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Lesejahr C |
Am 16. und 17. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres C bietet die Leseordnung
die seltene Chance einer lectio continua innerhalb des Ersten Testaments
und damit Einblick in die weisheitlichen Zusammenhänge seiner Geschichten.
Gastfreundschaft wies Abraham und Sara als Gerechte aus, die von Gott gesegnet
werden (Gen 18,115), Missbrauch des heiligen Gastrechts durch Brechung
sexueller Tabus wird die Frevelhaftigkeit der Bewohner von Sodom und Gomorra
erweisen und JHWHs Strafgericht über sie rechtfertigen (Gen 19). Zwischen
diesen offensichtlich aufeinander hin komponierten, komplementären
Geschichten steht die einzigartige Episode der vorliegenden Lesung. Wie
sehr das bibellesende Gottesvolk diese Geschichten im Zusammenhang zu lesen
verstand, zeigt eindrücklich die Pilgergeographie des Heiligen Landes.
Bei der muslimischen Gedenkstätte Nebi Jaqin («Prophet der Wahrheit»),
wo Christen und Muslime sich des Gesprächs zwischen Abraham und Gott
erinnerten, steht man zwar noch auf den Hügeln in Hebrons Umgebung,
einige Kilometer südöstlich von Mamre, aber man geniesst hier
bereits einen phantastischen Blick hinunter ins Salztal des Toten Meeres,
wo man die Städte Sodom und Gomorra lokalisierte, deren riesige Ruinen
man in den merkwürdig erodierten Formen der Salzberge zu erkennen glaubte.
Abrahams Fuss- und Handabdrücke werden gezeigt. Bis dorthin also, so
stellte sich die fromme Phantasie vor, hat Abraham Gott in Gestalt der Männer
begleitet.
Das auf dem Weg dahin zwischen Gott und Abraham sich ereignende Zwiegespräch
sucht in der Bibel seinesgleichen. Gott vertraut sich ganz seinem Freund,
dem Gerechten, an, und Abraham, der Mensch, wagt, was unter Freunden möglich
sein muss: er macht Gott auf die seinem Plane innewohnende Ungerechtigkeit
aufmerksam. Radikaler und dynamischer kann die Gottebenbildlichkeit des
Gerechten kaum zur Darstellung gebracht werden. Abraham, der mitsamt seinem
Haus dazu berufen ist, «Gerechtigkeit und Recht» (zedeqah umischpat;
vgl. SKZ 47/1997) zu üben (18,19; EÜ übersetzt mit «gut
und gerecht»), erinnert Gott daran, dass er sich als Richter über
die Welt ebenfalls an das Recht (mischpat) zu halten habe (18,25). Angenommen,
in Sodom und Gomorra leben auch gerechte Menschen, so kann er doch die Gerechten
nicht zusammen mit den Frevlern vernichten das grosse Problem der
Theodizee. Höflich, aber bestimmt handelt Abraham im Stile einer orientalischen
Marktszene den Preis für die Rettung der Stadt von fünfzig auf
zehn Gerechte herunter. Zehn Personen sind bis heute die Mindestanzahl für
einen jüdischen Gottesdienst (Minjan). Abraham erweist sich als mutiger
Fürbitter wie später Mose, der zweite grosse Freund JHWHs, in
bezug auf das murrende Volk Israel in der Wüste. Auf der göttlichen
Waage der Gerechtigkeit ist das spezifische Gewicht der Gerechten wesentlich
höher als das der Frevler. Zehn könnten eine Stadt voller Frevler
retten. Die Barmherzigkeit Gottes streitet mit seiner Gerechtigkeit (vgl.
Kasten).
Die kirchliche Rezeption Abrahams konzentriert sich schon im Neuen Testament ganz auf den gehorsamen Abraham. Aber der Glaube Abrahams bewährt sich nicht nur im schweren Gang auf den Berg Morija (Gen 22), der Paulus und die Kirchenväter so beeindruckt hat. Er bewährt sich ebensosehr in Abrahams chutzpe. Das hebräisch-jiddische Wort ist auf deutsch nur annähernd zu umschreiben mit Ausdrücken wie Mut, Beschlagenheit, Hartnäckigkeit, Zivilcourage eine Tugend, die bis heute in der kirchlichen Hierarchie als aufsässige Unverfrorenheit und damit als Untugend, wenn nicht gar als Ketzerei verkannt wird.
Zivil- (von lat. civilis) Courage (wörtl. «Beherztheit») ist seit der französischen Revolution die adäquate Übersetzung der römischen Kardinaltugend der fortitudo. Sie zeichnet jene aus, die sich öffentlich beherzt für die Rechte der Bürger/Bürgerinnen einsetzen und sei es gegenüber höchsten Autoritäten. Die Demokratie ist auf die Praxis dieser Tugend dringend angewiesen, da sie sich sonst unter der Hand in eine Diktatur welcher Art auch immer verwandelt. Wo lernen Kinder und Jugendliche heute, da die kapitalistische Ideologie des Eigennutzes Triumphe feiert, den Einsatz für die Rechte der anderen?
Nach Gen 1,1 erschuf Gott (Elohim) Himmel und Erde, nach Gen 2,4 war es JHWH Gott. Ein jüdischer Midrasch erklärt die Differenz, indem er den beiden Gottesnamen die Qualitäten Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zuordnet. Zunächst beabsichtigte Gott als Elohim die Schöpfung auf Gerechtigkeit zu gründen. Als er aber feststellen musste, dass sie keinen Bestand hat, schuf er sie unter dem Namen JHWH Elohim auf der Basis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Gemeinsam mit den Menschen kämpft Gott seither für eine Welt, in der der einzige Name Gottes am Ende der Tage JHWH Barmherzigkeit sein wird (Sach 14,9). Die Ägypter bringen diese dialektische Grundspannung menschlicher Existenz typischerweise im Rahmen ihrer Totenbuchdarstellungen zum Ausdruck (vgl. Bild). Beim Totengericht wird das Herz der Verstorbenen auf die Waage gelegt und gegen die Ma'at in Gestalt einer Feder aufgewogen. Die Wägung wird vom schakalsköpfigen Nekropolengott Anubis im Angesicht der Sonne der Gerechtigkeit durchgeführt. Verspricht schon das Gegengewicht in Federform ein gnädiges Verfahren, so erst recht die Geier, Attribut der Muttergöttin, die der Szene zugeordnet sind und die Verstorbenen göttlicher Barmherzigkeit versichern. Hat das Herz die Prüfung bestanden, darf die verstorbene Person in die Gefilde der Seligen eingehen. Wird es für zu leicht befunden, wird es dem Höllenhund vorgeworfen. Das Christentum hat in den Gerichtsszenen der mittelalterlichen Kirchenportale die Dramaturgie des ägyptischen Totengerichts übernommen und auf Figuren der christlichen Heilsgeschichte übertragen.
Das Buch Kohelet ist das jüngste Buch des Kanons der hebräischen
Bibel. Es entstand im Verlauf des 3. Jh. v. Chr., noch vor den Makkabäeraufständen.
Darauf verweisen nebst der Sprache, die jener der ältesten rabbinischen
Torakommentare (Mischna) nahe steht, viele inhaltliche Elemente. Koh reagiert
auf die Hellenisierung Palästinas in ptolemäischer Zeit, als die
hebräische Tempelschule in Jerusalem Konkurrenz durch ein griechisches
Gymnasium erhielt und die Kleinbauern Judas den alexandrinischen Steuerdruck
zu spüren bekamen und in den Sog des um sich greifenden Grossgrundbesitzes
gerieten. In dieser «neuen» Welt war vieles verkehrt. Die traditionelle
Weisheit Palästinas gab in bezug auf die veränderten Verhältnisse
unzulängliche Ratschläge. Die hellenistische Sinnwelt, die ähnliche
Prozesse schon reflektiert hatte, schien der eigenen überlegen. In
dieser Zeit, da in Jerusalem aramäisch gesprochen, griechisch politisiert,
hebräisch gebetet und geflucht wurde, wagt Koh den Entwurf einer formal
traditionell hebräisch verfassten, inhaltlich aber «modernen»
Weisheitslehre. Es ist der «Versuch, soviel wie möglich von der
griechischen Weltdeutung zu gewinnen, ohne dass dabei die israelitische
Weisheit doch ihren Eigenstand aufgeben musste» (Norbert Lohfink).
Als Adressaten der gebildeten, anspielungsreichen Worte wird man sich allerdings
nicht verarmte Kleinbauern, Bettler und Sklaven vorstellen dürfen,
sondern eher Vertreter des neureichen Händlermilieus der Städte
und der Aristokratie. Sinngemäss werden sie daher einem Davidssohn,
der König in Jerusalem war (= Salomo, Patron der Weisheit?) zugeschrieben.
Sein Name Kohelet wird meistens mit «Versammler» übersetzt
vielleicht eine Anspielung auf einen berühmten Vorsteher von
Symposien (vgl. Kasten), der diesen Titel erhielt.
Der Lesungstext kombiniert eine Sentenz aus dem Abschnitt über «Menschliches»
(1,123,15) mit dem als Überschrift gesetzten Leitmotiv des Buches
(1,2), das auch am Ende der Perikope (2,23) refrainartig wiederkehrt. Windhauch
(häväl) ist die Quintessenz der Philosophie Kohelets. Das Wort
bezeichnet in den Klageliedern die Vergänglichkeit der Menschen und
die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen, eine Meinung, die auch bei den griechischen
Kynikern anzutreffen ist. Im deuteronomistischen Schrifttum werden damit
auch Götzen bezeichnet. Häväl ist folglich ein eigentlicher
Gegenbegriff zu ruach, dem geisterfüllten Windbraus, einer Gabe Gottes,
die alles Lebendige erfüllt. Kohelets Weisheit ist also Weisheit angesichts
des Todes, der mitten im Leben mannigfaltig gegenwärtig ist. Kohelet
präsentiert sich als Lebemensch, der alles ausprobiert hat, um dem
düsteren Geheimnis der Eitelkeit, Morbidität und Ekelhaftigkeit
im Leben gütergesegneter Schichten auf den Grund zu kommen.
Ein typischer Fall (2,2023) vergeblicher Mühe ist die Häufung
von Besitz, der zum Beispiel wegen eines Herrschaftswechsels oder vorzeitigen
Todes unverdientermassen anderen zufällt, die nicht damit umzugehen
verstehen. Auch Jesus Sirach führt ihn an (Sir 11,18f.) und der Grieche
Menander: «Der eine spart und sammelt treu für sich, der andere
aber legt für den, der lange Zeit sein Gut gehütet hat, mit Tücke
einen Hinterhalt und triumphiert.» Die Einsicht in die Sinnlosigkeit
der eigenen Anstrengung führte Koh in die Verzweiflung. Diese war für
ihn allerdings nicht eine «Krankheit zum Tode» (Kirkegaard),
sondern Ausgangspunkt für eine anspruchslosere Lebensgestaltung, die
ihn nicht erst in ungewisser Zukunft, sondern im Jetzt freudig leben liess.
Die Vulgata übersetzt häväl mit vanitas. Auf dem Hintergrund des Dreissigjährigen Krieges wurde dieses Wort zum Schlüsselbegriff des Barock. Die vanitas-Frömmigkeit fand Ausdruck in unzähligen Kirchenliedern und Gedichten: «Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn./ Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren/ Ich, du und was man hat, und was man sieht, hinfahren./ Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn» (Andreas Gryphius). Ähnlich wie Koh kompensierten die barocken Menschen die todbange Grundstimmung in ungebändigter Lebelust, die sich unter anderem in einer sinnenfrohen Frömmigkeit zeigte.
Koh gehört zweifellos zu den aktuellsten Büchern des Ersten Testaments, das als Alternative zum tugendhaften Haupteingang der Tora eine «verrucht-geliebte Hintertür» (Norbert Lohfink) in die Bibel darzustellen scheint. War es zur Zeit Kohelets der westliche Kulturschock und im Barock der Krieg, so ist es heute der Wohlstandsindividualismus und ein ins Absurde gesteigertes Kosten-Nutzen-Denken, das die Menschen in melancholische Windhauch-Stimmung bringt. Kohelets Weg aus der Wohlstandsmisere führt um mit E. Fromm zu sprechen vom Haben zum Sein, in eine unasketische Mystik, die sich mit dem Jetzt begnügt.
Literaturhinweis: Norbert Lohfink, Kohelet (NEB.AT), Würzburg 1980.
Wie ein roter Faden durchzieht das Buch Koh die Aufforderung, sich angesichts des Todes (gottgeschenkter) Freude hinzugeben (Koh 2,24.26; 3,13.22; 5,1719; 7,14f.; 8,15; 9,7; 17,15; 18,6). Sitz im Leben dieses Motivs ist in der Antike das festliche Gelage, das Symposion «als Ort, wo die Freude nicht nur gewünscht oder erbeten, sondern in höchster Intensität erfahrbar, das Leben gefeiert wurde» (Christoph Uehlinger). Zu solchen Festen gehörten auch Gesänge (vgl. Bild aus einem palästinischen Grab [!] des 2. Jh. v. Chr.) und der passende Vortrag knapper, treffener Weisheiten (vgl. Sir 32,39), wie sie in Koh nun in locker geordneter Sammlung vorliegen (vgl. auch den Hintergrund des Gastmahls vieler Jesusworte). Dabei setzten sich die jüdischen Weisen oftmals mit Positionen ausländischer Lieder auseinander, die bei solchen Anlässen gesungen wurden. Recht nahe bei der hebräischen Weisheit schien die ägyptische zu sein, wie ein in bezug zum Lesungstext ausgewählter Ausschnitt zeigt, der im 2. Jh. v. Chr. im Milieu städtischer Kaufleute entstanden sein dürfte: «Der Herr über eine Million, der das Sparen gerühmt hat,/ wird sie nicht in seiner Hand auf den Berg (der Toten) mitnehmen (können)./ [...] Gross ist das Leid für die, die den Weg verlassen haben/ (und) ihre Ersparnisse einem anderen hinterlassen (müssen).»