SKZ 26/1998

INHALT

Lesejahr C

Gott im Bilde der Mutter

von Thomas Staubli

 

Bibel: Das gestillte Volk im Angesicht der Feinde

An den Büchern der grossen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel wurde nachweislich über lange Zeit hinweg fortgeschrieben. Erst in der Zeit der Makkabäeraufstände lagen Texte vor, in die man nicht mehr einzugreifen wagte, sondern die nur noch möglichst buchstabengetreu abgeschrieben und überliefert, manchmal auch kommentiert wurden. Die Lesungsperikope ist einer der letzten Texte, der ­ wahrscheinlich erst nach Alexanders Eroberung des Orients ­ Eingang in das grosse Corpus «Jesaja» fand, zu einer Zeit also, da Palästina der Zankapfel ptolemäischer (ägyptischer) und seleukidischer (syrischer) Machtansprüche und damit das Aufzugsgebiet mächtiger Heere war.
Die beiden letzten Kapitel von «Jesaja» (65f.) dienen unter anderem dazu, Themen und Leitmotive des Jesajabuches in ein Finale münden zu lassen. So greift 65,1­66,14 das im Zweiten Jesaja aufgebrachte Thema der Nachkommenschaft des Knechtes (53,10) auf, das bereits dort pluralisch (54,17) fortgeführt wurde und nun in die Verheissung von Land und Leben (bes. 65,13f.) für die treuen Diener/Dienerinnen JHWHs mündet. Die letzten Verse des Buches (66,22­24) verweisen durch die Themen der Völkerwallfahrt zum Zion, des neuen Himmels und der neuen Erde und des Untergangs der Feinde zurück auf den Anfang (vgl. 1,2.4.31; 2,1­5), haben also eine Klammerfunktion.
Der Lesungstext, ein emphatisches Gedicht, verheisst die Beschämung der Feinde Zions. Die Stadt soll in Kürze rehabilitiert und zu einem blühenden Gemeinwesen werden. Sie steht unter JHWHs Segen, der ihr reichen Trost bringt. Wie schon in Hymnen Deuterojesajas (SKZ 50/1997; 18/1998) reissen Imperative und rhetorische Fragen die Hörerschaft hinein in die prophetische Begeisterung. Die Botschaft Tritojesajas, dass Jerusalem zu einem kommerziellen Zentrum (SKZ 1/1998) und zu einem Lichtort der Gerechtigkeit (SKZ 1/1998) werden wird, findet eine Ergänzung im Bilde Jerusalems als gebärender Frau. Auch dem Motiv der weiblich personifizierten Stadt sind wir schon mehrfach begegnet (SKZ 48, 50/1997; 17/1998). Der vorliegende Text macht besonders deutlich, dass es sich dabei keineswegs um eine verblasste Metapher, sondern um ein äusserst produktives Bild handelt. Aus dem Tempel ertönt Lärm (66,6). Aus den folgenden Versen (66,7­9) geht hervor, dass es Zion ist, die in Wehen liegt und im Nu ihre Kinder gebiert ­ ein deutliches Zeichen für JHWHs Heilswirken an Jerusalem, denn er allein ist es, der Mutterschösse öffnet und verschliesst (1 Sam 10­13; Gen 30,1f.). Das Unerhörte, das hier im Bilde beschrieben wird, verweist auf die denkwürdige Neugeburt eines vertriebenen und zurückgekehrten Volkes im alten Land. Der natürliche Wachstumsprozess eines jungen Volkes wird durch diese historische Besonderheit gerafft. Das Bild wird weitergeführt (66,10f.): Auf die Geburt folgt das Stillen. Das Saugen, Sich-Sättigen, Schlürfen und Sich-Erquicken der Säuglinge illustriert eindringlich den entzückenden Trost, den die bergende Stadt Jerusalem dem wiedergeborenen Stamm zu spenden vermag, und muss auf dem Hintergrund der damals weitverbreiteten Isisfrömmigkeit verstanden werden (vgl. Kasten). Das Bild wird nochmals weitergeführt (66,12­14): JHWH selber wird dafür sorgen, dass Mutter Zion mit Nahrung versorgt wird, einem «Strom des Friedens» (nahar schalom). Er wird ­ um im Bild zu bleiben ­ gleichsam zur Plazenta, die Zion über eine mächtige Nabelschnur Heil zuführt. Durch Zion wird er dadurch selber wie eine Mutter, die einen Mann ('isch) tröstet und durch die Nahrung die Kinder hochzieht. Der abschliessende Vers stellt in aller Kürze fest, dass JHWH so seinen Knechten seine Hand zu erkennen gibt, während er seine Feinde bedroht. Dahinter verbirgt sich vielleicht die Vorstellung von JHWHs segnender Rechten und bestrafender Linken, wie es in einer Auslegung der Auszugsgeschichte heisst: «Mit einer hast du uns aus dem Meer errettet, mit der andern hast du die Ägypter ertrinken lassen» (SchmotR 22,2).

Kirche/Welt: Von der stillenden zur mahnenden Gottesmutter

Während im Ersten Testament JHWH in der Rolle der Muttergottheit auftritt, führt christlicherseits Maria das Erbe der Isis in mehrfacher Hinsicht fort (vgl. Literaturhinweis): als Sedes Sapientiae, denn Isis ist die Throngöttin der Pharaonen; als Himmelskönigin im Sternenmantel, denn Isis übernahm in der Spätzeit die Funktion der Himmelsgöttin Nut; als Pietà, die um Jesus klagt, wie Isis um Osiris. Am bedeutendsten aber wurde das Bild der Maria lactans, die das Jesuskind aufzieht wie Isis den Horusknaben. Heute allerdings erlebt die Erscheinungsform der stillenden Gottesmutter eine Rezession. Seit den Erscheinungen von Lourdes und Fatima dominiert das kindlose Ikon der apokalyptischen Verkünderin: nicht Geborgenheit und Trost verheisst uns die göttliche Mutter, sondern zu Wachsamkeit und Umkehr ermahnt sie uns in einer Welt, deren himmelschreiende Ungerechtigkeit Millionen von Kindern die Nahrung der mütterlichen Brust vorenthält.

 

Literaturhinweis: Jutta Ströter-Bender, Die Muttergottes. Das Marienbild in der christlichen Kunst. Symbolik und Spiritualität, Köln 1992.


JHWH im Spiegel des Isiskultes

Isis ist eine alte ägyptische Göttin mit umfassenden Kompetenzen. Sie ist die Schutzpatronin des königlichen Thrones, der ihr Symbol ist, die Gattin des Unterweltgottes Osiris, den sie durch ihre Klage wieder zum Leben erweckt, die Mutter des Sonnengottes Horus, den sie im Schilfdickicht von Chemnis vor seinem feindlichen Bruder Seth verbirgt und an ihrer Brust grosszieht. Im Laufe der Zeit verschmilzt sie mit anderen weiblichen Gottheiten, speziell mit Hathor, der Liebesgöttin, und Mut, der mütterlichen Schutzgöttin der Pharaoninnen, deren Kopfschmuck sie übernimmt. So wird sie allmählich als Herrin des Lebens schlechthin begriffen, der auch die Götter ihr Leben verdanken, da ihre Zauberkunst jede andere bei weitem übertrifft. «Es gibt keinen Gott, der fähig ist zu tun, was ich getan habe, noch eine Göttin! Ich spielte selbst die Rolle des Mannes, obwohl ich eine Frau bin!», heisst es in einer Totenklage. Wie JHWH entwickelt sich Isis zu einer Allgottheit, die ihr Geschlecht transzendiert ohne ihren Ursprung zu verleugnen. Ab der 25. Dynastie (760­656) und speziell unter den Ptolemäern wird ihr Kult massiv gefördert. Das Bildnis der Göttin findet in Form von Bronzen (vgl. Bild), Terrakotten und Amuletten, besonders unter ihrem Aspekt als stillende Mutter, Verbreitung über Ägypten hinaus. Unter den Römern wird sie im ganzen Mittelmeerraum als una quae est omnia verehrt. Erst 537 n. Chr. wurden unter Justinian die Tore des grossen Isistempels von Philae geschlossen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998