SKZ 9/1998

INHALT

Lesejahr C

Gottes Selbstverpflichtung

von Thomas Staubli

 

Bibel: JHWHs Landverheissung an Abraham

Nachkommenschaft und Land waren im Alten Orient notwendige Lebensgrundlagen, die nicht durch menschliche Anstrengung geschaffen werden konnten. Dies galt besonders für Hirtennomaden mit extensiver Viehzucht in den Randzonen des fruchtbaren Halbmondes, deren stammesmässige Gesellschaftsstrukturen nur durch den Fortbestand der Sippen garantiert waren.
Gen 15,1­6 ist ein typisch nachexilisch-deuteronomistischer Einschub innerhalb der Komposition von den Väter- und Müttergeschichten, zu deren urtümlichem Bestand der von der Leseordnung vorgesehene Ausschnitt (vgl. aber unsere Verskorrektur) gehört. Gen 15,12­16 wird gemeinhin als sehr späte Ergänzung betrachtet, die durch die redaktionellen Bemerkungen über den Sonnenstand in vv. 12 und 17 als solche gerahmt wurde. Ähnliches gilt für die glossierenden vv. 19­21.
Abraham ­ der Name bedeutet «Der Vater ist erhaben» ­ gilt der Bibel als Ahnvater jener aus dem Zweistromland ausgewanderten Aramäerinnen und Aramäer, die im nördlichen und westlichen Bereich des fruchtbaren Halbmondes siedelten (vgl. SKZ 8/1998). Hier und andernorts (Gen 11,28.31; Neh 9,7) wird berichtet, dass er aus Ur in Chaldäa (= Babylonien) stammt. In jener Gründung der Sumerer stand wie in Haran ein Mondtempel. Mag sein, dass dies den Verfassern/Verfasserinnen der Bibel bewusst war, und dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Bevölkerung in Ur, Haran und Palästina bestand, doch bleibt es bei Vermutungen. Wahrscheinlich ist, dass die Erzählung von der Auswanderung der Sippe Abrahams aus Ur den exilierten Judäerinnen und Judäer in Babylonien eine Identifikationsfigur anbot, die sie indirekt zur Nachfolge aufforderte. Verlockend war eine Auswanderung aus dem gesegneten Zweistromland freilich nur dann, wenn den Wagemutigen eine Alternative nicht bloss in Aussicht gestellt sondern zugesichert werden konnte. Dazu bedurfe es eines göttlichen Wortes oder ­ besser noch ­ einer göttlichen Zeichenhandlung. So kommt es, dass wir in Gen 15 die gewagte Geschichte eines göttlichen Eides bzw. einer göttlichen Selbstverfluchung für den Fall des Nichteinhaltens seiner Landverheissung vorfinden ­ ein rhetorischer Ausdruck, der an Gewicht durch nichts überboten werden kann. Für die Zeremonie wird Abraham aufgefordert, ein dreijähriges Rind, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder, eine Turteltaube (besser: Huhn) und eine Haustaube (besser: eine Taubenart) zu opfern, also je ein Exemplar der wichtigsten Fleischlieferanten und Opfertiere jener Zeit (zur Bedeutung des Rituals vgl. Kasten). Am Schluss der Geschichte wird in einem Gotteswort präzisiert, dass es sich um das «Land vom Grenzbach Ägyptens bis zum grossen Strom, dem Eufrat» handelt. Mit dem Grenzbach Ägyptens ist der Nachal Besor südlich von Gaza gemeint. Ein derart riesiges Territorium war allerdings zu keiner Zeit israelitisch oder auch nur israelitisch dominiert. Es ist vielmehr der Wunschtraum von Kleinstaatlern oder Landlosen, der in den Targumim (paraphrasierende Übersetzung der hebräischen Bibel in die aramäische Umgangssprache aus vorchristlicher Zeit) noch übersteigert wurde, wo der Grenzbach Ägyptens kurzerhand mit dem Nil gleichgesetzt wird.

Kirche: «...sie werden das Land erben»

Die Kirche hat sich in Geschichte und Gegenwart oftmals um die Probleme der Landlosen foutiert, sie vielmehr auf das Himmelreich vertröstet und den Grossgrundbesitzern die Absolution erteilt. Der matthäische Jesus stellt sich aber in der Bergpredigt ganz in die konkrete Verheissungstradition des Ersten Testamentes, wenn es heisst: «Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben» (Mt 5,5; vgl. Ps 37,11).

Welt: Landverteilung global

Die Landverteilung gehört zu den weltweit grössten Problemen. In Brasilien besassen 1985 die Grossgrundbesitzer (0,9% der Bevölkerung) 44% des Landes, die Kleinbauern (53% der Bevölkerung) nur 2,7%. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch in der Schweiz besitzen wenige viel und das Verhältnis zugunsten der Grossen nimmt zu. Am schlimmsten steht es für die Frauen, die weltweit gerade 1% Landeigentum besitzen.


Der Eid und Gott als Backofen

 

Die eidliche Selbstverpflichtung war eine im Alten Orient verbreitete Form, Verbindlichkeit herzustellen. Man könnte auch von einer bedingten Selbstverfluchung sprechen, für den Fall, dass die Verpflichtung nicht eingehalten wird. Selbstverfluchungsformeln sind im Ersten Testament nicht selten (vgl. 1 Sam 3,17; 14,44; 2 Sam 3,35; 1 Kön 2,23; Pss 7,46; 137,5f.; Rut 1,17). Einige Formeln dieser Art leben auch in unserem Sprachgebrauch fort. Etwa: Der Blitz/Schlag soll mich treffen, wenn ich das und das nicht bis morgen erledigt habe. Bei staatlichen Vertragsabschlüssen wurden im Orient Eide dieser Art auch symbolisch durch ein Opfertier dargestellt. «Er (der Widder) ist geholt worden, damit ein Vertrag geschlossen werden kann. Dieser Kopf ist nicht ein Widderkopf, es ist der Kopf Mati'ilus, der Kopf seiner Söhne, seiner Edlen, des Volkes seines Landes. Wenn die Genannten gegen diesen Vertrag sündigen ­ so wie der Kopf dieses Widders abgetrennt wird... so soll der Kopf der Genannten abgetrennt werden» (akkadischer Vertrag des assyrischen Herrschers Assurnirari mit einem aramäischen Vasall vom Bit-Agusi in Nordsyrien). Verträge konnten auch zwischen Menschen und Gott geschlossen werden. Eine verbreitete Symbolhandlung war dabei das Hindurchgehen durch zerteilte Opfertiere. Man sagte deshalb nicht «einen Bund schliessen», sondern «einen Bund schneiden» (karat börit). Der Sinn erhellt aus einem Drohspruch JHWHs bei Jeremia: «Ich mache die Männer, die mein Abkommen verletzt und die Worte der Abmachung, die sie vor mir getroffen hatten, nicht gehalten haben, dem Kalb gleich, das sie in zwei Hälften zerschnitten haben und zwischen dessen Stücken sie hindurchgegangen sind...» (Jer 34,18).
Das Besondere der Erzählung in Gen 15 ist, dass es Gott ist, der sich Abraham gegenüber eidlich durch ein derartiges Ritual auf die Nachkommenschafts- und Landverheissung verpflichtet. Dabei wird Gottes Gegenwart mit einem rauchenden Backofen (tannur) verglichen. Diese bestanden in Palästina bis in jüngste Zeit aus Tonkegeln mit einer Öffnung im Spitz, aus der Rauch und Hitze entweichen konnten (vgl. Bild), glichen also einem kleinen Vulkan. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es sich um denselben Gott handelt, der später wie ein Schmelzofen am Sinai erscheinen wird (Ex 19,18) oder mit Feuerfackeln verglichen bzw. vergegenwärtigt wird (Ex 20,18; Ri 7,16.20). Feuer und Rauch sind zwar keine selbstverständlichen Gottessymbole, da die Bibel auch viel weniger aufsehenerregende Symbole wie das Säuseln des Windes kennt (1 Kön 19,12), andererseits aber als Phänomene mit faszinierender und erschreckender Qualität und damit als Vergegenwärtigungen des Heiligen (vgl. SKZ 5/1998) plausibel sind.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998