SKZ 5/1998

INHALT

Lesejahr C

Heilig, heilig, heilig

von Thomas Staubli

 

Kirche/Synagoge: Mysterium tremendum et fascinosum

Der Marburger Religionshistoriker Rudolf Otto hat den Gesang des Trishagion in einer ärmlichen sephardischen Synagoge in Marokko als Entdeckungsstunde seiner Einsicht in das Heilige erlebt. Er versuchte die Gefühle, die das Heilige im Menschen auslöst, auf den Punkt zu bringen. Sie sind durch eine mächtige Spannung zwischen ehrfürchtigem Erschauern (mysterium tremendum) und seligem Entzücken (mysterium fascinosum) angesichts des ganz Anderen, der Heiligkeit, gekennzeichnet. Seine Definition ist klassisch geworden. Ottos Erlebnis in der marokkanischen Synagoge ist gleichzeitig ein Zeugnis für eine Liturgie, in der es gelang, das Heilige gegenwärtig werden zu lassen. Das Trishagion ­ qadosch, qadosch, qadosch, agios, agios, agios, sanctus, sanctus, sanctus, heilig, heilig, heilig ­ ist ein Höhepunkt der hebräischen, griechischen, lateinischen und deutschen Liturgie. Es ist der Gesang der Engel vor dem Throne Gottes, in den das gläubige Gottesvolk einstimmt (vgl. die 2. Strophe von «Grosser Gott wir loben Dich»). Die Vorstellung geht auf die berühmte Überlieferung der Gottesvision Jesajas zurück. Das Sanctus ist somit das älteste Kirchenlied der Messe.

Bibel: Jesajas Gottesschau

Der Prophet Jesaja erlebte und kommentierte das unaufhaltsame Herannahen der assyrischen Feindesmacht, die Zerrüttung der traditionellen Gesellschaftsordnung Judas und das Hinsterben seiner Armen. In einem Kontext, wo das Böse gut und das Gute bös genannt wurde, mithin chaotische Zustände herrschten, verkündete er JHWH als den Heiligen Israels.
Diese Botschaft verdichtet sich in der Vision Jesajas, die dieser im Todesjahr Usijas hatte. Mit Usijas Tod kommt eine zweiundfünfzigjährige, den JHWH-Propheten wohlgefällige, Regentschaft (2 Kön 15,2) und eine Zeit innerer Stabilität zum Ende. In seinem Nachfolger Hiskija fand die JHWH-Religion zwar einen noch eifrigeren Protektor, doch das Reich hatte die schwerste Prüfung seit seiner Gründung, einen Eroberungsversuch durch den assyrischen Grosskönig Sanherib, zu bestehen.
Der Visionstext beschreibt eine Schau JHWHs durch Jesaja im Jerusalemer Tempel, allerdings nicht in der Art, wie man sich das damals gemeinhin vorstellte, nämlich auf dem Kerubenthron sitzend (vgl. Kasten). Schon der Saum des Gewandes JHWHs erfüllt nämlich das Heiligtum, jener Grenzteil des Kleides, der durch apotropäische Zeichen und Muster besonders geschützt wurde, weil er mit Staubigem, Unreinem und Dämonischem in Berührung kam. Der Tempel vermag nur gerade die Ränder Gottes zu erfassen und die Verehrerinnen und Verehrer gehören zum Bereich der Unreinheit. Die Heiligkeit Gottes wird in singulärer Weise durch die Anwesenheit von Serafim (vgl. Kasten) signalisiert, jedoch noch dadurch gesteigert, dass sich diese traditionellen Schutzmächte nun ihrerseits mit ihren Flügeln vor der mächtigen Heiligkeit JHWHs schützen müssen. Das Lied der Schlangen entstammt vielleicht einem in Jerusalem beheimateten Schlangenkult (vgl. 2 Kön 18,4). Jedenfalls hat die Verdreifachung des Wortes «heilig» beschwörenden Charakter. Sie preisen die Fülle der Erde als Glanz (kabod) des JHWH Zöbaot, also Pflanzen, Menschen und Tiere, die in Kerubim und Serafim im liturgischen Raum in verdichteter Weise gegenwärtig sind. Dem Ruf der Serafim folgt die Gotteserscheinung. Das Erzittern des Tempels, ein Zeichen von Furcht und Schwäche, und Rauch (vgl. 1 Kön 8,10f.; Ex 40,34f.; Ez 10,3) künden von der Nähe Gottes. Dann erfolgt die Reinigung von Jesajas Lippen durch einen Serafen mit brennender Kohle. Die Lippen stehen für das Sprechen der Menschen. Reinigung durch Feuer ist stärker als Reinigung durch Wasser. Diese rituelle Sühnung der Schuld Jesajas ist Voraussetzung für seine Sendung, zu der er sich bereitfindet, er, der JHWH wie keiner vor und nach ihm als den Heiligen Israels verkündet hat.

Welt: Was ist uns (noch) heilig?

Diese Frage tönt vielleicht banal oder abgedroschen, aber ist sie überflüssig in einer Zeit, wo die letzten Regenwälder leichtsinnig abgebrannt, Meere ausgefischt und Lebewesen genmanipuliert und patentiert werden?

 

Literaturhinweis: Sanctus: Bibel heute 28 (1992) Heft 4.


Die Kerubim und Serafim

Von den Kerubim erfahren wir in der Bibel, dass sie den Lebensbaum bewachen (Gen 3,24) und die Gottheit tragen (1 Kön 6,23­28). Der Gott Israels führt sogar den Namen «Kerubenthroner» (1 Sam 4,4). Diese beiden Funktionen treffen auf Mischwesen zu, die aus Ägypten als Sphinx bekannt geworden sind. Es handelt sich um Wesen mit Menschenkopf, Löwenleib und Geierflügeln, also um fabelhafte Hybridfiguren, die Intelligenz, Stärke und Behendigkeit in einer für altorientalische Verhältnisse unüberbietbaren Weise auf sich vereinigen. Sie passen demnach bestens in die Sphäre Gottes, doch wie dienen sie ihm als Thron? Die Antwort auf diese Frage gaben phönizische Darstellungen von Königsthronen. Aus ihnen geht hervor, dass zwei Sphingen einen Thron bildeten, indem sie ihre Innenflügel zu einer Sitzfläche nach unten legten, die Aussenflügel als Armlehne aufstellten (vgl. Bild). Ein vergoldeter Olivenholzthron dieser Art stand im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels, wo Jesaja seine Vison hatte.
Die Serafim, wörtlich «die Verbrennenden», bezeichnen eine Kobraart, die ihr Gift nicht durch Beissen, sondern durch Speien applizieren. In Ägypten hiess diese Speikobra Uräus. Sie war das königliche Schutztier par exellence, das immer an der Stirn des göttlichen Pharao dargestellt wurde. Der Schutzaspekt der Schlangen wurde manchmal noch durch ein Flügelpaar unterstrichen. In Juda wurde dieses ägyptische Symbol am Ende des 8. Jh. v. Chr. zum Beispiel auf persönlichen Namenssiegeln übernommen und seine Schutzfunktion durch ein weiteres Flügelpaar unterstrichen (vgl. Bild). Im Bericht von der Vision Jesajas wird der Schutzaspekt der Schlangen noch durch ein drittes Flügelpaar überboten. Die meisten Übersetzungen scheuen davor zurück, das Wort Serafim an dieser Stelle mit Schlange zu übersetzen, was sie an den fünf weiteren Stellen im Ersten Testament, wo das Wort vorkommt, aber tun (vgl. Num 21,6.8; Dtn 8,15; Jes 14,29; 30,6). Für die Israelitinnen und Israeliten war es hingegen nichts Aussergewöhnliches, die Sphäre der Heiligkeit Gottes mit Schlangen zu kennzeichnen, verbindet dieses Tier doch wie kein anderes mysterium tremendum et fascinosum. Erst die frühjüdische und christliche Auslegung der sogenannten Sündenfallgeschichte hat die Schlange ein für allemal zu den Helfershelferinnen Satans abgestempelt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997