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Lesejahr C |
Jede gesellschaftliche Gruppe kennt Feste, in der die Mitglieder das
sie Verbindende feierlich zum Ausdruck bringen und die Gemeinschaftsbande
stärken. Wie alle menschlichen Institutionen, so sind auch Feste einem
zeitlichen Wandel unterworfen. Da eine wichtige Funktion des Festes die
Verwurzelung der Menschen mit ihrer Herkunft ist, wird der Wandel innerhalb
des Festes oftmals durch symbolische Zeichen und deutende Worte zum Thema
gemacht. So sind Feste nicht nur kultureller Kitt in der Jetzt-Zeit, sondern
auch Perlenketten, an welchen die Geschichte der feiernden Gemeinschaft
abgelesen werden kann.
Der Lesungstext widerspiegelt die Auffassung des Pessachfestes zur Exilszeit
(vgl. Kasten). Die Anweisungen bezüglich des Festes ergehen (v. 1)
sowohl an Mose, den Patron des Rechts, als auch an Aaron, der die Priesterschaft
repräsentiert. Ägypten ist die Chiffre für Exil und Unterdrückung,
damals also für Babylon. Die Monatszählung, wonach das Jahr im
Frühling beginnt und das Pessachfest im ersten Monat des Kalenderjahres
liegt (v. 2), widerspiegelt assyrisch-babylonische Sitte. In Palästina
wurde der Jahresanfang traditionellerweise im Herbst, nach der Weinernte
und vor den ersten Winterregen gefeiert, wie es auch im heutigen jüdischen
Kalender wieder der Fall ist. Israel wird als Kultgemeinde ('edah) angesprochen,
ein Sprachgebrauch, der sich in exilischer Zeit durchsetzte, als sich das
Judentum als eine von Land und Tempel unabhängige Religion zu konstituieren
begann. Im folgenden (v. 311) wird der Verlauf des Festes nüchtern
vorgeschrieben: Das Schlachttier für die Hausgemeinschaft stammt aus
dem Kleinvieh (Schafe und Ziegen), ist männlich und einjährig.
Es wird am 10. beschafft und am 14. geschlachtet, mit Kräutern gewürzt,
am Stück über dem Feuer gebraten und noch in der Nacht, stehend,
zusammen mit Mazzen gegessen. Etwas vom Blut wird an den Türsturz gestrichen.
Erst in v. 12 folgt die Erklärung dafür: es ist ein Schutzzeichen
für die Israeliten. Wenn Gott kommt, um die Erstgeburt der Ägypter
zu schlagen, wird er an den bezeichneten Häusern vorbeigehen. Durch
ein typisch priesterliches Subskript werden die Bestimmungen des Gedenktages
(jom...lösikaron) für die kommenden Generationen als verbindlich
erklärt (v. 14). Gleichzeitig funktioniert das Subskript als Angelpunkt
zwischen der Weisung für Pessach und den folgenden Bestimmungen für
das Mazzenfest (v. 1520), das zusammen mit dem Pessachfest zu einer
Festeinheit verbunden wird.
Nach den synoptischen Evangelien war Jesu letztes Mahl mit seinen Jüngern/Jüngerinnen ein Paschamahl (hebr. pessach = aram. pascha), bevor er, die Hallelpsalmen (Pss 115118) singend (Mk 14,26a), mit welchen das Mahl beendet wurde, zum Ölberg hinüberging. Brot und Wein des Mahles werden auf Jesu Fleisch und Blut bezogen, das in der Kreuzigung zum sühnenden Opfer für die Sünden der Menschen werden wird und einen neuen Bund mit Gott begründet. Das Mahl selber soll künftig zu einer Gedächtnisfeier für Jesus werden (Lk 22,1520 parr.). Das Paschalamm, die Mazzen und Bitterkräuter werden allerdings in der Überlieferung des Abendmahles gar nicht erwähnt. Seine Deutung als Paschamahl erfolgte wahrscheinlich erst im nachhinein durch die Evangelisten. Historisch wahrscheinlicher ist die Überlieferung des Johannes, wonach Jesus am Rüsttag des Paschafestes (Joh 18,28; 19,14.31), am 14. Nisan, während auf dem Tempelplatz die Lämmer geschlachtet wurden, vor den Mauern der Stadt gekreuzigt wurde (vgl. Literaturhinweis). In der Tat ist die Annahme, dass in Jerusalem am Festtag selber die Hinrichtung stattfand, abwegig. Ein Schauprozess in der von Pilgern überfüllten Stadt unmittelbar vor dem Fest macht hingegen Sinn. Theologisch wird Jesus in der Folge als neues Paschalamm, als Lamm Gottes (agnus Dei) gedeutet.
In der Welt, in der wir leben, sterben täglich tausende von Menschen den Tod von Unschuldslämmern: Kinder, Arme und solche, die sich ein Leben lang für mehr Gerechtigkeit eingesetzt haben. Noch nie starben so viele und noch nie waren wir so gut darüber informiert. Wir wissen, dass es die Opfer einer ungerecht vernetzten Welt sind, aber ein babylonisches Wirtschaftssystem und eine pervertierte Moral hindern uns, diesen beschämenden Opfern in wahrhaft frommer Weise durch ein Leben für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu begegnen.
Literaturhinweis: Willibald Bösen, Der letzte Tag des Jesus von Nazaret. Was wirklich geschah, Freiburg 1994.
Das Pessachfest ist eine Kombination von zwei ursprünglich unabhängigen Festen: Pessach und Mazzot. Während das Mazzenfest einen bäuerlichen Sitz im Leben hat (vgl. SKZ 11/1998), ist das eigentliche Pessachfest nomadischen Ursprungs. Nach einer Theorie von L. Rost wurde es im Frühjahr, beim Übergang von der Winter- zur Sommerweide gefeiert. Als «rite de passage» wurde ein Herdentier geschlachtet und dessen Blut an die Zelteingänge gestrichen, um Dämonen abzuwehren, die in der Gestalt von schädlichen Sandstürmen (Chamsin), die oft Krankheiten mit sich brachten, oder feindlich gesonnenen Sesshaften daherkommen konnten. Das Wort Pessach kann von passach (hüpfen, springen) abgeleitet werden und meint vielleicht das Überspringen (vgl. engl. Passover) der mit Opferblut bestrichenen Häuser durch den Dämon. Das Schlachttier wurde nach nomadischer Sitte mit Steppenkräutern gewürzt und am offenen Feuer gebraten. Das alte Fest wurde in Israel in historisierender Weise mit dem Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten und der Tötung der ägyptischen Erstgeburt verbunden. Ursprünglich ein Sippenfest (Ex 12,21), wurde es unter König Joschija zum Staatsfest (2 Kön 23,2123), das am zentralen Heiligtum in Jerusalem gefeiert werden musste (Dtn 16,2.7). Doch in der tempellosen Exilszeit wurde das Fest schliesslich als familiäres Hausfest kodifiziert (Ex 12,114), als was es im rabbinischen Judentum bis heute betrachtet wird. Wer das wichtige Fest aus irgendeinem Grunde nicht feiern konnte, hatte vierzehn Tage später die Möglichkeit einer Nachfeier (Num 9,1012). In nachexilischer Zeit wurden die Pessachlämmer im Tempelvorhof geschlachtet, zubereitet und gegessen (2 Chr 30,15; 35,13f.), wie es die Samaritaner auf dem Berg Garizim noch heute tun. In römischer Zeit nahm man die zubereiteten Lämmer wegen der Menge der Leute mit nach Hause, wo man sie nach griechischer Sitte mit Vorspeisen, Wein und Gesang in fröhlichem Kreise ass. Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels schlachten die Juden keine Pessachlämmer mehr. Das Pessachfest wird in einer häuslichen Feier, seit dem 10. Jahrhundert nach einer schriftlich vorliegenden Ordnung (Seder), gefeiert, wobei verschiedene symbolische Essgänge und Gegenstände an den Exodus, das Lamm und die Zeit des Tempels erinnern (vgl. dazu das Bild «Der Seder-Abend» von Moritz Oppenheim, das eine deutsch-jüdische Familie des 19. Jahrhunderts bei der Feier zeigt).