind die Priester/Priesterinnen, die dem Volk am Tempel rituell Zugang zur Gottheit verschaffen (Aaron: Num 17,12f.; Pinhas: 25,615). Die grossen Fürbitter/Fürbitterinnen des Ersten Testamentes sind nebst Mose Abraham (Gen 18,2232; vgl. SKZ 2930/1998), Josua (Jos 7,69), Samuel (1 Sam 7,69; 12,1923), der König (1 Kön 8,2253), die Propheten (1 Kön 17,20f.; 2 Kön 4,1835; Jer 37,3; 42,14; Am 7,2.5). In nachexilischer Zeit nimmt einerseits die Scheu von Menschen, Mittlerfunktion gegenüber Gott zu beanspruchen, zu: Esra, Nehemia, Tobit, Ester, Judit oder Daniel sehen sich in ihren Gebeten als Teil des Volkes, für das sie bitten. Andererseits beginnt nun die Verehrung himmlischer Gestalten als fürbittende Instanzen. Entrückte Fromme (2 Makk 15,1216) und Engel (Ijob 33,2326; Sach 1,12) treten auf den Plan. Im Neuen Testament wird Jesus Christus zum einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen (1 Tim 2,5), der sogar für seine Mörder bittet (Lk 23,34). Insbesondere erbittet er für seine Jünger/Jüngerinnen den Beistand des Geistes (Joh 14,16), der seinerseits als Paraklet nichts anderes ist als ein Fürsprecher. Im Katholizismus avanciert Maria zur grossen Fürbitterin am göttlichen Thron, eine Konstellation, die den uralten Rollsiegeldarstellungen wieder sehr nahe kommt. Die predigthafte Auslegung im Judentum spitzt den Gedanken der Erlösung durch den Mittler zu und stellt Mose als Verteidiger und Erzieher des jüdischen Volkes dar, der die Stelle des Anklägers (hebr. satan) eingenommen hat (SchmotR 43,1).