SKZ 4/1998

INHALT

Lesejahr C

Göttliche Bestimmung

von Thomas Staubli

 

Welt: Wie wird Autorität gerechtfertigt?

Staatspräsidenten werden vom Volk gewählt, Minister institutionell etabliert, Manager durch Erfolgsbilanzen ausgewiesen, Journalisten durch Erfolgsstories berühmt, Priester durch Bischöfe geweiht, Offiziere mit Orden ausgezeichnet... und wenn einer Frau solche Autorität überhaupt zugestanden wird, muss sie sich zusätzlich durch überdurchschnittliche Fähigkeiten ausweisen. Nach der Verhaltensforschung zu urteilen sind das alles nur elaborierte menschenspezifische Formen natürlicher Auslese zur Arterhaltung. Strittig ist lediglich, ob diese Abläufe genetisch programmiert oder milieubedingt sind.

Bibel: Jeremias Beauftragung zum Völkerpropheten

In der Bibel kommt ziemlich konsequent eine aus Erfahrung gewonnene Überzeugung zum Ausdruck, wonach sich das Göttliche immer wieder Durchbrüche verschafft, die dieser Menschenlogik widersprechen. Es gründet sich Macht und Autorität im Kleinen, Lädierten, Erfolglosen. Es offenbart sich besonders in jenen Stimmen, die dem evolutionären Trend zuwiderzulaufen scheinen, in den lächerlichen Unkenrufen seiner Prophetinnen und Propheten. Gott ist die treibende Kraft der Menschengeschichte, die sich nicht am Recht des Stärkeren orientiert. Sie ist das Resultat jenes unaufhörlichen Schreies der Unterdrückten, die da rufen: Warum leben die Gottlosen so gut? Wie lange noch dürfen sie ihr böses Spiel mit uns treiben? Zeig dich uns, du Erbauer der Welt! Oder preisen dich etwa die Opfer von Kapitalismus, Krieg und Terror?
Das umfangreiche Prophetenbuch Jeremia ist über viele Jahrhunderte hinweg entstanden. Schon Jeremias Schreiber Baruch hat ordnend und vielleicht auch erläuternd und ergänzend in die Prophetenworte Jeremias eingegriffen. In der griechischen Septuaginta und der hebräischen Masora liegen uns schliesslich zwei völlig unterschiedliche Ausgaben des jeremianischen Schrifttums vor (vgl. SKZ 47/1997). Die jüngere masoretische Edition enthält ungefähr einen Siebtel mehr Text als die ältere Vorlage der Septuaginta. Für die homiletische Auslegung von Jeremiatexten ist dies insofern von Belang, als wir uns vor voreiligen Rückschlüssen auf den historischen Jeremia und eine Ausmalung seiner dramatischen Lebensumstände oder gar seiner seelischen Drangsal hüten sollten. Erzählerische Ausschmükkung und narrative Rekonstruktion ist zwar erlaubt und manchmal sogar geboten, sollte aber als solche erkennbar gemacht werden.
Der empfohlene Lesungstext eröffnet nach einer Überschrift (1,1­3) das Buch Jeremia. Zusammen mit 1,17­19 rahmt er zwei programmatische Visionen Jeremias: die Mandelbaumvision (1,11f.) und die Kesselvision (1,13­16). Sie sollen Zeugnis ablegen von Gottes Wachsamkeit angesichts der Bedrohung Judas durch aggressive Völker aus dem Norden. Die prägnante Stellung des Textes und sein Öffentlichkeitscharakter machen deutlich, dass es sich nicht um eine Privatoffenbarung an Jeremia handeln kann. Man hat versucht, den Inhalt als Ordinationsritual eines Kultpropheten zu deuten (Henning Graf Reventlow). Es ist aber nicht einmal sicher, ob Jeremia ein Kultprophet war.
Der Text scheint sich vielmehr an all jene zu richten, die das Buch Jeremia lesen und verstehen wollen. Es ist eine Lesehilfe für die Nachgeborenen, eine Quintessenz dessen, was Jeremias Prophetie bedeutet.
Der Text wird gerne als «Berufung Jeremias» bezeichnet. Das ist eine recht unklare Umschreibung dessen, was in diesem Abschnitt berichtet wird. Robert P. Carroll hat in seinem luziden Kommentar den präziseren Titel «Jeremias Beauftragung zum Völkerpropheten» vorgeschlagen. Tatsächlich gibt es im Ersten Testament keine allgemeinen Prophetenberufungen. Jeder Prophet erhält einen besonderen Auftrag: Moses wird zum Hause Pharaos geschickt, um das Volk Israel in die Freiheit zu führen; Gideon wird beauftragt, die Feinde zu vertreiben; Amos wird gesandt, um Israel zu prophezeien; Ezechiel wird ausgeschickt, dem rebellischen Haus Israel die Stirn zu bieten usw. Im Vergleich wird deutlich, dass Jeremia als Prophet für die Völker eine ganz eigene Aufgabe erhält. Als Jeremia als Prophet auftrat, wurde Israel/Palästina von vielen Völkern unterdrückt: Phönizier, Ägypter und vor allem Neubabylonier, die Land und Leute ausrissen und niederrissen, vernichteten und einrissen (1,10). In biblischer Perspektive sind das aber nicht frei entfesselte Gewalten. Vielmehr sind sie in der Hand JHWHs, der die Geschicke des Landes führt. Jeremia ist sein Werkzeug, das ausreisst und niederreisst, vernichtet und einreisst, aber auch aufbaut und einpflanzt. Denn Juda wird zwar gebeutelt, aber letzten Endes auch gerettet. In der Stunde der schlimmsten Not, die Jeremia mit seinem Volk durchgemacht hat, wird JHWHs Prophetie deshalb als Prophetie an die Völker verstanden. Die weltgeschichtlichen Ereignisse werden wie Jeremias Sendung als Teil eines sorgfältigen göttlichen Planes verstanden (vgl. Kasten). Der Einwand Jeremias, er sei doch zu jung für eine solche Aufgabe (1,6), hat nichts mit seinem effektiven Alter zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine gängige Bescheidenheitsfloskel (vgl. 1 Kön 3,7). Jeremia fühlt sich der Gigantenaufgabe ganz einfach nicht gewachsen. Doch Gottes Replik (1,7f.) macht deutlich, dass er gar keiner übermenschlicher Fähigkeiten bedarf. Das einzige, was von ihm gefordert wird, ist furchtlose Ergebenheit in den Willen Gottes ­ doch das ist schwer genug!

Kirche: Wie erkennen wir Gottes Stimme?

Unsere Schwierigkeit besteht nicht erst darin, Gottes Willen ergeben zu tun, sondern fängt schon damit an, Gottes Willen im Gewirr der Botschaften unserer Zeit zu erkennen. Oftmals ist uns auch die kirchliche Institution dabei keine Hilfe. Statt Gottes Stimme hörbar zu machen, verschanzt sie sich intra murum.


Heiligung im Mutterleib

Wie legitimierte sich ein Prophet gegenüber Kritikern, wie ein König gegenüber Rebellen? Nach altorientalischer Auffassung erfolgt die Bestimmung einer solchen Autorität durch Gott bereits im Mutterleib. Sie ist das Ergebnis eines göttlichen Plans, den es gottesfürchtig zu respektieren gilt. Im Amuntempel Amenophis' III. zu Luxor ist zu sehen, wie der widderhörnige Schöpfergott Chnum im Beisein der Geburtsgöttin Heket den zum König bestimmten Embryo und sein Ka (Persönlichkeit) auf der Töpferscheibe gestaltet. Und auf der Inschrift einer Stele des Königs Pi (25. Dyn.; ca. 740­713 v. Chr.) lesen wir: «Es spricht Amun-Re, der Herr von Napata (Residenz des nubischen Herrscherhauses im Niltal), der einen Reinen ernennt zu seinem geliebten Sohn, König Pi: ÐIch sagte von dir, als du noch im Leibe deiner Mutter warst, dass du Herrscher von Ägypten werden solltest, denn ich kannte dich schon im Samen, als du noch im Ei warst, dass du Herr werden würdest...ð» In diesem Sinne sagt Gott zu Jeremia: «von der Gebärmutter an habe ich dich geheiligt» (merächäm hiqdaschticha). Das Heilige ist das aus dem Profanen ausgegrenzte, das Gott Übereignete.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997