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Lesejahr C |
Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung entstand in gebildeten jüdischen
Kreisen Alexandrias eine in kunstvollem Griechisch verfasste, unter dem
Titel «(Allvorzügliche) Weisheit Salomos» ([panáretos]
sophia salomonos) überlieferte Schrift. Sie wurde vielleicht für
den Schulbetrieb geschrieben, jedenfalls aber für eine Schicht mit
griechischer und jüdischer Bildung, der die griechische Rhetorik geläufig
und die vielen Anspielungen an die jüdische Geschichte und Auslegungstradition
bekannt waren (vgl. auch SKZ 2930/1998). Es handelt sich um eine Mahn-
und Werbeschrift (lógos protreptikós), die an die Gerechtigkeit
und verwandte antike Tugenden der Menschen, speziell der Herrscher (Weish
1,1) appelliert.
Das Gedicht der Lesung entstammt dem mittleren von drei Buchteilen, einer
kunstvoll-feierlichen Lobrede (enkómion) auf die Weisheit, in der
ihre Herkunft, ihr Wesen und Wirken dargelegt wird. Es ist König Salomo,
Patron der israelitischen Weisheit, der sich hinter dem anonymen Sprecher
verbirgt, wie die vielen Anspielungen auf die Salomo-Überlieferungen
zeigen. Das Zentrum dieses Mittelteils ist ein Gebet Salomos um Weisheit
(9,119), also eine Entfaltung der in 1 Kön 3,69 (||2Chr 1,810)
geschilderten Situation. Das in sich konzentrisch gestaltete, dreistrophige
Gebet bildet die Mitte und damit den Kulminationspunkt der ganzen Sapientia
Salomonis. Während die Aussenstrophen (9,16.1319) das Verhältnis
zwischen Mensch und Weisheit zum Thema machen, geht es in der Mittelstrophe
(9,712) um die Beziehung der Weisheit zu Volk und Tempel. Die Achse
des Buches bildet Salomos Bitte in 9,10: «Sende sie [die Weisheit]
aus heiligen Himmeln, und schicke sie vom Thron deiner Herrlichkeit, damit
sie mir zu Hilfe komme und sich (um mich) mühe und ich erkenne, was
dir wohlgefällig ist.» Der Weise hat erkannt, dass Weisheit kein
erwerbbarer Besitz ist, sondern ein Geschenk Gottes, das aber nicht in Gestalt
der Tora ein- für allemal den Juden gegeben ist, wie es Sir 24 und
Bar 3 (vgl. SKZ 19/1998) darstellen, sondern das jene durch heiligen Geist
(vgl. Kasten) erhalten, die Gott immer wieder im Wissen ihrer Unzulänglichkeit
und Begrenztheit darum bitten und daher seine Freundschaft geniessen.
Der Lesungstext umfasst die dritte, in Wir-Form abgefasste Strophe des salomonischen
Bittgebetes, die zusammen mit der ersten einen thematischen Bogen um die
Mittelstrophe bildet. Rhetorische Wer-Fragen (9,13) stellen die Unvergleichbarkeit
Gottes heraus (vgl. Ijob 38f.; Jes 40,13; Röm 11,3334). Der Plan
(bulä) Gottes ist für die Menschen geheimnisvoll. Seinen Willen
zu erkennen, kann von den Menschen nur erbeten werden. Die menschliche Unzulänglichkeit
wird in 9,1416 vielfältig umschrieben: Armselig und unzuverlässig
sind unsere Gedanken, sterblich unser Leib, dadurch beschwert unsere Seele,
niedergedrückt und sorgenvoll unser Verstand. Ein ähnlich pessimistisches
Menschenbild findet sich in den Hodajoth von Qumran, zum Beispiel 1QH XVIII,
57: Ich aber, Staub und Asche, was denke ich, wenn Du es nicht willst,
was überlege ich ohne Deinen Willen? Wie kann ich standhalten, wenn
du mich nicht hingestellt? Wie kann ich verstehen, wenn nicht du es für
mich geformt? Was rede ich, wenn nicht du mir den Mund geöffnet? Wie
antworte ich, wenn nicht du mich belehrt? Ganz ähnlich erfolgt die
Antwort auf die menschliche Schwachheit, die ganz Anfrage an Gott geworden
ist, auch in Weish 9,1719 nochmals in rhetorischen Fragen. Die Weisheit
wird darin dem heiligen Geist parallel gesetzt (vgl. Kasten). Sie ist die
Gabe Gottes, die die Menschen auf den rechten Weg führt, sie unterrichtet
und aus Gefahren rettet (esôthäsô). Der letzte Gedanke
verweist voraus auf den dritten Buchteil, wo das rettende Wirken der Weisheit
in Israels Heilsgeschichte ausführlich dargestellt wird.
Wie Salomo in seinem Gebet bekennt die Kirche, dass sie immer wieder auf den gnadenhaften Beistand Gottes angewiesen ist. Wir können nicht in den Himmel hinaufsteigen, sondern in Gestalt Christi ist das von den Armen erbetene Heil zu ihnen herabgestiegen (Joh 3,12f.15). Lothar Zenetti hat uns den zentralen Gedanken von Weish in die Form eines Kyrie-Gebetes gebracht, das Peter Janssens vertont hat: 1. Was wir denken ist eng,/ ist ärmlich, erbärmlich./ Herr, erbarme dich,/ Herr, erbarme dich,/ denke in uns deine Gedanken,/ sprich zu uns dein Wort,/ vollbringe in uns dein Werk. 2. Denn was wir reden ist schwach,/ ist ärmlich, erbärmlich./ Christ, erbarme dich,/ Christ, erbarme dich,/ denke in uns deine Gedanken,/ sprich zu uns dein Wort,/ vollbringe in uns dein Werk. 3. Denn was wir tun ist gering,/ ist ärmlich, erbärmlich,/ Herr, erbarme dich,/ Herr, erbarme dich,/ denke in uns deine Gedanken,/ sprich zu uns dein Wort,/ vollbringe in uns dein Werk,/ vollziehe deine Gedanken.
Die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit ist den Armen in besonderem Masse gegeben. Deshalb sind sie das bevorzugte Einfallstor des Geistes in die Welt oder anders ausgedrückt der Motor der Geschichte. Sich daran zu erinnern ist in der Diktatur des Kapitals ein Quell der Hoffnung.
Literaturhinweis: Helmut Engel, Das Buch der Weisheit (NSK-AT 16), Stuttgart 1998.
Neben einer gesetzespositivistischen Tradition (vgl. Dtn 4; Sir 24; Bar 3) gibt es im Judentum die Überzeugung, dass es unabhängig vom Gesetz eine göttliche Kraft gibt, die die Menschen Gottes Plan/Willen erkennen lässt. Sie wird zunächst so umschrieben, dass Gott sein Gesetz den Menschen direkt ins Herz legt (Jer 24,7; 31,3134; Ez 36,26f.), dann aber auch so, dass es (heiliger) Geist ist, der in unser Herz gelangt (Ps 51,12f.; 143,10), bis schliesslich der Geist über alles Fleisch, Inbegriff der Todverfallenheit, ausgegossen wird (Num 11,29; Ez 39,29; Sach 12,10; Joël 3,1). Dass die im Gesetz und im gerechten Leben wirksame Gotteskraft durch den Geist, also etwas Luftartiges (hebr. ruach; gr. pneuma) ausgedrückt wird, findet in Ägypten eine Entsprechung, wo die Göttin der Weltordnung und Gerechtigkeit, Ma'at, eingeatmet wird wie Luft durch die Nase. Ihre Luftgestalt wird in der Feder vergegenwärtigt (vgl. SKZ 2223 und 2930/1998) oder in der geflügelten Göttin, die dem Pharao auf seinem Thron Weisheit und Gerechtigkeitssinn zufächelt. Die Weisheit, Throngenossin JHWHs (Weish 9,4!), wird von Salomo erbeten in heiligem Geist aus der Höhe (9,17; vgl. Lk 24,49; Apg 1,4f.8), vorbildlich für alle Menschen, die nach Gottes Plan leben möchten. Im Urchristentum, besonders bei Paulus, wird der Heilige Geist die treibende Kraft der Heilsgeschichte. Wer im Geist ist, ist in Christus (Röm 8,1.9f.) und damit in Gott, weshalb der Heilige Geist im Credo der Kirche als Gestalt Gottes bekannt wird.