SKZ 18/1998

INHALT

Lesejahr C

"Kauft ohne Bezahlung!"

von Thomas Staubli

 

Bibel: Ungewöhnlicher Aufruf

Schon oft habe ich im Zusammenhang mit Texten des «Zweiten Jesaja» auf die eminente Bedeutung des persischen Reiches für die Jüdinnen und Juden im babylonischen Exil hingewiesen. Deuterojesaja kennzeichnet den Herrschaftswechsel im Orient in aller Deutlichkeit, wenn er nicht davor zurückschreckt, den Perserkönig Kyros als Gesalbten des Herrn zu bezeichnen, als ein Werkzeug Gottes zur Befreiung (Jes 44,24­45,13). Kyros (altpers. Kurusch) II. d. Gr. nahm 539 Babylon ein und erliess 538 ein Edikt zur Repatriierung der Juden. Die persische Toleranzpolitik erlaubte sowohl in religiöser, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht regional unterschiedliche Entwicklungen mit Respekt gegenüber ethnischen Minderheiten.
Diese befreiende Atmosphäre schwingt im kurzen Lesungstext mit, der an den Hymnus anschliesst, dessen erster Teil am vergangenen Sonntag Thema war. Dort ging es um das Erbarmen gegenüber Zion, hier um die Folgen der Veränderung. «Zu Gottes Retten tritt Gottes Segen» (Claus Westermann). Dieser Segen wird in einer Einladung zum Mahl und in der Erneuerung des Davidbundes konkretisiert.
Innerhalb des kurzen Textes drängen sich die Imperative: kommt, kauft, esst, hört, seht! Das ist für den Stil Deuterojesajas nicht aussergewöhnlich (vgl. SKZ 50/1997). Einzigartig ist aber der Inhalt: Kauft ohne Bezahlung! Diese paradoxe Aufforderung musste auf dem Hintergrund des aufblühenden Handels- und Münzwesens im Perserreich (vgl. Kasten) besonders provokativ tönen: Was wird denn da zu so aussergewöhnlichen Konditionen angeboten? Und wer ist es, der sich solches erlauben kann? Zum Markttreiben vor und in den Toren des Orients gehörten damals wie heute Marktschreier/Marktschreierinnen, die ihre Ware feilboten. Wie sie tritt in Israel auch Frau Weisheit auf, die sich ja mit Vorliebe im einfachen Volk zeigt. Mit lauter Stimme preist sie ihre Ware, letztlich sich selbst, an: «Nehmt lieber Bildung an als Silber, lieber Verständnis als erlesenes Gold! [] Meine Frucht ist besser als Gold und Feingold, mein Nutzen übertrifft wertvolles Silber. [] Kommt, esst von meinem Mahl, und trinkt vom Wein, den ich mischte» (Spr 8,10.19; 9,5). Dieses Motiv spinnt Jes 55,1f. fort. JHWH spricht hier wie Frau Weisheit. Nur was sie anbietet, kann, ja muss ohne Geld erworben werden, da es unbezahlbar ist: die Weisheit und ihre leiblichen Früchte. Die Exegetenfrage ob es sich um ein geistiges oder materielles Gut handelt, das hier angeboten wird, ist falsch gestellt, denn für die Armen bedeutet Weisheit Leben. Sachverstand ist die Voraussetzung dafür, nicht mehr Spielball der Mächtigen, sondern Schmied seines Glückes zu sein. Die Quelle dieses Glücks aber ist Gott, der die auf ihn Vertrauenden segnet.
Die Reihe der Imperative gipfelt im Aufruf zu hören (55,3) und zu sehen (55,4f.). Zu hören ist Gottes Erneuerung des Davidbundes (2 Sam 7,8­16 und bes. Ps 89) als bleibenden Bund (börit 'olam), nun aber als direkte Zusage an das ganze Volk. Aber es bleibt nicht bei der Verheissung. Noch intensiver als das Hören ist das Sehen (vgl. Ijob 42,5). Im Interesse der Völker für Zion (vgl. SKZ 1/98) wird der Segen konkret und darin zeigt sich «das Gewicht» (Septuaginta: «die Herrlichkeit») Gottes.

Kirche: Weisheitlicher Messias

Das Auftreten der Weisheit in Verbindung mit der erneuerten Messiasverheissung wird durch Jesus von Nazareth aktualisiert. In der Tradition der Sophia ruft er: «Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt» (Joh 7,37f.)! Sein Auftreten löst unter den Zuschauern die Frage aus, ob er denn der Messias sei. Königliche Herrschaft wird also mit dem Anspruch verbunden, dass sie ein dürstendes Volk durch weise Führung zu nähren vermag. Durch diesen Tatbeweis wird sie legitimiert, wie der Pharisäer Nikodemus zu bedenken gibt, und nicht durch legalistische Gesetzeskonformität, wie sie andere Pharisäer forderten. Gegenwärtige Bibeltheologie ist gerade dabei, die weisheitliche Dimension der Christologie wieder zu entdecken. Sie im kirchlichen Leben lebendig werden zu lassen, würde dann zum Beispiel bedeuten, dass die Ämterfrage nicht durch lakonische Verweise auf Recht und Tradition beantwortet wird, sondern durch die Antwort auf die Frage: Wer nährt das Volk?

Welt: Wer nährt das Volk?

Die Weltstatistik legt in Beantwortung dieser Frage beredtes Zeugnis ab: Frauen stellen 50% der Weltbevölkerung, leisten 65% der Arbeit, sind mit 10% am Einkommen beteiligt und besitzen gerade 1% des Eigentums (nach dem UN-Bericht zum Internationalen Jahrzehnt der Frau, New York 1985). Die afrikanische Weisheit weiss ohne Statistik: Unterrichte einen Mann und du ernährst einen Menschen. Unterrichte eine Frau und du ernährst ein ganzes Dorf.


Geld im Perserreich

Während die Assyrer und Babylonier geprägtes Geld noch nicht kannten, war im Reich der Perser, das vom Indus bis zum Bosporus reichte, eine grosse Zahl von Münzen in Gebrauch. Da gab es das Reichsgeld, das um 500 v. Chr. von Dareios I. eingeführt wurde. Die Golddareike diente Zahlungen auf hoher politischer Ebene, der Silbersiglos der Bezahlung von Söldnern im Westen. Sie zeigten den Perserkönig mit der Zackenkrone als Bogenschützen (vgl. Bild) und waren ein wichtiges Propagandainstrument von grösster Wertbeständigkeit über 200 Jahre hin. «Sie wurden zur anerkannten Weltwährung, die erst von Alexanders Goldstateren im gleichen Gewicht abgelöst werden sollte» (Leo Mildenberg). Daneben gab es speziell in der Satrapie Abarnahara, «Jenseits des Stroms», also in der Levante, Provinzialgeld, das von Gouverneuren in der Gunst des Perserkönigs herausgegeben wurde, Münzimporte aus Griechenland, vor allem aber eine grosse Fülle an Lokalgeld. In guten wie in schlechten Tagen liessen die Perser lokale Geldschöpfung in Städten zu, ermöglichten so einen freien Handel und verhinderten die Akkumulation von Macht und Herrschaft in den Händen weniger. Gleichzeitig lebte im Osten des Reiches und in den Randgebieten der Tauschhandel, die Entlohnung in Naturalien und die Verwendung von Silbermetall fort.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998