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Lesejahr C |
Staatspräsidenten werden vom Volk gewählt, Minister institutionell etabliert, Manager durch Erfolgsbilanzen ausgewiesen, Journalisten durch Erfolgsstories berühmt, Priester durch Bischöfe geweiht, Offiziere mit Orden ausgezeichnet... und wenn einer Frau solche Autorität überhaupt zugestanden wird, muss sie sich zusätzlich durch überdurchschnittliche Fähigkeiten ausweisen. Nach der Verhaltensforschung zu urteilen sind das alles nur elaborierte menschenspezifische Formen natürlicher Auslese zur Arterhaltung. Strittig ist lediglich, ob diese Abläufe genetisch programmiert oder milieubedingt sind.
In der Bibel kommt ziemlich konsequent eine aus Erfahrung gewonnene Überzeugung
zum Ausdruck, wonach sich das Göttliche immer wieder Durchbrüche
verschafft, die dieser Menschenlogik widersprechen. Es gründet sich
Macht und Autorität im Kleinen, Lädierten, Erfolglosen. Es offenbart
sich besonders in jenen Stimmen, die dem evolutionären Trend zuwiderzulaufen
scheinen, in den lächerlichen Unkenrufen seiner Prophetinnen und Propheten.
Gott ist die treibende Kraft der Menschengeschichte, die sich nicht am Recht
des Stärkeren orientiert. Sie ist das Resultat jenes unaufhörlichen
Schreies der Unterdrückten, die da rufen: Warum leben die Gottlosen
so gut? Wie lange noch dürfen sie ihr böses Spiel mit uns treiben?
Zeig dich uns, du Erbauer der Welt! Oder preisen dich etwa die Opfer von
Kapitalismus, Krieg und Terror?
Das umfangreiche Prophetenbuch Jeremia ist über viele Jahrhunderte
hinweg entstanden. Schon Jeremias Schreiber Baruch hat ordnend und vielleicht
auch erläuternd und ergänzend in die Prophetenworte Jeremias eingegriffen.
In der griechischen Septuaginta und der hebräischen Masora liegen uns
schliesslich zwei völlig unterschiedliche Ausgaben des jeremianischen
Schrifttums vor (vgl. SKZ 47/1997). Die jüngere masoretische Edition
enthält ungefähr einen Siebtel mehr Text als die ältere Vorlage
der Septuaginta. Für die homiletische Auslegung von Jeremiatexten ist
dies insofern von Belang, als wir uns vor voreiligen Rückschlüssen
auf den historischen Jeremia und eine Ausmalung seiner dramatischen Lebensumstände
oder gar seiner seelischen Drangsal hüten sollten. Erzählerische
Ausschmükkung und narrative Rekonstruktion ist zwar erlaubt und manchmal
sogar geboten, sollte aber als solche erkennbar gemacht werden.
Der empfohlene Lesungstext eröffnet nach einer Überschrift (1,13)
das Buch Jeremia. Zusammen mit 1,1719 rahmt er zwei programmatische
Visionen Jeremias: die Mandelbaumvision (1,11f.) und die Kesselvision (1,1316).
Sie sollen Zeugnis ablegen von Gottes Wachsamkeit angesichts der Bedrohung
Judas durch aggressive Völker aus dem Norden. Die prägnante Stellung
des Textes und sein Öffentlichkeitscharakter machen deutlich, dass
es sich nicht um eine Privatoffenbarung an Jeremia handeln kann. Man hat
versucht, den Inhalt als Ordinationsritual eines Kultpropheten zu deuten
(Henning Graf Reventlow). Es ist aber nicht einmal sicher, ob Jeremia ein
Kultprophet war.
Der Text scheint sich vielmehr an all jene zu richten, die das Buch Jeremia
lesen und verstehen wollen. Es ist eine Lesehilfe für die Nachgeborenen,
eine Quintessenz dessen, was Jeremias Prophetie bedeutet.
Der Text wird gerne als «Berufung Jeremias» bezeichnet. Das
ist eine recht unklare Umschreibung dessen, was in diesem Abschnitt berichtet
wird. Robert P. Carroll hat in seinem luziden Kommentar den präziseren
Titel «Jeremias Beauftragung zum Völkerpropheten» vorgeschlagen.
Tatsächlich gibt es im Ersten Testament keine allgemeinen Prophetenberufungen.
Jeder Prophet erhält einen besonderen Auftrag: Moses wird zum Hause
Pharaos geschickt, um das Volk Israel in die Freiheit zu führen; Gideon
wird beauftragt, die Feinde zu vertreiben; Amos wird gesandt, um Israel
zu prophezeien; Ezechiel wird ausgeschickt, dem rebellischen Haus Israel
die Stirn zu bieten usw. Im Vergleich wird deutlich, dass Jeremia als Prophet
für die Völker eine ganz eigene Aufgabe erhält. Als Jeremia
als Prophet auftrat, wurde Israel/Palästina von vielen Völkern
unterdrückt: Phönizier, Ägypter und vor allem Neubabylonier,
die Land und Leute ausrissen und niederrissen, vernichteten und einrissen
(1,10). In biblischer Perspektive sind das aber nicht frei entfesselte Gewalten.
Vielmehr sind sie in der Hand JHWHs, der die Geschicke des Landes führt.
Jeremia ist sein Werkzeug, das ausreisst und niederreisst, vernichtet und
einreisst, aber auch aufbaut und einpflanzt. Denn Juda wird zwar gebeutelt,
aber letzten Endes auch gerettet. In der Stunde der schlimmsten Not, die
Jeremia mit seinem Volk durchgemacht hat, wird JHWHs Prophetie deshalb als
Prophetie an die Völker verstanden. Die weltgeschichtlichen Ereignisse
werden wie Jeremias Sendung als Teil eines sorgfältigen göttlichen
Planes verstanden (vgl. Kasten). Der Einwand Jeremias, er sei doch zu jung
für eine solche Aufgabe (1,6), hat nichts mit seinem effektiven Alter
zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine gängige Bescheidenheitsfloskel
(vgl. 1 Kön 3,7). Jeremia fühlt sich der Gigantenaufgabe ganz
einfach nicht gewachsen. Doch Gottes Replik (1,7f.) macht deutlich, dass
er gar keiner übermenschlicher Fähigkeiten bedarf. Das einzige,
was von ihm gefordert wird, ist furchtlose Ergebenheit in den Willen Gottes
doch das ist schwer genug!
Unsere Schwierigkeit besteht nicht erst darin, Gottes Willen ergeben zu tun, sondern fängt schon damit an, Gottes Willen im Gewirr der Botschaften unserer Zeit zu erkennen. Oftmals ist uns auch die kirchliche Institution dabei keine Hilfe. Statt Gottes Stimme hörbar zu machen, verschanzt sie sich intra murum.
Wie legitimierte sich ein Prophet gegenüber Kritikern, wie ein König gegenüber Rebellen? Nach altorientalischer Auffassung erfolgt die Bestimmung einer solchen Autorität durch Gott bereits im Mutterleib. Sie ist das Ergebnis eines göttlichen Plans, den es gottesfürchtig zu respektieren gilt. Im Amuntempel Amenophis' III. zu Luxor ist zu sehen, wie der widderhörnige Schöpfergott Chnum im Beisein der Geburtsgöttin Heket den zum König bestimmten Embryo und sein Ka (Persönlichkeit) auf der Töpferscheibe gestaltet. Und auf der Inschrift einer Stele des Königs Pi (25. Dyn.; ca. 740713 v. Chr.) lesen wir: «Es spricht Amun-Re, der Herr von Napata (Residenz des nubischen Herrscherhauses im Niltal), der einen Reinen ernennt zu seinem geliebten Sohn, König Pi: ÐIch sagte von dir, als du noch im Leibe deiner Mutter warst, dass du Herrscher von Ägypten werden solltest, denn ich kannte dich schon im Samen, als du noch im Ei warst, dass du Herr werden würdest...ð» In diesem Sinne sagt Gott zu Jeremia: «von der Gebärmutter an habe ich dich geheiligt» (merächäm hiqdaschticha). Das Heilige ist das aus dem Profanen ausgegrenzte, das Gott Übereignete.