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Lesejahr C |
Bis heute gibt es in arabischen Städten den Beruf des Erzählers
(arab. el-hakawati). Heute von Radio, Fernsehen und Zeitung in ein paar
exotische Literatencafés verdrängt, war er früher ein wichtiger
Unterhalter. Seine Geschichten sind meistens Episoden einer längeren
Erzählung, die er an spannendster Stelle unterbricht, um den Faden
erst am folgenden Tag wieder aufzunehmen. Der Erzähler erfindet seine
Geschichten in der Regel nicht frei. Seine Kunst besteht vielmehr darin,
eine bekannte Begebenheit oder einen berühmten Stoff möglichst
packend und ergreifend neu darzubieten. Solche Erzählerinnen und Erzähler
wird es so dürfen wir uns vorstellen auch in Jerusalem
gegeben haben. Der beliebteste Stoff waren die Abenteuer Davids, des legendären
Begründers des judäischen Königshauses. Die mündliche
Überlieferung der Geschichten brachte es mit sich, dass sie oftmals
in verschiedenen Varianten erzählt wurden. Die Geschichte vom listigen
David, der seinen Widersacher Saul zwar töten könnte, ihn aber
aus purer Frömmigkeit verschont, wurde in Jerusalem offenbar so effektvoll
erzählt, dass die Schreiber am Königshof, welche diese Geschichten
sammelten und aufschrieben, nicht umhin konnten, gleich zwei Varianten (1
Sam 24; 26) in die Erzählung vom Aufstieg Davids (vgl. Kasten) aufzunehmen,
um so mehr als sie hervorragend dem allgemeinen Zweck dieser Geschichten
dienten, David als Helden zu idealisieren und ihn vom Vorwurf der gewaltsamen
Usurpation der Herrschaft zu befreien. Als Ästheten, die jene Schreiber
nun einmal waren, stellten sie die beiden Geschichten aber nicht katalogartig
nebeneinander, sondern verwendeten sie einerseits als Mittel der kunstvollen
Steigerung innerhalb der Dramaturgie der Gesamterzählung, andererseits
als Rahmung für ein Meisterwerk der Erzählkunst (1 Sam 25), in
welchem David ebenfalls das Leben seiner Feinde verschont, allerdings erst,
nachdem er ihren Untergang eigentlich schon beschlossen hatte, und nur auf
die Fürsprache Abigails hin, die eine seiner Frauen werden sollte.
Wie bekannt und beliebt die Geschichte vom edlen Guerillero David war, zeigt
auch die Tatsache, dass Ps 54 nachträglich mit Davids Situation als
Verfolgter in Judas Wüsten in Zusammenhang gebracht wurde. Solche künstlich
rekonstruierten Sitze im Leben waren bei den Beterinnen und Betern des Psalters
beliebt, die in David nicht nur den gewieften Krieger, sondern auch den
begabten Sänger und Harfenspieler sahen, der es mit seiner Musik verstanden
hatte, die Dämonen seines Widersachers Saul zu vertreiben (1 Sam 16,23).
1 Sam 26 ist die zweite der beiden Verschonungsgeschichten. Die Parallelen
zur ersten sind unübersehbar: David gelangt in die Nähe Sauls.
Er schont sein Leben, trotz gegenteiliger Empfehlungen seiner Begleiter
angeblich aus Ehrfurcht vor dem gesalbten Haupt Sauls , raubt
ihm aber einen Teil des Eigentums. Aus sicherer Distanz ruft er Saul an
und macht ihm Vorhaltungen, weil er von ihm verfolgt wird. Saul zeigt Einsicht
und Reue, ja er segnet David. Das Spezifische der Geschichte tritt um so
deutlicher in den Unterschieden zutage: Sie spielt nicht mehr in den Bergen
von En-Gedi, sondern in der Wüste von Sif, südöstlich von
Hebron. Vermag die erste Verschonungsgeschichte vor allem durch ihre Komik
zu fesseln, so diese durch die Spannung des nächtlichen Abenteuers
Davids und seines Neffen Abischai, des Sohnes der Davidschwester Zeruja
und Bruder des späteren Oberbefehlshabers der israelitischen Streitkräfte,
Joabs. Schnitt David dem Saul in En-Gedi nur einen Zipfel seines Gewandes
ab, so gelingt es ihm diesmal, den Wasserkrug und sogar den persönlichen
Speer zu entwenden, das Symbol seiner Wehrhaftigkeit und Herrschaft. Die
Zeichen, dass das Szepter der Herrschaft auf David, den Gesalbten JHWHs,
übergeht, mehren sich.
Diese ersttestamentliche Lesung wurde im Hinblick auf das Evangelium der Feindesliebe (Lk 6,2738) ausgewählt. Ob damit die Leseordnung der Geschichte gerecht wird, ist angesichts ihres historischen Hintergrundes mehr als fraglich, was nicht heissen soll, dass dem Ersten Testament der Gedanke der Feindesliebe fremd ist (z.B. Spr 25,1).
Karl May, einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten, hat bewusst oder unbewusst unsere Geschichte aus dem ersten Samuelbuch mehrmals in abgewandelter Form aufgegriffen. Seine Helden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi Effendi sind wie David Verkörperungen wagemutiger, listiger, erfolgreicher und dennoch die Menschenwürde achtender Männer, die ihre Widersacher auf eine Art und Weise zu demütigen verstehen, welche ihnen in den Herzen ihrer Verehrerinnen und Verehrer einen Ehrenplatz garantiert.
Literaturhinweise: Silvia Schroer, Die Samuelbücher (NSK-AT 7), Stuttgart 1992; Stefan Heym, Der König David Bericht, Berlin 1972.
In 1 Sam 1631 wird in fünfzehn Kapiteln von den Anfängen des judäischen Königtums, von Sauls Niedergang und von Davids Aufstieg erzählt. Der Geschichtenkranz beginnt mit Davids Salbung zum König durch Samuel und endet mit Sauls Tod. Schon diese Anordnung macht deutlich, worum es dieser redaktionellen Einheit geht, die von der alttestamentlichen Forschung Aufstiegsgeschichte Davids genannt wird. «Die Aufstiegsgeschichte enthält viel populäres Erzählgut, Sagen und Anekdotenstoffe, die deutlich dem Hauptinteresse unterstellt werden, David als den von JHWH und vom Volk Geliebten, als den idealen und schuldfreien König Israels zu zeichnen» (Silvia Schroer). Dieser Hauptzweck der Aufstiegsgeschichte bringt es mit sich, dass zwischen den Zeilen lesen muss, wer etwas über die historische Wahrheit erfahren möchte. Was dort steht, hat in amüsanter und bedenkenswerter Weise der Schriftsteller Stefan Heym Ende der Sechzigerjahre in der DDR, zunächst auf englisch, erst später auf deutsch aufgeschrieben. Es ist der König-David-Bericht des Historikers Ethan aus Esrah, der von König Salomo totgeschwiegen wurde, weil er enthüllt, wie König David, der Gesalbte Gottes, über Leichen ging, um an die Macht zu gelangen. Doch was immer die Geschichten von David verschweigen mögen, im Kontext des Alten Orients ist das, was sie uns überliefern, dennoch höchst erstaunlich; denn soviel Menschliches, Humorvolles, trotz Ehre Gescheitertes und trotz Widerständen Gelungenes erfahren wir sonst von keinem einzigen König des Altertums.