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Lesejahr C |
An den Büchern der grossen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und
Daniel wurde nachweislich über lange Zeit hinweg fortgeschrieben. Erst
in der Zeit der Makkabäeraufstände lagen Texte vor, in die man
nicht mehr einzugreifen wagte, sondern die nur noch möglichst buchstabengetreu
abgeschrieben und überliefert, manchmal auch kommentiert wurden. Die
Lesungsperikope ist einer der letzten Texte, der wahrscheinlich erst
nach Alexanders Eroberung des Orients Eingang in das grosse Corpus
«Jesaja» fand, zu einer Zeit also, da Palästina der Zankapfel
ptolemäischer (ägyptischer) und seleukidischer (syrischer) Machtansprüche
und damit das Aufzugsgebiet mächtiger Heere war.
Die beiden letzten Kapitel von «Jesaja» (65f.) dienen unter
anderem dazu, Themen und Leitmotive des Jesajabuches in ein Finale münden
zu lassen. So greift 65,166,14 das im Zweiten Jesaja aufgebrachte Thema
der Nachkommenschaft des Knechtes (53,10) auf, das bereits dort pluralisch
(54,17) fortgeführt wurde und nun in die Verheissung von Land und Leben
(bes. 65,13f.) für die treuen Diener/Dienerinnen JHWHs mündet.
Die letzten Verse des Buches (66,2224) verweisen durch die Themen der
Völkerwallfahrt zum Zion, des neuen Himmels und der neuen Erde und
des Untergangs der Feinde zurück auf den Anfang (vgl. 1,2.4.31; 2,15),
haben also eine Klammerfunktion.
Der Lesungstext, ein emphatisches Gedicht, verheisst die Beschämung
der Feinde Zions. Die Stadt soll in Kürze rehabilitiert und zu einem
blühenden Gemeinwesen werden. Sie steht unter JHWHs Segen, der ihr
reichen Trost bringt. Wie schon in Hymnen Deuterojesajas (SKZ 50/1997; 18/1998)
reissen Imperative und rhetorische Fragen die Hörerschaft hinein in
die prophetische Begeisterung. Die Botschaft Tritojesajas, dass Jerusalem
zu einem kommerziellen Zentrum (SKZ 1/1998) und zu einem Lichtort der Gerechtigkeit
(SKZ 1/1998) werden wird, findet eine Ergänzung im Bilde Jerusalems
als gebärender Frau. Auch dem Motiv der weiblich personifizierten Stadt
sind wir schon mehrfach begegnet (SKZ 48, 50/1997; 17/1998). Der vorliegende
Text macht besonders deutlich, dass es sich dabei keineswegs um eine verblasste
Metapher, sondern um ein äusserst produktives Bild handelt. Aus dem
Tempel ertönt Lärm (66,6). Aus den folgenden Versen (66,79)
geht hervor, dass es Zion ist, die in Wehen liegt und im Nu ihre Kinder
gebiert ein deutliches Zeichen für JHWHs Heilswirken an Jerusalem,
denn er allein ist es, der Mutterschösse öffnet und verschliesst
(1 Sam 1013; Gen 30,1f.). Das Unerhörte, das hier im Bilde beschrieben
wird, verweist auf die denkwürdige Neugeburt eines vertriebenen und
zurückgekehrten Volkes im alten Land. Der natürliche Wachstumsprozess
eines jungen Volkes wird durch diese historische Besonderheit gerafft. Das
Bild wird weitergeführt (66,10f.): Auf die Geburt folgt das Stillen.
Das Saugen, Sich-Sättigen, Schlürfen und Sich-Erquicken der Säuglinge
illustriert eindringlich den entzückenden Trost, den die bergende Stadt
Jerusalem dem wiedergeborenen Stamm zu spenden vermag, und muss auf dem
Hintergrund der damals weitverbreiteten Isisfrömmigkeit verstanden
werden (vgl. Kasten). Das Bild wird nochmals weitergeführt (66,1214):
JHWH selber wird dafür sorgen, dass Mutter Zion mit Nahrung versorgt
wird, einem «Strom des Friedens» (nahar schalom). Er wird
um im Bild zu bleiben gleichsam zur Plazenta, die Zion über eine
mächtige Nabelschnur Heil zuführt. Durch Zion wird er dadurch
selber wie eine Mutter, die einen Mann ('isch) tröstet und durch die
Nahrung die Kinder hochzieht. Der abschliessende Vers stellt in aller Kürze
fest, dass JHWH so seinen Knechten seine Hand zu erkennen gibt, während
er seine Feinde bedroht. Dahinter verbirgt sich vielleicht die Vorstellung
von JHWHs segnender Rechten und bestrafender Linken, wie es in einer Auslegung
der Auszugsgeschichte heisst: «Mit einer hast du uns aus dem Meer
errettet, mit der andern hast du die Ägypter ertrinken lassen»
(SchmotR 22,2).
Während im Ersten Testament JHWH in der Rolle der Muttergottheit auftritt, führt christlicherseits Maria das Erbe der Isis in mehrfacher Hinsicht fort (vgl. Literaturhinweis): als Sedes Sapientiae, denn Isis ist die Throngöttin der Pharaonen; als Himmelskönigin im Sternenmantel, denn Isis übernahm in der Spätzeit die Funktion der Himmelsgöttin Nut; als Pietà, die um Jesus klagt, wie Isis um Osiris. Am bedeutendsten aber wurde das Bild der Maria lactans, die das Jesuskind aufzieht wie Isis den Horusknaben. Heute allerdings erlebt die Erscheinungsform der stillenden Gottesmutter eine Rezession. Seit den Erscheinungen von Lourdes und Fatima dominiert das kindlose Ikon der apokalyptischen Verkünderin: nicht Geborgenheit und Trost verheisst uns die göttliche Mutter, sondern zu Wachsamkeit und Umkehr ermahnt sie uns in einer Welt, deren himmelschreiende Ungerechtigkeit Millionen von Kindern die Nahrung der mütterlichen Brust vorenthält.
Literaturhinweis: Jutta Ströter-Bender, Die Muttergottes. Das Marienbild in der christlichen Kunst. Symbolik und Spiritualität, Köln 1992.
Isis ist eine alte ägyptische Göttin mit umfassenden Kompetenzen. Sie ist die Schutzpatronin des königlichen Thrones, der ihr Symbol ist, die Gattin des Unterweltgottes Osiris, den sie durch ihre Klage wieder zum Leben erweckt, die Mutter des Sonnengottes Horus, den sie im Schilfdickicht von Chemnis vor seinem feindlichen Bruder Seth verbirgt und an ihrer Brust grosszieht. Im Laufe der Zeit verschmilzt sie mit anderen weiblichen Gottheiten, speziell mit Hathor, der Liebesgöttin, und Mut, der mütterlichen Schutzgöttin der Pharaoninnen, deren Kopfschmuck sie übernimmt. So wird sie allmählich als Herrin des Lebens schlechthin begriffen, der auch die Götter ihr Leben verdanken, da ihre Zauberkunst jede andere bei weitem übertrifft. «Es gibt keinen Gott, der fähig ist zu tun, was ich getan habe, noch eine Göttin! Ich spielte selbst die Rolle des Mannes, obwohl ich eine Frau bin!», heisst es in einer Totenklage. Wie JHWH entwickelt sich Isis zu einer Allgottheit, die ihr Geschlecht transzendiert ohne ihren Ursprung zu verleugnen. Ab der 25. Dynastie (760656) und speziell unter den Ptolemäern wird ihr Kult massiv gefördert. Das Bildnis der Göttin findet in Form von Bronzen (vgl. Bild), Terrakotten und Amuletten, besonders unter ihrem Aspekt als stillende Mutter, Verbreitung über Ägypten hinaus. Unter den Römern wird sie im ganzen Mittelmeerraum als una quae est omnia verehrt. Erst 537 n. Chr. wurden unter Justinian die Tore des grossen Isistempels von Philae geschlossen.