SKZ 11/1998

INHALT

Lesejahr C

Vom Manna zu den Mazzen

Der exegetisch-homiletische Impuls von Thomas Staubli

 

Bibel: Das Fest des Einzugs ins Gelobte Land

Israels Weisungen, auch die den Kult betreffenden, wurden nicht in einem abstrakten, zeitlosen Rahmen überliefert. Der Kult war keine himmlische Liturgie, dazu bestimmt, eine immerwährende, überirdische Welt zu spiegeln. Vielmehr wurden die jahreszeitlichen Riten mit bestimmten Ereignissen in der Heilsgeschichte des Gottesvolkes in Verbindung gebracht (vgl. SKZ 8/1998). Auch die Gesetze Israels werden im Rahmen der grossen Erzählung vom Auszug aus dem Sklavenhaus Ägypten und vom Einzug ins Gelobte Land überliefert. Diese Erzählung ist ein kunstvolles Gebäude, in dessen Mitte die Offenbarung Gottes am Sinai steht, gerahmt von Wüstenerzählungen, der Auszugs- und der Einzugsgeschichte. Aus- und Einzug werden mit der Durchquerung von Wasser (Schilfmeer, Jordan) und dem Pessachfest verbunden, dem «Fest der Überschreitung» und dem Mazzenfest, zwei klassischen «rites de passage».
Pessach und Mazzenfest des Einzugs werden mit dem bis heute archäologisch nicht identifizierten alten Kultort Gilgal in der Nähe von Jericho verbunden. Die wahrscheinlich erst nachexilische, priesterliche Darstellung der Ereignisse legt Wert darauf, das Fest als in diesem späten Sinne (vgl. Lev 23,5­14) rite durchgeführt darzustellen. Das Volk durchquert am 10. Tag des ersten Monats den Jordan (Jos 4,19), also genau zu Beginn der Rüsttage (Ex 12,3) für das Pessachfest, an dem nur beschnittene Israeliten teilnehmen durften (Ex 12,48­50). Deshalb wird in Gilgal die erst in der Wüste geborene, noch unbeschnittene, männliche Bevölkerung Israels beschnitten (Jos 5,2­9).
Lag bei der Deutung des Pessach- und Mazzenfestes vom Exodus die Betonung auf der Verschonung der Erstgeburt, so jetzt auf seinem trennenden Charakter zwischen einem Vor- und einem Nachher. Während ihrer Wüstenwanderung bis zum Fest wurden die Kinder Israels durch das göttliche Manna ernährt. Nach dem Fest im eben betretenen Gelobten Land konnten sie sich selber durch dessen Erträge ernähren. Die Scharnierfunktion des Festes wird im Text selber durch eine symmetrische Struktur feierlich zum Ausdruck gebracht (Jos 5,11):

A Und sie assen von den Landeserträgen
B am folgenden Tag nach Pessach,
C Mazzen und Röstkorn,
X an eben diesem Tag,
C' und das Manna hörte auf,
B' vom folgenden Tag an,
A' mit dem Essen der Landeserträge.

Mazzen und Röstkorn (vgl. Kasten) sind die ersten geniessbaren Produkte der Gerstenernte, bis nach Ablauf einer Woche aus der neuen Ernte neuer Sauerteig für durchsäuertes Brot entstanden ist.

Kirche: Eucharistie und Reich Gottes

Das Feiern des Pessachfestes in der christlichen Eucharistie bindet die Erinnerungen Israels mit ein. Auch sie ist Überschreitungsopfer und Grenzen markierender «rite de passage». Es ist das Fest jener, die daran glauben, dass sie in der Taufe (mit Christus am Jordan!) die Grenze zum in der Kirche angebrochenen Reich Gottes hin überschritten haben und in der Gemeinschaft der Gläubigen, auf eigenen Füssen stehend, die ersten Früchte dieses Reiches geniessen. Dies bedeutet für viele Landlose dieser Welt ganz real, ein Stück Boden, das sie ernährt, zu gewinnen, und für die anderen heisst es, sich für diese Grundvoraussetzung für Gerechtigkeit stark zu machen. Wer die Kirche allerdings für einen Mutterschoss, das Abendmahl für ein übersinnliches Mirakel (Manna) und eigenständiges, befreiendes Denken und Handeln für verboten hält, ist wahrscheinlich an den Fleischtöpfen im Lande Pharaos oder in der Wüste hängen geblieben und nicht zu einer neuen, Leben schaffenden Schöpfung geworden (vgl. die zweite Lesung 2 Kor 5,17­21).

Welt: Hostie, Geld und Neue Medien

Das Geld («Dominus providebit» steht auf dem Fünfliber) und die Telekommunikation sind heute an die Stelle der christlichen Kommunion getreten, als rituell inszenierte Medien, die versuchen, das Sein als sinnvoll erscheinen zu lassen (vgl. Literaturhinweis). Ungedecktes Kapital und schaumschlägerische Fernsehshows sind aber ebenso Symbole einer verlogenen Realität wie eine Hostie, die nicht die Frucht gerechter Landverteilung, ökologischer Landwirtschaft und menschenwürdiger Arbeit ist.

 

Literaturhinweis: Jochen Hörisch, Brot und Wein. Die Poesie des Abendmahls (edition suhrkamp 1692), Frankfurt 1992.


Brot essen

Die Kultivierung verschiedener Getreidearten (besonders Weizen, Gerste, Emmer und Hirse) im ausgehenden Mesolithikum und vor allem im Neolithikum (7500­4000 v. Chr.) ist wohl die wichtigste Grundlage für die sogenannte neolithische Revolution, den Übergang von einer wandernden und sammelnden Existenz zur Sesshaftigkeit in den ersten bäuerlichen Dörfern. Diese liegen fast allesamt am Rande des fruchtbaren Halbmondes im Vorderen Orient. Zu ihnen gehören auch Jericho, Beerscheba, Arad, Ai und andere Siedlungen in Palästina. Bis heute ist Getreide im Mittelmeerraum, ja in ganz Europa, das Grundnahrungsmittel. Aussaat, Ernte, Dreschen, Mahlen, Sieben, Teigkneten und Backen nahmen in früheren Zeiten einen Grossteil der Arbeitszeit von Männern und mehr noch von Frauen in Anspruch. Im fertigen, essbaren Produkt, dem Brot in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen, vergegenständlichte sich, in wie nichts sonst, göttlicher Segen und menschliche Arbeitskraft. Das Brot ist daher Opfergabe par exellence, die auf keinem Altar fehlte. Dieses klassische Speiseopfer (Lev 2) konnte auch von armen Leuten dargebracht werden. Die Abbildung zeigt einen altägyptischen Opfertisch mit mindestens drei verschiedenen Brotsorten.
Ein Höhepunkt im bäuerlichen Jahr Palästinas war der erste Schnitt der Gerste und des Weizens, der JHWH geweiht wurde. Die frischen Körner wurden auf dem Feuer zu einer Art Popkorn geröstet, und bis Sauerteig aus dem Ansatz neuen Mehls entstanden war, ass man ungesäuerte Brote, sogenannte Mazzen. Eng mit diesen beiden Ereignissen verbunden sind die beiden grossen Feste Pessach (Ostern) und Schawuot (Wochenfest/Pfingsten). (Ausführlichere Kommentare zum ersttestamentlichen Hintergrund dieser Feste folgen zu gegebener Zeit.) JHWH nahm in Israel die Stelle Dagons, des vorderasiatischen Getreidegottes ein, der in Ugarit als Vater Baals, des Wettergottes, verehrt wurde. Die Feier des ersten Pessachfestes auf dem Boden des Gelobten Landes hatte für die Israeliten/Israelitinnen somit sakramentale Bedeutung: Es war ein Realsymbol dafür, dass JHWH seinen Bund gehalten hatte und sein Volk, dem er in der Wüste mit Manna wunderbar über die Runden half, mit dem Ertrag des versprochenen Landes sättigte.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998