SKZ 36/1998

INHALT

Lesejahr C

Versöhnendes Gebet

von Thomas Staubli

 

Bibel: Moses Fürbitte für Israel am Sinai

Die Vorschriften JHWHs am Sinai zum Bau eines Heiligtums (Ex 25­31) und ihre Ausführungsbestimmungen (Ex 35­40) werden durch die Geschichte vom Abfall zum Goldenen Kalb unterbrochen (Ex 32­34). Während das Volk am Fuss des Sinai auf Mose wartet, der auf dem Berg weilt, stellt Aaron ein goldenes Kalb her, dem das Volk für die Befreiung aus Ägypten dankt. Die dadurch begangene Sünde, die Gott zum Zorn reizt, hat drei Seiten:
1. Das Volk dankt nicht dem Gott, durch den es aus dem Sklavenhaus Ägypten errettet worden ist. 2. Es stellt diesen Gott in verbotener Weise in Gestalt eines gegossenen Kultbildes dar. 3. Es erweist sich als halsstarriges Volk (qöscheh-'oräf), das sich Gottes Willen nicht fügt. Dieser Vorwurf zieht sich leitmotivisch durch die drei Kapitel des Abfalls (Ex 32,9; 33,3.5; 34,9). In dieser äusserst schwierigen Situation bewährt sich Mose, der Anwalt Gottes vor dem Volk, als Fürsprecher des Volkes vor Gott. Viermal bittet er Gott um Nachsicht für das störrische Volk, um Vergebung für seine Sünde und darum, dass Gott mit dem Volk ins Gelobte Land hinaufziehen möge (Ex 32,7­14.30­35; 33,12­17; 34,9).
Der Lesungstext beinhaltet die erste der vier Fürbitten. Der Abschnitt beginnt durch eine fast komisch anmutende Distanzierung JHWHs von seinem Volk Israel, wenn er zu Mose sagt (32,7): «Dein Volk, das du aus Ägypten herausgeführt hast, läuft ins Verderben.» Er gleicht hier dem Vater, der zur Frau über den Sohn, der Äpfel geklaut hat, sagt: Schau Dir Deinen Sohn, den Dieb an. Aber Mose lässt sich nicht beirren und erinnert Gott daran, dass er es war, der sich zu dieser Rettungstat entschlossen hatte (32,11): «Warum, JHWH, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit grosser Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.» Gott will das Volk vernichten und bietet Mose, dem treuen Knecht an, ihn zu einem grossen Volk zu machen. Doch Mose lässt sich durch dieses verlockende Angebot nicht versuchen: Er weiss, dass dadurch die Verheissungen an die Väter zunichte würden und erinnert Gott an seine Versprechungen gegenüber Abraham, Isaak und Israel. Zwischen diesen beiden Momenten der Erinnerung flicht Mose ein drittes Argument ein, das an Gottes Ehrgefühl appelliert. Gäbe er sein Volk preis, würde er zum Gespött der Feinde, der Ägypter. Scham und Schande sind in den Mittelmeergesellschaften das Schlimmste, was Menschen im Leben treffen kann. Für einen Gott ist eine solche Blösse undenkbar. Es ist denn auch genau dieses, von der Leseordnung ausgesparte Argument, das in der deuteronomistischen Literatur prominent aufgegriffen wird (Dtn 9,24­29), wo noch das Argument von Israel als unveräusserbarem Erbbesitz (nachalah) Gottes dazukommt.

Kirche: Bitte füreinander

Speziell im Katholizismus hat die Fürbitte immer eine grosse Rolle gespielt. Nicht immer stand sie aber der Bibel gemäss im Dienste der Versöhnung. Oftmals wurde sie dazu missbraucht, das der Kirche einträgliche Geschäft der Heiligenverehrung anzuheizen oder die privilegierte Stellung der Priester als Verwalter der heilsnotwendigen Sakramente zu legitimieren. Daher gilt es zu unterstreichen: Weil wir ein Volk von Priesterinnen und Priestern sind, ist Fürbitte in erster Linie Bitte füreinander.

Welt: Foren der Versöhnung

Wie einst Israel, so stehen heute viele Völker ­ biblisch gesprochen ­ unter Gottes Zorn und sind auf unsere Fürbitte angewiesen. Foren der Versöhnung sind heute vor allem staatenübergreifende Organisationen wie die UNO oder KSZE und internationale NGOs.


Fürbitte

Die Fürbitte gehört neben der Reparationszahlung und Sühneliturgien zu den wichtigsten Mitteln der Versöhnung zwischen Menschen, bzw. Menschen und Gott. Eine Persönlichkeit mit Autorität setzt sich bei den Geschädigten, bzw. bei einer höheren, richtenden Instanz dafür ein, dass die Strafe der Delinquenten gemildert oder erlassen wird. Der Fürbitter oder die Fürbitterin steht als Mittler/Mittlerin zwischen zwei Parteien, denen er/sie sich nicht oder nur teilweise zurechnet. Auf sogenannten Einführungsszenen auf altsyrischen Rollsiegeln wird das etwa dadurch zum Ausdruck gebracht, dass die vermittelnde Gestalt zwischen einem Beter und der Gottheit eine Zwischenposition in der Hierarchie einnimmt, die durch Kleidung, Kopfputz, Position, Körperhaltung usw. vielfältig zum Ausdruck gebracht wird. Fürbittende Mittler/Mittlerinnen par exellence sind die Priester/Priesterinnen, die dem Volk am Tempel rituell Zugang zur Gottheit verschaffen (Aaron: Num 17,12f.; Pinhas: 25,6­15). Die grossen Fürbitter/Fürbitterinnen des Ersten Testamentes sind nebst Mose Abraham (Gen 18,22­32; vgl. SKZ 29­30/1998), Josua (Jos 7,6­9), Samuel (1 Sam 7,6­9; 12,19­23), der König (1 Kön 8,22­53), die Propheten (1 Kön 17,20f.; 2 Kön 4,18­35; Jer 37,3; 42,1­4; Am 7,2.5). In nachexilischer Zeit nimmt einerseits die Scheu von Menschen, Mittlerfunktion gegenüber Gott zu beanspruchen, zu: Esra, Nehemia, Tobit, Ester, Judit oder Daniel sehen sich in ihren Gebeten als Teil des Volkes, für das sie bitten. Andererseits beginnt nun die Verehrung himmlischer Gestalten als fürbittende Instanzen. Entrückte Fromme (2 Makk 15,12­16) und Engel (Ijob 33,23­26; Sach 1,12) treten auf den Plan. Im Neuen Testament wird Jesus Christus zum einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen (1 Tim 2,5), der sogar für seine Mörder bittet (Lk 23,34). Insbesondere erbittet er für seine Jünger/Jüngerinnen den Beistand des Geistes (Joh 14,16), der seinerseits als Paraklet nichts anderes ist als ein Fürsprecher. Im Katholizismus avanciert Maria zur grossen Fürbitterin am göttlichen Thron, eine Konstellation, die den uralten Rollsiegeldarstellungen wieder sehr nahe kommt. Die predigthafte Auslegung im Judentum spitzt den Gedanken der Erlösung durch den Mittler zu und stellt Mose als Verteidiger und Erzieher des jüdischen Volkes dar, der die Stelle des Anklägers (hebr. satan) eingenommen hat (SchmotR 43,1).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998