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Lesejahr C |
Das Buch Baruch ist eine deutlich in vier Teile (Einleitung 1,115a;
Bussgebet 1,15b3,8; Mahnrede 3,94,4; Verheissungsrede 4,55,9)
untergliederte Schrift aus hellenistisch-römischer Zeit (vgl. SKZ 48/1997).
Sie wurde im Christentum griechisch überliefert und gehört zu
den deuterokanonischen Schriften. Alles deutet aber darauf hin, dass es
sich um eine Übersetzung aus dem Hebräischen handelt. Der dritte
Teil wurde von der Kirche unter die österlichen Lesungen aufgenommen.
Er besteht seinerseits aus drei Teilen: 1. In 3,913 wird Israel im
Feindesland, nämlich im römisch besetzten Palästina, aufgerufen,
die Gebote zu halten und Einsicht zu gewinnen als Basis für ein Leben
in Frieden. 2. Der Hauptteil (3,144,1) widmet sich der Frage, wo und
wie denn Einsicht zu gewinnen ist und wo sie vergeblich gesucht wird. 3.
Die Mahnrede endet mit einem Appell zur Umkehr (4,24) und der den dritten
Teil rahmenden Aufforderung Israels, die ihm in der Tora exklusiv geschenkte
Weisheit Gottes anzunehmen und hochzuhalten.
Die im Hauptteil erörterte Frage, wo denn Weisheit zu finden ist, hatte
in Israel eine lange Tradition, die der jüdische Autor des Buches Baruch
gut kannte, auf die er durch teilweise wörtliche Zitate Bezug nimmt,
über die er aber auch in pointierter Weise hinausgeht. Nach Spr 8f.
ist die Weisheit in allen Schöpfungswerken gegenwärtig. Sie freut
sich, unter den Menschen zu sein, und preist sich selbst auf Marktplätzen
in aller Öffentlichkeit. Ganz anders Ijob 28, der Modelltext für
Baruch, ein Lied, das die Verborgenheit der Weisheit besingt. Sie ist verborgener
als die seltensten Edelsteine in den tiefsten Erdschichten, die die Menschen
mit viel Witz aufspüren. Gott allein weiss, wo sie zu finden ist, denn
er wurde ihrer gewahr bei der Erschaffung der Welt. Weil sie den Menschen
verborgen bleibt, ist für jene die Gottesfurcht die einzige Möglichkeit
einer Annäherung an die Weisheit. Nach Sir 24,122 hat die Weisheit,
die über alle Nationen Macht hatte, sich in Jerusalem eine Ruhestatt
gesucht und dort Wurzeln geschlagen wie ein mächtiger Baum, der reichlich
Frucht trägt. Ein Zusatz identifiziert diesen Baum mit dem Bundesbuch
des höchsten Gottes. In ähnlicher Weise spitzt das Buch Baruch
den Gedanken in Anlehnung an deuteronomistische Texte (Dtn 4,68; 30,
10ff. und Jer 10,16) zu und verbindet ihn mit dem Motiv der Verborgenheit
bei Ijob. Von Machthabern (3,1621), Nichtisraeliten (3,2223),
Riesen der Urzeit (3,2628) und Metaphysikern (3,2931) wurde die
Weisheit vergeblich gesucht. Gott allein kennt sie. Er ist der Gebieter
der Schöpfungswerke, hat die darin waltende Weisheit kennengelernt
und schliesslich seinem Liebling Israel in Gestalt der Tora für alle
Ewigkeit verliehen. Erst so kam die Weisheit unter die Menschen.
Das Weisheitskonzept des Buches Baruch ist exklusiv: Ausserhalb Israels
und seiner Tora keine Weisheit! Es steht damit quer zu einer orientalischen
Kultur der Weisheit, deren Markenzeichen gerade Offenheit und internationale
Aufgeschlossenheit war (vgl. Kasten). Zu verstehen ist das integristische
Konzept wohl auf dem Hintergrund des hellenistisch-römischen Kulturimperialismus,
dessen Spuren im Orient noch heute in teilweise imposanten Ruinen zu sehen
sind. Relativiert wird es durch zeitgenössische Weisheitskonzepte,
für die gerade dialogische, kulturübergreifende Ansätze (wie
in der Weisheit Salomos) leitend geworden sind. Für das Judentum gehören
allerdings beide Schriften nicht zum Kanon.
Im Konzilsdokument «Nostra Aetate» wird die Weisheit und Wahrheit der nichtchristlichen Religionen ausdrücklich gewürdigt. Dass dieses Dokument auch der inneren Haltung einer Mehrheit von älteren wie jüngeren Seelsorgenden in der Schweiz entspricht, durfte ich bei Dekanatsfortbildungen immer wieder erfahren.
Austausch von Erfahrungen und Einsichten im WorldWideWeb gehören heute zum Image erfolgreicher Wirtschaft und Wissenschaft. Unvorstellbar, dass eine Nation, eine Universität oder eine Firma alle Weisheit für sich beanspruchen kann. Eine grosse Mehrheit ist von diesem Datenfluss jedoch ausgeschlossen. Der fundamentalistische Rückzug auf traditionelle Überzeugungen und Weisheiten seien sie noch so unzeitgemäss ist angesichts dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit verständlich. Gefragt ist eine Demokratisierung der Weisheit auf der Basis einer gerechten Wirtschaft.
In apologetischer Absicht zählt Bar 3,22f. eine ganze Reihe von Völkern auf, die in Israel für ihre Weisheit bekannt waren. Dabei ist unter Weisheit nicht nur ethische Kompetenz zu verstehen, sondern Sachverstand und Kunstfertigkeit in einem umfassenden Sinne. So war Phönizien, woher Salomo Bauleute für seinen Tempel holen liess (1 Kön 5,15ff.), auch berühmt für seine fortschrittliche Nautik (Ez 27,8f.), ja für seine Klugheit im allgemeinen (Sach 9,2). Die Edomiter waren bekannt für ihr Wissen im Bergbau. Das edomitische Teman scheint ein wichtiges Zentrum weisheitlichen Austauschs gewesen zu sein (Jer 49,7; Ob 8f.; Ijob 2,11). Auch ägyptische Weisheit, die eng mit den aussergewöhnlichen Verhältnissen im Niltal verbunden und deshalb schwierig zu vermitteln war, wurde rezipiert. So finden Spr 22,1723,11 wörtliche Entsprechungen in der Lehre des Amenemope aus der 20. Dynastie (11861070 v. Chr.). Hoch im Kurs standen in Israel arabische Weisheitslehren, die durch die handeltreibenden Söhne des Ostens (1 Kön 5,10) bzw. die Midianiter (Gen 37,28; Jes 60,6) in Palästina Verbreitung fanden. Einige davon wurden ausdrücklich in die biblische Sprichwörtersammlung aufgenommen (Spr 30,1; 31,1). Die Händler waren dazu prädestiniert, auf fremden Marktplätzen Weisheit zu sammeln, die sie andernorts weitererzählten. Auch die Weisheit Mohammeds verdankt sich weitestgehend dieser Kultur des Gedankenaustauschs, der mit dem Tausch von Waren einherging.