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Lesejahr C |
Der Marburger Religionshistoriker Rudolf Otto hat den Gesang des Trishagion in einer ärmlichen sephardischen Synagoge in Marokko als Entdeckungsstunde seiner Einsicht in das Heilige erlebt. Er versuchte die Gefühle, die das Heilige im Menschen auslöst, auf den Punkt zu bringen. Sie sind durch eine mächtige Spannung zwischen ehrfürchtigem Erschauern (mysterium tremendum) und seligem Entzücken (mysterium fascinosum) angesichts des ganz Anderen, der Heiligkeit, gekennzeichnet. Seine Definition ist klassisch geworden. Ottos Erlebnis in der marokkanischen Synagoge ist gleichzeitig ein Zeugnis für eine Liturgie, in der es gelang, das Heilige gegenwärtig werden zu lassen. Das Trishagion qadosch, qadosch, qadosch, agios, agios, agios, sanctus, sanctus, sanctus, heilig, heilig, heilig ist ein Höhepunkt der hebräischen, griechischen, lateinischen und deutschen Liturgie. Es ist der Gesang der Engel vor dem Throne Gottes, in den das gläubige Gottesvolk einstimmt (vgl. die 2. Strophe von «Grosser Gott wir loben Dich»). Die Vorstellung geht auf die berühmte Überlieferung der Gottesvision Jesajas zurück. Das Sanctus ist somit das älteste Kirchenlied der Messe.
Der Prophet Jesaja erlebte und kommentierte das unaufhaltsame Herannahen
der assyrischen Feindesmacht, die Zerrüttung der traditionellen Gesellschaftsordnung
Judas und das Hinsterben seiner Armen. In einem Kontext, wo das Böse
gut und das Gute bös genannt wurde, mithin chaotische Zustände
herrschten, verkündete er JHWH als den Heiligen Israels.
Diese Botschaft verdichtet sich in der Vision Jesajas, die dieser im Todesjahr
Usijas hatte. Mit Usijas Tod kommt eine zweiundfünfzigjährige,
den JHWH-Propheten wohlgefällige, Regentschaft (2 Kön 15,2) und
eine Zeit innerer Stabilität zum Ende. In seinem Nachfolger Hiskija
fand die JHWH-Religion zwar einen noch eifrigeren Protektor, doch das Reich
hatte die schwerste Prüfung seit seiner Gründung, einen Eroberungsversuch
durch den assyrischen Grosskönig Sanherib, zu bestehen.
Der Visionstext beschreibt eine Schau JHWHs durch Jesaja im Jerusalemer
Tempel, allerdings nicht in der Art, wie man sich das damals gemeinhin vorstellte,
nämlich auf dem Kerubenthron sitzend (vgl. Kasten). Schon der Saum
des Gewandes JHWHs erfüllt nämlich das Heiligtum, jener Grenzteil
des Kleides, der durch apotropäische Zeichen und Muster besonders geschützt
wurde, weil er mit Staubigem, Unreinem und Dämonischem in Berührung
kam. Der Tempel vermag nur gerade die Ränder Gottes zu erfassen und
die Verehrerinnen und Verehrer gehören zum Bereich der Unreinheit.
Die Heiligkeit Gottes wird in singulärer Weise durch die Anwesenheit
von Serafim (vgl. Kasten) signalisiert, jedoch noch dadurch gesteigert,
dass sich diese traditionellen Schutzmächte nun ihrerseits mit ihren
Flügeln vor der mächtigen Heiligkeit JHWHs schützen müssen.
Das Lied der Schlangen entstammt vielleicht einem in Jerusalem beheimateten
Schlangenkult (vgl. 2 Kön 18,4). Jedenfalls hat die Verdreifachung
des Wortes «heilig» beschwörenden Charakter. Sie preisen
die Fülle der Erde als Glanz (kabod) des JHWH Zöbaot, also Pflanzen,
Menschen und Tiere, die in Kerubim und Serafim im liturgischen Raum in verdichteter
Weise gegenwärtig sind. Dem Ruf der Serafim folgt die Gotteserscheinung.
Das Erzittern des Tempels, ein Zeichen von Furcht und Schwäche, und
Rauch (vgl. 1 Kön 8,10f.; Ex 40,34f.; Ez 10,3) künden von der
Nähe Gottes. Dann erfolgt die Reinigung von Jesajas Lippen durch einen
Serafen mit brennender Kohle. Die Lippen stehen für das Sprechen der
Menschen. Reinigung durch Feuer ist stärker als Reinigung durch Wasser.
Diese rituelle Sühnung der Schuld Jesajas ist Voraussetzung für
seine Sendung, zu der er sich bereitfindet, er, der JHWH wie keiner vor
und nach ihm als den Heiligen Israels verkündet hat.
Diese Frage tönt vielleicht banal oder abgedroschen, aber ist sie überflüssig in einer Zeit, wo die letzten Regenwälder leichtsinnig abgebrannt, Meere ausgefischt und Lebewesen genmanipuliert und patentiert werden?
Literaturhinweis: Sanctus: Bibel heute 28 (1992) Heft 4.
Von den Kerubim erfahren wir in der Bibel, dass sie den Lebensbaum bewachen
(Gen 3,24) und die Gottheit tragen (1 Kön 6,2328). Der Gott Israels
führt sogar den Namen «Kerubenthroner» (1 Sam 4,4). Diese
beiden Funktionen treffen auf Mischwesen zu, die aus Ägypten als Sphinx
bekannt geworden sind. Es handelt sich um Wesen mit Menschenkopf, Löwenleib
und Geierflügeln, also um fabelhafte Hybridfiguren, die Intelligenz,
Stärke und Behendigkeit in einer für altorientalische Verhältnisse
unüberbietbaren Weise auf sich vereinigen. Sie passen demnach bestens
in die Sphäre Gottes, doch wie dienen sie ihm als Thron? Die Antwort
auf diese Frage gaben phönizische Darstellungen von Königsthronen.
Aus ihnen geht hervor, dass zwei Sphingen einen Thron bildeten, indem sie
ihre Innenflügel zu einer Sitzfläche nach unten legten, die Aussenflügel
als Armlehne aufstellten (vgl. Bild). Ein vergoldeter Olivenholzthron dieser
Art stand im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels, wo Jesaja seine Vison
hatte.
Die Serafim, wörtlich «die Verbrennenden», bezeichnen eine
Kobraart, die ihr Gift nicht durch Beissen, sondern durch Speien applizieren.
In Ägypten hiess diese Speikobra Uräus. Sie war das königliche
Schutztier par exellence, das immer an der Stirn des göttlichen Pharao
dargestellt wurde. Der Schutzaspekt der Schlangen wurde manchmal noch durch
ein Flügelpaar unterstrichen. In Juda wurde dieses ägyptische
Symbol am Ende des 8. Jh. v. Chr. zum Beispiel auf persönlichen Namenssiegeln
übernommen und seine Schutzfunktion durch ein weiteres Flügelpaar
unterstrichen (vgl. Bild). Im Bericht von der Vision Jesajas wird der Schutzaspekt
der Schlangen noch durch ein drittes Flügelpaar überboten. Die
meisten Übersetzungen scheuen davor zurück, das Wort Serafim an
dieser Stelle mit Schlange zu übersetzen, was sie an den fünf
weiteren Stellen im Ersten Testament, wo das Wort vorkommt, aber tun (vgl.
Num 21,6.8; Dtn 8,15; Jes 14,29; 30,6). Für die Israelitinnen und Israeliten
war es hingegen nichts Aussergewöhnliches, die Sphäre der Heiligkeit
Gottes mit Schlangen zu kennzeichnen, verbindet dieses Tier doch wie kein
anderes mysterium tremendum et fascinosum. Erst die frühjüdische
und christliche Auslegung der sogenannten Sündenfallgeschichte hat
die Schlange ein für allemal zu den Helfershelferinnen Satans abgestempelt.