SKZ 19/1998

INHALT

Lesejahr C

Wo ist Weisheit zu finden?

von Thomas Staubli

 

Bibel: Baruchs Mahnrede an Israel

Das Buch Baruch ist eine deutlich in vier Teile (Einleitung 1,1­15a; Bussgebet 1,15b­3,8; Mahnrede 3,9­4,4; Verheissungsrede 4,5­5,9) untergliederte Schrift aus hellenistisch-römischer Zeit (vgl. SKZ 48/1997). Sie wurde im Christentum griechisch überliefert und gehört zu den deuterokanonischen Schriften. Alles deutet aber darauf hin, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Hebräischen handelt. Der dritte Teil wurde von der Kirche unter die österlichen Lesungen aufgenommen. Er besteht seinerseits aus drei Teilen: 1. In 3,9­13 wird Israel im Feindesland, nämlich im römisch besetzten Palästina, aufgerufen, die Gebote zu halten und Einsicht zu gewinnen als Basis für ein Leben in Frieden. 2. Der Hauptteil (3,14­4,1) widmet sich der Frage, wo und wie denn Einsicht zu gewinnen ist und wo sie vergeblich gesucht wird. 3. Die Mahnrede endet mit einem Appell zur Umkehr (4,2­4) und der den dritten Teil rahmenden Aufforderung Israels, die ihm in der Tora exklusiv geschenkte Weisheit Gottes anzunehmen und hochzuhalten.
Die im Hauptteil erörterte Frage, wo denn Weisheit zu finden ist, hatte in Israel eine lange Tradition, die der jüdische Autor des Buches Baruch gut kannte, auf die er durch teilweise wörtliche Zitate Bezug nimmt, über die er aber auch in pointierter Weise hinausgeht. Nach Spr 8f. ist die Weisheit in allen Schöpfungswerken gegenwärtig. Sie freut sich, unter den Menschen zu sein, und preist sich selbst auf Marktplätzen in aller Öffentlichkeit. Ganz anders Ijob 28, der Modelltext für Baruch, ein Lied, das die Verborgenheit der Weisheit besingt. Sie ist verborgener als die seltensten Edelsteine in den tiefsten Erdschichten, die die Menschen mit viel Witz aufspüren. Gott allein weiss, wo sie zu finden ist, denn er wurde ihrer gewahr bei der Erschaffung der Welt. Weil sie den Menschen verborgen bleibt, ist für jene die Gottesfurcht die einzige Möglichkeit einer Annäherung an die Weisheit. Nach Sir 24,1­22 hat die Weisheit, die über alle Nationen Macht hatte, sich in Jerusalem eine Ruhestatt gesucht und dort Wurzeln geschlagen wie ein mächtiger Baum, der reichlich Frucht trägt. Ein Zusatz identifiziert diesen Baum mit dem Bundesbuch des höchsten Gottes. In ähnlicher Weise spitzt das Buch Baruch den Gedanken in Anlehnung an deuteronomistische Texte (Dtn 4,6­8; 30, 10ff. und Jer 10,16) zu und verbindet ihn mit dem Motiv der Verborgenheit bei Ijob. Von Machthabern (3,16­21), Nichtisraeliten (3,22­23), Riesen der Urzeit (3,26­28) und Metaphysikern (3,29­31) wurde die Weisheit vergeblich gesucht. Gott allein kennt sie. Er ist der Gebieter der Schöpfungswerke, hat die darin waltende Weisheit kennengelernt und schliesslich seinem Liebling Israel in Gestalt der Tora für alle Ewigkeit verliehen. Erst so kam die Weisheit unter die Menschen.
Das Weisheitskonzept des Buches Baruch ist exklusiv: Ausserhalb Israels und seiner Tora keine Weisheit! Es steht damit quer zu einer orientalischen Kultur der Weisheit, deren Markenzeichen gerade Offenheit und internationale Aufgeschlossenheit war (vgl. Kasten). Zu verstehen ist das integristische Konzept wohl auf dem Hintergrund des hellenistisch-römischen Kulturimperialismus, dessen Spuren im Orient noch heute in teilweise imposanten Ruinen zu sehen sind. Relativiert wird es durch zeitgenössische Weisheitskonzepte, für die gerade dialogische, kulturübergreifende Ansätze (wie in der Weisheit Salomos) leitend geworden sind. Für das Judentum gehören allerdings beide Schriften nicht zum Kanon.

Kirche: Weisheit ausserhalb der Kirche

Im Konzilsdokument «Nostra Aetate» wird die Weisheit und Wahrheit der nichtchristlichen Religionen ausdrücklich gewürdigt. Dass dieses Dokument auch der inneren Haltung einer Mehrheit von älteren wie jüngeren Seelsorgenden in der Schweiz entspricht, durfte ich bei Dekanatsfortbildungen immer wieder erfahren.

Welt: Zwischen Internet und Fundamentalismus

Austausch von Erfahrungen und Einsichten im WorldWideWeb gehören heute zum Image erfolgreicher Wirtschaft und Wissenschaft. Unvorstellbar, dass eine Nation, eine Universität oder eine Firma alle Weisheit für sich beanspruchen kann. Eine grosse Mehrheit ist von diesem Datenfluss jedoch ausgeschlossen. Der fundamentalistische Rückzug auf traditionelle Überzeugungen und Weisheiten ­ seien sie noch so unzeitgemäss ­ ist angesichts dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit verständlich. Gefragt ist eine Demokratisierung der Weisheit auf der Basis einer gerechten Wirtschaft.


Internationale Weisheit in der Bibel

In apologetischer Absicht zählt Bar 3,22f. eine ganze Reihe von Völkern auf, die in Israel für ihre Weisheit bekannt waren. Dabei ist unter Weisheit nicht nur ethische Kompetenz zu verstehen, sondern Sachverstand und Kunstfertigkeit in einem umfassenden Sinne. So war Phönizien, woher Salomo Bauleute für seinen Tempel holen liess (1 Kön 5,15ff.), auch berühmt für seine fortschrittliche Nautik (Ez 27,8f.), ja für seine Klugheit im allgemeinen (Sach 9,2). Die Edomiter waren bekannt für ihr Wissen im Bergbau. Das edomitische Teman scheint ein wichtiges Zentrum weisheitlichen Austauschs gewesen zu sein (Jer 49,7; Ob 8f.; Ijob 2,11). Auch ägyptische Weisheit, die eng mit den aussergewöhnlichen Verhältnissen im Niltal verbunden und deshalb schwierig zu vermitteln war, wurde rezipiert. So finden Spr 22,17­23,11 wörtliche Entsprechungen in der Lehre des Amenemope aus der 20. Dynastie (1186­1070 v. Chr.). Hoch im Kurs standen in Israel arabische Weisheitslehren, die durch die handeltreibenden Söhne des Ostens (1 Kön 5,10) bzw. die Midianiter (Gen 37,28; Jes 60,6) in Palästina Verbreitung fanden. Einige davon wurden ausdrücklich in die biblische Sprichwörtersammlung aufgenommen (Spr 30,1; 31,1). Die Händler waren dazu prädestiniert, auf fremden Marktplätzen Weisheit zu sammeln, die sie andernorts weitererzählten. Auch die Weisheit Mohammeds verdankt sich weitestgehend dieser Kultur des Gedankenaustauschs, der mit dem Tausch von Waren einherging.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998