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Lesejahr C |
Das Buch Deuteronomium («Zweites Gesetz») stellt innerhalb
der literarischen Komposition der Tora (GenDtn) die Abschiedsrede Mose
an das israelitische Volk auf dem Berg Nebo (Jordanien), angesichts des
gelobten Landes, das Mose nicht betreten durfte, dar. Es ist neben Bundesbuch
(Ex 20,2223,19) und Heiligkeitsgesetz (Lev 1726), die am Sinai
geoffenbart wurden, das dritte Gesetzescorpus der Heiligen Schrift. Seine
lange, komplizierte und nicht in allen Details geklärte Entstehungsgeschichte
beginnt wohl unter König Hiskija, der unter dem Druck der assyrischen
Kolonialherrschaft erstmals eine national-religiöse Reform durchführte
(2 Kön 18ff.), die den JHWH-Kult von Jerusalem und die mit ihm verbundene
Ökonomie und Politik stärken sollte. Wahrscheinlich unter Joschija,
dem zweiten Reformkönig, der rund hundert Jahre später lebte (638609
v. Chr.), wurden die Gesetze geordnet (vgl. Kasten) zu einer Bundesurkunde
stilisiert und kodifiziert (2 Kön 23) und sprachlich und ideologisch
mit dem sogenannten deuteronomistischen Geschichtswerk (Jos 2 Kön)
vernetzt. Unter dem Eindruck des Exils wurden dem Dtn ein Verfassungsentwurf
(16,1818,22), eine gnadentheologische Predigt (9,18.2224)
und Ausführungen zum Monotheismus (4,140) angegliedert. Spätestens
in nachexilischer Zeit wurde das moderne, volksnahe Gesetz mit einer Theologie
des Lernens verbunden, die ausser in den für das Judentum zentralen
Passagen von Dtn 6 in Dtn 30 zum Ausdruck kommt.
Dtn 30 setzt die Situation des Exils voraus. Die Heimkehr aus dem Exil wird
in Aussicht gestellt, denn JHWH wird sich erbarmen und dem Volk zuwenden,
umgekehrt wird aber vom Volk erwartet, dass es umkehrt und sich JHWH zuwendet.
Die Umkehr zeigt sich im Hören auf Gott und im Halten seiner Gebote.
War aber nicht gerade diese Forderung Gottes eine Überforderung des
Volkes, die in die Katastrophe des Exils führte? Diesem unausgesprochenen
Einwand begegnen die Ausführungen der Sonntagsperikope.
Die Argumente finden sich knapp und eindrücklich zusammengefasst in
30,14: «Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in
deinem Herzen, du kannst es tun.» Gottes Wirklichkeit ist keine ferne
Sache und nichts Kompliziertes. Sie zu entdecken und zu bewahren ist eine
Frage der religiösen Kultur. Biblisch gesprochen geht es um den Umgang
mit dem «Wort», hebr. dabar, was auch mit «Ereignis»
übersetzt werden kann. Mit dem Wort ist unsere persönliche und
kollektive Gotteserfahrung gemeint, die sich im gelungenen menschlichen
Miteinander zeigt. Diese muss ganz und gar in unseren Körper verfleischlicht
werden, damit sie wirksam wird: Ihre Kunde soll in unserem Mund sein, das
heisst, frühere Gotteserfahrungen sollen ein Thema sein. Ihre Kunde
soll immer und immer wieder repetiert werden. Dadurch wird das Geschehene
er-innert, die Geschichte wird ver-innerlicht. Sie ist nun Bestandteil unseres
Herzens, unseres vernünftigen Selbst. Wir sind nun ein Teil der Geschichte,
und die Geschichte ist ein Teil unserer selbst. Unter diesen Voraussetzungen
wird es ein Leichtes sein, Gottes «Wort» zu tun. Es wird sich
zeigen, dass es nicht das Tun einer fremden, weit hergeholten Sache ist
einer im Himmel verborgenen metaphysischen Wahrheit (30,12) oder einer
weit weg verborgenen, exotischen Weisheit (30,13) sondern das Tun
des Ureigensten, nichts Unmögliches, sondern das einzig Mögliche
im wahrsten Sinn dieses Wortes.
Was für die Tora eine unauflösbare Einheit bildet, Erfahrung und Belehrung, Erzählung und Unterweisung, freiheitliche Liebe und dienender Gehorsam, hat die christliche Systematik, insbesondere die nachreformatorische und nachkonziliare, im Wortpaar «Evangelium und Gesetz» in einen Gegensatz, oftmals sogar in antijudaistisch gestimmte Feindschaft zueinander gesetzt. Demgegenüber sprach der Kronzeuge dieser verhängnisvollen Theologie, der Apostel Paulus, bedenkenlos vom «Gesetz Christi» (Gal 6,2), das ja an der Erfüllung und nicht an der Aufhebung der Tora interessiert ist, wie der matthäische Jesus in aller Deutlichkeit sagt (Mt 5,1719). Wenn Thomas von Aquin (ST III 106,1) die lex evangelica ein eingegebenes Gesetz (lex indita) nennt, das mit der Gnade des Heiligen Geistes identisch ist, bringt er mit seiner christologischen Sprache auf den Punkt, was das Dtn meint, wenn es heisst: «das Wort ist dir ganz nah». Aufgabe der Kirche wäre es, diese Nähe des Wortes zu leben und in ihren Strukturen zu repräsentieren.
In den modernen rechtsstaatlichen Demokratien soll die Realisierung von Recht durch den Diskurs in der repräsentativen parlamentarischen Demokratie gewährleistet werden. Doch über ihr gibt es eine höhere Autorität, der sie im Hinblick auf die «égalité» aller Menschen verpflichtet ist: das ist die «Autorität der Leidenden» (J. B. Metz). Ihre Stimme wird laut in den Menschen- und Kinderrechten. Zurzeit erleben wir vor unseren Augen die Ausserkraftsetzung der parlamentarischen Demokratie durch eine dünne Schicht von Plutokraten. Sie verkünden das Evangelium vom technischen Fortschritt, in dessen Bergpredigt die Demut gegenüber dem Markt als höchstes Gebot ertönt. Leiden, Schuldenlasten, frühe Sterblichkeit sind für die Priester dieser Götzenreligion Strafen für törichtes, überhebliches Verhalten gegenüber den eisernen Gesetzen der herrschenden Wirtschaft. Indem sie nach den Sternen greift und das Heil in der Ferne sucht, führt sie den Tod der Menschen herbei.
Literaturhinweis: Frank Crüsemann, Die Tora. Theologie und Sozialgeschichte des alttestamentlichen Gesetzes, München 1992.
Rechtskorpora stehen im Zentrum der schriftlichen (Tora) und mündlichen (Mischna und Gemara, zusammengefasst im Talmud) Überlieferung der Hebräer/Hebräerinnen. Die Rechtsgelehrten haben im Laufe der Zeit ein differenziertes Vokabular zur Bezeichnung des Inhalts der juristisch-theologischen Werke entwickelt, dessen Aufschlüsselung sehr schön zeigt, wie sehr die Tora in der menschlichen Alltagserfahrung wurzelt. Mischpat (von der Wurzel schpt, «Recht sprechen») ist der einzelne «Rechtsspruch», das Resultat einer juristischen Diskussion anlässlich eines konkreten Vorfalles (vgl. SKZ 47/1997). Mizwah (von der Wurzel zwh, «befehlen») meint meistens ein einzelnes Gebot Gottes, bzw. im Plural die Summe der göttlichen Gebote, und betont seine mündlich überlieferte, memorisierte, zu Herzen/par cur genommene Form. Die religiöse Initiation des jüdischen Mannes (in den Reformsynagogen auch der Frau) besteht bis heute in der Bar-Mizwah, durch die er durch erstmaliges Vortragen aus der Tora und Erklären eines Gesetzes zum «Sohn des Gebotes» und damit zum vollwertigen Gemeindemitglied wird. Chuqqot (von der Wurzel chqq, «einritzen, festsetzen») bezeichnet dieselben Gesetze, betont aber den Aspekt ihrer schriftlich vorliegenden Gestalt, und wird meistens mit «Regel» übersetzt. Tora (von der Wurzel jrh, «lehren») bezeichnet die autoritative Belehrung, die Weisung im allgemeinen. Der Begriff wird daher in Dtn 30,10 zur Bezeichnung des ganzen Deuteronomiums als «Buch der Weisung» (sefer hatorah), bzw. als «Buch der Weisung des Mose» (Jos 8,31) verwendet. Sinngemäss wird später der ganze Pentateuch (Fünf Bücher Mose) so genannt, der ungefähr in der überlieferten Form unter Esra und Nehemia kompiliert und promulgiert worden ist (vgl. SKZ 3/1998).
Die erste Lesung in der hier vorgeschlagenen Länge, und nicht in der vom Lektionar dargebotenen, patriarchal beschnittenen Variante, vereinigt auf höchstem Niveau biblischer Erzählkunst drei Aspekte: 1. Erinnerungen an einen Kultort in Mamre. 2. Eine Propagandaerzählung für Gastfreundschaft. 3. Die Verheissung Isaaks an Sara.
Zu 1: Auf den höchsten Hügeln Südpalästinas, etwas nördlich vom heutigen Hebron, befindet sich ramet el-chalil, «die Anhöhe des Freundes (Gottes)» (991 m ü.M.). Dort stand in der Zeit der Könige Israels ein Heiligtum, das mit den Erzeltern Abraham und Sara in Verbindung gebracht wurde. Nach Gen 13,19 haben die beiden dort, beim «grossen Baum von Mamre» ('elon mamr'e; eine botanische Identifikation Eiche oder Terebinthe lässt sich aus dem allgemeinen Ausdruck nicht ableiten), für JHWH einen Altar errichtet. Unter eben diesem Baum erscheinen den betagten Erzeltern nach einer wohl volkstümlichen Erzählung drei Götter (vgl. SKZ 6/1998). Da dies monotheistischer Anschauung widerspricht, wurde der Erzählung redaktionell eine Überschrift vorangestellt: «Und es erschien ihm (Abraham) JHWH...» (18,1). Und in 18,3 erfolgt eine singularische Anrede: «Mein Herr, habe ich Gnade in deinen Augen gefunden...» Die dadurch entstandene Spannung zwischen Einzahl und Mehrzahl in dieser Erzählung, die das aspektivische Denken der Orientalen nicht störte, hat unter Christen eine fruchtbare Beschäftigung mit der trinitarischen Vielfalt in der Einheit Gottes ausgelöst, die wie bekannt in Traktaten und Ikonen Ausdruck fand. Schon die Hasmonäer liessen den altehrwürdigen Ort bei Mamre zu einer grossen Pilgerstätte ausbauen. Später zogen auch Christen hin und es entstand ein buntes, interreligiöses Leben, von dem der Historiker Sozomenos von Gaza schreibt: «Juden, Heiden und Christen wetteifern in gleicher Weise in der Feier des Festes: Die Juden, weil sie Abraham als ihren Stammvater verehren, die Heiden, weil Engel dort erschienen sind, die Christen, weil der Erlöser sich dort offenbart hat...» Dieser Vielfalt versuchte Konstantin durch den Bau einer grossen Basilika ein Ende zu bereiten, was offenbar nicht gelang. Die Kirche wurde 614 von den Persern zerstört, aber noch im 12. Jahrhundert sah ein russischer Pilger inmitten der Ruinen eine mächtige alte Eiche: «...sie ist nicht angefault, sondern steht von Gott befestigt, als wäre sie eben gesetzt. Und unter dieser Eiche kam die hl. Dreifaltigkeit zum Patriarchen Abraham...»
Zu 2: Die Erzählung beschreibt Abraham und Sara als eilfertige und dienstbeflissene Gastgeber. In diesem Eifer gegenüber den Fremden kommt ihre ganze Frömmigkeit zum Ausdruck (vgl. Kasten), die durch reichen Segen, nämlich den Samen für Nachkommenschaft vergolten werden wird. Auf dem Hintergrund der Erzählung der gerechten Erzeltern wird später in Gen 19 von der schändlichen Verletzung des Gastrechtes durch die Einwohner von Sodom und Gomorra berichtet.
Zu 3: Auch wenn Gott in Mamre vordergründig mit Abraham spricht, so ist doch Sara die Adressatin der Sohnesverkündigung, wie es in anderen Verheissungstexten der Bibel auch die Mutter ist (Ri 13; 1 Sam 1; Lk 1,2638). Mamre ist also gewissermassen das «Nazareth des Alten Testaments» (Othmar Keel). Die alte lebenskluge Sara reagiert auf die grossen Worte, wie schon Abraham (Gen 17,22), mit spontanem Lachen. Als Gott nachfragt, warum sie gelacht habe, leugnet sie ihr Lachen, doch Gott besteht auf der Feststellung, dass sie gelacht habe (Gen 18,12ff.). Als das Kind tatsächlich auf die Welt kommt, wird es Jizchaq, «Gott hat gelacht» genannt (Gen 21,3) ein humorvoller göttlicher Protest gegen das ungläubige Lachen der Erzeltern, ein triumphales, aber auch augenzwinkerndes Zurücklachen, aber auch ein Lachen, das Sara ein neues, frohes Lachen später Genugtuung bereitet, welches wiederum die Menschen, die ihr begegnen, zum Zurücklachen reizt (Gen 21,6). Die göttliche Fuge des Lachens endet abrupt damit, dass Sara nicht mitansehen kann, wie Ismael im Angesicht ihres Sohnes «Gott hat gelacht» lacht (im Hebräischen dasselbe Wort wie spielen; Gen 21,9) und ihn deshalb zusammen mit seiner Mutter Hagar verstösst.
In der urchristlichen Mission spielte die Gastfreundschaft eine wichtige Rolle. Die Apostel/Apostelinnen sind auf sie angewiesen (3 Joh 58), dürfen sie aber nicht ausnützen. Die sesshaften Mitglieder der Ortskirchen werden umgekehrt immer wieder aufgefordert, Gastfreundschaft zu üben. Insbesondere vom Bischof (1 Tim 3,2) wird sie als Erweis seiner Geschwisterliebe erwartet. Ein leuchtendes Beispiel dafür hat der Märtyrerbischof O. Romero gegeben, der seinen Bischofssitz inmitten der Wirren des salvadorianischen Bürgerkrieges in den letzten Jahren seines Episkopates in einen Ort der Begegnung verwandelt hat. Noch weiter ging Bischof Paulo E. Arns von São Paulo, der sein Palais zugunsten der Armen versteigerte.
Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen ohne Lebensperspektive in ihren Heimatländern wird in den Ländern des Nordens durch systematische Einigelung immer schwieriger gemacht. So schaffen diese Länder biblisch gesprochen immer schwierigere Bedingungen für Gottesbegegnungen und damit auch für eine Erlösung aus der Verstockung des Wohlstandes.
Nicht nur bei Nomaden, wenn auch dort aufgrund der besonders harten Lebensbedingungen der Steppen in besonderer Weise, sondern im ganzen Mittelmeerraum ist die Gastfreundschaft ein äusserst hoher Wert. Und nicht nur in Israel erzählte man sich zur Förderung der frommen Sitte Geschichten, wonach mitunter die Götter selber zu Besuch kommen. Bei Homer heisst es: «Denn auch selige Götter, in wandernder Fremdlinge Bildung,/ jener Gestalt annehmend, durchziehen oft Länder und Städte,/ dass sie der Sterblichen Frevel sowohl als Frömmigkeit schauen» (Odyssee 17,485487). Nicht selten und nicht zufällig sind es Frauen, die sich in diesem Sinne als besonders fromm erweisen. Die Totenbeschwörerin von En-Dor verköstigt Saul (1 Sam 28,22ff.), die Frau von Sarepta, obwohl dem Hungertod nahe, bewirtet Elija (1 Kön 17,8ff.) und die Frau von Schunem hält Elischa immer ein Zimmer bereit (2 Kön 4,8ff.). Eine Grenzgeschichte der Gastfreundschaft ist jene von Jaël, die Sisera im Zelt bewirtet, aber nur um dem Tyrannen des Landes den Kopf mit einem Zeltpflock zu durchbohren (Ri 4,1722). Alle diese Frauen sind konkrete Repräsentantinnen der göttlichen Weisheit, die ebenfalls im Bilde der Gastgeberin vorgestellt wird (Spr 9,15). Dasselbe gilt für praktisch alle altorientalischen Gottheiten in ihren Tempeln, die die Wallfahrer/Wallfahrerinnen gastlich aufnehmen und sie durch ihre Dienerschaft, die Priester verköstigen (Ps 23,5; 36,9; 63,6; 132,15 usw.; vgl. Bild), parfümieren und auch verarzten lassen, eine Tradition, die in den christlichen Klöstern teilweise bis heute weiterlebt. Wie Gott erscheint später auch Jesus sowohl in der Rolle des Gastes (z.B. Joh 2,112) als auch des Gastgebers (z.B. Joh 13,217).