SKZ 10/1998

INHALT

Lesejahr C

"Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus..."

Der exegetisch-homiletische Impuls von Thomas Staubli

 

Bibel/Kirche/Welt: Verdichtung am Dornbusch

Der Text der ersten Lesung gehört zu den dichtesten Knotenpunkten des ganzen Ersten Testamentes und zu den wirkungsreichsten Texten der Weltliteratur. Die erhebende Wirkung, die bis heute von ihm ausgeht, sei durch den Anfang des Kommentars des grossen Schweizer Theologen Leonhard Ragaz (vgl. Literaturhinweis) aus den Vierzigerjahren illustriert: «Was sollen wir dazu sagen? Die Antwort ist: Wir sollen dazu nichts sagen, sondern zunächst schauen und hören. Und wir hören die Aufforderung: ÐZiehe deine Schuhe aus; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land.ð Wir stehen hier an jener heiligen Stelle, wo die Wasser der Geschichte sich scheiden. Wir stehen an dem Orte, wo der Strom entspringt, aus dem allein Geschichte entsteht. Wir stehen vor der Offenbarung des heiligen und lebendigen Gottes.» Ein anderes Wort für diesen Strom ist für Ragaz die geschichtliche Tat der Gerechtigkeit. In ihr ist Gott gegenwärtig, heute wie damals, als er die Hebräer/Hebräerinnen durch das Schilfmeer aus dem Sklavenhaus herausführte, nachdem er sich Mose im Dornbusch offenbart hatte. Für Ragaz ist die Dornbuschgeschichte daher ein Symbol-Bericht, der überall aktualisiert wird, wo Menschen vom Feuer der Gerechtigkeit erfasst werden.
Oberflächlich betrachtet war Mose von diesem Feuer schon früher erfasst worden, als er im Zorne über die Ungerechtigkeit, die den Hebräern/Hebräerinnen widerfuhr, einen ägyptischen Aufseher erschlug (Ex 2,11f.). Doch diese Tat förderte nicht die Gerechtigkeit, sondern die Verstrikkung in Gewalt, wie ihn die Erfahrung des nächsten Tages zu seinem Schrecken lehrt (Ex 2,13f.). Er flieht nach Midian, wo er freundlich aufgenommen wird, heiratet und ein neues Leben beginnt.
«Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian.» Beschaulicher könnte die grosse Befreiungsgeschichte kaum anfangen: Schafehüten ­ in Märchen und Schlafliedern das Bild der Zufriedenheit und geordneter Verhältnisse ­ noch dazu unter der Obhut eines Schwiegervaters, der Priester eines ganzen Stammes ist. Doch dann findet unvermittelt eine doppelte Bewegung statt: Mose treibt das Kleinvieh über die Steppe hinaus zum Gottesberg Horeb und dort erscheint ihm ein Engel aus der Flamme eines Dornbusches. Dieser völlig unmotivierte Beginn einer langen Geschichte mit Gott und Mose hat mich immer fasziniert. Keine Not, kein Zwang, keine Logik bringen den Stein ins Rollen, sondern die unberechenbare Neugier eines Mannes und der energetische Überschwang Gottes führen wie zufällig zu einer höchst glücklichen Begegnung, zur Begegnung zwischen Gott und seinem Diener. Ich glaube, dass dieser fast schon verspielt anmutende Beginn wichtig ist für das Ende der Geschichte, das wir noch nicht kennen. Es könnte heilsam sein, sich diesen unbeschwerten Anfang immer wieder zu vergegenwärtigen, um ähnlich segensreiche Begegnungen möglich werden zu lassen wie jene zwischen Mose und Gott. Die Kirchenväter haben übrigens in der Dornbuschszene einen Typos der Verkündigung an Maria gesehen, die ihrerseits dem Mose in den Flammen erscheint, und so auf dezente Art den erotischen Charakter dieses Anfangs einer leidenschaftlichen Beziehung andeutet. Der Text in Exodus begnügt sich damit, Gottes Namen verhüllend zu enthüllen (vgl. Kasten) und diesen Gott mit dem Gott der Väter und (ungenannten) Mütter Israels gleichzusetzen, die Landverheissungen an Israel zu bekräftigen und eine Begegnung des ganzen Volkes mit Gott an eben diesem Berg zu verheissen.

 

Literaturhinweis: L. Ragaz, Die Bibel ­ eine Deutung, Zürich 1947­1950 (= Freiburg/Brig 1990).


Ich bin, der ich bin

Der Name des israelitischen Gottes JHWH, ausgesprochen als Jahwe mit emphatischem «h», kommt möglicherweise von einer nordarabischen Verbalwurzel hwh, die «wehen» bedeutet. In der Tat gehört JHWH von seinem Ursprung her zum Typ der Wettergötter (vgl. Pss 18,10­15; 65,9ff.; 97,2ff.), die im ganzen Mittelmeerraum anzutreffen sind, wo sie je nach Region verschiedene Namen tragen und Qaus, Baal, Hadad, Teschub, Zeus, Jupiter oder eben JHWH heissen. Als JHWH in Israel zum Staatsgott und schliesslich zum allein verehrten höchsten Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, avancierte, schien sein alter Name nicht mehr zu passen. Man änderte ihn aber nicht, sondern erklärte ihn neu als eine Ableitung der wichtigen hebräischen Verbalwurzel hjh, die «(da)sein» bedeutet. In diesem Sinne lässt die Geschichte von der Berufung Moses am brennenden Dornbusch Gott seinen Namen erklären als «Ich bin (da), (als) der ich (da) bin» (ähjäh aschär ähjäh). JHWH/Jahwe heisst demzufolge «er ist (da)». Doch was bedeutet dieser merkwürdige Name? Darauf haben die Bibelausleger/Bibelauslegerinnen immer wieder Antworten gesucht und viele gefunden. Die älteste Übersetzung der Bibel ins Griechische (Septuaginta) gibt die Formel kurzerhand mit «ich bin das Seiende» (egô eimi ho ôn) wieder. Doch dieser Ausdruck wird dem dynamischen semitischen Gottesverständnis nicht gerecht. Der Bibeltheologe Erich Zenger aus Münster i.W. unterscheidet in Gottes Selbstvorstellung vier Aspekte:

Jüdinnen und Juden bringen die Unfassbarkeit des göttlichen Namens dadurch zum Ausdruck, dass sie ihn gar nicht erst aussprechen. Sie ersetzen das Tetragramm (= Vierbuchstabenwort) JHWH durch Ausdrücke wie «der Name», «der Ewige» oder meistens «der Herr». Letzteres tat schon die Septuaginta (ho kyrios) und tut auch die Einheitsübersetzung, wodurch JHWH aber in einer vom hebräischen Urtext unbeabsichtigten Weise tausende Male auf einen männlichen Titel und damit auf ein männliches Gottesbild festgelegt wird. Aus diesem Grunde gebe ich in meinen Kommentaren den Gottesnamen nur durch das Tetragramm JHWH wieder. In der Liturgie sollten wir uns angewöhnen, entweder den Eigennamen als «Jahwe» auszusprechen oder wenigstens durch geschlechtsneutralere Ausdrücke wie Gott oder «der Ewige» zu ersetzen. Noch besser wäre es, die Gottheit ebenso vielfältig zu benennen wie die Menschen, ihre Ebenbilder, doch davon sind wir, wie zum Beispiel die Texte des neuen Kirchengesangbuches zeigen, leider noch weit entfernt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998