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Lesejahr C |
Von Ostern bis Pfingsten sind in der römischen Liturgie keine Lesungen
aus dem Ersten Testament vorgesehen. Das ist bedenklich, denn die beiden
Feste sind durch Pessach und Schawuot (Wochenfest) tief im Ersten Testament
verankert und ohne die Verwurzelung im Judentum in ihrer Bedeutung nicht
verständlich. Die Lesungen aus der Apostelgeschichte machen darüber
hinaus fast in jedem Satz deutlich, dass es den ersten Christinnen und Christen
nur aus dem gelebten jüdischen Glauben heraus möglich war, die
österlichen Ereignisse zu verstehen. Etwas anderes war gar nicht denkbar.
Das war ihre Glaubenswelt. Wenn in der heiligsten Zeit des Kirchenjahres
keine Lesungen aus dem Ersten Testament vorgetragen werden, so kommt darin
eine antijudaistische Tendenz der Leseordnung zum Ausdruck, die sich auch
in anderen Punkten (Textauswahl, Perikopengrenzen, Konfiguration Lesung-Evangelium
usw.) nachweisen lässt. Die Anlage der Lesungen soll demonstrieren,
dass mit der Auferstehung Christi etwas grundlegend Neues begonnen hat,
das vom Bisherigen Abstand nimmt. Ein solches Verständnis der christlichen
Heilsgeschichte entspricht nicht dem Urchristentum, so wie es uns in den
Schriften des Zweiten Testaments entgegentritt.
In Ergänzung der bestehenden Leseordung bieten sich für die sieben
Sonntage der Osterzeit die sieben Lesungen des Ersten Testaments aus der
Osternacht an. Diese werden aus Zeitgründen fast immer nur in Auswahl
vorgetragen und nur selten ausgelegt. Die Osterzeit bietet sich für
eine Meditation dieser durchwegs bedeutenden Texte in der Homilie an.
Der erste Schöpfungsbericht gehört nach Meinung vieler Schriftgelehrter
unserer Tage zu einem geschichtstheologischen Werk, das sie priesterschriftliche
Grundschrift nennen. Dieses sei eine «Antwort auf den Zusammenbruch
der vorexilischen Staatsgeschichte» mit einer «Ðpazifistischenð
Tendenz», eine demokratisierte Bundestheologie, eine «Grundlagenreflexion»
über Voraussetzung und Ziel eines Neuaufbruchs Israels» im Exil
mit radikal utopischen Konzepten wie dem (ortsungebundenen) Zeltheiligtum
und dem Sabbat. «Die priesterschriftliche Grundschrift sieht Israels
Zukunft nicht im autonomen Staat, sondern in einer nach-staatlichen Lebensform,
die einerseits auf politische Macht und militärische Abrenzung verzichtet
und andererseits ein Höchstmass an innerer Gleichheit dadurch verwirklicht,
dass alle der Vor-Gabe des Schöpfungsgottes, Leben zu schützen
und zu fördern, verpflichtet sind» (Erich Zenger, Alttestamentler
in Münster i.W.; vgl. Literaturhinweis).
Wenn eine so ambitiöse Schrift einen eigenen Text den übrigen
heiligen Schriften des Volkes voranstellt, empfiehlt es sich, gut hinzuhören,
was da propagiert wird. Auffallendstes Merkmal der priesterschriftlichen
Schöpfungsgeschichte ist ihr Drang, die Zeit zu gliedern. So wie in
den Geschichten der Väter und Mütter Stammbäume eingeflochten
und Lebensalter verzeichnet werden, wird hier die Schöpfung in ein
Sieben-Tage-Schema gebracht. Alles steuert auf den siebten Tag, den Sabbat,
zu. Er ist für die Hebräer/Hebräerinnen die Schöpfungsgabe
schlechthin, das Sakrament der Schöpfung. Refrainartig werden die Werke
der einzelnen Schöpfungstage für gut befunden. Das Wort gut, in
vielen Sprachen ein einsilbiges Wort mit o- oder u-Laut in der Mitte (hebr.
tov, frz. bon, engl. good), hat eine fast magisch zwingende Kraft, es ist
ein lautgewordenes Mandala, das die so bezeichnete Sache der ehrfürchtigen
Betrachtung und Behandlung anheimstellt. Nebst diesen der ersten biblischen
Schöpfungsgeschichte eigenen Elementen gibt es Anleihen aus ägyptischer
Theologie (vgl. Kasten). Doch die übernommenen Elemente werden jüdisch-monotheistischem
Verständnis entsprechend anders zugespitzt: die Schöpfungswerke
werden entmythologisiert, das Menschenverständnis demokratisiert.
Die Auslegung von Gen 1 konzentrierte sich lange auf vv. 27f. und beförderte vielfach ein den Menschen überschätzendes, die Schöpfung zum Objekt degradierendes, anthropozentrisches Weltbild, das dringend korrekturbedürftig ist (vgl. Kommentar zu Ps 104 in der Osternacht). Die aus der Stelle abgeleitete Imago-Dei-Lehre krankt zudem oftmals an einem patriarchal verstellten Gottesbild. Dieses verändert sich, wenn die Selbstaufforderung Gottes (älohim): «Lasst uns Menschen machen!» auf dem Hintergrund der vernachlässigten Schöpfungsgeschichte in Spr 8,2231 gelesen wird, wonach Gott die Schöpfungswerke in fröhlicher Stimmung in Gemeinschaft mit der weiblich vorgestellten, tanzenden Weisheit schuf.
«Macht euch die Erde untertan» diesen biblizistisch aus dem Kontext gerissenen Satz, der soviel Gewalt heiligte, hat die Welt in unheilvollster Weise zu spüren bekommen. Damit es Ostern wird, ist eine Relecture notwendig, die Text, Kontext und Prätext, Bibel, Kirche und Welt organisch verbindet.
Literaturhinweis: Erich Zenger, Gottes Bogen in den Wolken. Untersuchungen zu Komposition und Theologie der priesterschriftlichen Urgeschichte (SBS 112), Stuttgart 1983.
Memphis, am Südrand des Nildeltas, war ein Zentrum altägyptischer
Theologie seit dem Alten Reich. Eine Stele aus dem 8. Jh. v. Chr., das sogenannte
«Denkmal memphitischer Theologie» gibt Kunde von den wichtigsten
Lehren der Priester des grossen Ptah-Heiligtums zu Memphis. Der Text zeigt
stellenweise eine grosse Nähe zum ersten Schöpfungsbericht der
Bibel. Auch Ptah erschafft die Welt durch Sprechakte. Gottes Worte werden
in der Schöpfung Fleisch (vgl. Joh 1,14). Wie der biblische Gott so
ruht auch Ptah nach vollendetem Werk aus.
Ptah-Erkennen...brachte die übrigen Götter ins Dasein./ Ptah-Sprechen...liess
das Nichtseiende entstehen, das die Götter erzeugte.../ Der sehr Grosse
ist Ptah, der allen Göttern Lebenskräfte und Dasein gibt durch
das Herz (Denken), durch die Zunge (Sprechen). [...] So kam es, dass man
von Ptah sagte: «Der das All schuf und die Götter hervorbrachte.»
Er ist ja «Das Land, das sich hebt», der die Götter schuf,
aus dem alle Dinge hervorgegangen sind, an Speisen und Nahrung, an Opfern
der Götter, an allen guten Dingen. So wurde entdeckt und erkannt, dass
seine Macht grösser ist, als die der (anderen) Götter. So ruhte
Ptah (zufrieden), nachdem er jegliches Ding gemacht hatte, jedes Götterwort.
Dass memphitische Theologie auch in Palästina bekannt war, ja geradezu
propagandiert wurde, beweisen hunderte von in Palästina gefundenen
Siegelamuletten aus memphitischen Tempelwerkstätten (Blütezeiten
15001100 und 650500 v. Chr.). Sehr oft zeigen sie die mumienförmige
Statue Ptahs, der ein Szepter hält. Als Zeichen der Partizipation an
der Macht des höchsten Gottes berührt der ihm gegenüberstehende
Sonnen- und Königsgott Re-Harachte ebenfalls das Szepter (vgl. Bild).
Die ägyptisch-kanaanäische Vorstellung des Königs als Stellvertreter
Gottes auf Erden wird im ersten Schöpfungsbericht demokratisiert: alle
Menschen, und zwar ausdrücklich Mann und Frau, repräsentieren
wie eine Statue auf Erden den höchsten Gott.