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Lesejahr C |
Unter ptolemäischer Herrschaft entstand im ägyptischen Alexandria
die grösste jüdische Kolonie der damaligen Zeit. Die Juden waren
durch staatlich anerkannte, religiöse, soziale und kulturelle Einrichtungen
privilegiert gegenüber den einheimischen Ägyptern, aber benachteiligt
gegenüber den griechischen Vollbürgern, deren Gymnasien sie zum
Beispiel wegen des dort gepflegten Kultes nicht besuchen konnten. Als Kaiser
Augustus 42/32 v. Chr. eine Kopfsteuer für nichtrömische und nichtgriechische
Bürger erhob und die Juden dem ägyptischen Untertanenvolk gleichstellte,
verschärften sich in Alexandria soziale und religiöse Spannungen.
Die Situation der jüdischen Bevölkerung verschlechterte sich,
und der römische Kaiserkult kam auf Themen, die vielleicht in
Weish 14,1620 und 19,1317 widerspiegelt werden. Weish versucht
zu zeigen, «dass eine gebildete und religiös treue jüdische
Lebensweise anderen in der hellenistischen Welt vertretenen Sinnangeboten
und Religionsformen, der Verehrung kosmischer Mächte, der Anfertigung
und Anbetung von Götterstatuen und -bildern, der ägyptischen Tierverehrung,
dem Herrscherkult, den Mysterienreligionen und der Magie, überlegen
ist» (Helmut Engel).
Dieser Auffassung wird im dritten Teil der Weish (11,219,22) durch
eine originelle Form der Nacherzählung des Auszugs aus Ägypten
Gestalt verliehen. Damals habe sich nämlich gezeigt, dass die Gerechten
die Natur als Wohltat erfahren, während sie den Frevlern zur Strafe
wird (11,5), und dass jene dadurch bestraft werden, womit sie sündigen
(11,16). An sieben Gegenüberstellungen (vgl. Kasten) wird diese Ansicht
illustriert. Der Lesungstext stammt aus der sechsten Gegenüberstellung
(18,625): Zur Strafe dafür, dass die Ägypter die Hebräer
töten wollten, kommt ihre Erstgeburt in der Pessachnacht (SKZ 14/1998)
um, während jene der Israeliten verschont wird. Welche Bedeutung hatte
«jene Nacht» für die «Väter» und die folgenden
Generationen?
«Jene Nacht» (vgl. das hoc est beata nox der Osternacht) ist
die Nachtwache für JHWH (Ex 12,42), in der Israel das Heil der Befreiung
widerfuhr. Die Formulierung in 18,6 lässt es in der Schwebe, ob mit
den «Vätern» die Erzväter gemeint sind, welchen Gott
die genannten Eide zusicherte (Gen 15,13f.) oder die Generation des Exodus,
welcher der Auszug (Ex 3,12.17; 6,6f.) und die Nacht des Pessach genannt
wurde (Ex 11,18; 12,113). Über diese Verheissung freuten
(epeuthüméo) sich die Väter (vgl. Joh 8,56; statt «zuversichtlich
sein» wie EÜ). So wie ihnen damals Rettung zuteil wurde, so hofften
und hoffen die Juden, soll dereinst der Messias wieder in einer Pessachnacht
erscheinen und über Gerechte und Frevler richten. Damals, so heisst
es, habe Gott die Israeliten «zu sich gerufen und verherrlicht»
(18,8). Die Formulierung geht auf Ex 3,18 in der Septuagintaversion zurück,
wonach Gott nicht bloss den Hebräern begegnet ist, sondern sie zu sich
gerufen hat. Dieser Akt der Erlösung wird im Anschluss an Stellen bei
Deuterojesaja (44,23; 52,13; LXX) als Verherrlichung verstanden. Worin die
Erlösung bestand, wird im schwierigen Vers 18,9 gesagt: In der häuslich
verborgenen Pessachfeier, dem Opfer des Lammes oder des Böckleins (Ex
12,5) einerseits, und dem ebenfalls häuslich verborgenen Sterben der
ägyptischen Erstgeburt andererseits. Diese Opfergaben dienten nämlich
der Auslösung der männlichen Erstgeborenen, die Israel Gott schuldig
war (Ex 13,1.1116). Die Auslösung war ein Glück, da dadurch
die Erstgeburt der Israeliten gerettet wurde. Das Pessachfest soll für
alle Zeiten eine Auslösungsersatzfeier sein für die Israeliten,
die zu einem Volk von Heiligen wurden, herausgehoben aus der profanen Welt.
Jene bezahlte mit ihrer Erstgeburt den Preis für Israel, weil sich
Gott den Nachfahren der gerechten Väter verpflichtet wusste.
Der Wunsch, dass der Feind, der Verfolger des Lebens, der rücksichtslose Ausbeuter untergehen mag, ist aus der Perspektive der Opfer verständlich, ja im Hinblick auf eine erlöste Welt sogar notwendig. Insofern die Kirche eine Gemeinschaft der Entrechteten, Marginalisierten und Verfolgten ist, betet sie zu recht «erlöse uns von allem Bösen». Da wo dieser Wunsch aber als Privileg einer religiösen Gemeinschaft verstanden wird, und Andersgläubige a priori dem Verderben preisgibt, wird der ursprüngliche Sinn pervertiert. Um aus dem Teufelskreis von Religion und Gegenreligion, Geschichte und Gegengeschichte ausbrechen zu können, bedarf es der Erinnerungsarbeit aller im Dienste der Opfer und im Interesse an einer Kultur, in der das Heilige im Leben der anderen respektiert wird.
Literaturhinweis: Jan Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, Wien 1998.
In der Antike kursierten verschiedenste, teilweise massiv antijüdisch gefärbte Geschichten über den Exodus, von denen einige bis heute wirksam sind (vgl. Literaturhinweis). Am einflussreichsten war die Version des römischen Historikers Tacitus (Hist V,35). Nach ihm herrschte in Ägypten eine Seuche, König Bokchoris erfuhr vom Orakel, dass zur Beendung der Seuche die Vertreibung der den Göttern verhassten Rasse der Juden nötig sei. Die Juden werden in die Wüste getrieben. Ihr Anführer Moses führt sie nach Jerusalem und verpflichtet sie auf eine neue Religion, die allen anderen Religionen entgegengesetzt ist. «Die Juden erachten alles als profan, was uns heilig ist; andererseits erlauben sie alles, was bei uns tabu ist». Die jüdische Religion wird also als Gegenreligion und als verkehrte Religion charakterisiert. Juden, später auch Christen, galten als Menschenfeinde und Atheisten und waren zeitweise massiven Verfolgungen ausgesetzt. Weish ist ein Beispiel dafür, wie die Juden selbstbewusst und stolz auf die eigene Tradition reagierten. Der Exodus wird als der Weg jener verstanden, die im Unterschied zu den Frevlern, die von Gott bestraft werden die Gerechtigkeit lieben. Die eigene Religion wird als die einzig wahre erkannt, deren Feinde auch Feinde Gottes sind. In den Fresken der Synagoge von Dura Europos (3. Jh. n. Chr.) wird der krasse Dualismus so zum Ausdruck gebracht, dass die rechte Hand Gottes die ausziehenden Israeliten segnet, während die Linke das ertrinkende Heer der Ägypter bestraft.
597 v. Chr. wird Jerusalem zum ersten Mal von den Babyloniern erobert,
aber nicht zerstört. Die Oberschicht muss ins Exil. Unter den Deportierten
befindet sich der Prophet Ezechiel. In Jerusalem wird Zidkija als Marionettenkönig
eingesetzt. Jeremia taucht nach zwölfjähriger Schweigenszeit aus
dem Untergrund auf und verkündet die babylonische Machtpolitik als
gottgewollt. Damit steht er in Opposition zu einer Mehrheit nationalistisch
eingestellter Propheten, die meinen, in Koalition mit den Ägyptern
das babylonische Joch abschütteln zu können. Tatsächlich
kündet Zidkija die Vasallität gegenüber Babylon auf. Es kommt
zur zweiten Belagerung Jerusalems. Jeremia wird von antibabylonischen Kreisen
am Königshof gefangengenommen und in eine Zisterne geworfen. Sie fürchten,
dass Jeremia die judäischen Soldaten mit seiner Unterwerfungspropaganda
entmutigen könnte.
Das Buch Jeremia enthält eine Sammlung jeremianischer Prophetensprüche,
Psalmen und Aufzeichnungen, daneben aber auch sogenannte Fremdberichte,
die von Jeremia in dritter Person erzählen. Ausserdem wurde das Buch
in exilischer und nachexilischer Zeit mehrmals kommentierend und redaktionell
überarbeitet. Der Lesungstext entstammt einem längeren, in Prosa
gehaltenen Abschnitt (Jer 3745), dessen Inhalt überschriftartig
in 37,1f. zusammengefasst wird: Es geht um die Ereignisse unter dem von
Nebukadnezar eingesetzten Vasallenkönig Zidkija. Weder er, noch seine
Beamten, noch das Volk hörte damals auf die Stimme Gottes im Munde
Jeremias.
Schefatja, Gedalja, Juchal und Paschhur sind mächtige Beamte am Hof
Zidkijas, die der Allianz mit Ägypten vertrauten. Für sie war
Jeremia ein Hochverräter, der aus dem Weg geräumt werden musste.
Der König wird von der Geschichte als schwache Figur dargestellt, die
sich sowohl vor Jeremias Gerichtsworten, aber mehr noch vor der Macht seiner
Beamten fürchtet und deshalb dem Vorhaben letzterer zustimmt. Jeremia
wird, wie es damals üblich war (vgl. die Josefsgeschichte Gen 37,2029;
40,15; 41,14), in einer Zisterne gefangengesetzt (vgl. Kasten). Es ist Ebed-Melech
(wörtl. «Diener des Königs»), der sich Jeremias erbarmt.
Als Kuschiter, das heisst Äthiopier, hatte er, wie es sein sprechender
Name sagt, die Aufgaben von Sklaven zu erfüllen. Es ist also der Unterdrückte
und Entwurzelte, der sich des Verfolgten annimmt. Die Geschichte von Jeremias
Inhaftierung und Befreiung gehörte zu jenen im Volk beliebten Geschichten,
von denen verschiedene Versionen im Umlauf waren (vgl. SKZ 7/1998), die
von den Redaktoren geschickt in die Gesamtdarstellung der Belagerung Jerusalems
einbezogen wurden. Jer 37 erzählt eine Variante, wonach Jeremia am
Benjamintor von einem Wächter verhaftet wurde, während im vorliegenden
Text es der König ist, der sich am Benjamintor aufhält. In beiden
Varianten unterhält sich der König im Geheimen mit dem Inhaftierten.
Jeremia gehört mit vielen Leidensgenossinnen und Märtyrern zur «Wolke von Zeugen», die, weil sie auf Gott vertrauten, Verfolgung, Folter, Ketten, Kerker (Hebr 12,37) und Tod auf sich nahmen. Er wurde von der alten Kirche als Typos des leidenden Christus interpretiert. Seine Gefangennahme wurde mitunter der Gefangennahme Christi vor Hannas gegenübergestellt (z.B. in der Kapelle des King's College zu Cambridge). Da er als Dichter der Klagelieder galt, wurden ihm auch jene Psalmen zugeschrieben, wo der Psalmist aus der Tiefe der Zisterne heraus zu Gott ruft (vgl. Kasten). Das ist zwar historisch nicht zutreffend, zeigt aber, wie sehr sich die Leidenden mit ihren Vorgängern im Leiden identifizierten und sich dadurch ihrer menschlichen Würde vergewisserten.
Ebed-Melech ist so etwas wie der unbekannte Schutzpatron von Amnesty International. Diese Organisation leistet seit Jahren wie der barmherzige Äthiopier unschätzbare Dienste an Gefangenen und Gefolterten. Die religiös, politisch und wirtschaftlich unabhängige Organisation setzt sich unter anderem für die Freilassung von politischen Gefangenen und für gerechte Gerichtsverfahren ein. Sie macht sich stark für die Umsetzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in der es in Art. 5 heisst: «Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.»
Spätestens ab der Eisenzeit (1150 v. Chr.) war man technisch in der Lage, sauber verputzte, wasserundurchlässige Zisternen zu bauen. Sie gehörten im Vorderen Orient fortan zu den wichtigen Einrichtungen von Siedlungen, aus der man täglich mehrmals mit Hilfe eines an einem Strick befestigten, ledernen Schöpfgefässes Wasser hervorzog. Die Zisterne (hebr. bor) war ca. 3 m tief. Sie verengte sich oben zu einem engen Mund, der mit einem Stein bedeckt werden konnte (vgl. Bild). Von Zeit zu Zeit musste sie gereinigt werden. Leere Zisternen wurden gerne als Kerker benutzt (Ex 12,29; Jes 44,22; Zach 9,11; Klgl 3,53). Ganz ähnlich wie Zisternen wurden Gräber angelegt. Bor kann deshalb auch das «Grab» (Jes 14,19) und im mythologisch erweiterten Sinne den Eingang zur Unterwelt (schö'ol; Ps 28,1; 30,4; 88,5), bezeichnen. Der Zisternenschlamm wird in diesem Zusammenhang gerne zum Symbol für die chaotische Urflut (hebr. töhom; Ps 42,7f.; 69,3.15f.; 88,7f.; ), ein dem Leben feindliches Prinzip, das permanent in Schach gehalten werden muss. Die Psalmenbeter/Psalmenbeterinnen vergleichen ihren elenden, todnahen Zustand, aus dem heraus sie Gott gerettet hat mit dem eines Menschen in der Zisterne: «Er zog mich aus der Zisterne empor, aus Morast und Schlamm» (Ps 40,3).