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Lesejahr C |
Nach dem ersten Lied vom Gottesknecht am Hochfest Taufe des Herrn wird
zum zweiten Mal im Lesejahr ein Gottesknechtlied vorgelesen (zur Gestalt
des Gottesknechtes vgl. SKZ 1/1998).
Der Appell, aufzuhorchen und hinzuhören, durchzieht die Verkündigung
der Deuterojesajas leitmotivisch. Die Völker des Erdkreises (41,1),
die Tauben (42,18), Jakob/Israel (44,1; 46,3; 48,1; 49,1) werden immer wieder
aufgefordert, hinzuhören. Nur wo Hörerinnen/Hörer sind, macht
das Rufen einen Sinn, zu dem die Deuterojesajas berufen worden sind (40,111).
Aber nicht nur Israel und die Völker sollen hören. JHWH selber
ist einer, der (er)hört (vgl. 49,8). Sein Hören ist die Grundlage
seines Erbarmens und seiner Befreiungstaten. Es geht also nicht um eine
von oben verordnete Einwegkommunikation, einen blinden Gehorsam. Aber wie
kann JHWH retten, wenn niemand da ist, der ihn erhört, wenn er ruft?
Diese Frage spitzt sich unmittelbar vor dem dritten Gottesknechtlied zu
(50,2), das uns den Gottesknecht als exemplarisch hörenden Menschen
(vgl. Kasten) vor Augen führt und damit als den idealen Adressaten
der Gottesbotschaften in der Verkündigung der Deuterojesajas.
Aufmunterndes Reden und demütiges Hören so macht das in
der Ich-Form verfasste, bekenntnishafte Lied zu Beginn (50,4f.) deutlich
sind wie zwei Seiten einer Münze. Es gibt das eine nicht ohne
das andere (vgl. Kasten). Der ungenannte Widerstand, der sich dem Hören
entgegenstellt, scheint der die Gesellschaft beeindruckende falsche Stolz,
vielleicht auch eine infantil-libidinöse Lust zu sein Kräfte
jedenfalls, die sich der Stimme der Vernunft, des Rechts und der Geschichte
widersetzen. Aber was ist diese Demut des Hörens im Vergleich zu dem,
was der Gottesknecht sonst noch erduldet (50,6f.), im Vertrauen darauf,
dass Gott ihn nicht in Schande enden lassen wird? Die Bereitschaft, Schande
auszuhalten, getragen von der Hoffnung auf rehabilitierende Gerechtigkeit,
ist ein Wahrzeichen echter Prophetinnen und Propheten. Ganz in diesem Sinne
macht zum Beispiel auch Ezechiel seine Stirn zu einem harten Kiesel (Ez
3,8f.) und setzt sich dem Schimpf und Spott seines Volkes aus. Schliesslich
erfolgt eine für deuterojesajanische Texte typische Einladung zum Rechtsstreit
(vgl. 41,21ff.; 43,8ff.26; 44,6ff.), eine Einladung, die dem Knecht vorgeworfene
Schuld doch beim Tor, dem Ort des Gerichts, zu verhandeln. Es handelt sich
natürlich um eine rhetorische Aufforderung dessen, der sich unschuldig
weiss, damit aber an das Schuldbewusstsein der andern appelliert.
Damit sind Voraussetzungen für neue Appelle an die Zuhörerinnen/Zuhörer
geschaffen, die unmittelbar nach dem Lied erfolgen: «Wer von euch
JHWH fürchtet, der höre auf die Stimme seines Knechtes...»
(50,10) «Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt...»
(51,1) «Horcht her, ihr Völker, hört auf mich, ihr Nationen!»
(51,4) «Hört auf mich, die ihr das Recht kennt...»
Die Kirche hat bekanntlich im Gottesknecht Christus gesehen. In ihm, dem auf Gott Hörenden (vgl. Phil 2,7) und die Bitten der Menschen Erhörenden erfüllte sich das Paradox, dass der völlig Unschuldige als Gotteslästerer am Kreuz hingerichtet wurde, und gleichzeitig das Paradox, dass der sich in dieser Untat als schuldig erkennende Mensch von seiner Schuld erlöst wurde, denn ein drittes Paradox das Opfer der Untat war zugleich die Versöhnungsgabe an Gott. Statt zu resignieren zog es Gott vor, die verstockten Menschen durch Paradoxa zu retten.
Die günstige Wechselwirkung zwischen Hören und Reden, die der Gottesknecht bezeugt, wurde von Bert Brecht, dessen 100. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wurde, und zu dessen Lieblingslektüre die Bibel gehörte, in einem Gedicht folgendermassen zum Ausdruck gebracht:
Sag nicht zu oft, du hast recht, Lehrer!
Lass es den Schüler erkennen!
Strenge die Wahrheit nicht allzu sehr an:
Sie verträgt es nicht.
Höre beim Reden.
Ob eine/einer zu hören verstand, zeigte sich für altorientalische Menschen im Reden und Tun des Menschen. Seine Rede machte Sinn, und sein Tun bewirkte Gutes. Das ist in mündlichen Kulturen bis heute so. Ihr Wohlergehen beruht auf dem Weitergeben von Erfahrung, Sachverstand und Wissen von Generation zu Generation. Ein taubes Sich-Hinwegsetzen über diese Tradition gefährdet die Grundlagen der Gesellschaft. Gute Ohren, das heisst die Fähigkeit zu hören, wurde deshalb als Gottesgabe betrachtet. «Einer, den Gott liebt, ist der Hörende, nicht hört der, den Gott hasst», so heisst es schon in einer 4300 Jahre alten Weisheitslehre aus Ägypten für angehende Beamte. Diese liessen sich gerne in Skulptur darstellen, als aufmerksame Schreiber in gespannter Konzentration auf das, was sie sahen und hörten (vgl. Bild). Den hohen Stellenwert des Hörens in der israelitischen Gesellschaft zeigen etwa die unermüdlichen Aufforderungen im Sprüchebuch, auf die Weisungen von Vater und Mutter zu hören (z.B. Spr 23,22), oder die drakonische Strafe für den widerspenstigen (erwachsenen) Sohn, der nicht auf seine Eltern zu hören beliebt (Dtn 21,1821), das heisst in erster Linie sich nicht um die Versorgung seiner betagten Eltern kümmert. Als ausgezeichnete Hörerinnen/ Hörer galten die Prophetinnen/Propheten. Sie waren nicht nur Hörerinnen/Hörer im Sinne der Tradition, sondern verstanden es auch, die Stimme Gottes, die Neues kundtat, wahrzunehmen. So, wie in nachexilischer Zeit ganz Israel aufgefordert wurde, zu Prophetinnen und Propheten zu werden (Num 11,29), wurde das Hören zu einem Imperativ an das ganze Volk, der bis heute als «Schma Jisrael/Höre Israel!» (vgl. Dtn 6,4ff.) im Zentrum der jüdischen Liturgie steht; denn das Hören ist eine Sache der täglichen Anstrengung und Begnadung. Das Ohr des Gottesknechts wird jeden Morgen neu geweckt (Jes 50,4). Jesus wird nicht müde zu wiederholen: «Wer Ohren hat zu hören, höre!» Nur wer mit Verstand zuhörte, konnte seine Jüngerin, sein Jünger werden, und mit dem Aufruf «Öffne dich!» heilte er Taube (Mk 7,34). So verwundert es nicht, dass die altkirchliche Taufliturgie noch ein Ohrenöffnungsritual kennt, die apertio aurium, die die Getauften zu einem Hören im künftigen christlichen Leben anhielt, das sich im gottesfürchtigen Tun zeigt.