SKZ 33-34/1998

INHALT

Lesejahr C

Wer ist JHWH am nächsten?

 

Bibel: Das Jesaja-Finale

Durch Deportation und Flucht unter neubabylonischer Herrschaft waren im ganzen Vorderen Orient und im Mittelmeerraum teilweise blühende jüdische Gemeinden entstanden. Nach dem bescheidenen Neuanfang in persischer Zeit in der Provinz Jehud, der Satrapie Transeuphrat (Abrnahrein), stellte sich die Frage, in welchem Verhältnis die Tempelgemeinde Jerusalems zur Diaspora steht und darüber hinaus, wie die Beziehung zu den Gottesfürchtigen unter den übrigen Völkern zu gestalten ist. Das Jesaja-Corpus bezieht in diesen Fragen in seinem jüngsten Teil eine Position, die konservativen und reaktionären jüdischen Kreisen ein Dorn im Auge war und sie sogar veranlasste, die Jesajajünger/Jesajajüngerinnen auszuschliessen (66,5).
Der Lesungstext bildet die Fortsetzung zur Lesung vom 14. Sonntag im Jahreskreis (C; vgl. SKZ 26/1998) und schliesst durch die Konkretisierung des Gottesdienstes im «Bethaus für alle Völker» (56,1­8; vgl. SKZ 1/1998) nicht nur eine Klammer um Tritojesaja (Jes 56­66), sondern beschliesst zugleich das ganze Jesaja-Corpus. Viele redaktionelle Bezüge zu Deutero- und Protojesaja (vgl. Literaturhinweis) zeigen, dass er bewusst als Jesaja-Finale gestaltet worden ist. Werden zu Beginn des Buches Himmel und Erde in den Zeugenstand gegen Israel gerufen (1,4), so schliesst es mit der Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde (66,22). Dem zwecklosen, da frevlerischen Erscheinen vor JHWHs Angesicht (1,12) steht ein gottgefälliger Kult gegenüber (66,22­23). Anklage und Gericht gegen die Abtrünnigen (1,2.28) wird ergänzt durch die Verheissung ihrer Vernichtung (66,24). Die missbräuchlich gefeierten Sabbate, Neumonde und Opfer (1,13) finden Ersatz durch Gaben in reinen Gefässen (66,20). Nur das nicht zu löschende Feuer (1,31) für die Frevler brennt fort (66,24). Das Jesaja-Corpus wird damit unter die Gesamtthematik des gerechten Gottesdienstes gestellt.
Die von der Leseordnung vorgeschlagene Perikope zerstört einen auch formal ausgewiesenen Sinnzusammenhang. 66,15­24 ist nämlich als kunstvoller Chiasmus konzipiert worden:

A Gericht 15­17
B Völkersammlung 18­19
X Heimkehr aus Diaspora 20­22
B' Völkerwallfahrt 23
A' Gericht 24

Zu A/A': Über alle Sterblichen wird ein Gericht erwartet. Der richtende JHWH erscheint besonders in Gestalt des Feuers, das bei Flur- und Stadtbränden als zerstörende, gottgesandte Gewalt erfahren wurde (Gen 19,24; Ex 22,5; Ijob 1,16; Spr 30,16; Joël 1,19f.). Im Anschluss an 66,24 entstand die neutestamentlich entfaltete Vorstellung vom Höllenfeuer (Mt 5,22; Offb 21,8 u.o.). Eine Glosse (66,17) gibt eine Antwort auf die Frage, wer denn damit von Gott geschlagen wird. Dabei wird mit Gärten, Reinigungen und Kultstatue wohl auf den Adoniskult angespielt, einen mit sexuellen Riten verbundenen Auferstehungskult, der bei den Phöniziern beheimatet war. Schweinefleisch wurde vor allem bei den Griechen gerne gegessen, die es bestimmten Erdgottheiten opferten. Wie Würmer und Mäuse gelten Schweine nach Lev 11 (||Dtn 14) als unrein und machen zum Gottesdienst vor JHWH untauglich.
Zu B/B': JHWH wird seit Deuterojesaja als einziger Gott der ganzen Welt verstanden (44,6). Im Gegensatz zu den assyrischen Königen stellte für JHWH die Sprachenvielfalt der Völker (gojim) kein Problem dar, sondern wurde als Ausdruck seiner weitläufigen Herrschaft verbucht. Die Völker, noch die fernsten unter den namentlich Bekannten, sollen JHWHs Glanzes (kabod; EÜ: Herrlichkeit) ansichtig werden, wenn sie sich auf Zeichen oder Worte von Proselyten hin dem Gott Israels zuwenden und «alles Fleisch» (kol-basar; EÜ: alle Welt) die Sabbate und Neumonde hält. Der Ausdruck «alles Fleisch» ordnet die hier Angesprochenen dem Noachbund (Gen 9,8­17) zu.
Zu X: Im Zentrum der Ausführungen stehen aber die Kinder Israels. Das Verhältnis zwischen Israel und den Völkern wird durch einen gewagten Kultvergleich geklärt: Die Völker verhalten sich zu Israel wie Israel zur Opfergabe (minchah). Mit den Proselyten, die zu JHWH pilgern, werden auch die Kinder Israels wie wohlgefällige Opfergaben (vgl. Kasten) herbeigebracht. Der Hinweis, dass aus den Israeliten der Diaspora auch Leviten und Priester genommen werden, ist wohl gegen integristische Kreise in Jerusalem gemünzt, für die jene Juden zu wenig orthodox waren.
Kurz: Der Text entfaltet formal und inhaltlich ein konzentrisches Modell der Nähe zu JHWH. Am nächsten stehen ihm die Kinder Israels, die ihm so willkommen sind wie auserlesene Opfergaben auf dem Altar. Dann folgen gleichsam als priesterliche Opferträger die Proselyten aus allem Fleisch, das sich in einer Vielzahl von Völkern präsentiert. Am weitesten von JHWH entfernt sind die Leichen der Widerspenstigen, denen die Sphäre des Lebens versperrt bleibt.

Kirche/Welt: Manche von den Letzten werden die Ersten

Hierarchien, Ordnungen der Heiligkeit sind vielfach problematisch, da sie andro- oder ethnozentrische Gesellschaftsmodelle überhöhen und religiös zementieren. Tritojesajas Modell war ein Versuch, ein introvertiertes monotheistisches Gottes- und Tempelverständnis im Judentum zu einer multikulturelleren Welt hin aufzubrechen. Noch weiter geht über dreihundert Jahre später Jesus von Nazareth, der das Sitzen am Tische Gottes ganz vom rechten Tun abhängig macht. Gemessen an diesem Massstab werden alle Gruppenzugehörigkeiten relativiert. Manche von den Letzten werden die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten (Lk 13,30). Auf dieser Perspektive ruht die Hoffnung der Laien in der Kirche und die der Menschen in der Dritten und Vierten Welt.

 

Literaturhinweis: Ulrich Berges, Das Buch Jesaja. Komposition und Endgestalt (HBS 16), Freiburg i.Br. et al. 1998.


Opfergabe (minchah)

Eine minchah ist ein Geschenk, ein Zeichen des Dankes, der Freundschaft oder der Anerkennung. Diese einfache Bedeutung erhält in politischen und religiösen Kontexten je eigene Akzente. Gegenüber einem Herrscher ist minchah Tribut, Zeichen der Abhängigkeit von einer Autorität. Innerhalb des Tempelkultes ist es entsprechend ein Loyalitätserweis gegenüber der dort verehrten Gottheit und ihrer Priesterschaft. Häufigste minchah in diesem Kontext ist Brot, die Opfergabe schlechthin (vgl. SKZ 11/1998). Aber jede gottgefällige Gabe kann zur minchah werden. In einem ägyptischen Grab aus frühhellenistischer Zeit befinden sich unter den Gaben für den Verstorbenen auch Kinder. Im kultlosen Judentum versteht man unter minchah das Gebet im täglichen Gottesdienst.


Demütige und Gedemütigte

 

Bibel: Lob der Demut

Jesus ben Eleazar Sirachs Buch wurde zwar von den Juden nicht in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen, erfreute sich aber breiter Wertschätzung. Sein Enkel hat es in Alexandria ins Griechische übersetzt (vgl. SKZ 51­52/1997). In dieser Textgestalt ist es in den katholischen Kanon eingegangen. Die Textfunde von Qumran haben aber hebräische Sirach-Handschriftenfragmente des 1. Jh. v. und n. Chr. zutage gebracht, und in der Geniza von Kairo wurden Fragmente aus dem 10.­12. Jh. gefunden.
Sirachs Werk ist eine komprimierte «Summe der Theologie» seiner Zeit und Tradition. Abschnittweise werden ihre wichtigsten Themen in der knappen Sprache des Lehrgedichtes durchbuchstabiert. In den hebräischen und griechischen Manuskripten, die keine Überschriften kannten, wurden die Absätze durch Anrufung der Schüler gegliedert. Während dies im patriarchalen Schulbetrieb Jerusalems durch «mein Sohn» (hebr. beni) geschah, steht in der griechischen Fassung «Kind» (gr. teknon). Die Demut bildet zusammen mit der Gottesfurcht, der Ehrfurcht gegenüber den Eltern und der Mildtätigkeit gegenüber den Armen gleichsam eine Gruppe von vier Kardinaltugenden, die Sirach ­ gerahmt durch ein allgemeines Lob der Weisheit ­ als feierlichen Auftakt seiner Lehre voranstellt (Sir 1­4).
Das Gedicht über die Demut ist eine siebenversige Stanze. Das Thema wird bei Jesus Sirach öfters angeschnitten (1,27; 4,8; 7,16f.; 10,26­28; 45,4). Die Mahnung zur Bescheidenheit (3,17) gehört zum Kern der altisraelitischen Weisheitslehre (vgl. Spr 11,2; 15,33; 18,12; 22,4). Sie geht einher mit echter Gottesfurcht und ist letztlich nur den Armen möglich (vgl. Kasten). Der Appell richtet sich deshalb besonders an Reiche und Mächtige (3,18). Für sie stellt Bescheidenheit/Demut (hebr. 'anawa; gr. praütäs) eine echte Herausforderung dar. Der Lohn der Bescheidenheit ist Gottes Gunst, wie viele Schriften der Bibel bezeugen (vgl. Ijob 22,29; Spr 3,34; 29,23; Mt 23,12; Phil 2,3­9; Jak 4,10; 5,5; 1 Petr 5,5­6). In ihr kommt der Mensch zu Gott und Gott zum Menschen (3,20). Der in EÜ nicht gedruckte Vers 19 ist eine auf griechisch überlieferte Variante zur Hauptaussage in 3,18. Die letzten vier Verse des Gedichts richten sich speziell an Jesus Sirachs Zunftgenossen, die Schriftgelehrten und Weisheitslehrer, und warnen sie vor intellektueller Überheblichkeit. Offenbar stellte in hellenistischer Zeit das spekulative Philosophieren im Stile der Griechen für jüdische Gelehrte eine Versuchung dar. Mit Formulierungen, die Koh 7,24; 12,12­14 und besonders Ps 131,1 nahe stehen, fordert Sirach dazu auf, der eigenen Weisheitstradition treu zu bleiben. Sie begnügt sich mit einer pragmatischen Beschreibung und Analyse dessen, was der Fall ist, und verzichtet auf theoretische Abstrakta, metaphysische Überbauten und postulierte Jenseitswelten (vgl. SKZ 27­28/1998).

Kirche/Welt: «Bescheidenheit ist der Frau Zier, doch weiter kommt Mann ohne ihr» (frei nach W. Busch)

Die sogenannte Sektenregel von Qumran (100­75 v. Chr.) erwartet von den Essenern ein Leben in Demut: «Keiner soll sich erniedrigen unter seinen Rangpostenplatz und keiner sich erheben über den Ort seines Loses, sondern alle seien in wahrhafter Einung und in demütiger Güte in liebevoller Verbundenheit und gerechtem Denken einer gegenüber seinem Nächsten in einem Rat von Heiligkeit und von Söhnen eines ewigen Kreises» (1 QS 2,23­25). Während für die Essener sich Demut im Akzeptieren schicksalshafter Ordnung sowohl gegen oben wie gegen unten zeigt, verlangt Jesus von Nazareth rund hundert Jahre später von den Hohen und Mächtigen einen gesellschaftlichen Ortswechsel als Zeichen echter Demut. Er, der Lehrer und Meister, geht selber mit dem Beispiel voran, verzichtet auf Ämter und Würden und wäscht seinen Jüngern die Füsse (Joh 13). Die Kirche hat ­ einmal zu Macht gekommen ­ das jesuanische Demutsverständnis entpolitisiert. So heisst es zum Beispiel in den Übersetzungen des täglich gebeteten Magnificats nicht wie es gr. tapeinosis entsprechen würde «er hat die Demütigung (Erniedrigung oder Unterdrückung) seiner Magd angesehen» (vgl. auch die Vorlage in 1 Sam 1,11), sondern «die Niedrigkeit». So wurde aus einem sozialen Missstand, der den Unmut Gottes erregt, unter der Hand eine gottgefällige Standestugend, insbesondere für Frauen in patriarchal organisierten Kirchen und Staaten (vgl. Literaturangabe S. 291f.). Während immer noch eine Mehrheit der Frauen am Herd, in Spitälern und Klöstern den Part der Bescheidenheit übernehmen, richten sich auch viele Kirchenmänner lieber nach den Klugheitsregeln der Welt, machen Karriere, empfangen volle Gehälter, öffentliche Ehrungen und opulente Festschriften. In diesem Kontext ist es zu verstehen, dass Friedrich Nietzsche das Christentum einer Sklavenmoral bezichtigt hat. Seinem Verdikt ist vor allem von seiten der Männer nur durch eine Praxis zu begegnen, die sich an Jesus orientiert, durch eine Verkündigung der Demut an die Adresse der Mächtigen wie bei Sirach und durch eine Theologie, die den Zusammenhang von Armut und Demut offenlegt.

 

Literaturhinweis: Luise Schottroff, Lydias ungeduldige Schwestern. Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums, Gütersloh 1994.


Armut und Demut ('ani/'anawah)

Die beiden Begriffe gehen im Hebräischen auf dieselbe Wurzel zurück. Demut ist nichts anderes als die menschliche Haltung gewordene Armut. Arme müssen um überleben zu können bescheiden und untertänig sein. Diese Weisheit der Not ertönt im Munde des Propheten mit besonderem Akzent: «Sucht den Herrn, ihr Gedemütigten im Land,/ die ihr nach dem Recht des Herrn lebt./Sucht Gerechtigkeit und Demut!/ Vielleicht bleibt ihr geborgen/am Tag des Zornes JHWHs» (Zef 2,3). Armut/Demut ist eine Haltung, die die Menschen nur Gott schulden. Sie wird beim Gebet auch körperlich zum Ausdruck gebracht. Kein Mensch hat das Recht, von anderen Armut/Demut zu verlangen. Hingegen gilt es als Gebot der Weisheit, den Mitmenschen demütig, also dienstwillig und anspruchslos, zu begegnen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998