SKZ 7/1998

INHALT

Lesejahr C

Wertvolles Leben

von Thomas Staubli

 

Bibel: Eine beliebte Abenteuergeschichte Davids

Bis heute gibt es in arabischen Städten den Beruf des Erzählers (arab. el-hakawati). Heute von Radio, Fernsehen und Zeitung in ein paar exotische Literatencafés verdrängt, war er früher ein wichtiger Unterhalter. Seine Geschichten sind meistens Episoden einer längeren Erzählung, die er an spannendster Stelle unterbricht, um den Faden erst am folgenden Tag wieder aufzunehmen. Der Erzähler erfindet seine Geschichten in der Regel nicht frei. Seine Kunst besteht vielmehr darin, eine bekannte Begebenheit oder einen berühmten Stoff möglichst packend und ergreifend neu darzubieten. Solche Erzählerinnen und Erzähler wird es ­ so dürfen wir uns vorstellen ­ auch in Jerusalem gegeben haben. Der beliebteste Stoff waren die Abenteuer Davids, des legendären Begründers des judäischen Königshauses. Die mündliche Überlieferung der Geschichten brachte es mit sich, dass sie oftmals in verschiedenen Varianten erzählt wurden. Die Geschichte vom listigen David, der seinen Widersacher Saul zwar töten könnte, ihn aber aus purer Frömmigkeit verschont, wurde in Jerusalem offenbar so effektvoll erzählt, dass die Schreiber am Königshof, welche diese Geschichten sammelten und aufschrieben, nicht umhin konnten, gleich zwei Varianten (1 Sam 24; 26) in die Erzählung vom Aufstieg Davids (vgl. Kasten) aufzunehmen, um so mehr als sie hervorragend dem allgemeinen Zweck dieser Geschichten dienten, David als Helden zu idealisieren und ihn vom Vorwurf der gewaltsamen Usurpation der Herrschaft zu befreien. Als Ästheten, die jene Schreiber nun einmal waren, stellten sie die beiden Geschichten aber nicht katalogartig nebeneinander, sondern verwendeten sie einerseits als Mittel der kunstvollen Steigerung innerhalb der Dramaturgie der Gesamterzählung, andererseits als Rahmung für ein Meisterwerk der Erzählkunst (1 Sam 25), in welchem David ebenfalls das Leben seiner Feinde verschont, allerdings erst, nachdem er ihren Untergang eigentlich schon beschlossen hatte, und nur auf die Fürsprache Abigails hin, die eine seiner Frauen werden sollte.
Wie bekannt und beliebt die Geschichte vom edlen Guerillero David war, zeigt auch die Tatsache, dass Ps 54 nachträglich mit Davids Situation als Verfolgter in Judas Wüsten in Zusammenhang gebracht wurde. Solche künstlich rekonstruierten Sitze im Leben waren bei den Beterinnen und Betern des Psalters beliebt, die in David nicht nur den gewieften Krieger, sondern auch den begabten Sänger und Harfenspieler sahen, der es mit seiner Musik verstanden hatte, die Dämonen seines Widersachers Saul zu vertreiben (1 Sam 16,23).
1 Sam 26 ist die zweite der beiden Verschonungsgeschichten. Die Parallelen zur ersten sind unübersehbar: David gelangt in die Nähe Sauls. Er schont sein Leben, trotz gegenteiliger Empfehlungen seiner Begleiter ­ angeblich aus Ehrfurcht vor dem gesalbten Haupt Sauls ­, raubt ihm aber einen Teil des Eigentums. Aus sicherer Distanz ruft er Saul an und macht ihm Vorhaltungen, weil er von ihm verfolgt wird. Saul zeigt Einsicht und Reue, ja er segnet David. Das Spezifische der Geschichte tritt um so deutlicher in den Unterschieden zutage: Sie spielt nicht mehr in den Bergen von En-Gedi, sondern in der Wüste von Sif, südöstlich von Hebron. Vermag die erste Verschonungsgeschichte vor allem durch ihre Komik zu fesseln, so diese durch die Spannung des nächtlichen Abenteuers Davids und seines Neffen Abischai, des Sohnes der Davidschwester Zeruja und Bruder des späteren Oberbefehlshabers der israelitischen Streitkräfte, Joabs. Schnitt David dem Saul in En-Gedi nur einen Zipfel seines Gewandes ab, so gelingt es ihm diesmal, den Wasserkrug und sogar den persönlichen Speer zu entwenden, das Symbol seiner Wehrhaftigkeit und Herrschaft. Die Zeichen, dass das Szepter der Herrschaft auf David, den Gesalbten JHWHs, übergeht, mehren sich.

Kirche: Keine Geschichte der Feindesliebe

Diese ersttestamentliche Lesung wurde im Hinblick auf das Evangelium der Feindesliebe (Lk 6,27­38) ausgewählt. Ob damit die Leseordnung der Geschichte gerecht wird, ist angesichts ihres historischen Hintergrundes mehr als fraglich, was nicht heissen soll, dass dem Ersten Testament der Gedanke der Feindesliebe fremd ist (z.B. Spr 25,1).

Welt: Von David zu Old Shatterhand

Karl May, einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten, hat ­ bewusst oder unbewusst ­ unsere Geschichte aus dem ersten Samuelbuch mehrmals in abgewandelter Form aufgegriffen. Seine Helden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi Effendi sind wie David Verkörperungen wagemutiger, listiger, erfolgreicher und dennoch die Menschenwürde achtender Männer, die ihre Widersacher auf eine Art und Weise zu demütigen verstehen, welche ihnen in den Herzen ihrer Verehrerinnen und Verehrer einen Ehrenplatz garantiert.

 

Literaturhinweise: Silvia Schroer, Die Samuelbücher (NSK-AT 7), Stuttgart 1992; Stefan Heym, Der König David Bericht, Berlin 1972.


Die Aufstiegsgeschichte Davids

In 1 Sam 16­31 wird in fünfzehn Kapiteln von den Anfängen des judäischen Königtums, von Sauls Niedergang und von Davids Aufstieg erzählt. Der Geschichtenkranz beginnt mit Davids Salbung zum König durch Samuel und endet mit Sauls Tod. Schon diese Anordnung macht deutlich, worum es dieser redaktionellen Einheit geht, die von der alttestamentlichen Forschung Aufstiegsgeschichte Davids genannt wird. «Die Aufstiegsgeschichte enthält viel populäres Erzählgut, Sagen und Anekdotenstoffe, die deutlich dem Hauptinteresse unterstellt werden, David als den von JHWH und vom Volk Geliebten, als den idealen und schuldfreien König Israels zu zeichnen» (Silvia Schroer). Dieser Hauptzweck der Aufstiegsgeschichte bringt es mit sich, dass zwischen den Zeilen lesen muss, wer etwas über die historische Wahrheit erfahren möchte. Was dort steht, hat in amüsanter und bedenkenswerter Weise der Schriftsteller Stefan Heym Ende der Sechzigerjahre in der DDR, zunächst auf englisch, erst später auf deutsch aufgeschrieben. Es ist der König-David-Bericht des Historikers Ethan aus Esrah, der von König Salomo totgeschwiegen wurde, weil er enthüllt, wie König David, der Gesalbte Gottes, über Leichen ging, um an die Macht zu gelangen. Doch was immer die Geschichten von David verschweigen mögen, im Kontext des Alten Orients ist das, was sie uns überliefern, dennoch höchst erstaunlich; denn soviel Menschliches, Humorvolles, trotz Ehre Gescheitertes und trotz Widerständen Gelungenes erfahren wir sonst von keinem einzigen König des Altertums.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1998