SKZ 14/1998

INHALT

Lesejahr C

Teilhabe an Gottes Macht

von Thomas Staubli

 

Vorbemerkung zu den Lesungen der Osterzeit

Von Ostern bis Pfingsten sind in der römischen Liturgie keine Lesungen aus dem Ersten Testament vorgesehen. Das ist bedenklich, denn die beiden Feste sind durch Pessach und Schawuot (Wochenfest) tief im Ersten Testament verankert und ohne die Verwurzelung im Judentum in ihrer Bedeutung nicht verständlich. Die Lesungen aus der Apostelgeschichte machen darüber hinaus fast in jedem Satz deutlich, dass es den ersten Christinnen und Christen nur aus dem gelebten jüdischen Glauben heraus möglich war, die österlichen Ereignisse zu verstehen. Etwas anderes war gar nicht denkbar. Das war ihre Glaubenswelt. Wenn in der heiligsten Zeit des Kirchenjahres keine Lesungen aus dem Ersten Testament vorgetragen werden, so kommt darin eine antijudaistische Tendenz der Leseordnung zum Ausdruck, die sich auch in anderen Punkten (Textauswahl, Perikopengrenzen, Konfiguration Lesung-Evangelium usw.) nachweisen lässt. Die Anlage der Lesungen soll demonstrieren, dass mit der Auferstehung Christi etwas grundlegend Neues begonnen hat, das vom Bisherigen Abstand nimmt. Ein solches Verständnis der christlichen Heilsgeschichte entspricht nicht dem Urchristentum, so wie es uns in den Schriften des Zweiten Testaments entgegentritt.
In Ergänzung der bestehenden Leseordung bieten sich für die sieben Sonntage der Osterzeit die sieben Lesungen des Ersten Testaments aus der Osternacht an. Diese werden aus Zeitgründen fast immer nur in Auswahl vorgetragen und nur selten ausgelegt. Die Osterzeit bietet sich für eine Meditation dieser durchwegs bedeutenden Texte in der Homilie an.

Bibel: Schöpfungsentwurf einer nachstaatlichen Utopie

Der erste Schöpfungsbericht gehört nach Meinung vieler Schriftgelehrter unserer Tage zu einem geschichtstheologischen Werk, das sie priesterschriftliche Grundschrift nennen. Dieses sei eine «Antwort auf den Zusammenbruch der vorexilischen Staatsgeschichte» mit einer «Ðpazifistischenð Tendenz», eine demokratisierte Bundestheologie, eine «Grundlagenreflexion» über Voraussetzung und Ziel eines Neuaufbruchs Israels» im Exil mit radikal utopischen Konzepten wie dem (ortsungebundenen) Zeltheiligtum und dem Sabbat. «Die priesterschriftliche Grundschrift sieht Israels Zukunft nicht im autonomen Staat, sondern in einer nach-staatlichen Lebensform, die einerseits auf politische Macht und militärische Abrenzung verzichtet und andererseits ein Höchstmass an innerer Gleichheit dadurch verwirklicht, dass alle der Vor-Gabe des Schöpfungsgottes, Leben zu schützen und zu fördern, verpflichtet sind» (Erich Zenger, Alttestamentler in Münster i.W.; vgl. Literaturhinweis).
Wenn eine so ambitiöse Schrift einen eigenen Text den übrigen heiligen Schriften des Volkes voranstellt, empfiehlt es sich, gut hinzuhören, was da propagiert wird. Auffallendstes Merkmal der priesterschriftlichen Schöpfungsgeschichte ist ihr Drang, die Zeit zu gliedern. So wie in den Geschichten der Väter und Mütter Stammbäume eingeflochten und Lebensalter verzeichnet werden, wird hier die Schöpfung in ein Sieben-Tage-Schema gebracht. Alles steuert auf den siebten Tag, den Sabbat, zu. Er ist für die Hebräer/Hebräerinnen die Schöpfungsgabe schlechthin, das Sakrament der Schöpfung. Refrainartig werden die Werke der einzelnen Schöpfungstage für gut befunden. Das Wort gut, in vielen Sprachen ein einsilbiges Wort mit o- oder u-Laut in der Mitte (hebr. tov, frz. bon, engl. good), hat eine fast magisch zwingende Kraft, es ist ein lautgewordenes Mandala, das die so bezeichnete Sache der ehrfürchtigen Betrachtung und Behandlung anheimstellt. Nebst diesen der ersten biblischen Schöpfungsgeschichte eigenen Elementen gibt es Anleihen aus ägyptischer Theologie (vgl. Kasten). Doch die übernommenen Elemente werden jüdisch-monotheistischem Verständnis entsprechend anders zugespitzt: die Schöpfungswerke werden entmythologisiert, das Menschenverständnis demokratisiert.

Kirche: Ein Bild nach welchem Gott?

Die Auslegung von Gen 1 konzentrierte sich lange auf vv. 27f. und beförderte vielfach ein den Menschen überschätzendes, die Schöpfung zum Objekt degradierendes, anthropozentrisches Weltbild, das dringend korrekturbedürftig ist (vgl. Kommentar zu Ps 104 in der Osternacht). Die aus der Stelle abgeleitete Imago-Dei-Lehre krankt zudem oftmals an einem patriarchal verstellten Gottesbild. Dieses verändert sich, wenn die Selbstaufforderung Gottes (älohim): «Lasst uns Menschen machen!» auf dem Hintergrund der vernachlässigten Schöpfungsgeschichte in Spr 8,22­31 gelesen wird, wonach Gott die Schöpfungswerke in fröhlicher Stimmung in Gemeinschaft mit der weiblich vorgestellten, tanzenden Weisheit schuf.

Welt: Biblizismus zum Tode

«Macht euch die Erde untertan» ­ diesen biblizistisch aus dem Kontext gerissenen Satz, der soviel Gewalt heiligte, hat die Welt in unheilvollster Weise zu spüren bekommen. Damit es Ostern wird, ist eine Relecture notwendig, die Text, Kontext und Prätext, Bibel, Kirche und Welt organisch verbindet.

 

Literaturhinweis: Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken. Untersuchungen zu Komposition und Theologie der priesterschriftlichen Urgeschichte (SBS 112), Stuttgart 1983.


Gen 1 im Spiegel der memphitischen Theologie

Memphis, am Südrand des Nildeltas, war ein Zentrum altägyptischer Theologie seit dem Alten Reich. Eine Stele aus dem 8. Jh. v. Chr., das sogenannte «Denkmal memphitischer Theologie» gibt Kunde von den wichtigsten Lehren der Priester des grossen Ptah-Heiligtums zu Memphis. Der Text zeigt stellenweise eine grosse Nähe zum ersten Schöpfungsbericht der Bibel. Auch Ptah erschafft die Welt durch Sprechakte. Gottes Worte werden in der Schöpfung Fleisch (vgl. Joh 1,14). Wie der biblische Gott so ruht auch Ptah nach vollendetem Werk aus.
Ptah-Erkennen...brachte die übrigen Götter ins Dasein./ Ptah-Sprechen...liess das Nichtseiende entstehen, das die Götter erzeugte.../ Der sehr Grosse ist Ptah, der allen Göttern Lebenskräfte und Dasein gibt durch das Herz (Denken), durch die Zunge (Sprechen). [...] So kam es, dass man von Ptah sagte: «Der das All schuf und die Götter hervorbrachte.» Er ist ja «Das Land, das sich hebt», der die Götter schuf, aus dem alle Dinge hervorgegangen sind, an Speisen und Nahrung, an Opfern der Götter, an allen guten Dingen. So wurde entdeckt und erkannt, dass seine Macht grösser ist, als die der (anderen) Götter. So ruhte Ptah (zufrieden), nachdem er jegliches Ding gemacht hatte, jedes Götterwort.
Dass memphitische Theologie auch in Palästina bekannt war, ja geradezu propagandiert wurde, beweisen hunderte von in Palästina gefundenen Siegelamuletten aus memphitischen Tempelwerkstätten (Blütezeiten 1500­1100 und 650­500 v. Chr.). Sehr oft zeigen sie die mumienförmige Statue Ptahs, der ein Szepter hält. Als Zeichen der Partizipation an der Macht des höchsten Gottes berührt der ihm gegenüberstehende Sonnen- und Königsgott Re-Harachte ebenfalls das Szepter (vgl. Bild). Die ägyptisch-kanaanäische Vorstellung des Königs als Stellvertreter Gottes auf Erden wird im ersten Schöpfungsbericht demokratisiert: alle Menschen, und zwar ausdrücklich Mann und Frau, repräsentieren wie eine Statue auf Erden den höchsten Gott.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998