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Lesejahr C |
Nachkommenschaft und Land waren im Alten Orient notwendige Lebensgrundlagen,
die nicht durch menschliche Anstrengung geschaffen werden konnten. Dies
galt besonders für Hirtennomaden mit extensiver Viehzucht in den Randzonen
des fruchtbaren Halbmondes, deren stammesmässige Gesellschaftsstrukturen
nur durch den Fortbestand der Sippen garantiert waren.
Gen 15,16 ist ein typisch nachexilisch-deuteronomistischer Einschub
innerhalb der Komposition von den Väter- und Müttergeschichten,
zu deren urtümlichem Bestand der von der Leseordnung vorgesehene Ausschnitt
(vgl. aber unsere Verskorrektur) gehört. Gen 15,1216 wird gemeinhin
als sehr späte Ergänzung betrachtet, die durch die redaktionellen
Bemerkungen über den Sonnenstand in vv. 12 und 17 als solche gerahmt
wurde. Ähnliches gilt für die glossierenden vv. 1921.
Abraham der Name bedeutet «Der Vater ist erhaben»
gilt der Bibel als Ahnvater jener aus dem Zweistromland ausgewanderten Aramäerinnen
und Aramäer, die im nördlichen und westlichen Bereich des fruchtbaren
Halbmondes siedelten (vgl. SKZ 8/1998). Hier und andernorts (Gen 11,28.31;
Neh 9,7) wird berichtet, dass er aus Ur in Chaldäa (= Babylonien) stammt.
In jener Gründung der Sumerer stand wie in Haran ein Mondtempel. Mag
sein, dass dies den Verfassern/Verfasserinnen der Bibel bewusst war, und
dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Bevölkerung in
Ur, Haran und Palästina bestand, doch bleibt es bei Vermutungen. Wahrscheinlich
ist, dass die Erzählung von der Auswanderung der Sippe Abrahams aus
Ur den exilierten Judäerinnen und Judäer in Babylonien eine Identifikationsfigur
anbot, die sie indirekt zur Nachfolge aufforderte. Verlockend war eine Auswanderung
aus dem gesegneten Zweistromland freilich nur dann, wenn den Wagemutigen
eine Alternative nicht bloss in Aussicht gestellt sondern zugesichert werden
konnte. Dazu bedurfe es eines göttlichen Wortes oder besser noch
einer göttlichen Zeichenhandlung. So kommt es, dass wir in Gen
15 die gewagte Geschichte eines göttlichen Eides bzw. einer göttlichen
Selbstverfluchung für den Fall des Nichteinhaltens seiner Landverheissung
vorfinden ein rhetorischer Ausdruck, der an Gewicht durch nichts überboten
werden kann. Für die Zeremonie wird Abraham aufgefordert, ein dreijähriges
Rind, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder, eine
Turteltaube (besser: Huhn) und eine Haustaube (besser: eine Taubenart) zu
opfern, also je ein Exemplar der wichtigsten Fleischlieferanten und Opfertiere
jener Zeit (zur Bedeutung des Rituals vgl. Kasten). Am Schluss der Geschichte
wird in einem Gotteswort präzisiert, dass es sich um das «Land
vom Grenzbach Ägyptens bis zum grossen Strom, dem Eufrat» handelt.
Mit dem Grenzbach Ägyptens ist der Nachal Besor südlich von Gaza
gemeint. Ein derart riesiges Territorium war allerdings zu keiner Zeit israelitisch
oder auch nur israelitisch dominiert. Es ist vielmehr der Wunschtraum von
Kleinstaatlern oder Landlosen, der in den Targumim (paraphrasierende Übersetzung
der hebräischen Bibel in die aramäische Umgangssprache aus vorchristlicher
Zeit) noch übersteigert wurde, wo der Grenzbach Ägyptens kurzerhand
mit dem Nil gleichgesetzt wird.
Die Kirche hat sich in Geschichte und Gegenwart oftmals um die Probleme der Landlosen foutiert, sie vielmehr auf das Himmelreich vertröstet und den Grossgrundbesitzern die Absolution erteilt. Der matthäische Jesus stellt sich aber in der Bergpredigt ganz in die konkrete Verheissungstradition des Ersten Testamentes, wenn es heisst: «Selig die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben» (Mt 5,5; vgl. Ps 37,11).
Die Landverteilung gehört zu den weltweit grössten Problemen. In Brasilien besassen 1985 die Grossgrundbesitzer (0,9% der Bevölkerung) 44% des Landes, die Kleinbauern (53% der Bevölkerung) nur 2,7%. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch in der Schweiz besitzen wenige viel und das Verhältnis zugunsten der Grossen nimmt zu. Am schlimmsten steht es für die Frauen, die weltweit gerade 1% Landeigentum besitzen.
Die eidliche Selbstverpflichtung war eine im Alten Orient verbreitete
Form, Verbindlichkeit herzustellen. Man könnte auch von einer bedingten
Selbstverfluchung sprechen, für den Fall, dass die Verpflichtung nicht
eingehalten wird. Selbstverfluchungsformeln sind im Ersten Testament nicht
selten (vgl. 1 Sam 3,17; 14,44; 2 Sam 3,35; 1 Kön 2,23; Pss 7,46; 137,5f.;
Rut 1,17). Einige Formeln dieser Art leben auch in unserem Sprachgebrauch
fort. Etwa: Der Blitz/Schlag soll mich treffen, wenn ich das und das nicht
bis morgen erledigt habe. Bei staatlichen Vertragsabschlüssen wurden
im Orient Eide dieser Art auch symbolisch durch ein Opfertier dargestellt.
«Er (der Widder) ist geholt worden, damit ein Vertrag geschlossen
werden kann. Dieser Kopf ist nicht ein Widderkopf, es ist der Kopf Mati'ilus,
der Kopf seiner Söhne, seiner Edlen, des Volkes seines Landes. Wenn
die Genannten gegen diesen Vertrag sündigen so wie der Kopf dieses
Widders abgetrennt wird... so soll der Kopf der Genannten abgetrennt werden»
(akkadischer Vertrag des assyrischen Herrschers Assurnirari mit einem aramäischen
Vasall vom Bit-Agusi in Nordsyrien). Verträge konnten auch zwischen
Menschen und Gott geschlossen werden. Eine verbreitete Symbolhandlung war
dabei das Hindurchgehen durch zerteilte Opfertiere. Man sagte deshalb nicht
«einen Bund schliessen», sondern «einen Bund schneiden»
(karat börit). Der Sinn erhellt aus einem Drohspruch JHWHs bei Jeremia:
«Ich mache die Männer, die mein Abkommen verletzt und die Worte
der Abmachung, die sie vor mir getroffen hatten, nicht gehalten haben, dem
Kalb gleich, das sie in zwei Hälften zerschnitten haben und zwischen
dessen Stücken sie hindurchgegangen sind...» (Jer 34,18).
Das Besondere der Erzählung in Gen 15 ist, dass es Gott ist, der sich
Abraham gegenüber eidlich durch ein derartiges Ritual auf die Nachkommenschafts-
und Landverheissung verpflichtet. Dabei wird Gottes Gegenwart mit einem
rauchenden Backofen (tannur) verglichen. Diese bestanden in Palästina
bis in jüngste Zeit aus Tonkegeln mit einer Öffnung im Spitz,
aus der Rauch und Hitze entweichen konnten (vgl. Bild), glichen also einem
kleinen Vulkan. Damit soll deutlich gemacht werden, dass es sich um denselben
Gott handelt, der später wie ein Schmelzofen am Sinai erscheinen wird
(Ex 19,18) oder mit Feuerfackeln verglichen bzw. vergegenwärtigt wird
(Ex 20,18; Ri 7,16.20). Feuer und Rauch sind zwar keine selbstverständlichen
Gottessymbole, da die Bibel auch viel weniger aufsehenerregende Symbole
wie das Säuseln des Windes kennt (1 Kön 19,12), andererseits aber
als Phänomene mit faszinierender und erschreckender Qualität und
damit als Vergegenwärtigungen des Heiligen (vgl. SKZ 5/1998) plausibel
sind.