SKZ 15-16/1998

INHALT

Lesejahr C

Das Herzstück der Bibel

von Thomas Staubli

 

Bibel: Ein Spottlied und zwei Legenden

Der historische Hintergrund des Exodus ist das ägyptische Neue Reich zu Beginn seiner letzten Phase. Unter Sethos I. (1293­1279 v. Chr.) sind in grossem Stil Schasu, palästinische Landbewohner mit teilweise nomadischem Lebensstil, und Hapiru (= Hebräer), untere soziale Schichten aus den kanaanäischen Städten, nach Ägypten deportiert worden, wo sie Amun und anderen Gottheiten geweiht, das heisst staatlichen Tempelbetrieben einverleibt wurden. Um 1200 v. Chr. scheint es unter diesen Fremden zu Unruhen gekommen zu sein. Ägyptische Quellen berichten, das zeitweise 'Arsu, ein Mann syrischer Herkunft, im Delta herrschte, ja dass syrische Söldner sogar von unzufriedenen Einheimischen im Kampf gegen das Haus Pharaos mit Silber, Gold und Kupfer unterstützt wurden. Unter Pharao Sethnacht (1188­1186 v. Chr.) wurde Ruhe und Ordnung im Land wieder hergestellt. In diese Zeit im Übergang von der 19. zur 20. Dynastie würde der von der Bibel berichtete Auszug der Schar, die sich dem midianitischen Berggott JHWH (vgl. SKZ 10/1998) und seinem Propheten Mose anvertraut hatte, gut passen.
Der biblische Auszugsbericht vereinigt zwei ursprünglich getrennt überlieferte Legenden der Ereignisse am Schilfmeer. Der älteren (14,19b.20b.21b.24.25.27b.28c.30) zufolge treibt JHWH das Meer durch einen Oststurm fort, bringt das Lager der Ägypter in Verwirrung und treibt es zur Flucht, dem zurückflutenden Meer entgegen, während Israel gerettet wird. Nach der jüngeren Überlieferung (14,15­19a.20a.21a.22f.26.27a.28f.) spaltet sich das Meer, als Mose seine Hand ausstreckt, und das Volk Israel schreitet wie zwischen Mauern hindurch. Die Ägypter folgen ihnen, doch Mose streckt auf Gottes Geheiss die Hand erneut aus, das Wasser kehrt zurück und bedeckt Wagen und Reiter. Die die Ereignisse ins Wunderbare steigernde jüngere Legende war letztlich erfolgreicher. Doch älter als beide Legenden ist das Siegeslied der Israelitinnen, das wohl zu den ältesten, in der Bibel aufgezeichneten, mündlichen Überlieferungen Israels gehört: «Singt dem Herrn ein Lied,/ denn er ist hoch und erhaben!/ Rosse und Wagen warf er ins Meer» (Ex 15,1.21). Dieses Lied, das in Ex 15 als Refrain eines jüngeren Hymnus auf den Exodus überliefert wird, ist ein Spottlied auf die ägyptische Kriegspropaganda und Machtpolitik (vgl. Kasten), die tausende von Menschen aus der Heimat entwurzelte und in die Sklaverei brachte.
Die Erinnerung der Moseschar wurde für alle Stämme Israels zu einem Urdatum ihrer Befreiungsgeschichte und JHWH, der Gott des Exodus, zum Schutzgott ihrer Befreiungskriege. Gleichzeitig sollte die Erinnerung an die Befreiung aus Knechtschaft aber auch davor bewahren, selbst zu Unterdrückern zu werden. Entscheidend aber war die zu neuen Befreiungstaten motivierende Kraft der Erzählung. So wurde für die Jüdinnen und Juden des Exils der Auszug aus Ägypten zum Modell für den Auszug aus Babylon.

Synagoge/Kirche: Erinnerung und Verheissung

Das Pessachfest ist der Sitz im Leben, an dem bis heute an den Zug durch das Schilfmeer erinnert wird. In der Pessach-Haggada, die während des jüdischen Sedermahles gelesen wird, heisst es: «In allen Zeitaltern ist jeder verpflichtet, sich zu betrachten, als ob er gleichsam selbst aus Ägypten gegangen wäre [] Nicht unsere Väter nur hat der Heilige ­ gelobt sei er ­ erlöst, sondern auch uns mit ihnen.» Aber der Auszug gehört auch zu den gefährlichen Erinnerungen des Christentums, denn nur im Wissen um diese Erinnerung, die zugleich Verheissung für weitere Grosstaten Gottes ist, war es Christus möglich, das Leiden in österlicher Hoffnung auf sich zu nehmen. Deshalb ist der Exodus das unverzichtbare Herzstück der Bibel.

Welt: Von der Frohbotschaft zur Revolution

«Die Frohbotschaft des Alten Testaments läuft gegen Pharao und schärft an diesem Gegensatz ihre beständige Utopie der Befreiung» (Ernst Bloch). Die Kraft dieser Utopie haben Juden und Christinnen in die ganze Welt hineingetragen. In revolutionären Ereignissen brach ihr messianischer Geist immer wieder hervor: in den Menschenrechten der Französischen Revolution etwa oder im Kommunistischen Manifest der sozialistischen Bewegung.
Und es wird bestimmt der Tag kommen, da auch die Sklavinnen und Sklaven des Neoliberalismus, dem grössten «Ägypten» aller Zeiten, sich aufmachen werden Richtung Schilfmeer.


Der Exodus im Spiegel ramessidischer Kriegspropaganda

Die Pharaonen des sogenannten Neuen Reichs (1550­1080 v. Chr.) betrieben eine aggressive Expansionspolitik. In unzähligen Kampagnen stiessen sie nach Norden vor und drangen zeitweise bis zum Euphrat vor. Vor allem aber kontrollierten sie die Levante mit ihren reichen Hafenstädten: Byblos, Sidon, Tyros, Akko, Aschkelon und Gaza. Im Hinterland regierten einheimische Klientelfürsten, die durch Korrespondenz mit dem Pharao in engem Kontakt standen. Die Macht der ägyptischen Herrscher gründete auf ihren Streitwagen, einer Erfindung, die sie wahrscheinlich den Hetitern verdanken, und den Pferden, die nun in grossem Stil gezüchtet wurden. Pferde und Wagen sind denn im Neuen Reich auch die wichtigsten Symbole pharaonischer Macht. Überdimensional wurden sie auf Tempelwänden eingemeisselt, wo sie von den Grosstaten eines Thutmosis, Sethos oder Ramses künden. Winzig klein eingeritzt auf skarabäenförmigen Amuletten fanden sie den Weg aber auch in entlegene Provinzen. Das abgebildete Beispiel vom Tell el-'Adschul in Südpalästina zeigt gemäss Beischrift Ramses II. (1279­1213 v. Chr.). Im Wagen stehend jagt er mit seinen federgeschmückten Pferden über einen am Boden liegenden Feind hinweg. Die palästinische Landbevölkerung hat die Ägypter jahrhundertelang aus der Perspektive der Feinde kennengelernt. Kein Wunder, dass ihre Propheten noch viel später, als sie einen eigenen Staat hatten, dem König verboten, zuviele Pferde zu halten, mit der bezeichnenden Begründung: «Er soll das Volk nicht nach Ägypten zurückbringen, um mehr Pferde zu bekommen; denn der Herr hat zu euch gesagt: Ihr sollt auf diesem Weg nie wieder zurückkehren» (Dtn 17,16).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998