SKZ 8/1998

INHALT

Lesejahr C

Israels Credo

von Thomas Staubli

 

Vorbemerkung zu den ersten Lesungen in der Fastenzeit

Anders als bei den Lesungen der Advents- und Weihnachtszeit müsste bei den Lesungen der Fastenzeit eine Beziehung zu den Texten des Zweiten Testamentes an den Haaren herbeigezogen werden. Es ist deshalb noch wichtiger als sonst, den Eigenwert der Texte aus dem Ersten Testament ernst zu nehmen. Andererseits sind sie durch das Thema «Bund» untereinander durchaus verbunden und bereiten dadurch die Osterthematik vor. Es handelt sich fast durchwegs um sehr bedeutende Texte, die auch innerhalb des Ersten Testamentes Knotenpunkte darstellen. Von daher bieten sie sich also gut an für eine Predigtreihe in der Fastenzeit, die sowohl liturgisch-theologischen als auch katechetischen Bedürfnissen genügt und vor allem für die Zeichen der Zeit zu sensibilisieren vermag; denn dass die Aktualisierung des Bundes mit Gott der Landlosen und Versklavten im Kontext eines globalen, gotteslästerlichen Wirtschaftssystems eine dringende Notwendigkeit darstellt, wird wohl niemand bestreiten.

Bibel: Geschichtsbewusstsein

Im Vergleich mit Israels Nachbarreligionen zeigt sich, dass das hohe Bewusstsein für die Offenbarung Gottes in der Geschichte ein Charakteristikum der hebräischen Religion darstellt. Zwar werden auch in Ägypten oder Mesopotamien Ereignisse, die in die Annalen des Staates eingingen, mit göttlichem Wirken in Verbindung gebracht, aber bis in die Volksreligiosität drang dieses Bewusstsein nicht durch. Im hebräischen Volk hingegen wurde JHWHs geschichtsmächtiges Handeln in populären, litaneiartigen Psalmen (z.B. Ps 136) gepriesen.
Das Erste Testament ist durchsetzt von Geschichtsrückblicken der deuteronomistischen Schule, die in nachexilischer Zeit die gesammelten Schriften sichtete, zusammenstellte und edierte. Immer wieder vergewissert sich das Volk: Bis hierher hast Du uns gebracht ­ wie geht es nun weiter? Wohin führst Du uns? Ein Geschichtsrückblick dieser Art liegt auch im Lesungstext vor. Sein Sitz im Leben ist der Erntedank. Sogar ein Fest, das den scheinbar immerwährenden Zyklus der fruchtschenkenden Natur feiert, konnte zwanglos mit der Dimension einer linearen Geschichte verbunden werden ­ ein Bewusstsein, das an der Schwelle zum Dritten nachchristlichen Jahrtausend vielen als selbstverständlich erscheinen mag.
Die Erstlingsfrüchte (re'schit pöri ha'adamah) gehören JHWH und wurden ihm anfänglich spontan nach der Ernte auf dem Feld, später als Abgabe für die Priesterschaft eines Heiligtums (Ex 23,19; 34,26) und im Rahmen eigens dafür geschaffener Feste, besonders des Wochenfestes (Pfingsten; Lev 23,17.20), dargebracht. Das Gebet anlässlich der Darbringung stellt zwei Erinnerungen israelitischer Heilsgeschichte in eine Reihe: die Landfindung der aramäischen Auswanderer (vgl. Kasten) und den Exodus der Hebräerinnen und Hebräer aus Ägypten. Diesen Befreiungstaten Gottes ist es zu verdanken, dass Israel Gott Früchte aus einem Land darbringen kann, wo Milch und Honig fliesst.

Kirche: Geschichtsvergessenheit?

Auf der theologisch-theoretischen Ebene ist zwar die Verbindung von Religion und Geschichte heute auch unter Christinnen und Christen eine Selbstverständlichkeit, doch mit der liturgischen Aktualisierung dieser Einsicht happert es. Im apostolischen Glaubensbekenntnis wird durch die Nennung von Pontius Pilatus die historische Verankerung christlicher Heilsereignisse noch deutlich benannt, doch dann folgt ein langes Schweigen. Hat sich Gott aus der Geschichte in einen weltentrückten sakralen Raum zurückgezogen? Sicher nicht! Er/sie lebt mitten unter den Menschen, die ihn/sie in liturgischen Gesängen und Gebeten als befreiende Macht in der Geschichte bejubeln. Zum Beispiel unter schwarzen Gläubigen der USA, die die Bürgerkriege des letzten Jahrhunderts als neuen Exodus erlebt haben. Die historischen Erinnerungen ihrer Märtyrerinnen und Märtyrer werden wie Heilige Schriften in Ehre gehalten und ihre Negro Spirituals sind für Unterdrückte auf der ganzen Welt Teil des lebendigen Psalters geworden.

Welt: Erntedank im Zeitalter genveränderter Produkte

Wie sehr gerade auch der Dank für die Ernte heute an geschichtliche Heilserfahrung gebunden ist, machen die jüngsten Entwicklungen im Nahrungssektor deutlich. Der Genuss von chemisch unverseuchten und genetisch unmanipulierten Grundnahrungsmitteln, von einheimischen Sorten und besonders nährstoffreichen Arten wird für immer mehr Menschen zum dankenswerten Privileg. Das Ziel der modernen Nahrungsmitteltechnologie sei die globale Bekämpfung des Hungers. Statistiken von zunehmenden Hungerkatastrophen und himmelansteigenden Konzerngewinnen strafen solche Propaganda aber Lügen.


Die Aramäer/Aramäerinnen

 

Die Heimat der Aramäer lag im oberen Zweistromland, in der Region des Habur (Nordostsyrien), einem weitverzweigten Seitenfluss des Euphrat, und im nördlich angrenzenden Gebirge Kir (Am 9,7). Der Überschuss dieser gesunden Bergbevölkerung wanderte am Ende des 2. Jt. v. Chr. Richtung Westen aus. Die Bibel überliefert, dass Abrahams Sippe aramäische Emigranten aus jener Region waren (Gen 11,24­32; 22,20­24; Dtn 26,6). Assyrische Annalen berichten von Aramäergebieten am Dschebel Bischri und in der Oase Tadmor (Palmyra). In Gosan (Tell Halaf) entsteht kurz vor 1000 v. Chr. ein erstes aramäisches Staatswesen. Weitere Stadtstaaten folgen mit Zentren in Sam'al, Arpad, Hadrak (vgl. Sach 9,1), Soba und Damaskus (all diese Orte finden sich in jedem Bibelatlas!). Letzteres wurde zum mächtigen Rivalen Israels, dessen Stammhalter Jakob ebenfalls als Abkömmling der Aramäer vorgestellt wird, mit welchen er weiterhin in Kontakt steht (Gen 27,43; 28,5; 29,14 u.o.).
Das grösste Heiligtum der Aramäer befand sich in Haran und war dem Mondgott Sin geweiht. Er galt besonders als Garant von Grenzen und Verträgen. Unter der Standarte des Gottes, der sein Recht kämpferisch wie ein Stier verteidigte, wurden Bündnisse geschlossen. Das Reich der Aramäer beruhte auf unzähligen solchen Bündnissen unter den kleinen Stadtstaaten. Ein Territorialreich wie das der Assyrer entstand nie. 1997 kam vor dem Stadttor des 8. Jh. v. Chr. in et-tell (Bethsaida) eine menschenähnliche Stele (vgl. Bild) jenes Gottes zutage, die unter anderem die Aspekte (Sichel-)Mond und Stier verbindet. Ähnliche Stelen wurden im Hauran und bei Haran gefunden. Im Islam lebt das bedeutende Symbol des Sichelmondes als Emblem über allen Moscheen fort.
Ob sich am Kultort, wo Israeliten und Israelitinnen die Erstlingsfrüchte der Ernte JHWH darbrachten, eine ähnliche Stele befand, wissen wir nicht. Sicher aber ist, dass sie sich noch nach Jahrhunderten daran erinnerten, dass sie Abkömmlinge aramäischer Auswanderer waren, wenn sie Gott dafür dankten, dass sie leben durften, wo Milch und Honig fliesst.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998